27.09.2010

MUSIKDie erste deutsche Band

Silly waren in der DDR eine Legende, nun soll der Gruppe das gelingen, was noch kein Ost-Rocker geschafft hat: Die Musiker wollen auch die Fans im Westen erobern - und ihre Vergangenheit hinter sich lassen. Von Jochen-Martin Gutsch
Wahrscheinlich ist es genau dieser Septemberabend in Berlin-Wuhlheide, an dem sich die Band endgültig aus der Vergangenheit löst. Wahrscheinlich passiert es in einem kurzen Moment zwischen zwei Songs, nach "Mont Klamott" von 1983 und "Warum ich?" von 2010.
"Mont Klamott / auf'm Dach von Berlin. Mont Klamott / sind die Wiesen so grün", hatte Anna Loos gerade gesungen, die Leute vor der Bühne hatten die Hände gereckt und waren in der Zeit zurückgeflogen. Zurück ins morsche Ost-Berlin mit seinen Kohleöfen und Zweitaktmotoren, hinauf auf den Mont Klamott, den alten Trümmerberg in Friedrichshain. "Dort hängen wir zum Weekend die Lungen in den Wind / bis ihre schlappen Flügel so richtig durchgelüftet sind."
Es war immer noch ein guter Song, und er passte gut hierher, zu "Ostrock in Klassik" am 11. September, einer Art All-Stars-Konzert. Ein paar alte Bands treten auf, singen zwei, drei Songs, ummalt vom Babelsberger Filmorchester. Das ist, mehr oder weniger, das Konzept. Vor allem aber geht es um eine Art Deal: Die Leute im Publikum können einen Abend lang durch ihre ostdeutsche musikalische Vergangenheit spazieren wie durch eine Westernkulisse. Die alten Bands auf der Bühne sind noch einmal gefeierte Helden. Man wärmt sich aneinander, man hält sich aneinander fest, man belügt sich ein bisschen. Dann geht man nach Hause.
Aber jetzt steht Anna Loos am Bühnenrand, das Mikro zwischen den Fingern, und erklärt dem Publikum, dass Silly den Deal platzen lassen. "Wir leben, wie ihr ja auch, im Hier und Heute. Im Jahr 2010. Deshalb spielen wir jetzt zwei neue Songs von unserem neuen Album", sagt sie und schaut ins Publikum. Die Leuten wirken nicht unzufrieden. Eher überrascht. Es sind die einzigen neuen Songs, die an diesem Abend in Berlin gespielt werden. Sie schwimmen wie frisches Fleisch in einem Kessel kalter Suppe.
Anschließend gehen Silly von der Bühne, beifallumtost. Vorbei an Dieter "Maschine" Birr, dem Sänger der Puhdys, der immer mehr aussieht wie ein altgewordener Berliner Taxifahrer, vorbei an Jürgen Karney, dem Moderator des Abends, der früher im DDR-Fernsehen durch die Schlagersendung "Bong" führte, vorbei an André Herzberg, dem Sänger der Band Pankow, einer der besten, die es im Osten gab.
Backstage, in der engen Band-Garderobe, steht dann die Zukunft. Sie heißt Michael Schacke, kommt aus Braunschweig und zieht jeden aus der Gruppe erst mal an seine Brust. Schacke ist ein junger, angenehmer Typ und seit gut einem Jahr einer der Manager von Silly. "Super!", sagt Schacke. "So rotzfrech. Da rauszugehen und zwei neue Songs zu spielen. Super, Mensch!"
Uwe Hassbecker, der Silly-Gitarrist, sagt später, dass man mit dem MDR über die neuen Songs verhandeln musste. Der MDR zeichnet den Abend auf, irgendwann wird er im Fernsehen laufen, es wird wohl auch eine DVD geben, und der MDR hätte lieber drei alte Songs gehabt, DDR-Liedgut. Weil es besser zur Zielgruppe passe. "Wir haben dann gesagt, wir spielen nur einen alten und zwei neue Songs. Oder wir spielen gar nicht", sagt Hassbecker.
Die Band kann es sich leisten. Wieder leisten, muss man sagen. Silly haben ein neues Album draußen, das auf Platz drei in die Charts schoss und sich auch im Westen gut verkauft. Vor ein paar Wochen bekam die Band eine "Goldene Schallplatte" überreicht für über 100 000 verkaufte Alben. Eine Marke, die keine der alten Ost-Bands in den vergangenen 20 Jahren erreicht hat. Nicht mit einem neuen Album. Es war, wenn man so will, ein musikhistorischer deutsch-deutscher Moment.
