27.09.2010

Die Schnitzelsteuer

Ortstermin: Im ostdeutschen Hammerbrücke eskaliert der Streit zwischen Volk und Staat.
Gerhard Kaltscheuer will nicht von Hartz IV leben, er will Schnitzel verkaufen. Er balanciert zwei Portionen aus der Küche, die Schnitzel, groß wie Teller, riechen, dampfen und triefen vor Fett.
"Es ist reichhaltig", sagen die Gäste. Sie kommen, weil ihnen die Schnitzel schmecken und sie viel Fleisch bekommen für ihr Geld. In Hammerbrücke bei Chemnitz muss jeder rechnen, wenn er essen geht.
"Wer hier überleben will, muss den Leuten was bieten", sagt Kaltscheuer. Von einer Schnitzelnorm hatte er nie gehört. Bis zu der Betriebsprüfung im Juli.
165 Gramm, hatte Herr D. vom Finanzamt in Plauen berechnet, dürfe so ein Schnitzel wiegen. Schnitzel Hawaii, das wäre dann zuzüglich einer Scheibe Ananas, kein Käse. "Meine Schnitzel wiegen 200 bis 230 Gramm, haben zwei Scheiben Ananas und sind mit Käse überbacken", korrigierte Kaltscheuer. Doch der Beamte ließ sich nicht beeindrucken. Für die Nudeln mit Jagdwurst veranschlagte er 200 Gramm Nudeln und 50 Gramm Wurst. "Bei mir gibt's 350 Gramm Nudeln und 180 Gramm Jagdwurst", meint der Wirt.
"Wagen Sie es nicht, gegen meine Rechnung vorzugehen", soll Herr D. gesagt haben, erzählt der Wirt, "ich habe schon andere Gaststätten im Vogtland vernichtet."
Gleich nach der Wende war Kaltscheuer in den Osten gezogen, war geblieben, wegen Regina. Zusammen hatten sie die "Futterstube" eröffnet, ihr Unternehmen gegründet in einem alten Konsum-Markt. Sie hatten die Wände tapeziert, ockerfarben, und die Toiletten gefliest. Kaltscheuer war nicht bereit, das alles aufzugeben.
Doch der Bescheid des Finanzamts kam schnell: Steuerhinterziehung. Kaltscheuer habe, nach den Schätzungen des Beamten, mehr Portionen verkauft als angegeben. Das Finanzamt nahm die eingekaufte Fleischmenge, teilte sie durch die unterstellte Schnitzelgröße von 165 Gramm, nicht durch die von Kaltscheuer angegebenen 200 Gramm, kam auf einen höheren Umsatz und Gewinn und damit auf deutlich mehr Steuern, als der Wirt abgeführt hatte. 38 000 Euro soll Kaltscheuer nun nachzahlen.
Der Wirt ist der Herr über die Speisen. In der freien Marktwirtschaft bestimmt er die Größe des Schnitzels und nicht das Finanzamt, findet Kaltscheuer. In der Planwirtschaft war das Sache des Staates, aber jetzt immer noch? Der Wirt verlangte einem Termin bei der Behörde in Plauen, doch die Beamten wollten nicht mit ihm reden. Er schrieb Briefe, an den Finanzminister von Sachsen, an die Bundesregierung, die CDU, die FDP und an die vogtländische Presse.
An diesem Montag steht er seit kurz vor sechs am Herd, er trägt ein kariertes Hemd, das Haar kurz und grau. Um zehn kommen die Forstarbeiter, da muss die Gulaschsuppe fertig sein.
Kaltscheuer hat beschlossen zu demonstrieren gegen die "Diktatur des Finanzamts". Für die freie Marktwirtschaft, für das XXL-Schnitzel. Er rechnet mit 200 Leuten.
Kamerateams drängen sich in der Futterstube, ZDF, MDR, Sat.1. Dem Lieferanten ist das zu viel Aufregung, er macht auf dem Absatz kehrt.
Die Gäste wollen bloß essen, heiße Gulaschsuppe, demonstrieren wollen sie nicht. "Wir arbeiten für einen Staatsbetrieb", sagt einer. Seinen Namen möchte er lieber nicht nennen.
Nachmittags um vier Uhr auf dem Altmarkt in Plauen, Kaltscheuer trägt immer noch das karierte Hemd, das Megafon hat er von einem Freund geliehen. Er verliest die Liste mit den Verboten, die Polizei hat sie ihm gegeben, keine Schuss- oder Stichwaffen, kein Alkohol, keine Hunde. "Wir haben hart gearbeitet für unser Geld", sagt er ins Megafon, "immer müssen die Kleinen bezahlen." Und dann weiß er nicht mehr recht, was er sagen soll.
Doch die Leute klatschen. Sie haben Plakate gemalt, "Finanzamt Plauen = Willküramt" steht da oder auch "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Die Größe des Schnitzels auch. Selbständige sind hier und solche, die es mal waren, die Getränkemarktfrau, die jetzt wieder bei der Post arbeitet, und der Bäckermeister Auerswald aus Zwönitz, er soll 200 000 Euro nachzahlen, sagt er. Und dann sind da einige, die wahrscheinlich keine Steuern bezahlen, aber viel Zeit haben. Jugendliche mit buntem Haar, die gegen Porschefahrer sind, und ältere Herren, die sind gegen linke Gewerkschafter. Und alle sind gegen Banker. Und jeder darf mal ans Megafon. Ihre Stimmen zittern immer ein wenig beim ersten Satz.
Einer brüllt: "Wir wollen Schnitzel." Die Leute brüllen zurück: "Wir wollen Schnitzel."
Kaltscheuer wettert jetzt gegen die Banker: "Wir sollen zahlen, nur weil die ihre Boni brauchen? Leute, wir müssen was tun." Um die Futterstube zu retten, sagt er, würde er sogar vor den Europäischen Gerichtshof ziehen.
Es sei, meint eine alte Dame, ein wenig wie 89, als auf dem Altmarkt in Plauen die ersten Demonstrationen stattfanden, was nur keiner gewusst habe, weil das Fernsehen damals nicht da war. Heute seien zwar nur ein paar Dutzend Leute da, aber die Entschlossenheit sei ähnlich groß. Wir sind das Volk, wir wollen Schnitzel.
Sie geht auf Kaltscheuer zu, nimmt seine Hand, drückt sie und sagt: "Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Mut."
Einen Termin beim Finanzamt hat Kaltscheuer immer noch nicht bekommen.
Von Nicola Abé

DER SPIEGEL 39/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 39/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die Schnitzelsteuer

Video 01:23

Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten

  • Video "Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten" Video 01:23
    Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten
  • Video "Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte" Video 00:43
    Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte
  • Video "Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen" Video 02:15
    Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen
  • Video "Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer" Video 00:54
    Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer
  • Video "Freiburgs Trainer über Fremdenhass: Man muss große Angst haben" Video 01:38
    Freiburgs Trainer über Fremdenhass: "Man muss große Angst haben"
  • Video "Virales Video aus Österreich: Was machen die da?" Video 00:57
    Virales Video aus Österreich: Was machen die da?
  • Video "Filmstarts der Woche: Hi, ich bin Frank Zappa" Video 05:00
    Filmstarts der Woche: "Hi, ich bin Frank Zappa"
  • Video "Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel" Video 00:43
    Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel
  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe" Video 00:58
    Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit
  • Video "Werbevideo der US-Polizei: May you be with the force" Video 01:28
    Werbevideo der US-Polizei: "May you be with the force"
  • Video "Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen" Video 00:52
    Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen