04.10.2010

FINANZENDie Geldmacht

Vor drei Jahren war der Internationale Währungsfonds bedeutungslos. Dann kam die Krise. Nun regieren die Truppen des IWF ganze Staaten und setzen Europa unter Druck. Von Klaus Brinkbäumer und Ullrich Fichtner
Die Zentrale der Weltwirtschaft wird scharf bewacht, sandfarben ist die Fassade, zwölf Etagen hoch, weit und gläsern das Atrium, Wasser sprudelt. Die Flaggen der 187 Mitglieder stehen dicht an dicht. Wer reinkommt in diesen Büroturm mitten in Washington, findet rechts die Cafeteria, wohin viele Meetings gelegt werden: Sakkos über den Lehnen, Ärmel hochgekrempelt, Milchkaffee in Pappbechern, hier reden die Fachleute Länder in die Krise oder in den Aufschwung. Ein paar Meter weiter liegt The Terrace, das feine Restaurant, in dem der Direktor Staatsgäste empfängt.
An einem Dienstagnachmittag Ende September, draußen fallen erste Blätter, sitzt der Direktor im blauen Anzug mit blauem Schlips auf einer blauen Couch weit oben im Hauptquartier des Internationalen Währungsfonds (IWF) und entwirft die neue Welt. In Teilen existiert sie schon, irgendeine neue Weltordnung musste die im September 2008 eingestürzte ja ersetzen, und was da entstand, ist nicht übel. Doch ist es robust?
Es sind wichtige Tage im Leben der Menschheit. Die Krise zwingt alle, über vieles neu nachzudenken, der Währungsfonds bereitet seine Jahrestagung vor, sie beginnt am 8. Oktober. Kann er leisten, was erwartet wird, kann er Polizist der neuen Weltwirtschaftsordnung sein, die global agierenden Banken kontrollieren?
"Sie müssen sich den IWF wie einen Arzt vorstellen", sagt Dominique Strauss-Kahn, 61. "Das Geld ist die Medizin. Aber die Staaten, die Patienten, müssen auch ihr Leben ändern, wenn sie gesund werden wollen. Anders geht es nicht." Solche Sätze sagt er mit einem gütigen Lachen, bei dem seine Augen verschwinden hinter kleinen Kissen aus faltiger Haut.
Der Internationale Währungsfonds, sagt sein Direktor, hatte die Welt vor dem Einsturz gewarnt, vor der amerikanischen Immobilienblase und den Folgen, aber "Regierungen wollen keine schlechten Nachrichten hören", das sagt Dominique Strauss-Kahn. Und als die Krise im Herbst 2008 kam wie berechnet, reagierte die alte Welt spät, und Europa braucht immer sechs Monate für einen Beschluss.
Das war die Zeit, als die Welt das Fundament für ihre neue Ordnung legte.
Zwei Telefone stehen links von Strauss-Kahn und zwei rechts. Es ist ein hoher Raum, beigefarben der Teppich, weiß die Gardinen, im Regal eine alte Uhr, Bücher über mexikanische Malerei. Er wird DSK genannt, es klingt wie Dominiques Spezial-Kommando, eine Drei-Buchstaben-Marke wie IWF oder USA, aber er spricht, ganz weich, französisches Englisch.
Und DSK lehnt sich zurück, wägt die Worte, blickt aufs Diktiergerät, lächelt. Die neue Weltordnung, nun denn.
Wichtig werden Länder wie China und Indien sein, aufsteigende Märkte, längst stabil, schlagkräftig ohnehin. Wenn er in China oder Asien sei, sagt Strauss-Kahn, dann sagten ihm die Staatschefs dort, dass sie Europa vorerst abgeschrieben hätten. "Sie sagen, sie würden sich ein starkes Europa durchaus wünschen, aber es gebe immer einen Teil der Welt, der nicht mitkomme, früher waren sie es, jetzt ist es halt Europa. Es sei ein Jammer, aber die Welt könne auch ohne Europa leben."
Die neue Welt könnte eine beängstigende sein. Der Direktor sagt: "Die Europäer glauben, sie seien das Zentrum der Welt, aber in der Wirklichkeit ist das nicht mehr so klar. Worum es im Moment geht, das ist die Frage, ob Europa in Zukunft noch dabei ist in einem Spiel mehrerer Spieler, zwangsläufig ist das nicht."
Die Vereinten Nationen werden wohl auch nicht mehr so wichtig sein, viel zu zäh und zu träge, und wenn man DSK da richtig versteht, dann werden selbst die USA weniger bedeutend sein, diese egomanischen, handlungsunfähigen USA, die Strauss-Kahn niemals so nennen würde, die aber laut Strauss-Kahn auf die Krise von 2008 nicht mit Blick aufs Weite reagierten, sondern "Bank für Bank, als hätten sie geglaubt, mit der Rettung von Bear Stearns oder dem nächsten kleinen Schritt wäre alles erledigt gewesen". Wichtig werden die G 20, der Zusammenschluss der stärksten Volkswirtschaften, die G 20 sind das Kraftzentrum der neuen Welt. Die G 20 haben dem Internationalen Währungsfonds 850 Milliarden Dollar gegeben und den Auftrag, die Krise zu besiegen, es folgte "die größte globale Koordination aller Zeiten", wie DSK die Krisenarbeit nennt.
Wurde der IWF dadurch die erste Regierung der Welt nach der Krise?
Strauss-Kahn streckt sich, als er die Frage hört, und genießt sie für 20 Sekunden. Er ist ein eleganter Mann, ein Pariser mit weißen Haaren, drei tiefen Stirnfalten, listig und flirtend lächelt er, ein Frauenmann, großgewachsen aber ist er nicht, ein bisschen krumm auch, er sitzt in seinem kühlen, blumig duftenden Büro im zwölften Stock und sagt: "Nein, nein, eine Regierung muss aus gewählten Leuten bestehen, so wie in den G 20. In der Realität funktionieren die G 20 wie eine Regierung. Der Wille, gemeinsam zu handeln, war während der Krise sehr ausgeprägt, aber es ist angemessen zu sagen, dass er schwindet." Die Staatschefs seien "schon wieder mehr mit ihren eigenen chaotischen Problemen beschäftigt und weniger mit Koordination und Konsens".
Der IWF soll das Sekretariat und jene Agentur der G 20 sein, die "Lösungen für globale und nationale Probleme sucht und Pläne entwirft, die Werte schaffen. Damit streben wir mehr als die richtige Steuer- oder Geldpolitik an, ein ultimatives Ziel, Weltfrieden durch ökonomische Stabilität" - so sieht der Chef seine Firma, und erstaunlich ist, dass außer einem Professor in Boston kaum noch jemand widerspricht.
