20.09.2010

Vernumft

Theaterkritik: Das Stück „Verrücktes Blut“, aufgeführt in Berlin-Kreuzberg, ist der Hit der Saison.
Auf dem funzelig beleuchteten Bürgersteig vor dem Ballhaus Naunynstraße, einem Kreuzberger Hinterhoftheater unweit des Kottbusser Tors, herrschte am Montagabend der vergangenen Woche ein Gedrängel wie sonst nur bei der Eröffnung eines neuen Berliner Clubs. Viele aus dem Kultur-Establishment waren gekommen, Intendanten anderer Theater, auch ein paar Politiker hatten sich in letzter Minute Karten besorgt, im Ballhaus-Saal aber ist gerade mal für 102 Zuschauer Platz. Und die bogen sich bald vor Lachen und vor Grauen.
Auf der Bühne treibt eine Horde von Schulrabauken ihr Unwesen, die sich selbst Kanaken nennen. Sie knutschen und sie schlagen sich, sie kratzen mitten im Unterricht ihre Genitalien, und wenn ihnen einer blöd kommt oder auch nur um ein paar Sekunden Ruhe bittet, dann fragen sie: "Willst du sterben, oder was?"
Die Klasse aus sieben Türken- und Araberkindern, fünf Jungs und zwei Mädchen, die da auf einem metallblitzenden Bühnenpodest zur Theater-AG-Unterrichtsstunde zusammengekommen sind, ist ein übler Sauhaufen. Bis ihre Lehrerin plötzlich eine Knarre in der Hand hält und den Respekt einfordert, den ihre Schützlinge stets großkotzig im Mund führen und nie zeigen.
"Ihr haltet jetzt mal die Fresse!", zischt die von der Schauspielerin Sesede Terziyan gespielte Frau. Die Lehrerin ist eher klein und eher jung und hat doch vom Frust schon einen Buckel. Sie will Friedrich Schillers "Räuber" durchnehmen, um jeden Preis. Deshalb schießt sie einem der Jungs ein Loch in die Hand. Und zwingt einen anderen, das Wort "Vernunft" so oft nachzusprechen, bis er kapiert, dass es nicht mit m, sondern mit n geschrieben wird: "Wer soll glauben, dass ihr keine Affen seid, wenn ihr nicht mal das schöne deutsche Wort Vernunft aussprechen könnt?"
Bald darauf singen die bewaffnete Lehrkraft und ihre Geiseln gemeinsam ein Volkslied. "Ich hab' mich ergeben / mit Herz und mit Hand / dir Land voll Lieb' und Leben / mein deutsches Vaterland."
"Verrücktes Blut" heißt diese Amok-Komödie vom Zusammenprall der Kulturen, die ziemlich perfekt in den deutschen Spätsommer passt. Denn wenn in dem Stück mit den Mitteln des Terrors für Aufklärung gekämpft wird, geht es auch um Thilo Sarrazins Thesen zum mangelnden Integrationswillen junger Muslime. "Verrücktes Blut" ist der Überraschungshit der gerade begonnenen Theatersaison.
Das Stück basiert auf einem französischen Film mit Isabelle Adjani, "La journée de la jupe", der 2009 herauskam und ein humorloser Reißer ist. Erst der Dramaturg Jens Hillje, bis vor kurzem einer der Chefs der Berliner Schaubühne, und der Regisseur Nurkan Erpulat haben daraus einen aberwitzigen Theaterspaß gemacht, ein "well made play" voller überraschender Wendungen und greller Scherze. "Verrücktes Blut" versteht Theater als Abfolge von Befreiungsschlägen, selbst Mutmaßungen über das Sexualleben des Propheten Mohammed sind kein Tabu. Die Pointe, auf die das Stück hinausläuft, besteht darin, dass am Ende die Lehrerin sich in stumpfer Aggression verliert, weil sie auf blutige Vergeltung für die Schandtaten ihres brutalsten Schülers aus ist - während die Jungs und Mädels ihrer Klasse plötzlich nach den Werten der Aufklärung kreischen und eine zweite Chance für den Schurken fordern.
Erst vor zwei Jahren hat Shermin Langhoff, die früher mit Fatih Akin Fil-me drehte, das Ballhaus Naunynstraße eröffnet, als "postmigrantisches Theater", wie sie es nennt; was kaum mehr heißt, als dass hier eben viele Künstler aus Migrantenfamilien mitwirken. "Verrücktes Blut" kam als Co-Produktion mit der Ruhrtriennale zuerst in Duisburg heraus, auf der Bühne stehen darin lauter junge Profis mit Fernseh-, Film- oder Theatererfahrung, wobei die Klassenrüpel Tamer Arslan und Sohel Altan G. aus dem Aggro-Ensemble herausragen.
Im verblüffendsten Moment der Aufführung aber herrscht plötzlich Einigkeit zwischen der Lehrerin und ihren Schülern: Als sie den Migrantenkindern erklärt, dass ihre Wut im Jahr 2010 und die des schillerschen Räubers Karl Moor mehr als 220 Jahre zuvor sich gegen eine ganz ähnliche Gleichgültigkeit richte. "Pfui, pfui über das schlappe Kastratenjahrhundert", lautet die berühmte "Räuber"-Losung. "Die spucken wie ihr auf den Staat und alle Autoritäten", lernen die Ghetto-Kids von heute.
Die Schlappheit einer saturierten Gesellschaft ist es, die die Randaleschüler wie ihre Lehrerin zur Weißglut treibt. So formuliert "Verrücktes Blut" eine Botschaft, die perfekt in die Zeit passt: Was immer Seltsames demnächst mit uns passiert - die Zeit der großen Wurstigkeit in dieser Gesellschaft soll bitte endlich ein Ende haben!
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 38/2010
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