27.09.2010

FRÜHGESCHICHTE

Google Earth in der Antike

Von Schulz, Matthias

Wie sah Deutschland vor 2000 Jahren aus? Berliner Kartografen haben eine alte Landkarte - entdeckt im Topkapi-Palast von Istanbul - ausgewertet und entzerrt. Das über 700 Jahre alte Pergament enthält erstaunliche Daten über das alte Germanien.

Dass Rom 7-5-3 aus dem Ei kroch, ist bekannt. Im Falle von Sankt Petersburg kennt man sogar den Tag der Grundsteinlegung.

Aber wie steht es mit Hannover? Wann wurden Kiel oder Bad Driburg gegründet? Fast die gesamte deutsche Stadtlandschaft rechts des Rheins liegt im geschichtlichen Dunkel. Urkundliche Erwähnung fanden die Orte dort alle erst im Mittelalter.

Das Datum ihrer Gründung kannte bislang niemand.

Schuld an dem Unwissen ist die Bildungsferne unserer Vorfahren. Katasterämter führten die Germanen nicht. Sie konnten nicht mal schreiben. Im Gebiet jenseits des Rheins, das die Römer nie dauerhaft besetzt hielten, waren nur ungelenke Runen in Gebrauch.

Tacitus zufolge lebten die Einwohner in Strohdachkaten und Grubenhäusern. Sie ernährten sich von "Graupensuppe" und frönten exzessiv dem Würfelspiel.

Viel mehr ist nicht bekannt. Was tief im Inneren des Barbarenlandes wirklich ablief - darüber gibt es kaum schriftliche Kunde.

Das könnte sich nun ändern. Eine Gruppe aus Altphilologen, Mathematikhistorikern und Erdvermessern vom Institut für Geodäsie der Technischen Universität Berlin hat eine verblüffende Landkarte vorgelegt. Sie zeigt Mitteleuropa vor 2000 Jahren.

Nord- und Ostsee heißen darauf "Germanischer Ozean", der Frankenwald wird "Sudeti montes" genannt. Vor der friesischen Küste liegen drei "Sachseninseln". Dort finden sie sich noch heute: Amrum, Föhr und Sylt.

Hinzu kommen jede Menge Städte: Das heutige Jena heißt "Bicurgium", Essen wird "Navalia" genannt.

Auch Fürstenwalde in Brandenburg soll es schon gegeben haben - als "Susudata". Abgeleitet ist das Wort vom germanischen Begriff "susutin", Saulache - was auf eine nicht allzu imposante Skyline schließen lässt.

Das seltsame Kartenwerk beruht auf Angaben des Mathematikers und Astronomen Claudius Ptolemäus, der sich um 150 nach Christus anschickte, die gesamte damals bekannte Welt darzustellen. Wohnhaft in Alexandria, unterm Licht des monumentalen Leuchtturms, zeichnete er 26 Karten mit bunter Tinte auf getrocknete Tierhäute.

Google Earth in der Antike.

Eine Zeichnung stellte "Germania Magna" dar, jenes regnerische Gebiet, das - römischen Quellen zufolge - von grobschlächtigen Barbaren bewohnt wurde. Ihr Reproduktionsdrang, so hieß es, verwandle das Land in einen gefährlichen "Völkerschoß".

Ptolemäus kennt sich gut aus in der abgelegenen Ecke. Er nennt Gebirge, Flüsse, Inseln. In einem Verzeichnis führt er 94 "poleis", Städte, auf. Deren Lage gibt er

mit Längen- und Breitengraden bis auf wenige Bogenminuten genau an.

Bis zur Weichsel, wo einst Burgunden, Goten und Wandalen lebten, ziehen sich die Siedlungen. Das Volk der Sachsen wird hier erstmals erwähnt. Selbst die Swine am Oderhaff ist Ptolemäus offenbar bekannt.

Woher hatte der Gelehrte vom fernen Nil dieses Detailwissen? Eigene Messungen, so viel ist sicher, führte er in Germanien nie durch.

Die Forschung nimmt deshalb an, dass Ptolemäus sich auf Wegbeschreibungen ("Itinerarien") römischer Händler stützte. Er wertete Reisenotizen von Seefahrern aus und zog Karten römischer Legionen heran, die im nordischen Tann operierten.

