27.09.2010

ARBEITSMARKTCasting für Arbeitslose

Beim „Job-Speed-Dating“ führen Unternehmen und Arbeitslose Vorstellungsgespräche im Akkord. Show oder Chance? Die Agenturen glauben daran.
Sabine Eßmann ist 50 und hat nicht viel Erfahrung mit Speed-Dating. Entsprechend nervös läuft sie am Donnerstag vergangener Woche in der VIP-Lounge des Wolfsburger Fußballstadions auf. Es geht sofort zur Sache: Woher? Wie alt? Was läuft so? Es muss schnell gehen. Die Fragen stellt eine junge Blondine, aber die sucht auch keinen Partner fürs Leben, sondern neue Mitarbeiter für ihr Ingenieurbüro.
Innerhalb von sechs Stunden lernen etwa 600 Jobsuchende 45 Firmen kennen - und umgekehrt. Privatsphäre gibt's hier nicht. Am Nachbartisch hört man den Konkurrenten erzählen. Nach jeweils zehn Minuten ist der Nächste dran. Dann dröhnt die Hymne des VfL Wolfsburg durch den stickigen Raum, und es wird gewechselt. So sieht das aus, wenn Arbeitsagenturen "Neuland betreten", wie der zuständige Behördenleiter Gerald Witt aus Helmstedt es nennt.
Der Kurzzeit-Kontakthof ist der zurzeit wohl ungewöhnlichste Versuch moderner deutscher Arbeitsvermittlung. Und es ist einer, in den Arbeitsagenturen und Argen in ganz Deutschland ihre Hoffnung setzen. Mal stellen sich in Chemnitz nur Ingenieure und Techniker den Akkord-Gesprächen mit potentiellen Arbeitgebern. Mal begutachten Firmen in Gütersloh künftige Auszubildende. In Hamburg wurden beim Speed-Dating bereits Lkw-Fahrer unter die Lupe genommen, in Dortmund gab's einen Akademiker-Reigen.
Gesamtzahlen fürs Bundesgebiet existieren noch nicht. Zu neu ist das Experiment. Aber es sei bereits ein "Erfolgsschlager", sagt Heinrich Alt, Vorstand bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Manche Agenturen testen noch, andere bieten die Aktionen schon öfter an.
Die Job-Shows liegen einerseits im Trend - und widersprechen zugleich einem anderen: Denn während in einem Modellversuch einige Konzerne wie die Deutsche Telekom oder Procter & Gamble Bewerbungen derzeit nur noch völlig anonymisiert zulassen, um nicht in den Ruch der Diskriminierung zu geraten, weist das Job-Dating in die andere Richtung: Dort zählen gnadenlos Augenschein und direkter Kontakt.
In wenigen Minuten wird auch am vergangenen Donnerstag in Wolfsburg das Gröbste geklärt: Der erste Eindruck entscheidet. Zwar gibt es vor Ort keine fertigen Verträge, aber wenn der Erstkontakt erfolgreich ist, folgen oft weitere Gespräche, Aushilfsjobs und schließlich dauerhafte Beschäftigungen.
So konnte die Arbeitsgemeinschaft für Beschäftigung München (Arge) rund um das erste lokale Speed-Dating von knapp 1300 Arbeitssuchenden fast die Hälfte vermitteln - wenn auch erst "im Umfeld der Veranstaltung", wie Arge-Mann Jakob Grau sagt. BA-Vorstand Alt erklärt, es gehe ja "nicht um eine schnelle Vermittlung, sondern um eine schnelle Kontaktaufnahme".
Graus erste 142 Aspiranten waren schon untergekommen, bevor die Power-Paarungen überhaupt starteten. Und die Mischung aus Bewerbungsseminar und Motivationstraining, die Übung, sich knapp und möglichst gekonnt vorzustellen, helfe ja auch bei anderen Bewerbungen. Zwar koste es Zeit und Geld, die Arbeitslosen auf solche meist halbtägigen Veranstaltungen vorzubereiten. "Aber unter dem Strich lohnt es sich", sagt Grau und rechnet vor: Selbst wenn die Vermittelten im Schnitt nur drei Monate in Arbeit blieben, spare das rund 1,2 Millionen Euro. Die meisten behielten ihre neuen Stellen indes länger. Dagegen habe der Speed-Date-Termin mit allem Drum und Dran nur 50 000 Euro gekostet.
Graus Vermittlungsquote lag deutlich über dem Normalwert. Allerdings hatte er beim ersten Mal "die Unabhängigen, Motivierten" eingeladen - nicht die Schwervermittelbaren, Suchtkranken oder total Unwilligen. Trotzdem scheinen sich die Schnellkontakte für Agenturen, Jobsuchende, aber auch die Arbeitgeber insgesamt zu lohnen.
Muhammet Akdere, Regionaldirektor einer Hotelkette, ist so begeistert von seiner "fast 20-prozentigen Trefferquote", dass er das Experiment in Berlin wiederholen möchte - dann direkt als Bewerbercasting für sein dortiges Hotel.
Der schnelle Check und weg - das gefällt Akdere: Eine Bewerberin hat sich erst in die Hand gehustet und damit dann die des Chefs schütteln wollen. "Die haben wir gleich aussortiert", sagt Akdere. Gute Manieren seien im Hotelgeschäft schließlich besonders wichtig.
Am Ende profitieren beim Speed-Date jene, die sich selbst gut verkaufen. "Wer das nicht kann, fällt durch die Maschen", sagt Johannes Jakob, Arbeitsmarktexperte beim Deutschen Gewerkschaftsbund. Doch er sieht auch Chancen: Der persönliche Eindruck könne Schwächen in den Bewerbungsmappen "korrigieren". Vor "einer Art Schaulaufen" warnt dagegen Ver.di-Kollegin Elke Hannack. "Der hohe Konkurrenzdruck vor Ort kann bei Arbeitslosen schnell zu Frustration führen."
Sabine Eßmann hatte bei ihrem ersten Date-Abenteuer keinen Erfolg. Die gelernte Apothekenhelferin war zuletzt in der Kundenbetreuung aktiv. Seit zwei Jahren ist sie ohne Job und lebt von Hartz IV. Am Ende geht sie nur mit ein paar neuen Bewerbungsideen nach Hause, nimmt es aber gelassen. Beim normalen Speed-Dating wird ja auch nicht gleich geheiratet.
Von Kirsten Krumrey

DER SPIEGEL 39/2010
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