27.09.2010

INTERNET„Mir bleibt nur der Rückzug“

Der deutsche WikiLeaks-Sprecher Daniel Schmitt, 32, über sein Zerwürfnis mit Julian Assange, dem Gründer der Enthüllungsplattform, seinen Ausstieg aus der Organisation - und seinen richtigen Namen
SPIEGEL: Herr Schmitt, WikiLeaks und Sie sind seit mehreren Wochen nicht mehr per E-Mail zu erreichen. Was ist los?
Schmitt: Es gibt technische Probleme und niemanden, der sich darum kümmert. WikiLeaks steckt in einer Phase, in der sich das Projekt verändern müsste. Wir sind in den letzten Monaten wahnsinnig schnell gewachsen und müssten uns dringend in allen Bereichen professionalisieren und transparenter werden. Diese Entwicklung wird intern blockiert. Selbst mir ist nicht mehr klar, wie bei uns eigentlich Entscheidungen getroffen werden und wie diese zu verantworten sind. Wegen des hohen Drucks, den wir seit der Veröffentlichung der amerikanischen Militärdokumente haben, sind wir nicht dazu gekommen, die Organisation entsprechend umzubauen. Das führt dazu, dass nicht alle Arbeiten richtig erledigt werden. Das alles überfordert das Projekt.
SPIEGEL: Ist das Ihre Auffassung, oder sehen das alle Beteiligten so?
Schmitt: Das ist einer der internen Streitpunkte, aber es gibt weitere. WikiLeaks war beispielsweise immer diskriminierungsfrei. Wir haben kleinere Einsendungen, die nur lokal wichtig waren, immer genauso bearbeitet und veröffentlicht wie umfangreiche Dokumente, die national oder sogar international wichtig sind.
SPIEGEL: Warum machen Sie nicht beides?
Schmitt: Das hätten wir gern getan, aber leider sind wir in einer Sackgasse. Ich habe mehrfach versucht, das anzustoßen, aber Julian Assange hat auf jede Kritik mit dem Vorwurf reagiert, ich würde ihm den Gehorsam verweigern und dem Projekt gegenüber illoyal sein. Vor vier Wochen hat er mich suspendiert - als Ankläger, Richter und Henker in einer Person. Seither habe ich beispielsweise keinen Zugriff mehr auf meine WikiLeaks-Mail. Damit bleibt viel Arbeit liegen, andere Helfer werden blockiert. Ich weiß, dass niemand aus unserem Kernteam damit einverstanden war. Aber das scheint keine Rolle zu spielen. WikiLeaks hat ein strukturelles Problem. Für mich ist das nicht länger zu verantworten, deshalb verlasse ich das Projekt.
SPIEGEL: Warum ist Ihr Streit mit Assange so eskaliert?
Schmitt: Wir alle hatten in den letzten Monaten wahnsinnigen Stress. Es sind Fehler passiert, was in Ordnung ist, solange man daraus lernt. Dafür muss man sie sich aber eingestehen. Vor allem scheint das Vertrauen verlorengegangen zu sein, dass wir an einem Strang ziehen.
SPIEGEL: Assange selbst sagt, Sie hätten die Machtfrage gestellt und die Führung von WikiLeaks übernehmen wollen.
Schmitt: Aus meiner Sicht war es kein Machtkampf, es ging nicht um persönliche Interessen, sondern um unsere Organisation und deren Weiterentwicklung. Warum er das anders sieht, weiß nur er selbst.
SPIEGEL: Immerhin haben Sie ihm dazu geraten, sich wegen der Vergewaltigungsvorwürfe, die gegen ihn in Schweden erhoben werden, zeitweise aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.
Schmitt: Die Ermittlungen gegen Julian in Schweden sind aus meiner Sicht ein persönlicher Angriff auf ihn, aber sie haben nichts mit WikiLeaks direkt zu tun. Das alles kostet ihn Zeit und Energie und setzt ihm zu. Aus meiner Sicht wäre es das Beste gewesen, er hätte sich ein Stück zurückgenommen, um diese privaten Probleme in Ruhe zu klären. Es hätte nichts dagegen gesprochen, wenn er im Hintergrund normal weitergearbeitet hätte. Er hat meinen internen Vorschlag aber offenbar als Angriff auf seine Rolle gesehen.
SPIEGEL: Wie geht es nun weiter?
Schmitt: Ich habe an WikiLeaks gearbeitet, weil ich die Idee für richtig und wichtig halte. Wir haben mehrfach versucht, mit Julian über all die angesprochenen Fragen zu reden, ohne Erfolg. Ich habe mehr als hundert Interviews für Medien in aller Welt gegeben, die Finanzen in Deutschland koordiniert und an Veröffentlichungen mitgearbeitet. Jetzt ziehe ich mich aus dem Projekt zurück und übergebe meine Aufgaben - an wen auch immer.
SPIEGEL: Wen meinen Sie, wenn Sie von "wir" reden?
