20.09.2010

INTEGRATION In die Falle getappt

Die Sarrazin-Debatte bestärkt die Einwanderer in der Opferrolle. Von Jan Fleischhauer
Was denkt Aylin Selcuk über Deutschland? Nicht viel Gutes derzeit. Das ist traurig für die Studentin Selcuk, aber noch betrüblicher für alle, die patriotisch gesinnt sind, also sich um die Zukunft des Landes Gedanken machen.
Selcuk ist ein Paradefall gelungener Integration. Wenn man Thilo Sarrazin eine muslimische Migrantin präsentieren sollte, mit deren Lebenslauf er ganz und gar einverstanden sein kann, dann wäre sie genau die richtige: 21 Jahre alt, Studentin der Zahnmedizin im sechsten Semester, ihr Abitur hat sie mit einer Gesamtnote von 1,6 bestanden.
Die junge Frau mit deutschem Pass und türkischen Eltern hat nichts mit den Frauen gemein, die auch im Sommer in langem Mantel auf die Straße gehen - und noch weniger mit den jungen Männern, die ihre Tage im Wartestand verbringen und in Ermangelung anderer Tätigkeiten die Ehre ihrer Schwestern bewachen. Ihre Chancen sind ungleich andere.
Doch seit ein paar Wochen entdeckt sie viele Gemeinsamkeiten mit den Kopftuchmädchen in Neukölln und deren anatolischen Brüdern. Sie fühlt sich mit einem Mal als das, was sie lange nicht mehr war: als Türkin. Der Zeitpunkt ihrer Retürkisierung lässt sich ziemlich genau benennen. Er fällt in die Woche, als die ersten Vorabdrucke von "Deutschland schafft sich ab" in den Medien erschienen.
Wer ein Buch schreibt, kann sich nicht laufend über die Wirkung Gedanken machen. Mit angstgeführter Hand lässt sich nichts Aussagekräftiges aufs Papier bringen, außerdem ist der Erfolg im Buchgeschäft schwer abzuschätzen. Wer hätte vor drei Wochen schon gedacht, dass ein ehemaliger Finanzsenator mit einem endzeitlichen Abgesang auf Deutschland das hierzulande am schnellsten verkaufte politische Sachbuch seit 1945 vorlegen würde?
Aber über diesen Punkt ist die Diskussion längst hinaus. Es ist an der Zeit, sich Rechenschaft abzulegen, was praktisch aus der Debatte folgt. Natürlich ist es denkbar, dass sich der junge Schulabbrecher mit Migrationshintergrund nun auf den Hosenboden setzt und an der Abendschule seinen Abschluss nachholt, weil er nicht länger als dumm und faul verspottet werden will. Es wäre ein schöner, für alle glücklicher Ausgang der Geschichte. Leider spricht wesentlich mehr für die Annahme, dass er die Diskussion zum Anlass nehmen wird, sich noch mehr von der deutschen Gesellschaft abzuwenden, jedenfalls, was die produktive Teilnahme an dieser angeht.
Minderheiten haben die Tendenz, auf Kritik nicht mit gelassenem Interesse, sondern mit aggressivem Rückzug zu reagieren. Das ist fast überall auf der Welt so, bei allen Einwanderergruppen, die unter Statusunsicherheit leiden. Unglückseligerweise paart sich im Fall der Muslime die grundsätzliche Empfindlichkeit einer Minderheit mit einer besonders stark ausgeprägten Kränkungsbereitschaft.
Ich war drei Jahre lang Mitglied der Deutschen Islamkonferenz, ich habe dort alle Funktionäre des organisierten Islam kennengelernt, die in Deutschland etwas zu sagen haben. Mir sind noch nie in meinem Leben so viele so schnell beleidigte Menschen begegnet. Als ich einmal das Imageproblem des Islam mit den Terrorakten islamistischer Fundamentalisten in Verbindung brachte, war gleich der Teufel los. Die Muslime seien die neuen Juden Europas, hieß es, und wir in den Medien würden den Boden für den nächsten Genozid bereiten.
Auch der vergangene Woche veröffentlichte Aufruf von 15 muslimischen Intellektuellen an den Bundespräsidenten, "für eine von gegenseitigem Respekt geprägte demokratische Kultur einzustehen", hat diesen Vorwurfston. Jeder "Gang zum Zeitungshändler" sei schmerzhaft, weil man nie wisse, welche Schlagzeile einen erwarte - was wohl heißt, dass die Zeitungen besser nicht mehr so viel über die Probleme mit der Integration schreiben sollen.
