27.09.2010

VERBRAUCHERSchwacher Strahl

Die Deutschen verbrauchen zu wenig Wasser und richten damit Schäden an. Trotzdem erwägt die EU, sie zu noch mehr Sparsamkeit zu drängen. Es drohen Preiserhöhungen um 25 Prozent.
Es ist schon wieder einer dieser Tage, an denen der Nachschub stundenlang vom Himmel fällt. Friedrich Reh, 48, Chef des Wasserwerks Haltern, sitzt in seinem Büro und fährt den Computer hoch. Draußen prasselt der Regen in schrägen Strichen auf den benachbarten Stausee, läuft über die abschüssigen Wege vor dem Verwaltungsgebäude, pitscht auf die Rohre, durch die jeden Tag 250 Millionen Liter Trinkwasser in die Städte und Gemeinden des nördlichen Ruhrgebiets gepumpt werden.
Reh und sein Arbeitgeber Gelsenwasser könnten in diesem feuchten Spätsommer, in dem es in Haltern so viel regnet wie noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnung, mehr und besseres Wasser verkaufen als jemals zuvor. Es sickert fast 70 Meter tief durch sandige Filterböden auf dem Werksgelände und wird im Labor jeden Tag von Mitarbeitern mit Mundschutz auf Sauberkeit und Optik kontrolliert. Vor einigen Wochen setzte es sich bei einem Geschmackstest sogar gegen teure Flaschen-Konkurrenz aus Kanada und Italien durch. Dennoch scheinen die etwa eine Million Kunden mit dem Wasser aus Haltern zu hadern.
Der Werksleiter öffnet eine Datei mit den Statistiken der vergangenen Jahre. Zahlenreihen wie diese kennen fast alle deutschen Wasserversorger. Im Jahr 2000 leitete das Werk noch etwa 110 Millionen Kubikmeter ins Netz. Voriges Jahr waren es nur noch 90 Millionen, Tendenz weiter sinkend. Die Industrie setzt zunehmend auf Wasseraufbereitung, Städte verlieren Einwohner, die Landwirtschaft wird meist vom Regen verwöhnt. Doch auch die privaten Kunden fragen weniger Wasser nach.
Die Deutschen scheiterten in den vergangenen 20 Jahren daran, alle Einsparmöglichkeiten für Sprit und Strom zu nutzen. Beim Wasser waren sie dafür umso gründlicher. Sie statteten ihre Klos mit Spartasten fürs kleine Geschäft aus, trennten sich von verbrauchsintensiven Waschmaschinen, bauten sich Regenwasserzisternen in den Garten. Viele dieser mittlerweile weit über eine Million Anlagen werden sich nie amortisieren, weil mit dem eingefangenen Wasser oft nur ein paar Stiefmütterchen gegossen werden. Doch beim Wassersparen verzichten viele Bürger auf Kosten-Nutzen-Rechnungen.
So schafften es die Deutschen, ihren Pro-Kopf-Verbrauch seit 1990 von 147 auf 122 Liter zu senken. Sie waren damit sparsamer als fast alle anderen Europäer. Doch waren sie sparsam genug? Die EU-Kommission hat da offenbar Zweifel. Wegen drohender Dürre und Wasserknappheit in den südlichen Mitgliedstaaten plant Brüssel, auch die Verbraucher aus dem Norden, in dem es Wasser in Hülle und Fülle gibt, zu größeren Sparanstrengungen zu drängen.
Damit wäre allerdings keinem geholfen. Den Spaniern und Portugiesen nicht, der Umwelt nicht, den Deutschen nicht. Auf die heimischen Kunden könnten Preiserhöhungen von bis zu 25 Prozent zukommen, hat der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) berechnet.
Schon jetzt kostet es die Versorger Millionen, dass die deutschen Verbraucher so zurückhaltend sind. In vielen Regionen fließt das Trinkwasser wegen der geringen Nachfrage bereits so langsam durch die Rohre, dass es ohne Gegenwehr ungenießbar würde. Fett und Essensreste pappen in den Kanälen fest, weil zu wenig Spülwasser durchrauscht. Vielerorts wabert daher in regenarmen Monaten fauliger Gestank aus der Kanalisation durch die Straßen und plagt die Anwohner. So müssen teure Gel-Matten in die Kanalisation gehängt werden, die wie eine Art Deo fürs Stadtviertel wirken.