Schmitt: Eine Handvoll der Leute aus dem Kernteam, die die Dinge ähnlich sehen wie ich, aber nicht öffentlich in Erscheinung treten wollen. Ein Großteil der Arbeit wird von Menschen gemacht, die ungenannt bleiben möchten. Da gibt es eine Menge Unmut, und einige werden wie ich aussteigen.
SPIEGEL: Sie verlassen das Projekt in einer kritischen Phase. Müssen Sie nicht befürchten, dass Ihnen viele Internetaktivisten Verrat an der Sache vorwerfen werden?
Schmitt: Das ist mir bewusst, und Sie können davon ausgehen, dass ich mir den Schritt lange und gut überlegt habe. Immerhin habe ich in den letzten Jahren sehr viel Zeit, Geld und Energie in WikiLeaks gesteckt. Aber ich muss das, wofür ich öffentlich einstehe, auch vertreten können. Deshalb bleibt mir momentan nur der geordnete Rückzug.
SPIEGEL: Was genau wollen Sie nicht mehr vertreten?
Schmitt: Wir versprechen beispielsweise allen unseren Quellen, ihr Material zu publizieren. Zuletzt haben wir uns allerdings nur auf die großen Themen konzentriert und praktisch alle Ressourcen darauf verwendet, zum Beispiel auf die Afghanistan-Dokumente der US-Armee Ende Juli. Das Video des Luftangriffs in Bagdad aus dem Jahr 2007, "Collateral Murder", war ein extremer Kraftakt für uns. In derselben Zeit hätten wir Dutzende anderer Dokumente veröffentlichen können. Und durch unsere gestiegene Bekanntheit ist im letzten halben Jahr noch einmal sehr viel Material hinzugekommen, das dringend bearbeitet und publiziert werden müsste.
SPIEGEL: Durch die Veröffentlichung der geheimen Afgha-
nistan-Berichte, auch durch den SPIEGEL, haben Sie sich mit der Weltmacht USA angelegt. Washington droht Ihnen mit einer Strafverfolgung wegen Spionage, WikiLeaks-Unterstützer sind vom FBI vernommen worden. Bradley Manning, einer Ihrer angeblichen Informanten, sitzt im Gefängnis. Fürchten Sie den großen öffentlichen Druck?
Schmitt: Nein, externer Druck gehört dazu. Aber diese eindimensionale Konfrontation mit den USA ist nicht das, wofür wir angetreten sind. Es ging uns immer darum, Korruption und Missbrauch von Macht aufzudecken, wo auch immer sie stattfinden, im Kleinen wie im Großen, auf der ganzen Welt.
SPIEGEL: Was bedeutet es für die Organisation, wenn sich das nach Assange bekannteste Gesicht auf diese Weise verabschiedet? Ist die Zukunft von WikiLeaks gefährdet?
Schmitt: Das hoffe ich nicht. Dafür ist WikiLeaks eine zu wichtige Idee. Es gibt eine ganze Reihe neuer Leute in Schweden und Großbritannien, und ich hoffe, dass sie alle an etwas Sinnvollem arbeiten. Ich glaube an dieses Konzept, für das wir angetreten sind, und ich bin zuversichtlich, dass es überlebt.
SPIEGEL: Müssen Ihre Informanten um ihr Material bangen, wenn nun ein Teil der WikiLeaks-Mannschaft aussteigt?
Schmitt: Aus meiner Sicht sollten Material und alle Spendengelder bei WikiLeaks bleiben, denn beides ist explizit diesem Projekt zugeflossen. Es gibt da intern auch andere Meinungen, etwa bei unseren Technikern. Wir werden aber auf jeden Fall sicherstellen, dass eine saubere Übergabe stattfindet.
SPIEGEL: Sie haben für WikiLeaks Ihren Job geschmissen. Wie geht es für Sie weiter?
Schmitt: Ich werde weiter meinen Teil dazu beitragen, dass die Idee einer dezentralen Enthüllungsplattform nicht untergeht. Daran werde ich jetzt arbeiten. Es enspricht im Übrigen einer unserer früheren gemeinsamen Überzeugungen: Am Ende muss es tausend WikiLeaks geben.
SPIEGEL: Sie haben sich als Sprecher von WikiLeaks immer "Daniel Schmitt" genannt. Wie heißen Sie wirklich?
Schmitt: Es ist wohl an der Zeit, auch damit aufzuhören und öffentlich mit meinem Namen zu meiner Meinung zu stehen. Ich heiße Daniel Domscheit-Berg.

WikiLeaks

wurde Ende 2006 von einer Gruppe um den Australier Julian Assange, 39, gegründet; der ehemalige IT-Systemadministrator Daniel Schmitt stieß Ende 2007 dazu. Das Netzwerk versteht sich als Plattform zur anonymen Publikation sensibler Dokumente. Auf diese Weise sollen Regierungen kontrolliert werden. WikiLeaks' spektakulärster Coup war die Veröffentlichung von rund 77 000 geheimen Meldungen des US-Militärs aus dem Afghanistan-Krieg zusammen mit dem SPIEGEL, dem "Guardian" und der "New York Times".
(*) Am 26. Juli in London nach der Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumente.
Von Marcel Rosenbach und Holger Stark

DER SPIEGEL 39/2010
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