27.09.2010

EINHEITDie wissen nichts

SPIEGEL-Redakteur Stefan Berg über sein Leben als Westler im Osten und als Ostler im Westen
Berg, 1964 in Ost-Berlin geboren, ist seit 1996 beim SPIEGEL. Seine Laufbahn als Journalist begann er bei Kirchenzeitungen in der DDR.
Der Westen hatte mich ganz leicht erobert, beim ersten Mal, kinderleicht. Eines Tages stand er in Form meines Onkels vor der Tür. Aber woher kam er? Aus dem Nichts? Aus Westdeutschland lautete die Antwort. Wir wohnten damals nur fünf Minuten von der Mauer entfernt, die Berlin teilte. Wohnte er hinter dieser Mauer? Meine Eltern malten eine Skizze von Ost-Berlin und West-Berlin, von der DDR und Westdeutschland. Die Skizze erschien mir ziemlich kompliziert, wie eine Matroschka. Er wohnte in Westdeutschland, aber um zu uns zu kommen, musste er erst nach West-Berlin. Er musste also dreimal durch die Mauer, bevor er bei uns war. Mutig, dachte ich, und geheimnisvoll. Wir waren immer aufgeregt, wenn er da war.
Wie alle, die aus dem Westen kamen, roch er anders. Im Flur hing sein Mantel. Ich schnupperte daran und roch die ganze hineingesprühte Freiheit. Der Onkel versorgte uns mit Geschichten aus der weiten Welt und mit Schokolade aus den Intershops. Als Kinder durften wir da nicht hinein, wir mussten in sicherer Entfernung warten, bis wir die Gaben in Empfang nehmen durften. Draußen in der DDR, der Welt außerhalb der Intershops, roch es nach Trabi und dem Putzmittel Wofasept, drinnen nach Westen. Es wurde wirklich alles dafür getan, bei uns die Neugier auf den Westen zu wecken.
Westbesucher rochen gut, sie waren bunt angezogen, und sie waren sehr laut. Wir waren ein Flüstervolk, sie grölten hinein in unsere Ost-Stille. Die Gäste waren willkommen, aber sie warfen sich in unsere Sessel, als könne man morgen bei Ikea neue kaufen. Mit einem Besucher stritt ich mich über Politik. Mitten im Streit zückte er ein Fünf-DM-Stück - schwer und glänzend -, um mich ruhigzustellen. So entstand in mir das Bild des Westlers und des Westens.
Der Westen, das waren auch Stimmen, Radiostimmen. Meine Mutter hörte immer im Rias die Berichte von den Sonderangeboten - Blumenkohl 1,20 oder Erdbeeren aus Werder 1,50. Sie schürten den Hass auf unsere Konsum-Läden. Durch die Bundesliga und den Verkehrsfunk erweiterte ich meine westdeutschen Erdkunde-Kenntnisse. Später rundeten der Danone-Joghurt, den wir in Ungarn kauften, und ältere, zerlesene SPIEGEL-Ausgaben mein Bild vom Westen ab. Es war ein phantastisches Puzzle, in dem lauter Teile fehlten. Aber das merkte ich erst später.
Gegen diesen Westen in unseren Köpfen hatte der Unterricht in Staatsbürgerkunde keine Chance. Der Westen unterwanderte die sozialistische Moral, die nicht vorhanden war. In der Schule traktierten wir unsere Lehrer mit Informationen vom Klassenfeind, die sie natürlich auch hatten, aber nicht verwenden durften. Ich trug nie Ost-Jeans, hatte als Schüler einen Pelikano-Füller und Adidas-Sportzeug. Lehrer monierten, meine Weltanschauung fuße nicht auf dem Sozialismus. Das traf es genau. Natürlich wollten wir alle in ein sozialistisches Paradies, aber bitte nicht in dieses. Und bitte nicht ohne Lego, Matchbox und Pink Floyd. In der Jungen Gemeinde spielten wir ein wenig Flower-Power, färbten unsere Hosen und Haare. Hörten Musik von drüben. Aber was heißt schon drüben? Drüben war längst hier. Den Fernseher anschalten, das war unsere tägliche Ausreise.
Ich war gefühlter Bundesbürger in der DDR. Westler im Osten. Das änderte sich erst mit dem Ende der DDR.