Doch die Daten, die der antike Erdkundler verwendete, sind verzerrt. Beim Übertragen der Kugelgestalt der Erde auf die Kartenfläche unterliefen ihm Maßstabsfehler. Er dachte sich das ferne Nordland zu schmal und langgestreckt. Jütland und Schleswig-Holstein verbog er gen Osten.

Zudem verknüpfte Ptolemäus seine Teilkarten nicht richtig. Zwar suchte er nach Eichpunkten, um den Flickenteppich an Geo-Informationen zu verbinden. Dabei unterliefen ihm aber weitere Schnitzer.

Ergebnis: Verwirrung.

Immer wieder haben sich Sprachforscher und Historiker vergebens über das vergilbte Werk gebeugt. In der Forschung galt es als "verzaubertes Schloss". Niemand könne es öffnen, hieß es, der Zugang in die Vorgeschichte Deutschlands sei versperrt.

Wendet sich nun das Blatt? Erstmals haben sich jetzt hochkarätige Fachleute des Vermessungswesens zusammengetan, um das verwirrende Rätsel zu lösen.

Sechs Jahre lang brütete das Berliner Team über den vertrackten Daten. Gemeinsam entwickelten sie eine "geodätische Deformationsanalyse", um das Ganze zu entzerren.

Ergebnis ist ein Verzeichnis, das gleichsam die Heimatdörfer von Siegfried und Hermann dem Cherusker bis auf 10 bis 20 Kilometer genau verortet. Der Verlag, der das Werk veröffentlicht hat, spricht von einer "Sensation"(*1).

Aber stimmen die Angaben auch? Ptolemäus' "Geografie" ist nur in Abschriften überliefert. Die bislang verlässlichste Handschrift, ein Prachtband aus dem Vatikan, entstand um 1300.

Doch die Berliner hatten Glück. Sie konnten sich auf ein Pergament aus der Türkei stützen. Aufgespürt wurde es im Topkapi-Palast von Istanbul, der alten Residenz osmanischer Sultane.

Es sind lose Blätter aus Schafshaut, beschrieben mit römischen Majuskeln - die

älteste Ptolemäus-Ausgabe, die je entdeckt wurde. Im nächsten Jahr soll ein Nachdruck erscheinen.

Mit diesem Kodex und gestützt aufs eigene geografische Fachwissen ist den Leuten von der Spree nun offenbar ein Brückenschlag ins Reich von Wotan und Walhall gelungen.

Lokalpatrioten werden an ihrer Landkarte Freude haben (genaue Angaben zu einzelnen Orten unter www.spiegel.de/ germaniamagna). Ihm zufolge existierten Provinznester wie Salzkotten oder Lalendorf in Mecklenburg-Vorpommern schon vor 2000 Jahren. Am Zusammenfluss von Elbe und Alster lag "Treva" - der Vorläufer von Hamburg. Leipzig nannte sich damals "Aregelia".

Ruhmreiche Aussichten tun sich da auf: Halb Deutschland wird um 1000 Jahre älter. "Unser Atlas ist eine Schatzkarte", meint stolz der Projektmitarbeiter Andreas Kleineberg, "die Koordinaten führen zu versunkenen Orten unserer Vergangenheit."

Entsprechend groß dürfte das Interesse bei den Archäologen sein. Deren Meinung über die Germanen war bislang recht wankelmütig. Im 19. Jahrhundert stand das Urvolk für rauschebärtige Wilde voller Tapferkeit. Unter den Nazis wurden sie als glanzvolle Helden verklärt - um im Zuge robuster Vergangenheitsbewältigung alsbald zu faschistoiden Hinterwäldlern herabzusinken.

Rom, hieß es, habe die Quälgeister mit einem Grenzwall einzäunen müssen, um endlich Ruhe zu haben.

Diese Einschätzung gehört längst ins Reich der Phantasie. Neue Grabungen machen klar: Germanien lag nicht im Abseits - im Gegenteil.

Heerscharen von römischen Kaufleuten zogen einst über die Grenze, um beim Nachbarn Bernstein, Pomade, Räucherfisch oder Leder einzutauschen. Cäsar erwähnt, dass seine Landsleute mit den Sueben ("Schwaben") Handel trieben. Schon im 1. Jahrhundert reiste ein römischer Ritter vom Legionslager Carnuntum (bei Wien) bis zur Ostseeküste, um mit Bernstein zu handeln.