Der IWF, ausgerechnet? Und endlich?
In der internationalen Politik reift seit einigen Jahren die Erkenntnis: Multilateralismus funktioniert nicht. Er scheitert, weil die Uno einen bleichen Generalsekretär hat, stets zu spät am falschen Ort; und weil nicht einmal Klimakonferenzen zum Ziel führen, obwohl nur ganz Verbohrte noch am Klimawandel zweifeln.
Der IWF schien am wenigsten in der Lage zu sein, alles anders und besser zu machen: Seit der Asien-Krise der neunziger Jahre war er beschädigt, 400 Leute mussten gehen, pro Dienstjahr gab es ein Monatsgehalt Abfindung. Als Brasilien letzte Kredite zurückgezahlt hatte, blieben kleinste Kunden, der Fonds war irrelevant.
DSK kam 2007 nach Washington, von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy ins Spiel gebracht, sie waren Rivalen gewesen; nun war Frankreich gestärkt und Strauss-Kahn entsorgt, es war ein diabolischer Plan Sarkozys, so sah es aus.
2007 hatte der Fonds nur noch 2 Milliarden Dollar zugesagt, weltweit, der Begriff "Peanuts" trifft es wohl. Heute sind es 195 Milliarden. 2008, in Davos, forderte Strauss-Kahn einen weltweiten Stimulus-Plan, was in seinen Kreisen schockierend wirkte, weil der IWF immer erst nach einer Krise reagiert hatte und nie prophylaktisch. Rund 900 Milliarden Dollar hat der IWF nun zur Hand, um überall und sofort eingreifen zu können; vor der Weltkrise waren es 250 Milliarden. Die zentrale Frage könnte sein, ob der IWF zu einer Weltwirtschaftsregierung taugt. Es spricht einiges dafür: Es gibt die Erfahrung aus 122 Bankenkrisen, die Strauss-Kahn seit Gründung des Fonds gezählt hat, es existiert keine zweite Institution, die die Zusammenhänge, diese manchmal produktiven und oft destruktiven Wechselwirkungen zwischen realen Volkswirtschaften und ihren Steuergesetzen auf der einen Seite und der modernen Wall Street mit ihrem Investmentbanking auf der anderen Seite durchschaut wie der Technokratenladen IWF.
Der Laden hat sich verändert, "wir haben gelernt, dass wir von der Bevölkerung des Landes, in das wir gehen, verstanden werden müssen, um effektiv handeln zu können", sagt Strauss-Kahn. Aus der kapitalistischen Kampfmaschine International Monetary Fund, auf Englisch IMF abgekürzt, ist eine Denkfabrik geworden, mit "soft power", weichen Methoden, wie die Leute vom Fonds sagen.
Reicht das aus? Der IWF hat kaum Sanktionsmöglichkeiten. Und was kommt nach der Krise: Soll der IWF einfach immer mehr Kompetenzen erhalten? Wie wären die legitimiert? Die USA, die 1944 die Spielregeln festlegten und andere Länder unterschreiben ließen, was einige nicht mal verstanden, haben bei wichtigen Entscheidungen ein Vetorecht. Fallen die armen Länder hinten runter, wenn der IWF die Weltfinanzpolitik im Sinne der G 20 koordiniert?
Die Entdeckungsreise in die Welt des IWF dauerte zehn Wochen, sie führte von Washington D. C. über Ungarn und Griechenland nach Oslo, Brüssel, Boston, New York City und immer wieder zurück nach Washington, dort wohnt der Fonds, Pennsylvania Avenue, Ecke H Street.
Zunächst, am Anfang, gab es nicht mal Absagen, der IWF entfaltet sich Besuchern nicht einfach so, er ist viel kritisiert worden. Strauss-Kahn entschied, dass er die Türen öffnen wolle, und dann gab es keine Schranken mehr, keine Tabus, die einzige Regel: Die meisten Interviews wurden "unter drei" geführt, wie Reporter und Politiker es nennen, Hintergrundgespräche, Zitate waren zur Autorisierung vorzulegen. Feige ist der IWF nicht, im Laufe der Wochen wurde nur ein Zitat vom Zitierten zurückgenommen.
Das Hauptquartier ist ein Irrgarten, eine Welt aus Neonlicht, Topfpflanzen, den immergleichen Stehlampen, eine Zahlenwelt mit Computern im Zentrum. Es gibt eher wenig Papier. Die angemessene Kleidung legt jede Abteilung für sich fest, Anzug muss es im deutschen Büro sein, im Team des Beraters Olivier Blanchard genügt ein offenes Hemd. Man beginnt früh, gegen sieben Uhr, geht spät, und nachts liegt der BlackBerry neben dem Bett, auf Vibration gestellt, nie hat der IWF Pause. "Die Folgen der letzten Krise spüren wir, bis die nächste beginnt", sagt Strauss-Kahn.
IWF-Leute verdienen zwischen 40 000 (Anfänger) und 400 000 Dollar (Strauss-Kahn), für Nichtamerikaner ist das Gehalt steuerfrei, das macht den Laden attraktiv. Kaum einer kündigt. Sie verstehen sich als Club, der sich in der knappen Freizeit in Unterclubs aufspaltet, Fußballer, Fotografen, Köche, und fragt man IWF-Leute, warum sie noch hier sind, nach all den gescheiterten Missionen und der Häme, sagen sie: "Weil wir Einfluss haben", "real impact", so sagen sie es.
John Lipsky, zweitmächtigster Mann des Fonds, Erster Stellvertretender Direktor und Amerikaner, sagt, dass man "hier das Undenkbare denken kann. Dies ist eine Organisation, in der echte Pioniere am Werk waren. Schon 1944. In den Siebzigern. Und heute doch wieder. Was wir gerade tun müssen, ist ohne Beispiel". Es gilt als Leistung des Teams DSK, dass der Franzose den Fonds als "subtil unabhängig" und den Amerikaner mit dem gezwirbelten Schnauzer nicht als einen von der Zentralbank Fed geschickten Aufpasser versteht, sondern als gleichrangigen oder fast gleichrangigen Denker.