Natürlich ist diese Wehleidigkeit lächerlich und nervtötend, aber sie ist eine Lebenstatsache, die man in Rechnung stellen muss. Der Opferstatus ist so verführerisch, weil er Entlastung verspricht. Nichts ist deprimierender als die Erkenntnis, dass man an seinem Unglück weitgehend selbst schuld ist. Hindern einen größere Mächte am Fortkommen, muss man sich selbst keine Vorwürfe machen, wenn es mit dem Leben nicht so klappt, wie man sich das wünscht.
Die Regression in die Opferrolle macht nicht lebenstüchtiger, das ist das Verhängnisvolle dabei, tatsächlich führt sie zu einer Weltsicht, aus der selten etwas Besseres erwächst: Jeder Rückschlag, und sei er noch so klein, wird zur Bestätigung, dass man nicht wirklich gewollt ist; jede Kränkung bestärkt das Gefühl, dass sich die Anstrengungen nicht lohnen.
Die Identitätspolitik ist eine Falle, in die auch jene tappen, die sich eigentlich aus ihr befreit hatten, das gilt für alle Seiten. Am Anfang ging es den Verteidigern Sarrazins um die Verteidigung der Meinungsfreiheit, inzwischen wird dieses Grundrecht als Freibrief genutzt, Ressentiments gegen Muslime und Türken ganz unverstellt zu äußern.
"Für Sarrazin! Für die Freiheit!" stand auf einem Plakat, als der Autor vor kurzem in der Urania in Berlin seine Thesen präsentierte. Man fragt sich unwillkürlich: Was wird hier eingeklagt? Die Freiheit, unbequeme Wahrheiten auszusprechen? Oder die Freiheit, endlich das herauszuplärren, was man lange nicht sagen durfte, weil es auch gute Gründe für ein Tabu geben kann?
Es ist mit Rücksicht auf die Vorgaben der politischen Korrektheit aus der Mode gekommen, vom Mob zu reden. Aber es gibt kein besseres Wort für das Publikum, das sich am Freitag vorvergangener Woche in der Urania einfand. Es war ein adrett zurechtgemachter, nach Rasierwasser und Eau de Toilette riechender Mob, ein Angestelltenpöbel, den es kaum auf den Stühlen hielt, sobald die Rede auf "die Politik", "die Medien" und "die Ausländer" kam, und der zischend, johlend und klatschend seiner Aggression freien Lauf ließ. Wer nur zum Zuhören gekommen war, begann sich zwischenzeitlich ernste Sorgen um den armen Deutsch-Iraner zu machen, der als Quotenmuslim auf dem Podium Platz genommen hatte und bei jedem Satz sofort böse Zwischenrufe erntete.
Wenn sich ein Buchautor eine gesellschaftliche Gruppe vornimmt, ist das eine Sache, wenn sich eine größere Menge anschließt, eine ganz andere. Mit Bürger-
lichkeit hat das nichts mehr zu tun.
Niemand soll glauben, dass eine Debatte, wie sie das Land gerade erlebt hat, an denen, von denen die ganze Zeit die Rede ist, spurlos vorbeiginge. Deutschtürken wie Selcuk haben andere Möglichkeiten; gute Zahnärzte braucht es überall. Die Studentin kann jederzeit ihre vom deutschen Steuerzahler mit rund 150 000 Euro finanzierte Ausbildung nehmen und sich irgendwo niederlassen, wo es den Leuten egal ist, wo sie herkommt, Hauptsache, sie weiß, wie man Zähne richtet. Man kann ihr tausendmal sagen, dass sie nicht gemeint sei, sie fühlt sich trotzdem angesprochen.
Wenn es schlecht läuft, bleiben uns diejenigen, die nie weiterkommen als bis zum nächsten Sozialamt. Das ist der wahre Unterschied zwischen den Aufsteigern der türkischen Mittelklasse und den Bildungsverweigerern in den Ghettos: Während den einen die Welt offensteht, haben die anderen gar keine Wahl, als hier zu bleiben. Das ist unser Problem.
Von Fleischhauer, Jan

DER SPIEGEL 38/2010
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