Vor allem aber haben sich Silly entschieden, zukünftig keine Ost-Rock-Konzerte mehr zu spielen. Dieser Abend in Berlin ist ihre Abschiedsvorstellung. Sie machen noch mal mit aus alter Verbundenheit und wahrscheinlich auch, damit nicht der Eindruck entsteht, die Band würde vergessen, woher sie kommt. Wurzeln sind wichtig, der Osten ist wichtig, aber Silly setzen gerade an zum Sprung über die alte Zonengrenze. Sie wollen schaffen, was die Puhdys, Karat oder City zuvor nicht schafften. Silly wollen gesamtdeutsch sein. Oder einfach nur deutsch. Eine Band jedenfalls, an der nicht ständig das Wort "Ost" klebt wie altes Papier.
"Ost-Band". "Ost-Rock". "Ost-Stars". "Ost-Hit".
"Es gibt eine Riesenchance für uns", sagt Hassbecker. "Die Zeichen stehen besser als je zuvor."
Die Frage ist, ob der Westen schon weich genug ist. Ein durchlässiges, eroberbares Gebiet für eine Band mit Vergangenheit.
Vor ein paar Tagen saßen Silly bei Stefan Raab im Studio. Sie stellten ihre neue Single vor, mit der sie Anfang Oktober auch beim Bundesvision Song Contest antreten werden, den Raab organisiert.
"Was war denn euer erfolgreichster Song vor der Wende?", fragte Raab jetzt. "Das, was jeder kennt im Osten? So wie ,Alt wie ein Baum' von den Puhdys?"
Ritchie Barton, der Silly-Keyboarder, lächelte. Es war, als moderiere Dagmar Frederic noch den "Kessel Buntes" im DDR-Fernsehen und würde Marius Müller-Westernhagen plötzlich fragen: Sag mal, was ist denn eigentlich dein größter Hit da drüben? "Na ja", sagte Barton jetzt. "Unser Ost-Hit, sozusagen, war ,Bataillon d'amour'."
"O-ho-ho!", sagte Raab, als hätte Barton einen schweinischen Witz erzählt. "Das war erlaubt? Ein französisches, kapitalistisches Wort?"
"Offensichtlich", sagte Barton und starrte durch Raab hindurch.
Silly gibt es seit 1978. Von der Urbesetzung ist heute niemand mehr dabei, aber Ritchie Barton, Uwe Hassbecker und Jäcki Reznicek, der Bassist, spielen seit den achtziger Jahren in der Band. Die Sängerin hieß Tamara Danz, und sie sang lakonisch, herb, teils ordinär, oft kühl, aber was sie sang, schien irgendwie zu stimmen. Die Texte schrieb ihr der Rock-Dichter Werner Karma auf den Leib.
Silly und andere DDR-Bands hatten es nicht leicht im Osten, weil sie genauso am Westen gemessen wurden wie Jeans, Kassettenrecorder oder Kaffee. Es gab noch keinen "Ost-Rock" damals. Der Begriff entstand erst nach der Wende. Man sagte "Ost-Musik", und es war nicht nett gemeint.
Ost-Musik spielte ein Discjockey besser nicht in einem Jugendclub in Ost-Berlin Mitte der achtziger Jahre, wenn er Ärger vermeiden wollte. Nicht Karat, die nach Schlager klangen, nach den siebziger Jahren. Und auch nicht die Puhdys, damals schon alt, mit dem grauhaarigen Peter Meyer an den Keyboards, der aussah wie ein Schulhausmeister. Aber es gab eine Handvoll Bands, die es in die jungen Herzen schafften. Pankow waren darunter und eben auch Silly. Sie wirkten nicht "ostig" - ein größeres Kompliment konnte eine DDR-Band nicht bekommen.
Die Szene war klein, überschaubar, so wie das Land. Im Jahr erschienen in der DDR vielleicht zehn Rock-Alben. Die Bands tourten von Rostock bis nach Suhl und wieder zurück. So verdienten sie Geld. An den eigenen Plattenumsätzen waren nur die wenigsten Bands beteiligt. Der größte Mangel, den es in der DDR gab, wenn man jung war, waren nicht die West-Reisen. Es war der Mangel an Entertainment.
Am Ende wurden Silly zur erfolgreichsten DDR-Band der achtziger Jahre. Drei-mal "LP des Jahres", rund 1,25 Millionen verkaufte Platten, und die Cover für den Westen fotografierte Jim Rakete.
Als die DDR verschwand, verschwanden auch erst mal die Bands. Im Westen kannte sie niemand. Im Osten wollte sie niemand. "Im Osten lief gar nichts mehr", sagt Gitarrist Hassbecker. "Die Auftrittsmöglichkeiten, die Veranstalter, die Veranstaltungsorte, wir spielten oft in Kreiskulturhäusern - alles verschwand. Und auch das Publikum. Die Leute liefen los, um sich Tina Turner anzuschauen oder Genesis oder die Stones."
Silly fuhren für ein paar Konzerte nach Dänemark und in die USA, die Verträge waren zu DDR-Zeiten geschlossen worden, vielleicht noch gedacht als sozialistisch-kapitalistischer Musikaustausch, wer weiß? 1990 saß die Band dann im Produktionsstudio von Peter Maffay am ruhigen Starnberger See, um neue Songs aufzunehmen. Die Plattenfirma BMG hatte ihnen zwei Produzenten aus der Band von Udo Lindenberg zur Seite gestellt. Es lief auch ganz gut. "Die Produzenten waren völlig in Ordnung, wir verstanden uns sofort", sagt Ritchie Barton. "Später haben sie uns dann erzählt, dass sie uns eigentlich in eine glattere, poppigere Richtung lenken sollten. Vielleicht wie Pur. Aber
sie ließen uns machen. Nur bei der Plattenfirma war man unzufrieden. Sie sagten, unsere Texte würde in Deutschland niemand verstehen. Gemeint war natürlich Westdeutschland. Deutschland war Westdeutschland. Ich meine, die saßen dort in München, der Osten, der war so weit weg für die. Tamara hat dann bei der BMG angerufen und gesagt: ,Okay, dann schickt uns doch mal ein paar Texte.' Na ja, die Texte, die kamen, waren dann grausam, ganz furchtbares Zeugs. Schlagertexte. Damit hätten wir die letzten verbliebenen Silly-Fans auch noch verprellt. Tamara sagte nur: ,So einen Scheiß singe ich nicht.' Und das war's dann mit dem Plattenvertrag."
Das nächste Silly-Album erschien 1993, beim Label Deutsche Schallplatten Berlin, dem Nachfolger des alten DDR-Musikverlags. Das Album verkaufte sich nicht schlecht, aber auch nicht gut. Mit dem nächsten Album, "Paradies", wollte die Band durchstarten. Aber im Juli 1996, kurz nach der Veröffentlichung, starb Tamara Danz an Krebs; mit 43 Jahren. Tamara Danz war nicht nur die Sängerin. Sie war das Gesicht von Silly. Der Motor, die Frontfrau, das Herz. Tamara Danz war vielleicht der einzige Rockstar, den die DDR je hervorgebracht hat.
Die Band löste sich anschließend nicht auf. Das brachten die Männer nicht übers Herz. Aber man machte auch nicht weiter. Die Band ruhte.
"Alles lief auseinander", sagt Hassbecker. Er und Ritchie Barton starteten eine Karriere als Produzenten und Studiomusiker, Jäcki Reznicek spielte eine Zeitlang Bass bei einem Soloprojekt des Ärzte-Sängers Farin Urlaub und kümmerte sich um seine Dozentur an der Musikhochschule Dresden. Manchmal spielten sie noch alle drei zusammen in der Live-Band von Joachim Witt.
14 Jahre lang erschien kein neues Album. Silly lagen eingefroren unter dem ewigen Eis wie ein ostdeutscher Mammutknochen. Dort würde die Band vermutlich auch immer noch liegen, gäbe es nicht Anna Loos, die neue Sängerin. Das neue Herz. Sie ist schön, talentiert und, was vielleicht noch wichtiger ist für die Zukunft, in einer Weise ostdeutsch, die man im Westen kaum bemerkt.
Anna Loos steht backstage am Fenster der Garderobe und raucht. Von draußen fliegen Musikfetzen herein, das "Ostrock"-Publikum summt, Dirk Michaelis singt "Als ich fortging", auch ein großer DDR-Hit, den man manchmal noch in Wende-Dokumentationen im Fernsehen hört, weil der Titel so gut zu passen scheint in den Herbst 89.