Man kann süchtig werden nach Krisen. Roger Nord, Senior Advisor für Afrika, kam 1983 zum Fonds, er war in Ungarn, der Tschechoslowakei, Nepal, machte die Asien-Krise mit, und jetzt will er Afrika retten in einer Zeit, in der der Fonds sich um Europa und die USA sorgt. Poul Mathias Thomsen, blonder Kopenhagener, kam 1982 an jenem Tag, als Mexiko pleiteging. 1987 ging Thomsen nach Osteuropa, die Grenzen fielen, und ehe er nach Griechenland geschickt wurde, um ein Volk umzuerziehen zu einem Leben ohne Korruption und Steuerhinterziehung, rettete er Island.
Das ist die Größenordnung, um die sich beim IWF alles dreht: Es geht um Völker, Kontinente, es geht um Millionen Menschen, um Milliarden Dollar. Am Ende genügen Federstriche, um die Welt zu verändern, Bewegungen an den wenigen Stellschrauben, die die Volkswirtschaft kennt: Währungs- und Zinspolitik, Steuersystem und Beschäftigung, Staatsverschuldung und Außenhandel, Sozialprodukt und Preisentwicklung.
Wie sie alle im Einzelnen zusammenhängen, weiß kein Mensch. Es gibt wissenschaftliche Gewissheiten, aber es sind nicht viele, dazu gibt es Wahrscheinlichkeiten, Annahmen, Meinungen, Moden. Der IWF muss Programme daraus machen, er muss sich festlegen auf Zahlen und Prozentsätze, auf Handlungsanweisungen an Regierungen, und dabei gleicht er einem Artisten, der mit Bällen und Pfannen und Stühlen und Tassen gleichzeitig jongliert. Bleibt alles in der Luft, steht am Ende ein perfekter Staat. Wenn Pfannen oder Tassen zu Boden gehen, kann es Bürgerkrieg geben, jedenfalls muss neu nachgedacht werden.
2400 Leute arbeiten für den Fonds, die meisten in Washington, doch überall in der Welt gibt es kleine Büros, drei, vier Leute pro Land. Stürzt Island, weil es zahlungsunfähig ist, kann es einen An-trag auf einen Kredit stellen, harte Währung, ein subventionierter Zinssatz von manchmal nur 5 Prozent, und es muss schnell gehen. Das Team im Feld, wie es genannt wird, schickt Berichte, ein Team in Washington schreibt einen Rettungsplan, Island stimmt dem Rettungsplan zu; dann berät der Gouverneursrat des IWF und beschließt, dass der Plan funktionieren wird. Nun, per Knopfdruck, gehen 168 Millionen Dollar auf Weltreise und treffen Sekunden später in Reykjavík ein. Das unterscheidet Beschlüsse des IWF von vielen multilateralen Beschlüssen: Es fließt sofort Geld.
Und ein Team aus Washington reist hinterher, berät die Isländer und lässt sie nicht aus den Augen, das bleibt monatelang so, da für den Fonds das Risiko steigt, wegen des neuen Notprogramms, der "Flexible Credit Line", Geld, das ohne Auflagen zu den Leidenden gepumpt wird; ob es je zurückkommt?
Olivier Blanchard gilt als Gehirn der Firma, er sitzt in seinem Büro, 10-700 H, ein schmaler Mann, zwei Hemdknöpfe geöffnet, leise die Stimme. Blanchard ist Makroökonom und DSKs Meinungsflüsterer, Franzose wie Strauss-Kahn, aber nicht aus der Politik, sondern aus Cambridge gekommen. Blanchard hat zwei Jobs im Fonds, Ökonomischer Berater und Direktor der Forschungsabteilung.
Er erzählt, wie sie zu Beginn der Wirtschaftskrise staunend in ihren Büros saßen und versuchten zu verstehen, mit welchen Tricks sich Lehman und andere in die Tiefe gestürzt hatten, "es war ein Full-time-Job, wir schlugen Begriffe wie ,CDO squared' erst mal bei Wikipedia nach". Er kichert, glücklicherweise.
Dann eskalierte die Krise, und nach und nach wurde klar, dass Afrika, Island, viele andere Hilfe brauchten. "Damit waren wir im Spiel", sagt Blanchard, "und was ich vielleicht dazu beigetragen habe, das war eine Erweiterung des Verständnisses: Es geht nicht einfach um eine normale Rezession. Es geht um enorm komplizierte Vorgänge, die weitgedachte und komplizierte Lösungen verlangen."
Olivier Blanchard ist ein listiger Wissenschaftler, der an Strauss-Kahn bewundert, was er an sich vermutlich nicht feststellen möchte: "Das Machiavellische. Ohne das Dunkle. Er ist Machiavelli ohne den Schatten, verstehen Sie?"
Was wirklich anders geworden ist im Fonds, das sollte James Boughton wissen. Ein verwaister Flur, vierte Etage, niemand sonst da, nur leere Zimmer und Boughton, ein älterer Herr, wie eingemauert zwischen seinen Büchern.
Und Boughton erzählt von 1944, der Gründung von Weltbank und IWF in Bretton Woods, New Hampshire, unter dem Eindruck des Krieges. Freier Handel sollte neue Kriege verhindern, das war die Idee, und der Fonds war dazu gedacht, "die Ausdehnung und das gleichmäßige Wachstum internationalen Handels zu ermöglichen", wie es in der Satzung heißt, aber natürlich war da mehr. Die Briten wollten den IWF in New York ansiedeln, die Amerikaner drückten die Nähe zu ihrer Regierung durch. Die Fed, die großen Wall-Street-Banken, das Weiße Haus verstanden den Fonds als Mittel amerikanischer Politik; während des Kalten Krieges hatten Kredite mit Wohlverhalten zu tun. Über Jahrzehnte war neoliberale Wirtschaftslehre die einzig wahre Lehre - Erhöhung der Steuern, Senkung von Subventionen, Öffnung der Märkte.
In der Öffentlichkeit wird Dominique Strauss-Kahn als der verkauft, der den Fonds verwandelt hat. Innerhalb des Fonds erzählen sie, dass der Inder Reza Moghadam, der die Straßenschlachten während der Asien-Krise miterlebte, den Fonds verwandelt hat.
Der Historiker sagt, beides sei nicht ganz richtig, der Wandel habe mit Horst Köhler, dem ehemaligen deutschen Direktor, begonnen. "Köhler hat den Auftrag gegeben, kooperativere Zugänge zu den Kreditnehmern zu finden. Der Wechsel zu individuellen und weniger zudringlich konditionierten Krediten begann mit Köhler", sagt James Boughton.