An dem Tag, als die Leute die Mauer stürmten (sie fiel nicht), saß ich in einer Wohnung, einer hübschen Ruine mit Außentoilette. Wir liefen nachts los. Wir freuten uns riesig, amüsierten uns über die plötzlich so freundlichen Polizisten. Wir diskutierten, wie sie aussehen könnte, eine heile DDR ohne Stasi und mit Volkseigentum, das vom eigenen Volk nicht ständig geklaut wird. Im Radio hörte ich erstmals das Wort Wiedervereinigung. Das Wort traf mich wie ein Hammer. Wieso "Wieder"? Wieso nicht "Neu"? Und was ging den Kohl das überhaupt an? Nach einem neuen Staat war mir nicht zumute. Vielleicht war das der Moment, in dem ich mich zum ersten Mal überhaupt als DDR-Bürger fühlte. Die eine Übermacht gerade überwunden, hatte ich das Gefühl, die nächste sei im Anmarsch. Ich hatte das Gefühl, etwas verteidigen zu müssen. Ich hatte nie ja zu diesem Land gesagt, aber jetzt tat ich es trotzig und vergebens.
Der Westen bekam nun ein ganz anderes Gesicht. Er war nicht mehr der nette Onkel, der abends wieder geht. Der Westen richtete sich ein bei uns. Kohl war nicht anders als der Besucher mit dem Fünf-DM-Stück. Im Sommer 1990, als alle durch die Welt reisten, verkroch ich mich in den östlichsten Teil des Ostens, in ein Haus an der Oder, und war gespannt, ob es die West-Mark auch in den letzten Winkel der DDR schaffen würde. Sie schaffte es. Die West-Mark traf ein, DDR-Produkte wanderten in den Müll, überall klebten O-Frische-Bohne-Aufkleber. Unser Wirt stand vor der leeren Schenke. Er hatte den Sozialismus überlebt, aber jetzt mutierten seine Alkis zu Heimtrinkern, sie tranken Büchsenbier und nicht sein teures Gezapftes. Mit der D-Mark erreichten uns neue Wörter, die wir nicht kannten, Ungetüme wie "Arbeitsamt", "Kurzarbeit null", "Rechtsnachfolger", "Buschzulage". Wir saßen da und überlegten, woran wir uns noch zu gewöhnen hatten.
Freiheit und Fremdheit waren ein Bündnis eingegangen. Die Freiheit hatten wir uns einfacher vorgestellt. Wir dachten an freies Reisen und freies Reden. Aber wir hatten nicht damit gerechnet, dass so vieles anders werden würde. Unser Leben verkomplizierte sich.
Besuche in Gaststätten verliefen meist einfach in der DDR. Man bekam keinen Platz und ging wieder. Jetzt war Platz vorhanden, und dazu wurden einem unübersichtliche Speisekarten in die Hand gedrückt. Gorgonzola, Pesto, Gyros. Das nehme ich auch, rief ich immer, wenn ein westdeutscher Begleiter bestellt hatte. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Westdeutsche sagten nie, sie wollten sich mit einem unterhalten. Westdeutsche wollten immer mit einem essen gehen. Wir waren es gewohnt, unsere Wohnungen zu öffnen. Auch flüchtige Bekannte wurden im Westen Freunde genannt.
Geschäftsessen waren für mich ein Horror. Mein erstes wichtiges Geschäftsessen fand in Hamburg statt. Es ging um meinen ersten Vertrag bei einem West-Blatt, dem "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt". Das Problem begann mit der Frage, ob ich eine bestimmte Küche bevorzuge. Warme, lautete die Antwort. Heiterkeit. Wie süß, der Wilde. Die Herren wurden in dem Lokal, das sie längst ausgesucht hatten, mit Namen begrüßt. Ich sei aus dem Osten, wurde einem Kellner erklärt. Ich wusste nicht wohin mit meinen Händen in dem Lokal, ich wusste nicht, was ich bestellen sollte. Ich wusste nicht, wie viel man so verdient. Alle Versuche, West-Kollegen die Höhe ihres Gehalts zu entlocken, waren gescheitert, auch wenn ich ihnen vorher sagte, wie viel ich in der DDR verdient hatte.
Ich musste Stunden durchhalten und mir Fragen anhören, die nur einen Schluss zuließen: Die wussten nix von uns. Ich hatte immer gen Westen geblickt, die leider auch. Ich hatte das Gefühl, ihnen beweisen zu müssen, dass ich Dusch- von Telefonzellen unterscheiden kann. In der Straße, in der ich übernachtete, standen teure Autos. Mit meinem Lada stand ich zwischen Porsche und Mercedes. Mein Auto war laut und stank. Die Leute schauten, als wären die Russen einmarschiert. Die Fahrt hatte sich dennoch gelohnt. 4100 DM. Im Monat. Das war unfassbar.
Ein ganz normaler Kollege sein, das ging nicht. Ich wurde befragt zur Spezies der Ostdeutschen, deren Leben aus der Ferne offenbar grundsätzlich anders ablief als das normaler Menschen, kurz gefasst so: Erst für die Stasi spitzeln, dann West-Geld falsch ausgeben und als Hobby Ausländer prügeln. Ich sollte das Ost-Gen suchen. Unmerklich kam ich aus der Rolle des Erklärers des Ostens in die des Verteidigers. Die Fragesteller hatten mir still und heimlich eine andere deutsche Staatsbürgerschaft verpasst. Ich fand diese DDR immer schrecklich, aber plötzlich war ich mehr DDR als in der DDR und mehr als ich je sein wollte.
