11.10.2010

HOCHSCHULENGespaltene Persönlichkeit

Wer sind die Studenten von heute, und was bewegt sie? Der SPIEGEL hat gemeinsam mit McKinsey und studiVZ mehr als 160 000 junge Leute befragt. Ihre Antworten geben Einblick in die höchst unterschiedlichen Welten von Karrieristen, Familienmenschen oder Weltverbesserern.
Nein, früher war nicht alles besser. Aber wenigstens einfacher. Ein Arbeiter war, was man sich unter einem Arbeiter vorstellte, ein Beamter ein Beamter - auf seine Vorurteile konnte man sich noch verlassen, und nichts schöner als ein billiges Klischee, um zu wissen, wie es in der Republik so lief. Fast alle passten so in ihre Kästchen, als wären sie Mitglieder einer Kaste.
Auch die Studenten.
In den Fünfzigern und frühen Sechzigern kamen sie in der Regel aus der gehobenen Mittel- und Oberschicht, weil für andere das Studium zu teuer war. Junge Männer, die Anzug trugen, dazu die passende Geisteshaltung. In drei Adjektiven: klassisch gebildet, konservativ, leistungsorientiert.
Ende der Sechziger änderte sich das Bild der Studenten, unter ihnen nun auch viele Frauen. Der Habit: Wollpullover und Jeans. Und der Habitus in drei Adjektiven: rebellisch, politisiert, im Zweifel links.
Heute aber? Der Student in drei Adjektiven? Wenn das nur so einfach wäre. StudiVZ, die größte Internetplattform für die deutsche Studentengemeinde, hat es versucht. "Wenn Du ihn in drei Worten beschreiben solltest - wie sieht er aus, der typische Student?", fragten die Macher, und als Antwort kam zurück: "Müde, partygeil, pleite." Oder: "Überarbeitet, kaffeesüchtig, halbwegs intelligent." Oder: "Verarscht, verheizt, verzweifelt."
Einer immerhin textete: "Gibt, es, nicht." Das waren zwar keine drei Adjektive, aber es beschrieb die Lage am treffendsten. Denn je mehr Studenten auf deutsche Hochschulen gehen - 2,1 Millionen im vergangenen Wintersemester -, umso mehr verschwimmt der deutsche Student zu einer schemenhaften Figur, besondere Merkmale: keine. Wo kommt der typische Student her, wo will er hin? Wie denkt er? Und denkt er dabei noch an die Zukunft der Gesellschaft, an das große Ganze? Oder geht es ihm nur noch um seine eigene Zukunft, Geld, Karriere, Familie?
Es wäre gut, so etwas zu wissen, denn die 2,1 Millionen Studenten werden die Elite von morgen sein. Sie werden die Republik regieren, Unternehmen führen, sie werden forschen, verwalten und die Eliten von übermorgen ausbilden. Sie sind die Zukunft des Landes, und in einer globalisierten Welt sind sie die Zukunft dieser Welt. Sie werden sie verbessern oder verschlechtern, auf jeden Fall verändern und prägen. Und deshalb wüsste man gern, mit welchen Erwartungen sie in diese Zukunft gehen.
Gemeinsam mit studiVZ und der Unternehmensberatung McKinsey & Company hat der SPIEGEL im Mai und Juni die größte umfassende Umfrage in der deutschen Studentenschaft durchgeführt, die es je gegeben hat. Rund 164 000 Studenten und junge Hochschulabsolventen, deren Abschluss nicht länger als ein Jahr zurücklag, nahmen teil. 130 620 erklärten sich hinterher damit einverstanden, dass ihre Antworten in die Auswertung gingen.
Die Umfrage knüpft damit an die beiden Studentenspiegel-Erhebungen aus den Jahren 2004 und 2006 an, doch diesmal machten nicht nur mehr Studenten und Jungakademiker mit als damals. "Es ergibt sich ein noch umfassenderes Bild, weil auch die Fachhochschulen voll in die Auswertungen einbezogen wurden", sagt Gerhard Arminger, Professor für Wirtschaftsstatistik an der Universität Wuppertal, wissenschaftlicher Berater der Studie.
Das Bild, das aus dieser riesigen Datenmenge entsteht, ist allerdings kein einfaches, in dem sich eins zum anderen fügt. Mit der Verzehnfachung der Studentenzahlen seit Mitte der fünfziger Jahre ist auch der typische Student verlorengegangen; die Klischees haben ihre Berechtigung endgültig eingebüßt.
Die Umfrage liefert indes zahlreiche überraschende Ergebnisse, die seine multiple Persönlichkeit ausleuchten. Etwa dass sein weiblicher Teil trotz Spitzennote oftmals ein niedrigeres Einstiegsgehalt erwartet als die männliche Konkurrenz (siehe Seite 50). Oder dass ein großer Teil der Studenten noch nicht in der globalisierten Welt angekommen ist, lieber auf eine heimatnahe Uni geht und dann ohne Auslandssemester durchs Studium. Für die Hochschulentwicklung bietet die Umfrage damit eine Chance: nicht nur ein Persönlichkeitsbild des deutschen Studenten in der Vielzahl seiner Wesen. Sondern auch eine Diagnose seiner Persönlichkeitsstörungen. Wer sie kennt, kann gegensteuern, damit aus den Hoffnungsträgern von heute nicht die Versager von morgen werden.