Die Existenz eines IWF-Direktors ist glamourös. In Strauss-Kahns Büro, daheim in Washington, hängt nur ein Foto: Strauss-Kahn und Barack Obama, brüderlich lachend wie Jungs aus demselben Sportclub. Nun sitzt Dominique Strauss-Kahn auf dem Fensterplatz 4F der Air-France-Maschine Paris-Oslo, es geht zu einer dieser Konferenzen mit den austauschbaren Namen: "Die Herausforderungen von Wachstum, Beschäftigung und sozialem Zusammenhalt", so heißt sie heute. Strauss-Kahn schläft ein, während das Flugzeug zum Start rollt, er ist ein müder Meilenmillionär, dessen Leben aus Fahrten und Flügen gemacht ist, von einer Zeitzone in eine andere, es ist auch eine brutale Existenz, die nur aushält, wer an sich glaubt.
Der Währungsfonds richtet die Tagung gemeinsam mit der ILO aus, der Internationalen Arbeitsorganisation der Uno, und diese Konstellation ist das Bedeutsame. IWF und ILO sind natürliche Feinde, "Hunde und Hühner in einem Raum", sagt Strauss-Kahn. Der Fonds drückt gegen gesellschaftliche Widerstände Reformen durch; während die ILO auf Seiten derer steht, die beim Weltsozialforum den Widerstand organisieren, galt die größte Wut stets dem Fonds, und immer wurde er als böse, anonyme Macht beschrieben, die nach Kräften verhindert, dass eine andere Welt möglich sei.
Abends um zehn Uhr bittet Strauss-Kahn in die Lobby, um ein kleines Gespräch zu führen. Er ist aufgeräumt, fast väterlich, seine schöne Stimme gehört zu seinem Kapital, das zerknitterte Gesicht mit den tiefen Tränensäcken, die schnellen Augen.
Er stellt die Bedeutung der Konferenz mit der ILO heraus, er sagt, sie zeige, dass sich der Währungsfonds "nicht nur um die Makroökonomie kümmere", sondern auch um die Belange des Sozialen, des Gesellschaftlichen. Die Krise, sagt Strauss-Kahn, sei nicht vorüber, "wir brauchen neuen Brennstoff, um wirklich aus der Krise zu kommen". Wachstum sei nicht allein der Schlüssel. "Wachstum ohne neue Jobs hilft uns nicht weiter", sagt er, "jobless growth" sei zu verhindern. Deshalb das Gespräch mit der ILO. "Wir haben uns gewandelt. Die Gewerkschaften haben sich gewandelt. Natürlich: Wir lieben uns immer noch nicht unbedingt; aber wir reden miteinander, wir lernen voneinander."
Nie zuvor hat ein IWF-Chef so gesprochen. Der IWF vor Strauss-Kahn war eine Fabrik, die Blaupausen ausspuckte, welche die bedrängten nationalen Regierungen widerspruchslos umsetzen mussten, um die Kredite zu bekommen. Ein Staat, der sich weigerte, die Auflagen zu erfüllen, und sei es aus Angst um den sozialen Frieden, flog vom Kreditkarussell. Die asiatischen Länder vor allem wandten sich ab; die unbewältigten Krisen in Mittel- und Südamerika hingen lange nach, es reichte, "Argentinien" zu sagen, um den IWF zu beschimpfen. Der Fonds hatte, vor dem Crash von 2008, nicht nur ein Image-, sondern ein Identitätsproblem: Wofür war die Organisation noch gut?
Seit neuestem denkt DSK laut darüber nach, die sozialen Folgen und Kosten von Reformen zum Bestandteil der IWF-Programme zu machen, im Fall El Salvador ist das schon Wirklichkeit geworden. Unter Strauss-Kahn beginnt der IWF, der immer dafür verschrien war, eine Politik des "One-size-fits-all" zu machen, Länderbesonderheiten zu ignorieren, die Komplexität der Globalisierung anzunehmen. "Manche haben Spielraum in der Steuer- und Zinspolitik, andere nicht, jedes Land ist anders", sagt Strauss-Kahn.
Dies ist das Programm des IWF-Chefs: Er will die Organisation, die mit starrem Blick auf Zinsen, Steuern und Währungen Reformprogramme schrieb, zu einer Task-Force umbauen, die mit Rat, Analyse und Geld zur Seite steht, wenn ein Staat in Schieflage gerät. Der IWF will das Image, das Hauptquartier des Hardcore-Liberalismus zu sein, abstreifen.
Olivier Blanchard lacht, vielleicht ein wenig künstlich, wenn man ihn auf diese Pläne anspricht. Er sagt, es gebe keinen solchen Plan, der IWF entfalte sich in seiner Tagesarbeit, "das klingt ja fast nach einer Verschwörung, was Sie sagen". Er steht im 34. Stockwerk des Radisson Plaza von Oslo, in der Hand einen Teller mit Finger-Food, "natürlich gibt es eine neue Linie", sagt er dann doch, "wir wollen offen, ehrlich und skeptisch sein".
Wenn er Französisch und nicht, wie so oft, Englisch spricht, wirkt er noch aufrichtiger als ohnehin; er beherrscht den Polit-Sprech nicht, die Schablonensätze, die die Franzosen "Holzsprache" nennen, "langue de bois". Auch vor Griechenland drückt er sich nicht. In den Tagen nach der Konferenz von Oslo wird ein IWF-Team nach Athen aufbrechen, um den Griechen beim Krisenbewältigen über die Schulter zu schauen. Premierminister Georgios Papandreou ist in Oslo, er sieht gealtert aus, Papandreou redet über den griechischen Pessimismus, er sei "fundamental für die Krise". Was wäre, wenn das IWF-Team mit der Meldung aus Athen wiederkäme, dass Griechenland nicht zu retten sei?
Blanchard könnte einen verlogenen Satz sagen, aber er lässt sich auf die Frage ein. "Dann würden wir das bestimmt nicht einfach so an die Öffentlichkeit weitergeben", sagt er. "Man müsste neu überlegen und mit allen Beteiligten verhandeln, einen gangbaren Weg suchen."
Der Fonds kann sich ein Scheitern der Rettung nicht leisten. Über Griechenland hat er den Fuß in die Tür zur Ersten Welt gebracht, wenn der IWF die neue Weltorganisation für Wirtschaftspolitik werden will, eine Denkarmee zur Umsetzung von G-20-Beschlüssen, dann jetzt. Gehen die Griechen bankrott, wird es wieder nach Argentinien riechen.
