04.10.2010

KARRIEREN „Komplett skrupellos“

Hollywood hat die Facebook-Gründung verfilmt. Doch was „The Social Network“ an Abgründen zeigt, scheint fast harmloser als die Realität. Noch immer wird hasserfüllt um die Anfänge der Firma gestritten. Die juristische Aufarbeitung geht weiter.
Facebook ist ein großer Betrug. Nichts anderes als dreist geklautes geistiges Eigentum. Und Mark Zuckerberg, der gefeierte Chef dieses weltumspannenden sozialen Online-Netzwerks, ist kein vorbildlicher Gründer und genialer Erfinder, sondern ein hinterlistiger Dieb.
So sehen das die Zwillinge Tyler und Cameron Winklevoss.
"Mark Zuckerberg ist komplett skrupellos, ohne ein Fünkchen Moral und bereit, alles zu tun, um jemanden zu bescheißen", sagt Cameron. Sein Bruder Tyler sekundiert: "Wir werden ihn so nicht davonkommen lassen." Schließlich seien sie bestohlen worden, betrogen um den großen Wurf, die einmalige Chance, Geschichte zu schreiben, damals. Er spricht von Ende 2003.
Die Zwillinge hatten ihren Harvard-Kommilitonen Zuckerberg angeheuert, damit er ihnen das soziale Online-Netzwerk fertigprogrammiert, an dem sie bastelten. Zuckerberg habe sich ihre Idee angehört, den fertigen Geschäftsplan bekommen und kurz darauf selbst eine Seite gebaut. Facebook, das heute über 500 Millionen Nutzer versammelt und wohl 20 bis 30 Milliarden Dollar wert ist.
"Er hat uns das genommen", sagt Cameron Winklevoss. Er sagt es ganz ruhig, aber es ist das Thema seines Lebens.
Es ist Mittwoch vergangener Woche. Die Zwillinge kommen gerade von ihrer morgendlichen Trainingseinheit, sie zählen zu den besten Ruderern der Welt, 2008 kamen sie bei den Olympischen Spielen auf den sechsten Platz. Mittlerweile leben sie in Princeton, New Jersey, haben Wirtschaft studiert in Oxford, das Training für die nächste Olympia-Teilnahme beschäftigt sie sechs Tage die Woche.
Aber der Gedanke an die Ereignisse in Harvard ist ständig präsent. Immer wenn sie sehen, wie Zuckerberg gefeiert wird als Genie, dann sei da das Gefühl: "Das sollten eigentlich wir sein." Und auch wenn das alles nun schon einige Zeit her ist: "Vergessen ist nichts."
Im Gegenteil: Es flammt gerade wieder richtig auf, weil der Regisseur David Fincher ("Fight Club") die Geschichte von den Facebook-Anfängen verfilmt hat. Diese Woche kommt das Werk in die deutschen Kinos. Es ist die Geschichte von Facebook, von Zuckerberg und den Brüdern Winklevoss. Es ist eine große Story über Hass und Verrat. Aber möglicherweise ist die Realität noch härter als die Fiktion, die im Kino nach zwei Stunden endet. Der wahre Hass lebt seit nunmehr sechs Jahren fort.
Die Zwillinge sind keine späten Trittbrettfahrer, sie klagten bereits kurz nachdem Facebook gestartet war, lange also bevor es eine große Erfolgsgeschichte wurde. Vor zwei Jahren handelten Facebook und die Zwillinge einen Vergleich von angeblich rund 65 Millionen Dollar aus.
Viele dachten, damit sei der Krach erledigt. Doch die Winklevoss-Brüder sind in die nächste Runde gegangen. Das Verfahren läuft weiter, es gibt neue Informationen, E-Mails und Instant Messages von Zuckerbergs Computer, die ihn nicht gut aussehen lassen. "Das ist noch lange nicht vorbei", sagt Tyler Winklevoss.
Dabei geht es um viel mehr in diesem Streit als um Geld oder darum, wer als Erster eine gute Geschäftsidee hatte. Es geht um die Frage, wer das Unternehmen führt, das längst kein Jugendphänomen mehr ist, sondern ein immenses soziales Experiment. Es geht auch um die Frage, wie wir uns selbst definieren in einer Welt voller virtueller "Freunde". Welche Werte dem digitalen Ich zugrunde liegen - und was das alles noch mit unseren realen Identitäten zu tun hat.
Mark Zuckerberg ist dank des Unternehmens der jüngste Neumilliardär des Planeten. Doch wer ist der Typ dahinter, den "Vanity Fair" schon als "unseren neuen Cäsar" feiert? Wer ist dieser 26-jährige Lockenkopf, über dessen Vorstellungen von Datenschutz der US-Präsident wie die Bundesregierung debattieren?
Bislang galt er meist als ein zweiter Bill Gates, ein scheuer Computerfreak, hochintelligent. Der Junge von nebenan eben, der Schulpreise in Mathematik und Astronomie gewann und Kapitän der Fechtmannschaft war. Der so leidenschaftlich an seine Firma glaubt, dass er einst ein Kaufangebot über eine Milliarde Dollar in bar lässig ausschlug.
Oder ist er so, wie die Winklevoss-Brüder ihn sehen und wie ihn nun auch Millionen Kinozuschauer in "The Social Network" erleben werden? Ein Soziopath, ein hinterlistiger Menschenfeind?
Der Hollywood-Film - von vielen Kritikern bereits hoch gelobt - basiert unter anderem auf der Geschichte der Zwillinge. Und er setzt seinen bitteren Grundton schon in der ersten Szene, die Zuckerberg streitend mit seiner Freundin zeigt. "Du wirst durchs Leben gehen und glauben, du hast Probleme mit Mädchen, weil du ein Computerfreak bist", sagt sie. "Aber es stimmt nicht. Es liegt daran, dass du ein Arschloch bist."
Über weite Strecken ist "The Social Network" eine Art Gerichtsfilm, der zeigt, wie Zuckerberg mit allen Mitteln gegen die Winklevoss-Brüder und andere kämpft, die sich von ihm hintergangen fühlen. Die Rollen sind klar verteilt. Den Zuckerberg, wie ihn Jesse Eisenberg spielt, möchte man nicht einmal als virtuellen Freund haben. Aber hat die Wirklichkeit womöglich noch mehr Abgründe zu bieten?
Die Winklevoss-Brüder sagen, Zuckerberg komme noch viel zu gut weg in der Hollywood-Version. "Sein Filmcharakter zeigt einen inneren Kampf, zumindest Ansätze von Reue und Gewissen", sagt Cameron. "Der Zuckerberg, den wir kennen, hat in all den Jahren keine dieser Emotionen erkennen lassen." Der unsympathische Film-Zuckerberg sei sogar noch "eine nettere Variante der Realität".
Facebook äußert sich nicht detailliert zu dem Werk. Zuckerberg klagt bislang nicht gegen den Film. Er will aber auch nicht viel sagen zu seinem Alter Ego, nur bei einer öffentlichen Veranstaltung sagte er jüngst, das sei ja alles "pure Fiktion".
Und: "Ich wünschte, dass die Leute wenigstens versuchen würden, es richtig zu machen, wenn sie sich an Journalismus probieren oder über Facebook schreiben."
Tatsächlich gibt der Film nicht vor, historisch genau zu sein. Und auch das Buch, auf dem er basiert, "The Accidental Billionaires" von Ben Mezrich, will lieber Fiktion als Sachbuch sein. Doch vieles deutet darauf hin, dass ihr grundsätzliches Bild des Hauptakteurs stimmig ist, wenn man sich die realen Hintergründe genauer anschaut.
Zuckerberg wächst auf in Dobbs Ferry, einem der besseren Vororte von New York. Sein Vater ist Zahnarzt. Als Teenager schreibt er ein Programm namens ZuckNet, das Nachrichten zwischen dem Computer in der Praxis und anderen Rechnern im Haus hin und her schickt - ähnlich wie der AOL Instant Messenger, der erst ein Jahr später auf den Markt kommt.
Die Eltern schicken ihn auf ein auch von den Rockefellers bevorzugtes elitäres Internat. Als ihr Sohn 2002 nach Harvard kommt, eilt ihm schon der Ruf voraus, ein großes Programmiertalent zu sein. Als Schulprojekt hatte er eine Software geschrieben, die so gut war, dass ihn AOL und Microsoft direkt einstellen wollten.
An der Universität macht er sich dagegen schnell als Hacker einen Namen. Er bricht in eine Datenbank mit Fotos von Studenten ein und nutzt die Bilder für eine Web-Seite, die er Facemash nennt: Anhand der Bilder können Besucher entscheiden, welche der Studentinnen sie attraktiver finden.
Die Uni-Verwaltung rüffelt ihn. Dafür werden die Winklevoss-Brüder und ihr Partner Divya Narendra aufmerksam. Seit Monaten arbeiten die drei an einer Web-Seite namens Harvard Connection, die Studenten untereinander vernetzen sollte und gleichzeitig als Datingportal gedacht ist. Allerdings brauchen sie einen neuen Programmierer.
Im Herbst 2003 sprechen sie Zuckerberg an. Der sagt eine Zusammenarbeit zu und wird von den Brüdern mit allen nötigen Daten inklusive Geschäftsplan ausgestattet. Insgesamt tauschen die beiden Parteien Dutzende E-Mails aus.
Noch im Januar 2004 treffen sich die Winklevoss-Zwillinge und Zuckerberg, der die Fertigstellung verspricht. Doch der Software-Bastler liefert die Web-Seite nicht ab. Stattdessen meldet er am 11. Januar die Internetadresse thefacebook.com an. Am 4. Februar startet die Seite. Das Harvard-Connection-Team ist entsetzt, sie schicken ihm wenige Tage später eine Unterlassungserklärung und bitten die Uni-Verwaltung einzuschreiten.
"Uns war völlig klar: Wer als Erstes mit so einer Web-Seite kommen würde, hat gewonnen", sagt Tyler Winklevoss. "Da nützt es auch nichts, wenn der Nachfolger besser gemacht ist." Offenbar ahnte das auch Zuckerberg, das zeigen Mails, die er seinerzeit schrieb. Er selbst hat die Echtheit der Nachrichten inzwischen bestätigen müssen. Am 7. Dezember 2003 schreibt er: "Schau dir das mal an: www.harvardconnection.com. Da macht schon jemand eine Dating-Seite. Aber sie haben einen Fehler gemacht, ha, ha. Sie haben mich gebeten, es für sie zu machen. Also werde ich es hinauszögern, bis die Facebook-Sache rauskommt."
"Es geht nicht nur darum, dass er unsere Idee geklaut hat", sagt Tyler Winklevoss heute. "Es geht darum, dass er uns an der Umsetzung gehindert, uns absichtlich in die Irre geführt hat." Überliefert ist auch folgender Dialog: "Freund: Hast du dich entschieden, was du wegen der Web-Seiten unternehmen willst? Zuckerberg: Yeah, ich werde sie bescheißen."
Es gibt noch zahlreiche andere ähnliche Nachrichten, die Zuckerberg belasten, die aber zuvor nicht als Beleg für die ursprüngliche Klage der Brüder zur Verfügung standen. Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb sie das Verfahren weitertreiben. Ihrer Ansicht nach sind die ihnen als Ausgleich angebotenen Facebook-Aktienoptionen viel weniger wert als ursprünglich angegeben. "Er hat uns ein zweites Mal betrogen", sagt Cameron. Und sie sind nicht die Einzigen, die sich übers Ohr gehauen fühlen.
Eduardo Saverin steckte gleich zu Beginn einige tausend Dollar in Facebook und bekam dafür schließlich einen Anteil von 30 Prozent. Saverin ist ebenfalls ein Harvard-Kommilitone von Zuckerberg und hielt ihn für einen seiner engsten Freunde. Saverin sollte sich um die geschäftliche Seite von Facebook kümmern. Doch als der Verdacht aufkam, dass er dem schnellen Wachstum von Facebook eher im Weg steht, soll Zuckerberg ihn fallengelassen haben.
Auch Saverin klagte. Er hält heute fünf Prozent an Facebook mit einem geschätzten Wert von über einer Milliarde Dollar. Mittlerweile wird er von dem Unternehmen offiziell als Mitgründer neben Zuckerberg aufgeführt. Trotzdem ist Saverin noch immer so wütend, dass er offenbar auf Rache sinnt. Er gilt als Hauptquelle für die Drehbuchschreiber des Films.
