04.10.2010

„tot167“

Bislang bedienten sich Raubkopierer vor allem bei Musikdateien. Nun finden sich auch immer mehr illegale Buchkopien im Netz. Die Verlage haben keine Strategie.
Niemand weiß, wer er ist. Nur eines ist sicher, er ist ungeheuer fleißig - und er arbeitet illegal. Seit "tot167", so sein Tarnname, im Internet tätig ist, hat er rund 10 000 Buchtitel ins Netz gestellt, hauptsächlich naturwissenschaftliche Fachbücher. In bester Qualität. Und jeder, der auf sein Diebesgut stößt, kann sich dort bedienen, umsonst.
Die Verlage sind ratlos. Sie wissen nicht, wie sie gegen "tot167" und seine Raubzüge vorgehen sollen. Ihnen droht nun, was bei Musik, Kinofilmen oder TV-Serien längst Alltag ist: immenser wirtschaftlicher Schaden durch Internetpiraterie. Unzählige Bücher sind mit ein paar Klicks im Netz zu finden - illegal und kostenlos.
Und beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt am Main, dem Branchenverband der Buchindustrie, ist sogar zu hören, dass viele Verlage keine Ahnung davon haben, dass sich ihre Bücher schon jetzt an jeder Ecke im Netz finden.
Die Buchlobbyisten kämpfen immer noch vor allem gegen die bekannten Tauschbörsen im Internet, doch in Wahrheit spielen die für den illegalen Büchermarkt so gut wie keine Rolle. Die meisten Bücher liegen stattdessen, eingescannt oder raubkopiert, auf Servern irgendwo in Russland oder Erfurt zum direkten Runterladen bereit.
Sucht man zum Beispiel nach Thilo Sarrazins Bestseller "Deutschland schafft sich ab", findet man über Suchmaschinen ohne größere Anstrengung 30 Fundstellen. Die Plattformen heißen avaxhome.ws, boerse.bz oder raidrush.ws.
Neben aktuellen Erfolgstiteln lagern auf den Servern bislang vor allem Fachbücher. Medizinstandardwerke zum Beispiel. In gedruckter Form sind sie teuer und schwer. Und jede Studentengeneration benötigt sie aufs Neue.
Je schöngeistiger ein Werk, desto seltener war es bislang im Netz zu finden, doch inzwischen geraten auch zunehmend die Belletristikverlage in Bedrängnis.
Henning Mankells Bestseller "Der Chinese" , ein Krimi aus dem Jahr 2008, etwa ist vielerorten im Netz abrufbar. Noch gravierender wird das Problem bei aktuellen Hörbüchern: Sowohl Cornelia Funkes Neuerscheinung "Reckless" als auch Natascha Kampuschs Tagebuch "3096 Tage" sind leicht herunterzuladen. Und zu den Audioversionen von Jussi Adler-Olsens Dänemark-Krimis "Schändung" und "Erbarmen" finden sich Links in mehr als zehn Blogs. Doch als Rekordhalter bei den geraubten Werken gilt die "Harry Potter"-Serie von Joanne K. Rowling, egal ob als Textdatei, Hörbuch oder elektronisch als E-Book.
Die Zahl illegaler Downloads steigt rasant an, seitdem elektronische Lesegeräte wie das iPad oder Kindle auf dem Markt sind. Zudem werden immer mehr gedruckte Bücher auch digitalisiert und sind dadurch leichtes Diebesgut.
Der Münchner Urheberrechtsexperte Björn Frommer sagt: "Die Buchindustrie steht jetzt vor der Situation wie die Musikindustrie kurz vor Markteinführung des iPod. Es gibt zwar diverse Geräte, aber keines davon konnte bisher den Markt so elektrisieren, dass die Leute darauf ihre Bücher lesen wollen."
Ist dieses Gerät erst einmal auf dem Markt, wird die Zahl der Raubkopien massiv zunehmen, schätzen Experten.
Um eine Alternative zu den illegalen Downloads zu bieten, konzentrieren sich die Verlage derzeit vor allem darauf, eigene Download-Portale zu schaffen. Helge Malchow beispielsweise, verlegerischer Geschäftsführer beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, sagt: "Wir müssen so schnell wie möglich noch mehr tun, um komfortable und umfangreiche legale Download-Plattformen anbieten zu können." Dass der Kampf allein damit nicht gewonnen werden kann, ahnt, wer sich Libreka anschaut. Libreka ist die verlagsübergreifende Download-Plattform des Börsenvereins. Sie sei "komfortabel" und "umfassend", wirbt der Betreiber selbstbewusst. Und, ach ja, natürlich auch legal. Alles richtig, nur genutzt wird sie so gut wie gar nicht.
Der eigentliche Kampf gegen die weltweiten Raubkopierer wird auch nicht in Frankfurt, sondern aus einer etwas heruntergekommenen Wohnung im Berliner Stadtteil Mitte geführt. Bücher stapeln sich dort, Tageszeitungen liegen herum; es gibt Bier und Wodka. "Willkommen beim Weltmarktführer", sagt Manuel Bonik.
Bonik, 46, ist eigentlich Kulturwissenschaftler. Er hat einen Kollegen namens Andreas Schaale, 46, der eigentlich Physiker ist. Aber nun durchforsten die beiden professionell und gegen Geld das Internet.
Mit einer Handvoll freier Mitarbeiter arbeiten sie für Firmen, die mit Verlagen wie Springer, Thieme, DTV oder Lübbe kooperieren. Boniks und Schaales Job: die illegalen Kopien finden und bestenfalls gleich entfernen.
Das ist in der Praxis oft gar nicht so schwer, wie es scheint. "Große Filehoster wie Rapidshare oder Depositfiles sind kooperativ, richten mitunter sogar eigene Löschzugänge ein", sagt Bonik.
Manchmal finden die Internetgendarmen bei ihrer Suche illegal ins Netz gestellte Zeitschriften, zum Beispiel auch SPIEGEL-Ausgaben, bei denen sich allerdings jemand die Mühe gemacht hat, die Werbeanzeigen mit einer Software sorgfältig herauszuschneiden. Gelegentlich stoßen Bonik und Schaale sogar auf Fachbücher, die offenbar über Scanner an Universitäten in die digitale Welt gebracht wurden.
Noch sind die Dauerhits im Netz Titel wie "Sportbootführerschein Binnen" oder "Richtiges Verhalten im Strafverfahren". "Suhrkamp", sagt Bonik, "läuft gar nicht."
Von Müller, Martin U.

DER SPIEGEL 40/2010
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