Klaus Stein, der deutsche Exekutivdirektor, Washington, Zimmer 13-516, ist der Mahner in diesem immer rasanter werdenden Spiel, ein ernsthafter Mann, vorsichtig, ein bisschen steif sitzt er da, die weißen Haare zurückgekämmt, die Brille in der Sakkotasche. Stein ist kein Ökonom, er ist Jurist, er war im Bundesfinanzministerium in der Haushaltsabteilung, leitete Hans Eichels Kabinettsreferat, war in New York bei der Uno, nichts war so aufregend wie die vergangenen drei Jahre im IWF.
Der September 2008, als Lehman fiel. Und alles, was folgte.
Stein hat einen rauschenden Ruf im Haus, "kerzengerade und verlässlich", sagen die, die mit ihm verhandeln müssen, aber er wandelt wie alle im Minenfeld, in seinem Fall ist es ein Minenviereck. Die eine Ecke, das ist die Welt, in der er lebt, die Kollegen, die einander vertrauen, die sich nach einiger Zeit eher als IWFler denn als Gesandte ihrer Staaten sehen. Aber da sind noch drei Ecken, mit denen Stein früh am Morgen zu tun hat, per Mail und Telefon. Die Kanzlerin will Einfluss, mit wechselnden Ansichten; Finanzminister Wolfgang Schäuble ist manchmal ein Freund des IWF; dem Bundesbank-Chef Axel Weber geht das, was Strauss-Kahn treibt, viel zu weit.
Stein sagt das alles nicht, er sagt: "Für Deutschland war es nicht einfach in den vergangenen Monaten. Deutschland wollte finanzpolitisch zurückhaltend sein." Was sich verschoben hat, sind nicht weniger als die Fundamente. Früher schritt der IWF ein, wenn sich Staaten überschuldet hatten und zahlungsunfähig wurden, weil ihre Währung abgewert wurde. Letztlich fußte das Handeln des IWF auf der Idee, dass Staatskrisen Bargeldengpässe waren, die mit einem Haufen Cash und Sparmaßnahmen zu lösen waren. Kredite gab es gegen Konditionen, die Konditionen waren hart.
Im Fall Griechenland, so argumentierten darum die Deutschen in Washington, gab es keine Devisenkrise, sondern ein hausgemachtes Etatproblem plus Korruption. Außerdem dürfe der IWF sowieso nicht tätig werden, da Griechenland als Teil des Euro-Gebiets in der EU-Zahlungsbilanz aufgehe.
Das stimmte alles, aber Strauss-Kahn wollte trotzdem nicht "darauf warten, dass das Opfer erst über die Klippe geht, ehe wir es auffangen dürfen", sagt Stein, und am Ende stützte auch die Kanzlerin das Rettungspaket und dann die Bundesbank. Und neu war damit auch das Konzept des "joint venture", die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, der EU vor allem. 250 Milliarden Euro wirft der IWF über Europa ab, das Geld kam vor allem durch Beiträge aus Asien herein - die alte Dritte Welt rettete die alte Erste, eine neue Weltordnung, zweifellos.
Nur die Hierarchien und Strukturen innerhalb des Fonds sind geblieben, weitgehend, und das gefällt den Europäern besser als den anderen. Die Exekutive des IWF, "Executive Board" genannt, tagt im 12. Stock, Montag, Mittwoch und Freitag um zehn Uhr, Schlips- und Anzugzwang; oval ist der Tisch, es gibt 24 Stühle am Tisch und dahinter die zweite Reihe für die Assistenten. Land für Land, Mission für Mission sprechen sie durch, Fondssprache ist Englisch. Die Europäer stimmen ihre Meinungen vorher ab, und alle verteilen ihre Erklärungen vor der Sitzung an die anderen, das spart Zeit, und am Schluss warten die anderen noch auf Klaus Steins Wortmeldung, und Stein fordert "verantwortliches Handeln".
Der Rat besteht aus 24 Direktoren; die meisten werden gewählt und vertreten Gruppen: Der Brasilianer spricht und stimmt für Kolumbien, die Dominikanische Republik, Ecuador, Guyana, Haiti, Panama, Surinam, Trinidad und Tobago und natürlich Brasilien; zusammen hat die Gruppe 2,41 Prozent aller Stimmen.
9 der 24 Direktoren sind Europäer, immer noch, und 5 der 24 sind ständige Vertreter, gesandt von ihren Regierungen und von niemandem gewählt: Der US-Amerikaner hat 16,74 Prozent aller Stimmen, der Japaner 6,01, Klaus Stein hat 5,87 Prozent, der Franzose und der Brite haben jeweils 4,85 Prozent.
Die erste Liga, ohne Auf- und Absteiger. Fair? Sie lächeln freundlich im Fonds, wenn sie nach Fairness gefragt werden. Dann gucken sie auf ihre BlackBerrys.
Der Managing Director leitet die Sitzungen des Rats, er kommt aus Europa und sein Erster Stellvertretender Direktor aus den USA, so war es 1950, so ist es 2010. 30 Leute führt der IWF als Senior Officials, das sind die Wichtigen. Zu Strauss-Kahns innerem Kreis zählen sein Berater Blanchard; der indische Chef der Strategieabteilung, Reza Moghadam, den die IWF-Frauen zum schönsten Mann im Fonds erklärt haben; der chinesische Sonderberater Min Zhu und die Pressechefin und erste Verkäuferin des Fonds, Caroline Atkinson. Die Türen stehen offen im zwölften Stock, DSK führt auf Zuruf, morgens essen sie Croissants zusammen und besprechen die Welt.
Und alle 14 Tage, donnerstags, tritt die elegante Caroline Atkinson in einem kühlen, kleinen Raum im Erdgeschoss vor eine blaue Wand und verkündet der Welt, wie sie gerettet wird; die Pressekonferenz ist eine Reise um die Erde in 15 Minuten, Fortschritt überall, "das Programm hat sich erfolgversprechend entwickelt", das ist die Sprache des Fonds, die offizielle.
Dass das alles strukturiert bleibt und zugleich im Wandel, der jeweiligen Krise angepasst, das ist Reza Moghadams Aufgabe, Moghadam ist eine Art Generalsekretär des Fonds. Moghadam reformiert nach innen, schlägt neue Gruppen und Strategien vor, aber auch nach außen. Ehe die Krise begann, 2008, simulierten sie die Krise: Einen Tag lang spielten sie die Rettung eines osteuropäischen Landes durch, inklusive Pressemeldungen. Er sagt: "Zentral war die Regel der Strukturkonditionalität, die wir bis vor kurzem hatten - wenn bestimmte Leistungsdaten nicht erfüllt waren, stoppte ein Kreditprogramm automatisch, daran war nichts zu ändern. Wir haben das abgeschafft. Jetzt haben wir das, was wir strukturelle Richtlinien nennen, das sind immer noch Werte, aber es ist eine Selbstverpflichtung des Staates, und wenn er sie verfehlt, stoppt das die Show nicht."