Eifrig mischten sich Roms Diplomaten in die Angelegenheiten der Nachbarn ein: Sie schmierten Stammesfürsten, fädelten Attentate ein und förderten ihre Favoriten bis auf den Königsthron.

Im August 2008 fanden Ausgräber in Niedersachsen sogar einen Kampfplatz mit Waffentrümmern aus dem 3. Jahrhundert. Die Prüfung ergab, dass eine Legion mit Katapulten in einer Blitzaktion bis zum Harz vorgerückt war. Wahrscheinlich sollten aufmüpfige Stämme bestraft werden.

Die Soldaten mussten dabei keineswegs durch Ödnis und Morast stolpern. "Am Hellweg, der bei Moers am Rhein begann und bis zum Samland führte, konnten wir elf Siedlungen verorten", erklärt Kleineberg.

Die meisten Germanenstätten lagen offenbar an Flüssen und Wegkreuzungen. Das Wort "furd" in vielen Ortsnamen deutet darauf hin. Dresdens Vorläufer "Lupfurdum" etwa befand sich an einer seichten Stelle der Elbe. Im Ur-Hannover ("Tulifurdum") konnte man die Leine queren.

Auch den Weg des Bernsteinhandels glauben die Forscher jetzt anhand der Ptolemäus-Karte vom Wiener Raum bis hoch zur Danziger Bucht nachzeichnen zu können.

Die Hauptaufklärung im Barbarenreich aber leisteten die Landvermesser der römischen Armee, die offenbar bis zur Weichsel vordrangen. Der Berliner Geodät Dieter Lelgemann ist überzeugt: "Ptolemäus stützte sich auf die Arbeit militärischer Ingenieure."

Bis auf wenige Bogenminuten genau gibt der antike Astronom die Lage der Städte an. Und tatsächlich markieren die entschlüsselten Koordinaten oft genau jene Punkte im Gelände, an denen die Archäologen Häuser und prachtvolle Fürstengrüfte etwa von Goten oder Teutonen gefunden haben.

Hat die Truppe aus Berlin das Zahlenrätsel also geknackt? Dafür spricht einiges.

Denn auch die drei besonders wichtigen Stätten Germaniens scheinen sie richtig verortet zu haben: Bei Ptolemäus heißen sie "Eburodunum", "Amisia" und "Luppia". Die neue Umrechnung macht daraus Brünn, Fritzlar und Bernburg (Saale).

In der Tat warten die erwähnten Orte mit ungewöhnlich ruhmreichen Annalen auf:

‣ Bernburgs Ortsteil Waldau wurde bereits im Jahr 806 als "Waladala" in einer Klosterchronik erwähnt. Schon zu dieser Zeit befand sich dort ein militärisches Zentrum.

‣ Brünn, reich an germanischen Prachtfunden, war vermutlich eine Station des Bernsteinhandels.

‣ In Fritzlar ließ der Missionar Bonifatius der Legende nach im Jahr 723 die Donar-Eiche fällen, das Stammesheiligtum der Chatten.

Nur: Wie sahen diese Metropolen in der nordischen Frühzeit aus? Auf alten Karten sind sie durch wuchtige Wehrtürme gekennzeichnet. Doch das ist Unsinn: Steinbauten kannten die Germanen nicht, nur Holz und Lehmputz.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Dörfer im Nebelland jenseits der Alpen unscheinbar waren. Auch hier denkt die Zunft langsam in anderen Dimensionen.

Funde in Hitzacker an der Elbe jedenfalls setzen alle in Erstaunen. Prunkvolle "Reitergräber", gefüllt mit Silbergeschirr, wurden dort schon früher entdeckt. In diesem Jahr kamen Häuser, ein großes Gehöft sowie Öfen zur Eisenverhüttung hinzu. Das Areal ist über zehn Hektar groß.

Auch im neuen Atlas ist die Siedlung eingezeichnet. Sie heißt dort "Leufana" - ein Zentrum der Langobarden.

(*1) Darstellung aus dem 18. Jahrhundert.(*2) Andreas Kleineberg / Christian Marx / Eberhard Knobloch / Dieter Lelgemann: "Germania und die Insel Thule". Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt; 132 Seiten; 29,90 Euro.

DER SPIEGEL 39/2010
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