Es muss seltsam sein, wenn man wie Anna Loos von außen kommt und plötzlich diese Welt betritt, in der die Bands vor allem als Ausstellungsstücke funktionieren. Als tourendes Wandermuseum für DDR-Musik. Karat haben auch eine neue Platte draußen, aber sie spielen heute keine neuen Songs, sondern nur die guten alten. Sie sitzen in der Ost-Rock-Welt wie in einem Indianerreservat.
Ost-Rock ist eine Marke, ein fester Begriff, aber weder Anna Loos noch Ritchie Barton oder die anderen aus der Band können genau erklären, woher der Begriff eigentlich stammt. Wer ihn erfunden hat. Uwe Hassbecker glaubt, es waren Journalisten. Gehässige Ost-Journalisten, um genau zu sein.
Man muss sich Ost-Rock wie einen Sack vorstellen, in den alles gestopft wird, was musikalisch und stilistisch eigentlich nicht zusammengehört. Es geht bei Ost-Rock auch gar nicht um die Musik. Es geht um die Herkunft.
An diesem Abend in Berlin spielen die Puhdys, Electra, Silly, City, Rockhaus, Günther Fischer, Angelika Mann, Pankow, Renft und auch Michael Hirte, das "Supertalent 2008" vielleicht, weil Hirte aus der Lausitz kommt. Das ist ungefähr so, als würden im Westen Kraftwerk, BAP, Trio, Boney M., die Fantastischen Vier, Heinz Rudolf Kunze und Hansi Hinterseer zusammen Konzerte geben, weil sie West-Rock sind.
Anna Loos hat, als sie bei Silly einstieg, klargemacht, dass sie etwas anderes will. Neue Songs, neue Zeiten. Sie riss so lange die Fenster auf, bis die Band ordentlich durchgelüftet schien und bereit für eine zweite Karriere.
Anna Loos ist eigentlich Schauspielerin. Sie spielte im "Tatort", in Fernseh- und Kinofilmen, im Moment ist sie in der ARD-Fernsehserie "Weissensee" zu sehen, wo sie die alkoholkranke Frau eines Stasi-Offiziers spielt. Dabei lag der Osten bereits weit hinter ihr. Sie verließ die DDR 1988, floh über die Tschechoslowakei und Ungarn in die Bundesrepublik. Sie spricht nicht über die Umstände der Flucht, weil sie ihre Geschichte nicht herausstellen möchte und vermutlich auch, weil sie weiß, wie schnell daraus Folklore werden kann. Wie aus so vielen Wende-Geschichten. Am Ende sitzt man in irgendeiner Jubiläumssendung. Als Ost-Beispiel, als Ost-Farbe.
Anna Loos wuchs auf in der Stadt Brandenburg. "Dort gab es in den achtziger Jahren in der Hauptstraße einen Plattenladen, und vor dem Plattenladen standen eines Tages Leute an. Also stellte ich mich dazu, schwänzte die Schule, weil ich dachte, sie verkaufen dort eine Lizenzplatte aus dem Westen. Aber es gab dann nur eine Ost-Platte, und ich war total enttäuscht. Nur das Cover gefiel mir. Ein Frauengesicht war vorn drauf, sonst nichts. Zu Hause legte ich die Platte auf, und es haute mich völlig um."
Die Platte hieß "Bataillon d'Amour".
Die Band hieß Silly. Gut 20 Jahre später ist Anna Loos vom Fan zur Frontfrau aufgestiegen. Die Band hatte Anna Loos eine Weile beobachtet, getestet. Barton, Hassbecker und Reznicek, alle herausragende Live-Musiker, waren erst misstrauisch und dann überzeugt. Es ist jetzt eigentlich genauso wie in dem Film "Rock Star", in dem Mark Wahlberg den Fan einer Metal-Band spielt, deren Sänger er plötzlich wird. Eine Hollywood-Geschichte.
Anders als Mark Wahlberg in "Rock Star" kann Anna Loos aber nicht nur singen. Sie kann auch Türen öffnen. Sie kann Silly in Fernsehshows, Radiosender, in die wichtigen Magazine und Zeitungen schleusen, die der Band ansonsten verschlossen blieben, weil sie dort niemand kennt. Kein Chefredakteur, kein Moderator, kein West-Publikum. Silly sind im Osten eine Legende. Im Westen sind sie fast noch No-Names. Eine späte Newcomer-Band mit drei Männern zwischen 49 und 56 Jahren an den Instrumenten. Hassbecker sagt: "Im Westen sind alle unsere Songs neu. Auch die alten."
Besser kann man es nicht formulieren.
Im SPIEGEL wurde die Band in den vergangenen 20 Jahren nur ein paar Mal kurz erwähnt: etwa in der Meldung über den Tod von Tamara Danz und in einem Artikel über das Soloprogramm des Schauspielers Jan Josef Liefers, das "Soundtrack meiner Kindheit" heißt und in dem er Songs von DDR-Bands spielt. Liefers wuchs in Dresden auf und ist der Ehemann von Anna Loos. Sie sind beide Ost-und-West-Stars, sie bewegen sich spielend zwischen den Welten, und wenn Anna Loos heute in eine Talkshow geht, dann meist nur unter der Bedingung, dass sie auch die Band mitbringen kann. So schafften es Silly zu Giovanni di Lorenzo in die "3 nach 9"-Talkshow, zum "Quiz der Deutschen" im Ersten und auch zum Mode-Shooting der "Brigitte". "Eigentlich wollten sie das mit Anna machen. Aber wir sind jetzt so als Edelkomparsen mit dabei", sagt Bassist Reznicek.
Wahrscheinlich ist das der einzige Weg. Das Loch in der Mauer.
Jochen Schuster, der Plattenboss, der die Band für zwei Alben zu Universal holte, dem größten Musikkonzern der Welt, glaubt, "dass der Act irgendwann wiedervereinigt sein wird".
Michael Schacke, der junge Band-Manager aus Braunschweig, glaubt, dass Silly im Westen noch "drei, vier Jahre" brauchen werden. "Nur damit erst mal allen klar ist: Die gibt es. Allein dieser Transfer." Er kannte die Band selbst kaum, als er das Management übernahm. "Ich hatte sie nach der Wende zufällig bei einem Konzert in der Lüneburger Heide gesehen. Fand ich beeindruckend damals, die waren so düster-atmosphärisch und dabei progressiv."
Axel Horn, der zweite Band-Manager, auch aus Braunschweig, kannte von Silly nur den Namen und schloss sich erst mal für ein Wochenende zu Hause ein, um Silly-Platten zu hören, DVDs zu sehen, in die Band-Geschichte einzutauchen. Als er das Zimmer wieder verließ, war er überzeugt, einen versunkenen Schatz gefunden zu haben. "Die Band ist ja Kulturgeschichte. Zumindest in einem Teil des Landes." Später ist Axel Horn dann aufgefallen, dass er der Band viel näher war als angenommen. "Das Basslehrbuch, dass ich im Westen hatte und mit dem ich ab und zu übte, hatte Jäcki Reznicek geschrieben. Ich wusste nur lange nicht, wer das ist."
Der Plan von Schacke und Horn sieht jetzt so aus, dass sie die Identität der Band bewahren und gleichzeitig das Neue wagen wollen. Ein Spagat also. Ein Bein im Osten. Eins im Westen. Aber warum sollte sich der Westen plötzlich, nach 20 Jahren, für Silly interessieren?
Jochen Schuster, der Plattenboss, sieht für Silly einen Platz zwischen den Gruppen Silbermond, Ich+Ich, Klee und Rosenstolz. Michael Schacke sagt: "Silly ist eine musikalische Alternative. Biokost sozusagen. Sehr gute Musiker machen glaubwürdige Kunst, mit relevanten Texten. Deshalb war auch die Rückkehr von Werner Karma so wichtig. Eine große Band muss was zu sagen haben. Sie braucht eine Botschaft."
Werner Karma hat eine kleine Schreibwohnung in einem viergeschossigen Neubau in Berlin-Adlershof, nicht weit entfernt von den alten Studios des DDR-Fernsehens. Er sitzt auf der Couch, er trägt Hausschuhe, es ist still hier, es gibt viele Bücher, Nietzsche, Volker Braun, Bukowski, Heiner Müller, Puschkin, und man kann sich vorstellen, wie Karma jeden Tag ein paar Stunden in den Büchern versinkt, um einen Gedanken zu finden, der sich in einen Song-Text gießen lässt.
Karma ist 58 Jahre alt und vermutlich der bekannteste Rock-Dichter der DDR. In den achtziger Jahren schrieb er fast alle Silly-Texte. Er beschrieb die Enge, die Tristesse, die Ausbrüche, die Sehnsüchte. "Die Ferne ist ein schöner Ort / Doch wenn ich da bin, ist sie fort / Die Ferne ist, wo ich nicht bin / Ich geh und geh und komm nicht hin."