Was aber, wenn ein Land den Druck der Reformen dennoch nicht aushält? Wenn eine Regierung fürchten muss, ihre Bürger zu verlieren? Was geschieht, wenn nach Jahren schlimmer Mühen der soziale Kitt zerbröselt? In Indonesien, Argentinien, auch in Ungarn weiß man davon zu erzählen, die Ungarn können beschreiben, welchen Einfluss der IWF auf die Länder nimmt, die er retten soll.
Ungarn ist ein alter Kunde des IWF, doch in Budapest platzten im Juli Verhandlungen über weitere Kreditlinien. Der neue Regierungschef Viktor Orbán schlug den IWF-Leuten die Tür zu und ließ sich dafür feiern. Von einem "wirtschaftlichen Freiheitskampf" war die Rede, vom "Ende des Bettelns". Um den Vorgang zu verstehen, hilft es zu wissen, dass drei Monate später Kommunalwahlen anstehen, so etwas gehört immer zum Spiel, der IWF ist reich und mächtig und weit weg und darum der bestmögliche Sündenbock. Aber das war nicht der alleinige Grund für den Eklat.
Ungarn ist Mitglied des IWF seit 1982. Früh machte sich das Land daran, seine Wirtschaft umzustellen, es musste sich Kredite beim IWF holen. Im ersten Beitrittsjahr flossen 520 Millionen Dollar, 1984 lockerte Ungarn, Musterschüler der Marktwirtschaft, die Importpolitik, Zölle wurden gesenkt, Subventionen gestrichen, der Forint wurde abgewertet, alles auf Wunsch oder Drängen oder Befehl des IWF.
Bis 1996 erhielt das Land sechs weitere Kredite, 365 Millionen Dollar hier, 480 Millionen da, 1991 genehmigte der Fonds 1,6 Milliarden Dollar, und in all den Jahren erfand Ungarn sich neu: Das Bankensystem wurde umgebaut nach liberalen Wünschen, es gab eine Mehrwertsteuer. Die Regierung ermöglichte 1990 die Ansiedlung ausländischer Investoren, baute Zollschranken und den Staatsapparat ab, gab Preise und Löhne frei.
Was den Machern in Washington gefiel, was Investoren anzog, was Finanzmärkte honorierten, hatte Schattenseiten. Zwischen 1989 und 1996 sanken die Reallöhne der Ungarn um 22 Prozent, und es konnte froh sein, wer noch Lohn bezog. Mit dem Mauerfall und der Öffnung für den Weltmarkt brach die ungarische Industrieproduktion um mehr als ein Drittel ein, die Arbeitslosigkeit stieg, die Inflation erreichte 30 Prozent, anders gesagt: Die Arbeiter, die Rentner, die allermeisten Ungarn hatten jedes Jahr weniger in der Tasche als im Vorjahr, sie mussten länger für eine Rente arbeiten, die geringer ausfiel als erwartet, und wenn sie zum Sozialfall wurden, fühlte sich der Staat nicht mehr zuständig, weil es ein anderer Staat geworden war.
Der Beitritt zur EU, 2004, brachte eine neue Welle der sogenannten Anpassungen. Dann kam die Weltwirtschaftskrise. 2008 stand Ungarn vor dem Staatsbankrott. IWF, Weltbank und EU legten zusammen, 25 Milliarden Dollar für Ungarn, davon 15,7 Milliarden vom IWF, und der Fonds diktierte die Bedingungen: Rentenkürzungen, Beamtengehälter einfrieren, alles von vorn.
Wer Anfang der neunziger Jahre durch Ungarn gereist war, hatte ein Land im Erblühen erlebt und im Zentrum Budapest, die farbige, wache, werdende Weltstadt; wer knapp 20 Jahre später wiederkommt, findet Müll und Risse, Budapest ist müde und längst wieder grau, eine Baustelle, auf der sich das Leben der meisten Menschen verschlechtert hat.
In Budapest sieht der neue IWF des Dominique Strauss-Kahn so aus wie der alte: unflexibel, schematisch, kalt. Premierminister Viktor Orbán, ein Konservativer, brach die Verhandlungen mit dem IWF über der Frage nach neuen Haushaltszielen ab. Er mag den Coup geplant haben. Er hatte gute Gründe. Und es ist seltsam: Nach dem Eklat vom Juli stieg der Wert des Forint.
Krisenzeiten sind gute Zeiten für Kenneth Rogoff, von 2001 bis 2003 war er Chefökonom des IWF unter dem Managing Director Horst Köhler. Zusammen mit Carmen Reinhart hat er vor kurzem das Buch "Dieses Mal ist alles anders" vorgelegt, es ist eine Weltgeschichte der Finanzkrisen geworden, nach sieben Jahren Arbeit, jetzt studieren Ökonomen, Finanzmanager, Politiker das Werk.
Rogoff lebt in Boston, er ist stark kurzsichtig, mit seinem kahlen Kopf und der feinen Brille erinnert er ein wenig an Figuren aus Woody-Allen-Filmen, und er hat die Biografie eines Sonderlings, eines Schachgenies, das sich im Brettspiel verlor. Mit 14 gewann Rogoff die New York State Open, mit 15 spielte er gegen 26 Gegner Blind-Simultan, mit verbundenen Augen an 26 Brettern gleichzeitig. Mit 25 wurde ihm der Titel eines Großmeisters verliehen, dann brach er mit dem Spiel wie ein Säufer mit dem Alkohol, er sagt, dass er seit 30 Jahren keine Schachfigur angefasst habe, "zu gefährlich".
Er stürzte sich auf ein größeres Spiel: die Weltwirtschaft. Wie lässt sich die Komplexität der Welt bewältigen? Was taugen Modelle, auf welcher Grundlage entscheiden Institutionen wie der IWF?
In Rogoffs Buch stehen Hinweise darauf, dass viele der umlaufenden Theorien nicht stimmen können. "Die Wall Street", sagt Rogoff, und er meint alle Aktienmärkte damit, "glaubt letztlich an eine einfache Rechnung: Wenn die Kurse heute um 4 Prozent fallen, dann werden sie irgendwann um 8 Prozent steigen. Wir haben gezeigt, dass das nicht stimmt. Es ist komplizierter. Und vieles davon verstehen wir nicht."
