04.10.2010

ESSAYWir Westalgiker

Wie die Westdeutschen der inneren Einheit Deutschlands im Wege stehen Von Markus Feldenkirchen
Ich war kein Freund der Wiedervereinigung. Das mal vorweg. Von mir aus hätte es damals keine Revolution geben müssen. Ich war damals 14 Jahre alt und versprach mir persönlich nichts davon. Es ging uns doch bestens. Damals im Westen.
Ich weiß noch genau, was ich an jenem Abend empfand, als die Mauer fiel. Ich saß allein vor dem Fernseher und musste lachen, ohne mich freuen zu können. Die Kamera zeigte feiernde Menschen, die mir fremd waren, sie trugen Baumfällerhemden, Jeansjacken und - egal, ob Frau oder Mann - eine Einheitsfrisur: extrem gelockt und hinten etwas länger. Einen Pudellook. So sah ich es damals. Ihre Augen glänzten, manche brachten es fertig, zeitgleich zu lachen und zu weinen.
Ich verstand die Euphorie dieser Menschen nicht, der Funke wollte nicht überspringen. Ihre Freude berührte mich peinlich, es fühlte sich unangenehm an. Ich ahnte, dass es korrekt gewesen wäre, sich mitzufreuen, dass es eine Aufgabe von nationaler Bedeutung sein könnte. Aber es gelang mir nicht, es war nicht meine Party. Die Pudel feierten, und ich ging ins Bett.
Eigentlich hätte dies die Stunde meiner Generation sein müssen. Jede Generation hat das Verlangen nach dem einen großen historischen Moment, der Erzählstoff liefert für den langen Rest des Lebens. Unsere Großeltern hatten ihren Weltkrieg gehabt, ihre schaurigen Geschichten aus Luftschutzbunkern und Schützengräben, von Kameradschaft und vom Töten. Unsere Eltern und Lehrer hatten ihre kleine Revolution gehabt, ihr 68, nun konnten sie den Rest ihres bürgerlichen Lebens erzählen, wie rebellisch sie einst gewesen waren und - ganz nebenbei - wie leicht man damals Sex haben konnte. Nur meine Generation hatte bislang weder einen Krieg noch großen Sex vorzuweisen. Jetzt aber schien die Stunde einer neuen Generation gekommen, Großes leuchtete am Horizont des Weltgeschehens. Nur leider berührten mich die Ereignisse nicht, so allein vor meinem Fernseher im tiefen Westen.
Jetzt, da sich die Wiedervereinigung zum 20. Mal jährt und die Klagen wieder anschwellen, dass wir bis heute ein geteiltes Land sind, dass wir zu wenig voneinander wissen, uns nicht füreinander interessieren, jetzt also ist es Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Ich bekenne mich schuldig der Ignoranz: in wiederholter und schwerwiegender Form.
Dass wir Deutsche noch immer nicht richtig vereint sind, liegt nicht allein an den nie zufriedenzustellenden, ständig rumnörgelnden Ostdeutschen. An denen liegt es natürlich auch, aber mindestens so fatal war unsere westdeutsche Ignoranz. Ich wusste damals, als die Mauer fiel, nichts über die Menschen im Osten, und sie interessierten mich auch nicht. Ich fand auch nicht, dass wir zusammengehörten. Mit Leuten wie mir war es schwer zusammenzuwachsen.
Natürlich gibt es Gründe für unser Desinteresse, mildernde Umstände sozusagen. Man muss sich einfach vergegenwärtigen, wie wir, wie die meisten Westdeutschen groß wurden.
Ich bin ein Kind der Bonner Republik, aufgewachsen im Bergischen Land, im fernen Westen der Republik. Ich hatte eine Jugend mit Rheinischem Kapitalismus und Rheinischem Sauerbraten. Unsere Aufmerksamkeit war damals, in den Achtzigern, ganz gen Westen gerichtet. Wir trugen die Jeans aus dem Westen, hörten die Lieder des Westens, sahen die Filme des Westens, träumten die Träume des Westens. Die Deutsche Demokratische Republik hingegen kam mir vor wie das Herz der Finsternis, emotional rangierte sie bei mir auf der gleichen Stufe wie die Demokratische Republik Kongo.
Mit dem Fußballverein fuhren wir nach England, mit der Schulklasse nach Frankreich, in den Urlaub nach Österreich und in den fetten Jahren auch mal nach Spanien. Ich fühlte mich diesen Ländern und ihren Einwohnern verbunden, Spaniern, Italienern, Franzosen und - trotz ihres schlechten Rufs - sogar den Holländern. Zumindest wusste ich einiges über sie, man kam in Kontakt. Holland lag gleich in der Nachbarschaft und hatte neben gepflegten Minigolfanlagen auch schöne Strände zu bieten. Zudem wimmelte es selbst bei uns im Bergischen von Niederländern, weil sie die Eigenschaft hatten, an jeder Erdvertiefung, die mit Wasser gefüllt war, ihre Zelte und Wohnwagen abzustellen.
Mit den Einwohnern der DDR hingegen stand ich nicht in Kontakt. Meine Familie hatte weder Verwandte noch entfernte Bekannte im Osten. Es gab niemanden, dem wir einen Besuch hätten abstatten oder wenigstens Schokolade schicken können.
Immerhin hatte ein Jahr vor dem Fall der Mauer ein gewisser Rico im Elektrogeschäft meines Onkels eine Lehre begonnen. Der Junge komme aus der Zone, sagten die Alten, er habe mit seinen Eltern ausreisen dürfen. Leider war Rico nicht sehr gesprächig, und wenn er mal sprach, verstand ich ihn schwer. Er kam aus Sachsen. Das genügte nicht, um mich im Herbst '89 gleich für Ricos ganzes Volk zu freuen.
Den meisten meiner Generationskollegen in Ostfriesland, im Münsterland, in Schwaben oder dem Allgäu erging es ähnlich. Wer nach dem Bau der Mauer im Westen geboren wurde und nicht zufällig über eine Oma im Osten verfügte oder im Zonenrandgebiet aufwuchs, konnte eine vollkommen ostfreie Jugend verleben. Ohne jeden Berührungspunkt. Kurz vor dem Fall der Mauer hatte laut Umfrage nur jeder dritte Bundesbürger persönliche Kontakte zu DDR-Bürgern, von den 14- bis 29-Jährigen sogar nur jeder vierte. Die DDR war Ausland, weit entfernt, ausländischer ging es kaum.
Im Geschichtsunterricht lernten wir auch nicht viel über unsere Brüder und Schwestern von drüben. Viel wichtiger war laut Lehrplan natürlich die athenische Demokratie und der deutsche Vormärz. Selbst dem Stadtrecht im Mittelalter widmeten wir mehrere Monate. Wir wussten alles über die Goldene Bulle, aber nichts über die Stasi. Als wir schließlich am Ende des Zweiten Weltkriegs ankamen, war das Abitur schon fast geschrieben.
So verfolgte ich das Jahr zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung weitgehend unbeteiligt. Erst als Franz Beckenbauer im Sommer 1990 nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft versprach, Deutschland werde auf Jahre unbesiegbar sein, jetzt, da auch noch die Ostdeutschen hinzustießen, konnte ich zum ersten Mal einen gewissen Sinn in der Wiedervereinigung erkennen. Leider erwies sich Beckenbauers Prognose vorerst als Unsinn.
In den Neunzigern ging es zunächst weiter wie in den Achtzigern. Die Ostdeutschen hatten das Jubeln eingestellt, und wir Wessis hatten unsere Ruhe zurück. Für uns hatte sich auf den ersten Blick ja wenig verändert. Wir durften unsere kassenärztlichen Zahnersatzleistungen behalten, und auch die Rente blieb sicher. Nicht mal den geregelten Spielbetrieb der Bundesliga konnten die Ostdeutschen beeinträchtigen, dort darf die alte Bundesrepublik bis heute ungestört ihre Westdeutsche Meisterschaft austragen. Dass sich unser schnuckeliges Bonn irgendwann nicht mehr Hauptstadt nennen durfte, war zu verkraften - so einzigartig war die Stadt dann auch wieder nicht.
Wann immer ich in der Zeitung lesen musste, dass ich nun zur "Generation Wiedervereinigung" gehöre, musste ich schmunzeln. Der Begriff klingt so groß, so bedeutsam, aber er trifft es nicht, es fehlt ihm jede Rechtfertigung. Es stimmte zwar, dass wir ein großes Ereignis miterlebt hatten, im Fernsehen zumindest, aber es sollte uns nicht verändern. Uns Wessis jedenfalls nicht.