Es ging immer nur um die Texte im Rock-Land DDR. Den Fans wie der Zensur.
Ende der achtziger Jahre zerstritt sich Karma mit Silly. Oder die Band mit Karma. Erst Anna Loos holte ihn zurück.
Werner Karma ist jetzt zuständig für die Botschaft von Silly. Die Frage ist, was die Botschaft sein könnte?
Karma lehnt sich zurück in die Couch und überlegt. "Ich mach eigentlich das Gleiche wie in der DDR", sagt er schließlich. "Ich benenne die Defizite."
Karma hat nach der Wende Texte für Veronika Fischer, Edo Zanki, Joachim Witt und City geschrieben. Sein Schreibgeschäft lief weiter, aber es war auch so, dass ihn der Westen genauso wenig zu brauchen schien wie Silly, Karmas alte Liebe. Udo Lindenberg ließ sich ein paar Mal Texte schicken, aber am Ende hat er nie einen genommen. "Udo sagte: ,Super Texte, Werner. Aber wir sind gerade auf einem anderen Trip. Vielleicht auf der nächsten Platte.'"
Ähnlich lief es mit Purple Schulz und einigen anderen. Karma sagt es nicht so, aber das Silly-Comeback ist natürlich auch sein eigenes.
"Komischerweise fahren plötzlich viele Westler auf Silly und die Texte ab."
Wegen der Botschaft?
Vielleicht, sagt Karma.
Als Utopie, als Idee habe er an der DDR gehangen, sagt Karma. Wahrscheinlich werde er das auch nie ablegen können. Und er wolle das auch gar nicht. "Ich habe mein Wertesystem, und ich glaube, das schimmert in meinen Texten überall durch." Karma reibt sich jetzt nicht mehr an der DDR. Er reibt sich an Deutschland. Das eine Land war klein. Das andere ist groß. Aber die Problemlagen scheinen ähnlich zu sein. Systemübergreifend, sozusagen.
"Ich hatte mir im Osten mal einen Citroën gekauft", sagt Karma. "Schickes Auto. Brauchte ich gar nicht, aber ich wollte wohl sehen, was mit mir passiert."
Und, was passierte?
"Na ja, nichts. Es hat mich auch nicht glücklicher gemacht."
Womöglich ist das ja die Botschaft.
Das neue Silly-Album heißt "Alles Rot", so wie der erste Song auf der CD, deren Text Werner Karma geschrieben hat. Bei Universal gab es Diskussionen, ob man das Album wirklich so nennen sollte. Alles Rot - ausgerechnet für das Comeback einer alten DDR-Band. Vielleicht klang das in den Ohren der Universal-Leute so, als stünden die Russen in 15 Minuten am Kurfürstendamm.
Im Flur von Karmas Schreibwohnung hängt die "Goldene Schallplatte", die er für "Alles Rot" bekam. Wie eine Trophäe, die Karma dem Westen entrissen hat.
In Berlin-Wuhlheide, beim "Ostrock", singen die Puhdys ihren letzten Song. Es ist fast Mitternacht, Geisterstunde. Die Leute klatschen noch mal im Takt des Rock'n'Roll. Das Konzert war nicht ausverkauft wie in den Jahren zuvor. Nicht mal fast ausverkauft. Womöglich stirbt der Ost-Rock auch im Osten.
In die enge Garderobe von Silly drängen sich die alten Weggefährten wie in einer Wärmestube, die neues Leben schenkt. Jürgen Ehle von Pankow, Thomas "Monster" Schoppe von Renft und Toni Krahl, der City-Sänger. City haben den Hit "Am Fenster" geschrieben, einen der erfolgreichsten Pop-Songs der DDR-Geschichte neben "Über sieben Brücken musst du geh'n" von Karat, von dem im Westen immer noch alle denken, es sei ein Peter-Maffay-Song. Krahl sagt, dass er mit City kaum im Westen spielt. Vielleicht zwei, drei Shows im Jahr. "Im Westen läuft es nur als OstPaket. Puhdys, Karat und City zusammen. Na ja, is' eben so", sagt Krahl.
Einen Moment lang steht er neben Uwe Hassbecker und Ritchie Barton. Jemand schießt ein Erinnerungsfoto. So als gingen die einen auf eine weite Reise.
Und der andere bleibt zurück. ◆
(*) Vor dem "Ostrock in Klassik"-Konzert in Berlin am 11. September.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 39/2010
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