Ist Zuckerberg also Täter oder Opfer von enttäuschten Freunden und Neidern? "Der Film liegt nicht daneben", sagt einer, der sowohl Zuckerberg als auch Saverin gut aus gemeinsamen Jahren in Harvard kennt und einer der allerersten Mitglieder von Facebook war. "Mark ist wirklich einfach kein netter Mensch." Er sei in Harvard als "Angeber" aufgefallen und habe gern mal damit geprahlt, dass er in fünf Minuten in die Hauptdatenbank der Universität einbrechen könne. "Die Mädchen hielten ihn für einen Loser."
Für den Weggefährten, der lieber anonym bleiben möchte, ist es eine seltsame Ironie, dass ausgerechnet Zuckerberg zum König des sozialen Netzwerks geworden sei: "Eduardo war bei allen beliebt, Mark dagegen hatte eigentlich keine Freunde." Auch seine wenigen Kumpel aus den Anfangstagen haben den Milliardenkonzern inzwischen verlassen.
Dafür hat Zuckerberg nun Millionen virtueller Freunde. Sie weihen ihn ein, schenken ihm ihre Adressen, Gedanken und Fotos. Warum das so viele freiwillig machen würden, hat ihn ein Freund einst mal im Chat gefragt. Weil sie "dumb fucks" seien, Vollidioten, schrieb Zuckerberg.
Er bereue solche Aussagen heute, sagt der Facebook-Star. Er habe sich weiterentwickelt. Dazugelernt. Gerade kündigte er an, 100 Millionen Dollar an Schulen zu spenden. Und zweifellos hat er aus Facebook eine der größten Erfolgsgeschichten des Internets gemacht. "Mark hat einen großen Wert geschaffen, und jetzt kommen all diese Leute und wollen einen Teil davon klauen", sagt Peter Thiel, selbst eine Legende im Silicon Valley, seitdem er vor acht Jahren das von ihm mitgegründete Internetbezahlsystem PayPal für 1,5 Milliarden Dollar an Ebay verkauft hat.
Thiel war Facebooks erster großer Geldgeber: Im Sommer 2004 investierte er eine halbe Million Dollar und ermöglichte Zuckerberg damit eine schnelle Expansion. Dafür erhielt er später etwa zehn Prozent am Unternehmen. Als einer der größten Anteilseigner sitzt er heute im Verwaltungsrat des Konzerns.
Thiel sagt, der Film sei "ungenau" und "voller Verzerrungen". Insbesondere die Darstellung Zuckerbergs sei "daneben". "Mark ging es nie um Geld", betont Thiel. "Im ersten Jahr hat er ein Gehalt von gerade mal 55 000 Dollar bekommen."
Es sei eine typische Hollywood-Idee, dass die Welt ein Nullsummenspiel ist, in der einer nur gewinnen kann, wenn gleichzeitig ein anderer verliert. "So funktioniert aber das Silicon Valley nicht, da muss zusammengespielt werden", sagt der gebürtige Deutsche, der in Kalifornien aufwuchs. Schon als er Zuckerberg erstmals traf, sei er beeindruckt gewesen von dem Ingenieursteam, das der versammelt hatte - und von den gewaltigen Wachstumsmöglichkeiten der Firmenidee. "Google organisiert die Informationen der Welt", sagt Thiel heute, "Facebook aber organisiert die Menschen der Welt."
Es müsse "schon einiges ganz schiefgehen", damit Facebook nicht schon bald eine Milliarde Nutzer hat. Thiel ist jetzt 42 Jahre alt. Er sagt, es müsse mehr junge Unternehmer wie Zuckerberg geben, die lieber ein Risiko eingehen, statt erst ihre Uni-Ausbildung abzuschließen. Kürzlich hat er selbst eine Initiative gegründet, die 100 000-Dollar-Stipendien an Unternehmensgründer unter 20 verteilt.
Deswegen findet er in Finchers Film auch gute Seiten: Er könnte zu mehr Unternehmensgründungen führen. "Ich glaube, es wird einen ähnlichen Effekt geben wie in den achtziger Jahren, als der Film ,Wall Street' für die nächsten 20 Jahre viele motivierte, bei Goldman Sachs zu arbeiten", sagt Thiel.
Der von Regisseur Oliver Stone als abschreckendes Beispiel gedachte sinistre Finanzhai Gordon Gekko wurde zum Vorbild einer Generation von Investmentbankern. Er war die böse Fratze der achtziger Jahre.
Von Schulz, Thomas

DER SPIEGEL 40/2010
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