27.09.2010

Fünf Fässer für den Kursalon

Global Village: Wie die Opec in Wien den 50. Geburtstag ihres Kartells feiert
Tom Blue und die Drumatical sind weit herumgekommen in ihrer Karriere, sie durften schon beim Scheich von Dubai und beim Emir von Katar aufspielen. Nun steht die Trommeltruppe im Wiener Kursalon vor "einem der Höhepunkte unserer Show-Karriere". Für Tom Blue ein Heimspiel. Er ist Österreicher und heißt eigentlich Thomas Achleitner.
Die Combo, die rhythmisch auf Ölfässer eindrischt, spielt heute - wie passend - vor den Vertretern der erdölexportierenden Länder. An einem Ort, an dem schon Johann Strauß Konzerte gab, feiert die Opec den 50. Jahrestag ihrer Gründung. Die Drumatical gehören zur Ouvertüre einer "Ausstellung mit Kunst, Musik, Tanz & Kulinarik von den Mitgliedstaaten", wie es auf der Einladungsbroschüre etwas holprig heißt.
Auf diesen Tag hat die Opec-Frau Siham Alawami, 52, seit Wochen hingearbeitet, so wie alle 150 Mitarbeiter aus der Zentrale des Kartells in der Helferstorfer Straße. Nach 45 Jahren in der österreichischen Hauptstadt hat sich die Opec in eine Melange aus Orient und Okzident verwandelt. Kaum jemand verkörpert sie so wie die Zeremonienmeisterin aus Katar, die auch gern "Prinzessin" genannt wird, obwohl sie ganz und gar bürgerlichen Standes ist.
Alawami selbst bezeichnet sich als "Beduinentochter, eine Blume der Wüste". Doch Wien, das auf provinzielle Weise Größe atmet, ist mit Titeln schnell zur Hand. Aus jedem Lehrer macht man hier einen "Herrn Professor". Eine rührige Kulturbotschafterin, die mehr als 30 Wiener Opernbälle in Dubai, Abu Dhabi und Oman organisiert hat, wird da im Sisi-Land schnell zur Prinzessin erhoben.
Seit 31 Jahren arbeitet die PR-Frau nun schon für die Opec und führt in Wien das freie Leben einer modernen Frau. Ihre Mutter sei noch "neben einem Kamel geboren" worden, sie hingegen sei in einem modernen Hospital zur Welt gekommen, erzählt Alawami. Sie durfte studieren, konnte ins Ausland gehen, den Petro-Dollars und der Großzügigkeit des Emirs sei Dank.
Alawami ist das schöne Gesicht der Opec, in Schicksalen wie ihrem spiegelt sich das Bündnis nur zu gern: als Solidarpakt der Erdölländer, der seinen - derzeit zwölf - Mitgliedern nur den gerechten Gewinn aus ihrem Öl sichert, zum Wohle ihrer Bevölkerung. "Stabilität stützen, Fortschritt fördern" lautet das Motto des Jubiläums.
Der Rest der Welt sieht in der Organisation eher ein machtvolles Kartell, einen undurchschaubaren, unberechenbaren Club von Scheichs und Despoten, die den Westen mit willkürlichen Preisabsprachen und horrenden Forderungen erpressen. Dass ihre reichsten Mitglieder, allen voran Saudi-Arabien, nach den Siegen Israels über die Araber 1967 und 1973 ihr Öl als politische Waffe gegen die Unterstützer des "zionistischen Regimes" einsetzten, ist auch Jahrzehnte später unvergessen.
Die Zeit der Kraftmeierei und Protzerei ist passé. Fehlentscheidungen bei der Preispolitik, interne Rivalitäten zwischen Hardlinern wie Venezuela und Iran auf der einen Seite und Bündnispartnern des Westens wie Saudi-Arabien, Kuwait oder den Vereinigten Arabischen Emiraten auf der anderen haben zum Niedergang beigetragen. 1980, als die Öl-Potentaten zu ihrem 20. Jahrestag bitten wollten, mussten sie kurzfristig absagen: Der Irak hatte seinen Opec-Partner Iran angegriffen. Doch wohl keine internationale Organisation schaffte so viele Comebacks.
An den noch immer satten Ölpreisen gemessen, ist es ein schlichter Rahmen, in dem die Vertreter von 75 Prozent der weltweiten Erdölreserven und von gut 40 Prozent der internationalen Ölproduktion ein halbes Jahrhundert Preisabsprache begehen. Kein Scheich, kein Emir gibt sich die Ehre. Kein Rolls-Royce fährt vor. Auf jedem Dermatologenkongress werden mehr Rolex getragen.
Mit herzlicher Routine besucht Generalsekretär Abdalla Salem El-Badri, ein Libyer, die Stände der Mitgliedstaaten im Foyer. An ihnen sollen in den nächsten Tagen Wiener Schüler unter Führung von Siham Alawami erfahren, dass die Opec-Länder mehr zu bieten haben als Öl. Ecuador etwa exportiert auch Kakao. Die große Schale mit 70-prozentiger Schokolade ist schon leer, bevor El-Badri in seinem Grußwort "den Willen, die Entschlossenheit und den dauerhaften Erfolg" seiner Organisation gepriesen hat.
Die Honoratioren sind nicht nur geübte Bruderkuss-Verteiler und Softdrink-Schlürfer, sondern auch geduldige Grußwort-Weghörer. Tapfer ertragen sie das Englisch ("it gives me great pleasures") von Österreichs Außenminister Michael Spindelegger. Nur leicht ziehen sie die Brauen hoch, als eine Vertreterin der Stadt ihnen vorschlägt, doch mal einen Rundgang durch die Wiener Kanalisation zu machen. Da sei nämlich einst der "Dritte Mann" mit Orson Welles gedreht worden. Ach, Austria.
Weil es um Kulturaustausch geht, gibt es nun Musik, endlich. Ein Konzertgitarrist aus Venezuela spielt Folklore auf seiner Cuatro. Österreichs Beitrag ist ein Operetten-Potpourri ("Meine Lippen, sie küssen so heiß"). Das Oberteil einer Sopranistin ist so offenherzig, dass die iranische Delegation ganz unruhig wird. Oder?
Dann sind endlich die coolen Jungs von Drumatical dran. Mit ihren fünf schimmernden Tonnen bringen sie doch noch ein wenig Glanz in die Veranstaltung. Und ihre Beats zeigen den Förderquoten-Fetischisten, dass man mit Ölfässern nicht nur Geld, sondern auch Musik machen kann.
Von Dieter Bednarz

DER SPIEGEL 39/2010
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