Die EU zeigt sich von den deutschen Folgen des Wassersparens bisher wenig beeindruckt. Um nebenbei auch Energie für die Warmwasserbereitung zu sparen, wird in Brüssel unter anderem erwogen, künftig nur noch Duschköpfe mit Durchflussbegrenzer auf den Markt zu lassen. Die begnügen sich mit weniger Wasser, pusten dafür aber wie ein Föhn mehr Luft durch die Brause. Der deutsche Verbraucher, der auf Druck der EU gerade Abschied von der alten Glühbirne nehmen muss, wird sich womöglich bald auf das morgendliche Duschen mit schwachem Strahl einstellen müssen.
Ließe sich dabei gespartes Wasser nach Spanien oder Portugal transportieren, würde sich eine derartige Reform im Bad vielleicht noch auszahlen. Doch eine lange Reise durchs Rohr nach Andalusien oder an die Algarve ist weder geplant, noch würde es das Wasser vertragen; spätestens im Elsass wäre es so toxisch, dass man es teuer aufbereiten müsste.
Wer den Deutschen wassersparende Brausen aufzwingen will, könnte nach der gleichen absurden Logik auch den Südspaniern vorschreiben, nachmittags im Interesse Nordfinnlands kein Sonnenlicht mehr ins Haus zu lassen. "Solche Pläne machen für Deutschland also keinen Sinn", sagt VKU-Hauptgeschäftsführer Hans-Joachim Reck, ehemals Bundesgeschäftsführer der CDU. "Vorschriften dieser Art sind für die Deutschen teuer und für die Umwelt sinnlos", sekundiert Gunda Röstel, ehemaliges Mitglied des grünen Bundesvorstands und jetzige kaufmännische Chefin der Dresdner Stadtentwässerung. Eigentlich, sagt Martin Weyand aus der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, müsste man den Spieß umdrehen. "Eigentlich wäre es nämlich besser, die Deutschen würden etwas mehr statt weniger Wasser verbrauchen."
Das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Wasser ist ein Verhältnis voller Missverständnisse. Seit Jahren glauben viele Verbraucher, es diene langfristig ihrem Portemonnaie, beim Zähneputzen das Wasser auszustellen. Die Fixkosten der Versorger für Werke, Rohre und Kanäle liegen allerdings bei weit über 80 Prozent. Sinkende Nachfrage kontern sie daher regelmäßig mit höheren Kubikmeterpreisen.
Wie groß die Informationsdefizite deutscher Wasser-Kunden sind, merkt Jörg Rechenberg vom Umweltbundesamt in Dessau besonders im Hochsommer. Wenn die Temperaturen auf über 40 Grad klettern, klingelt in seinem Büro regelmäßig das Telefon, und ein besorgter Bürger ist dran. Ob man noch sorglos duschen könne? Ob man den Kindern das Planschbecken vollmachen dürfe? Rechenberg, zuständig für das Thema Wasserwirtschaft, mahnt dann immer zu mehr Gelassenheit. "Duschen Sie", sagt er, "planschen Sie, Sie brauchen dabei kein schlechtes Gewissen bekommen."
Im Flur vor Rechenbergs Büro hängt eine Deutschlandkarte, die er den Anrufern dann gern zeigen würde. Sie ist fast vollständig blau. Sie zeigt ein Land, in dem es von Flüssen, Bächen und Kanälen nur so wimmelt. Ein Land, in dem es so viele Seen und Grundwasservorkommen gibt, dass seine Bewohner gar nicht dagegen anprassen könnten. Was aus deutschen Hähnen gezapft wird, regnet allein fünffach wieder herunter. So wurden im vergangenen Jahr gerade einmal 2,7 Prozent der sich jährlich erneuernden Wasservorkommen verbraucht.