Rogoff und Reinhart zeigen, dass der Fall Lehman Symptom für die größte Rezession seit den dreißiger Jahren war, die sich aus vielen Faktoren speiste. Vor allem zeigen die beiden, dass Finanzkrisen wie die aktuelle immer in Schuldenkrisen der Staaten münden, ganz egal, welche Gegenmittel die Regierungen ergreifen. Arbeitslosigkeit und "Bail-outs" lassen die öffentlichen Defizite explodieren, was panische Sparprogramme nach sich zieht, was zu neuer Rezession führt. Das ist der Teufelskreis, er läuft gerade da draußen ab, Rogoff und Reinhart haben ihn schon vor Griechenlands Fall beschrieben, und wer weiterliest, kann erfahren, wie es weitergehen wird.
In seinem Büro in Harvard sagt Rogoff, ganz nüchtern und kühl: "Der Bankrott Griechenlands ist nicht zu vermeiden." Er sagt: "Spanien wird mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit in die Pleite gehen." Er sagt: "Ungarn steht am Abgrund." Er sagt: "In Osteuropa wird alles noch viel schlimmer werden." Er sagt: "Wir werden eine gewisse Anzahl an Ländern haben, die bankrottgehen. Wir werden eine Reihe von Euro-Ländern haben, für die ein Sabbatjahr vom Euro empfehlenswert wäre." Und: "Die Lage in den USA ist sehr besorgniserregend. Die Märkte werden sich weigern, die Verschuldung in dieser Höhe zu tolerieren." Es klingt, das ist das Schlimmste, als würde er Tatsachen aussprechen, Selbstverständliches.
Rogoff sitzt da, in seinem leeren Büro, die Rollläden sind heruntergelassen, man sieht nicht viel von der Welt. "Wir brauchten eine radikale Veränderung", sagt er, und er wirkt nicht, als glaubte er, dass sie möglich ist. Nicht lange her, sagt er, da habe ihm die US-Regierung den Entwurf ihres neuen Gesetzes über die Regulierung des Finanzsektors vorgelegt, mit der Bitte um seine Meinung. "Der Entwurf hat 2000 Seiten", sagt Rogoff. "Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Mein Verdacht ist, dass auf den 2000 Seiten genug Lücken eingefüllt sind, die die Wall Street aufspüren wird, um daraus neue Geschäftsideen zu entwickeln."
Dann gibt es keinen Ausweg? "Es gäbe viele Wege, diese Katze zu häuten", sagt er. Eine echte Reform des Banken- und Finanzsektors müsste das System drastisch schrumpfen, auf Geschäftsumfänge wie vor 30 Jahren. Rogoff sagt: "Der Finanzmarkt mit all seinen Produkten addiert sich auf 200 Billionen Dollar. 120 Billionen davon werden mit dem Handel von Schulden gemacht. Ich erinnere mich an eine Rede von Angela Merkel. Sie sagte, die Amerikaner machen die Profite, verteilen die Risiken aber mit den vielen Schuldtiteln weltweit. Das ist wahr. Man könnte das begrenzen."
Er habe, sagt Rogoff, nie verstanden, warum Banken ihr Kapital mit Krediten aufpumpen dürfen. Wieso können sie ihre Geschäfte mit dem Vielfachen dessen betreiben, was ihnen zur Verfügung steht? "Ich weiß es nicht", sagt Rogoff, "es gibt keinen vernünftigen Grund." Neue Institutionen der Überwachung wären zu schaffen, auf Augenhöhe mit der Finanzwelt, sie müssten drastische Sanktionsmöglichkeiten haben.
Dass sich der IWF und viele Regierungen auf die Schulter klopfen für ihr Krisenmanagement, kann er nicht verstehen. "Wir sind, grundsätzlich, zu schnell mit Hilfspaketen und zu zögerlich mit dem Bankrott", sagt er. G 20 und IWF hätten mit Schutzschirmen künftiges Fehlverhalten programmiert. Die Fachsprache nennt das den "moral hazard" - Hilfspakete verhindern Krisen nicht, sondern führen neue herbei. "Es läuft darauf hinaus, dass die Banken am Ende mit Steuergeldern spekulieren", sagt Rogoff.
Aber so ist der Mensch, Rogoff hat ihn studiert, am Schachbrett, im Leben, anhand der Zahlen, die er fortlaufend produziert. Er hat festgestellt, dass sich "Normalität" immer aufs Neue herstellt, Frankreich ist schon bankrott gewesen, Griechenland fünfmal in 200 Jahren, das Deutsche Reich war zahlungsunfähig und also pleite. Krisen, sagt Rogoff, sind Krisen und nicht das Ende der Welt.
Es ist Dienstag im späten September. Gestern hat Dominique Strauss-Kahn vor den Vereinten Nationen in New York für Arbeitsplatzmaßnahmen geworben und dann vor der Presse die Gewerkschaften gepriesen, schon wieder, es sah nach einer Kampagne aus. Ernst sprach er über die Weltlage, die Nöte der Arbeiter, entschlossen ohnehin, DSK macht, was er macht, mit finsterer Entschlossenheit.
Was aber wird er machen? Wird er den IWF verlassen, bevor er am Ziel ist? Wird er die französischen Sozialisten als Herausforderer von Präsident Sarkozy im Wahljahr 2012 anführen? Strauss-Kahn ist Profi genug, um die Antwort auswendig zu kennen: "Ich habe mich um Menschen zu kümmern, die keinen Job haben", sagt er, "ich selbst habe einen." Im IWF gibt es den einen oder anderen Gegner, der sagt, die Nähe zu den Gewerkschaften sei das Kalkül eines Wirtschaftspolitikers.
Tritt Strauss-Kahn an, darf er mit einer Schmutzkampagne rechnen. Die Affäre um die ungarische Geliebte, sie war IWF-Angestellte, weshalb eine Untersuchung eingeleitet wurde, wird Karriere machen; sein Ruf als Mann, der zum dritten Mal verheiratet ist, aber viele Damen liebte, wird ihm in die Quere kommen. Fragt man ihn danach, so sagt er: "Es war ein Fehler. Zeitraubend. Der Preis für Fehler ist Zeitverlust."
Hat er gehört, dass Sarkozy in Paris erzählt, er habe Strauss-Kahn davor gewarnt, im IWF-Hochhaus allein mit einer Frau in den Fahrstuhl zu steigen? Nein, sagt er, und da ist kein Lächeln mehr.