Beim nächsten Arbeitgeber mit Sitz in Hamburg nahm mein DDR-Gefühl noch zu. Unfreiwillig. Beim ersten Gespräch in der SPIEGEL-Chefetage wurde mir erklärt, wie verschwiegene Stasi-Tätigkeit gewertet werde - ein Grund zum Rausschmiss. Das war einfühlsam. Die Runde lachte prächtig auf meine Kosten. Alle waren sehr laut. Dabei hatte der Fragesteller einst bei dem Links-Blatt "Konkret" gearbeitet, das es ohne Beistand der DDR-Organe wohl nie gegeben hätte. Ich wusste, ich war in der Hochburg westdeutscher Selbstgerechtigkeit gelandet.
Einige meiner neuen Kollegen waren jünger als ich, trugen Anzug und waren in der Lage, Wahrheiten zu verkünden. Ihre Lebenswege waren so bruchlos wie die der Politiker, denen sie vorhielten, reine Parteikarrieren hinter sich zu haben. Ruckartig endeten Gespräche, wenn der Chef rief. Bevor sie selbst ein Urteil abgaben, erkundeten sie diskret die Haltung ihres Chefs. Den Hort der Freiheit hatte ich mir anders vorgestellt.
Je länger ich unter Westdeutschen arbeitete, desto mehr verflog mein Ärger über die Mitläufer von einst. Opportunismus war in der DDR ein Produkt der Angst vor dem Abstieg, im Westen ein Produkt der Hoffnung auf den Aufstieg. Manchmal dachte ich darüber nach, welche Verwendung man für den ein oder anderen Kollegen in der DDR gefunden hätte, da gab es sicher ein großes Potential an Parteisekretären.
Und ich bewunderte meine neuen Kollegen für ihre Weitsicht. Die DDR musste zusammenbrechen, das sei absehbar gewesen, erklärten sie. In den Zeitungen, die mich aus dem Westen erreicht hatten, hatten sie mich darüber allerdings nicht rechtzeitig informiert.
Niemals wäre ich darauf gekommen, von dem Fehlverhalten eines rheinischen Landrats auf alle westdeutschen Landräte zu schließen. Umgekehrt ging das ganz schnell. Das Wort Ostdeutschland sorgte für Sippenhaft, es ersetzte das Kürzel DDR. Es war eine sprachliche Ausbürgerung, das Pendant zum "Wir", das die PDS plakatierte. Und warum kannte kaum einer der Westdeutschen das Wort Demut? Warum traten die so auf, als wäre ihre Demokratie ihr Verdienst? Warum waren sie so glücklich, wenn sie von den Missgeschicken der Brandenburger hörten? Eines verwunderte mich am meisten. Dass die Erwartung an die Veränderungsbereitschaft der Ostdeutschen so selten einherging mit dem Versuch, selbst dazuzulernen. Oft habe ich interveniert, wenn die Geschichte des untergegangenen Staates in großen Jubiläumsgeschichten einfach vergessen worden war. Irgendwann habe ich damit aufgehört. Ich wollte nicht Anwalt eines Staates sein, dessen Bürger ich nur ungern war.
Niemals habe ich den Schritt gen Westen bereut. Ich stehe bis heute ehrfürchtig vor dem SPIEGEL-Haus, wenn ich in Hamburg bin. Ich wundere mich immer wieder darüber, wohin ich in diesem Leben gelangt bin. Es gibt auch Freundschaften, aber ein wenig Fremdheit bleibt. Als wäre ich der Besucher. Manchmal vermisse ich die Ruhe, über die ich mich früher beklagte. Ich vermisse Verabredungen in Wohnungen, in denen sich mehr Nähe entwickelt als im Restaurant. Gespräche ohne Konkurrenzgefühle und in denen das Wort Geld nicht vorkommt. Ich gehöre zu den Gewinnern der Einheit. Ich habe mir die DDR nie zurückgewünscht, aber ich kann verstehen, wenn es Verlierer tun.
Als es mit der DDR vorbei war, hat mein geliebter Onkel einmal darüber gesprochen, wie es für ihn war, in die DDR zu reisen. Ich war überrascht. Es sei für ihn unangenehm gewesen, bestaunt zu werden, sagte er. Er erzählte, dass er oft Kritisches über Westdeutschland geäußert habe. Wir hätten es aber nicht hören wollen.

DER SPIEGEL 39/2010
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