Dennoch lernen deutschen Schulkinder noch immer im Unterricht, dass Wassersparen auch hierzulande eine Art Überlebensfrage ist. Außerdem helfe man dürregeplagten afrikanischen Hirsebauern, wenn man der Mama zu Hause das wöchentliche Vollbad ausrede. Organisationen wie der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) halten dem Verbraucher vor, dass er Tag für Tag den Inhalt von umgerechnet dreieinhalb Putzeimern einfach so das Klo hinunterspüle. Er putze sein Gemüse unter fließendem Wasser und stecke Kleidung in die Maschine, obwohl sie eigentlich nur gelüftet werden müsse.
Der Deutsche Verbraucher, suggeriert der BUND auf einer Internetseite, müsse sich mehr anstrengen, wenn er sich ökologisch korrekt verhalten wolle. Dabei ginge es auch einfacher: mehr Leitungswasser trinken. Das tun die Deutschen weniger als andere Europäer. Stattdessen kaufen sie lieber Wässer in Flaschen, die über Tausende Kilometer mit Lkw ins Land transportiert werden. Diese Wässer haben eine katastrophale CO2-Bilanz, sind bis zu 500-mal so teuer und keineswegs von besserer Qualität.
Weil die Deutschen ihr Wasser verschmähen, rücken zum Beispiel Gelsenwasser-Mitarbeiter jeden Tag in ihren weiß-blauen Bullis aus, um einen ungewöhnlichen Job zu erledigen: Sie steuern Hydranten in Gelsenkirchen und Umgebung an und lassen dabei etwa 800 000 Liter Trinkwasser ab. Das provoziert zwar regelmäßig Proteststürme von Spaziergängern, doch nur so kann Gelsenwasser die Trinkwasserqualität garantieren.
Fließt nicht genügend durch die Rohre, droht das Wasser zu verkeimen; außerdem lagern sich Kupfer, Nickel und Blei ab. So bleibt den Versorgern mancherorts gar nichts anderes übrig, als die alten dicken Rohre durch neue, dünnere zu ersetzen und dadurch die Fließgeschwindigkeit zu erhöhen. Wenn der Verbrauch noch einmal um 25 Prozent sinkt, müsste allein Gelsenwasser nach eigenen Angaben noch einmal etwa 400 Millionen Euro investieren, um die Infrastruktur der sinkenden Nachfrage anzupassen.
Das alles hat VKU-Hauptgeschäftsführer Reck kürzlich Vertretern der EU-Kommission in Brüssel erzählt. "Die scheinen dort aber bisher noch nicht zu verstehen, dass man zum Beispiel Spanien nicht mit Deutschland vergleichen kann", glaubt Reck. Joe Hennon, Sprecher des EU-Umweltkommissars Janez Potocnik, lässt mitteilen, dass die Überlegungen in Sachen Duschkopf ja auch noch am Anfang stünden. Man überprüfe zurzeit mit Hilfe mehrerer Studien, was die richtige Wassersparstrategie für Europa sei.
UBA-Mitarbeiter Rechenberg hat da schon einige Ideen. Statt irgendeinen "Duschkopf-Pipifax" zu befördern, könnten die Brüsseler Bürokraten überlegen, wie sinnvoll der Gemüseanbau in knochentrockenen Landstrichen wie Andalusien ist. Sie könnten den Bau von durstigen Golfplätzen in wüstenähnlichen iberischen Landstrichen hinterfragen. Sie könnten auch nachschauen, was in Spaniens, Italiens oder Bulgariens Unterwelt vor sich geht, schlägt Rechenberg vor.
Während im deutschen Versorgungssystem nur etwa acht Prozent des Trinkwassers auf dem Weg zum Kunden verlorengeht, gleichen die Rohre vieler europäischer Nachbarn einem Schweizer Käse. Was aus den Wasserwerken herausgepumpt wird, kommt manchmal nur zu etwa 60 Prozent beim Kunden an. Der Rest dringt durch Löcher und Risse und versickert einfach im Erdreich.
Von Guido Kleinhubbert

DER SPIEGEL 39/2010
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