Lieber redet Dominique Strauss-Kahn in seinem blumig duftenden Büro über die traurige Zukunft Europas. "Die europäischen Institutionen", sagt er, "waren notwendig und nützlich aus vielen Gründen, aber sie wurden für ruhige Zeiten erschaffen. Die Krise hat sehr genau gezeigt, wie Europa funktioniert: Es geht zu sehr um innerstaatliche Bewahrung, innerstaatliche Bedenken. Asien, Afrika, sogar Nordamerika kommen schnell zurück. Wenn Europa den Stier nicht bei den Hörnern packt, kann es dort … na ja, nicht Stillstand, aber eine flaue Erholung von der Krise geben. Es braucht nach der Erschaffung der Union, nach dem Euro nun den dritten Schritt, und das ist die eine koordinierte Wirtschaftspolitik, eine einheitliche Steuerpolitik, und das heißt mehr Zentralisierung. Das System ist sehr, sehr schwerfällig."
Er greift zum Tisch, aber da steht kein Wasser, sie trinken alle zu wenig im IWF, immer nur Kaffee.
Dann sagt er: "Man kann keine wirtschaftliche Union haben, ohne dass die Steuerpolitik einigermaßen koordiniert ist. Es geht auch nicht, wenn Nachbarn sagen: Sei nett zu mir, dann bin ich nett zu dir; genau so sind Frankreich und Deutschland mit ihrer Überschreitung der Defizitgrenze von drei Prozent durchgekommen. Europa braucht Regeln, eine Überwachung und Sanktionen, der Straßenverkehr klappt ja auch nicht, wenn man nur Verkehrsregeln und Ampeln hat, aber keine Polizei. Sanktionen können nicht der Entzug von Stimmrechten sein, wen kümmert das? Nein, es müssen finanzielle Sanktionen sein, zu zahlen nicht während einer Krise, sondern drei, vier Jahre danach."
Am Ende schwärmt DSK von China, von Asien, von Dynamik und Tempo.
Und wenig später serviert Min Zhu in seinem Zimmer, 12-200 C, chinesischen Tee, kein Beutel, viel Grünzeug, "schlucken Sie die Blätter nicht, die brauchen Sie noch, denn der zweite Aufguss ist der beste", sagt er und lächelt.
Karg sind die meisten Büros im Fonds, aber das des Chinesen ist bilderlos, kein Foto, nichts, nur Ordnung. Und Min Zhu trägt eine randlose Brille, einen Pony, beidhändig überreicht er die Visitenkarte. "Special Advisor to the Managing Director", der Job ist neu, so neu wie der chinesische Einfluss im Fonds.
Min Zhu ist die menschliche Beigabe zu den Milliarden aus China. Und Min Zhu ist hier, um seinem Chef, Strauss-Kahn, Asien zu erklären.
"Ich werde nicht von China bezahlt", sagt er, "ich denke als Mann des IWF", und das ist ein Diplomatensatz, doch in der Welt, in der Min Zhu sich bewegt, wird kein Posten frei von nationalen Interessen besetzt.
Wenn er über den neuen Fonds spricht, den veränderten Fonds, dann sagt Min Zhu, dass die Firma heute "eine internationale Organisation" sei, die "die globale Makrostabilität überwachen und erhalten soll, sowohl ökonomisch als auch finanziell". Der Fonds observiert, analysiert, und seine Stärke rührt in Wahrheit daher, dass eine verunsicherte Welt nach wirtschaftlicher Kompetenz sucht und die Kompetenz des IWF nicht mehr angezweifelt wird wie nach der Asien-Krise.
Der IWF soll deuten, er kann mahnen, und er mag Krisen besser verstehen als andere, aber strafen kann er kaum; er braucht immer aufs Neue den Auftrag derer, auf die er aufpassen soll.
Min Zhu ist stolz auf die neuen Werkzeuge des Fonds, FASP zum Beispiel ist das Kürzel für das "Financial Sector Assessment Program", mit dem die IWF-Detektive dem globalen Finanzmarkt und seinen komplizierten Instrumenten mit komplizierten Namen wie Credit Default Swaps hinterherspüren. Ein Leuchtturm im Irrwitz der Krise sei der neue IWF; Min Zhu mag es, wenn die IWF-Leute als "Weltbürger, die die Weltangelegenheiten auf neutrale Weise präsentieren", verstanden werden.
Min Zhu sagt, dass der Rest der Welt inzwischen einiges von den aufstrebenden Gesellschaften Asiens lernen könne. Diese hätten "einen stärkeren Pulsschlag", also "bessere makroökonomische Bedingungen" als europäische Staaten, also auch "größere politische Reserven", damit meint er Spielraum für schlechte Zeiten. Die Defizite seien niedriger, die Auslandsschulden sowieso, viele der Aufsteiger hätten Devisenreserven und längst "vernünftige Inflationsraten"; und viel früher als zum Beispiel die Amerikaner hätten Chinesen und Inder verstanden, dass Immobilienmärkte der "unbeständigste Sektor der Welt der letzten 50 Jahre" waren, und mit sorgsamer Überwachung begonnen.
Das Ende Europas, der Aufstieg Asiens? Min Zhu ist nicht so schnell mit solchen Urteilen. Er weiß, dass China jenseits der Städte immer noch arm ist, und er weiß, dass Europa Stärken hat. "Es braucht eine Weile, bis Entscheidungen durch alle Parlamente gebracht sind, aber Europa macht Schritte, feste Schritte in eine Richtung", sagt Min Zhu.
Aber da sind zwei Dinge, die ihn erstaunen, wenn er an Europa denkt, und diese Sichtweise teilt der chinesische Berater mit seinem französischen Chef: "Da ist das fundamentale Thema des sozialen Wohlfahrtskonzepts, des demografischen Wandels. Alle leben länger, und es ist offensichtlich, dass die heutigen Pensionen und Krankenversicherungen das Morgen nicht erleben werden." Außerdem brauche Europa eine Wachstumsstrategie, eine Industriestrategie, Europa müsse neue Produkte und Sektoren erfinden, die ein Verlangen der Welt stillen, "sonst kann man mit 30 Dollar Lohnkosten pro Stunde nicht gegen ein Land gewinnen, das 3 Dollar zahlt". Reformen also, darauf läuft es hinaus, auch beim neuen IWF, nur die Objekte ändern sich.
"Europa muss sich reformieren, das ist klar", sagt der Chinese vom Internationalen Währungsfonds, er lächelt, er sagt: "Wir helfen gern." ◆
Von Klaus Brinkbäumer und Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 40/2010
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