20.07.1998

GESTORBENKarl Schirdewan

91. Er war das seltene Beispiel eines lernfähigen Kommunisten in der DDR-Führung. Der Sohn einer Arbeiterfamilie trat mit 16 Jahren dem Kommunistischen Jugendverband und zwei Jahre später der KPD bei. In der Nazi-Zeit wurde er wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt und später in verschiedene Konzentrationslager überführt. Bereits 1946 gehörte er dem SED-Parteivorstand an; den Höhepunkt seines politischen Wirkens erreichte er 1953, als er sich in seiner neuen Funktion als Mitglied des Politbüros und des ZK-Sekretariats bei Chruschtschow für ein wiedervereinigtes Deutschland einsetzte. Fünf Jahre später wurden Schirdewan und der damalige Stasi-Minister Ernst Wollweber, die beide für einen gemäßigteren politischen Kurs plädiert hatten, von ihrem Gegenspieler Walter Ulbricht ihrer Ämter enthoben. Nach der Wende 1989 engagierte sich Schirdewan in der PDS, die ihn rehabilitierte. Der Altgenosse warnte wiederholt vor dem "Linksradikalismus" und der Doktrin von der "Diktatur des Proletariats". Das Versagen der SED vor der Geschichte, so sein Lebensfazit, sei "nicht zu überbieten" gewesen. Karl Schirdewan starb vergangenen Dienstag in Potsdam.

DER SPIEGEL 30/1998
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