Noch heute hat nur ein Fünftel der Westdeutschen Freunde aus dem Osten. Ich weiß nicht, wie wenig mich der Osten noch immer interessieren würde, wenn ich in meiner westdeutschen Provinz geblieben wäre. Wenn ich später nicht Geschichte studiert hätte (in Bonn zwar, aber diesmal mit DDR). Wenn ich vor zehn Jahren nicht nach Berlin gezogen wäre. Wenn ich nicht so oft durch den Osten gereist wäre - als Reporter oder einfach so, als Besucher der vielen mit Wasser gefüllten Erdvertiefungen. Ich habe feststellen können, dass sich Interesse erlernen lässt. Am Ende ist auch die Einheit eine Frage des Fleißes.
Doch unser Desinteresse ist nur ein Faktor, der uns nach wie vor auf Distanz zueinander hält. Seit einigen Jahren gesellt sich unter Westdeutschen ein zweiter hinzu: eine weitverbreitete Unzufriedenheit und die sich anschließende Frage nach einem Schuldigen. 35 Prozent der Westdeutschen sagen heute, dass ihnen die Einheit deutlich mehr Verluste als Gewinne gebracht habe. Im Osten sehen das weit weniger so. Elf Prozent von uns wünschen sich sogar die Mauer zurück. Wir sind auf dem besten Weg, zu Jammer-Wessis zu werden. Leider ist Jammerei generell eher sinnlos, in diesem Fall ist sie nicht mal berechtigt. Denn schuld an der schwierigeren Gegenwart ist keineswegs die Wiedervereinigung.
Das Leben in Deutschland ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten tatsächlich rauer geworden, nicht nur im Osten, auch im Westen. Der Grund dafür ist jedoch weniger in den Folgen der Einheit zu suchen als in den Folgen der Globalisierung, die zeitgleich mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, und von ihm beflügelt, an Fahrt aufnahm.
Der weltweite Wettbewerb hat das Leben unübersichtlicher, hektischer und weniger planbar gemacht, als wir Westdeutschen dies aus unserer gemütlichen Bonner Republik gewohnt waren. Die Globalisierung hat die Angst vor dem Abstieg auch in den Westen getragen.
Erst im Rückblick wird deutlich, dass im Wendejahr 1989 weit mehr untergegangen ist als nur die DDR. Auch die alte BRD verschwand in diesen Wochen. Man bemerkte es damals nur nicht so rasch, weil die Kulissen der Bundesrepublik stehen blieben, es gab keine Mauern, die hätten fallen können. Anders als der Untergang der DDR verlief der Untergang der BRD geräuschloser, siechender. Es war der Untergang der gemäßigten Republik, einer Wirtschaftsordnung ohne größere Zumutungen.
So hat sich zum länger bekannten Phänomen der Ostalgie in den vergangenen Jahren die Westalgie gesellt - eine Stimmung, die der Schriftsteller Jochen Schimmang in seinem Bonner-Republik-Roman "Das Beste, was wir hatten" wunderbar eingefangen hat.
Wie ihre östliche Schwester speist sich auch die Westalgie aus der Verbindung zweier Zutaten: der Erinnerung an eine schöne, wohlbehütete Vergangenheit, in der die großen politischen Themen, der Kalte Krieg oder Tschernobyl, viel zu groß waren, als dass sie etwas mit unserem Alltag zu tun gehabt hätten. Und den schwierigen, zum Teil ernüchternden Erfahrungen der vergangenen 20 Jahre. Algien gedeihen vor allem dort, wo Unzufriedenheit herrscht, das Gefühl, zu kurz zu kommen.
Beide, Ost- wie Westalgie, haben etwas Verzweifeltes. Es ist die Verdrängung der Gegenwart durch den Blick zurück. Erst wenn auch wir Wessis begriffen haben, dass die Herausforderung, vor der wir Deutschen stehen, die gleiche ist, werden wir wirklich ein Volk sein. Und vielleicht bekommt Franz Beckenbauer ja doch noch irgendwann recht.
Vom Autor ist soeben ein Wenderoman erschienen ("Was zusammengehört". Kein & Aber Verlag, Zürich; 320 Seiten; 19,90 Euro).
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 40/2010
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