Wir bleiben hier
Der Arbeitsmarkt für Studenten ist heute die Welt, denn die Welt ist klein. Klein geworden. Deutsche Firmen sind weltweit vertreten, weltweit vernetzt, müssen Mitarbeiter deshalb ins Ausland schicken, mal für Wochen, mal für Jahre. Und viele internationale Konzerne achten sowieso nicht mehr auf den Pass, nur noch auf den Lebenslauf, wenn sie junge Kräfte einstellen.
Die Mehrzahl der deutschen Studenten aber hat offenbar eine andere Vorstellung davon, was es bedeutet, dass die Welt klein ist. Sie wollen in ihrer kleinen Welt bleiben. Die Umfrage zeigt, dass es mit ihrer Mobilität nicht weit her ist, dass sie oft nicht mal aus dem eigenen Landstrich herauskommen.
70 Prozent der rund 20 600 Absolventen gaben an, nur im Inland studiert zu haben. Am häufigsten gehen Wirtschaftswissenschaftler und Studenten der Amerikanistik und Anglistik ins Ausland, selbst hier sind es aber weniger als die Hälfte. Im Fach Erziehungswissenschaften sammelt nicht mal jeder Fünfte, in Sozialwesen und Sozialer Arbeit nicht mal jeder Zehnte Auslandserfahrung.
Offenbar spielt in diesen Fächern die Frage "Was hab ich später davon?" die entscheidende Rolle: Für angehende Manager können ein paar ausländische Städtenamen im Lebenslauf die Berufs- und Gehaltsaussichten verbessern; Erziehungswissenschaftler und künftige Sozialarbeiter dürfen vermuten, dass es bei ihnen darauf nicht so sehr ankommt.
Schwerer beantworten lässt sich jedoch, warum selbst Informatiker und Wirtschaftsinformatiker, Elektrotechniker und Maschinenbauer zu den Auslandsmuffeln gehören. Selbst wenn ihnen der deutsche Arbeitsmarkt viele Möglichkeiten bietet - so exportabhängig, wie deutsche Firmen nun mal sind, bevorzugen sie durchaus Techniker mit internationaler Erfahrung, gern auch schon aus dem Studium.
Auch hier liefert der Studentenspiegel 2010 eine Erklärung: Als die Analysten von McKinsey die Teilnehmer in sechs Studententypen aufteilten, sortierten sie Informatiker und Ingenieure besonders oft in die Gruppe der "Rationalen" ein (siehe Grafik Seite 45). Die wollen schnell durchstudieren, vermeiden deshalb alles, was zu Verzögerungen führen könnte.
Manche werden sich ein Studium im Ausland auch schlicht nicht leisten können. Was kostet die Welt?, auf diese Frage finden einige Studenten wohl nur die Antwort: zu viel. Doch die Studentenspiegel-Umfrage liefert auch deutliche Indizien, dass viele Nachwuchsakademiker nicht Opfer ihrer Bedingungen, sondern ihrer Bequemlichkeit sind. Es klafft nämlich eine auffallend große Lücke zwischen der Selbsterkenntnis, dass ihnen mehr Mobilität guttun würde, und der Bereitschaft, sich dazu zu zwingen. So hält jeder Zweite, der nicht im Ausland studiert hat, seine Entscheidung durchaus für einen Fehler. Und auch die Aussage, dass die Qualität des Studiums und die Berufsaussichten maßgeblich von der Uni abhängen, die man auswählt, erreicht besonders hohe Zustimmungswerte.
Wenn es also vor allem danach ginge, wo man am meisten, am besten, am aussichtsreichsten lernt, müsste die große Mehrheit der Studenten innerhalb Deutschlands das Nest ihrer Kindheit und Jugend verlassen. Das Gegenteil ist der Fall. Die meisten Studenten wählen ihre Hochschule nach anderen Kriterien aus.
Bis zu 3 von 14 Motiven durften die Teilnehmer der Umfrage dazu ankreuzen. Auf Platz eins - und das bei Studenten aller Fachrichtungen: die Nähe zu Freunden und Familie. Für 45 Prozent war die gewohnte Nestwärme mindestens mitentscheidend, und besonders groß war die Heimatverbundenheit bei Lehramtsstudenten, von denen fast zwei Drittel dieses Motiv angaben.
Auf Platz zwei: die Attraktivität des Standorts mit 41 Prozent. Einfacher gesagt, das Studentenleben, die Partys, die Szene, die Kultur. Heidelberg statt Hannover, München statt Mannheim, Frankfurt am Main statt Frankfurt (Oder).
Erst an dritter Stelle steht der gute Ruf einer Universität, aber der zählt schon deutlich weniger. Nur für 23 Prozent der Studenten war das einer von drei Gründen, auf die es ankam. Für genauso viele war wichtig, dass sie in einem Bundesland studierten, in dem es keine oder nur geringe Studiengebühren gibt.
Aber ansonsten? Gerade mal zehn Prozent legten gesteigerten Wert darauf, dass die Universität ihrer Wahl gut ausgestattet ist, nur drei Prozent achteten auf außergewöhnliche Kurs- oder Sportangebote. Dass im Westen die Hörsäle voll sind, während im Osten recht leere, recht gut ausgestattete Unis auf Kundschaft warten, scheint nur wenigen Westlern ein Motiv zum Aufbruch. So wenigen, dass die Ost-Hochschulen nach aufwendigen Werbetouren durch den Westen inzwischen mit einem sarkastischen Titel um Studenten buhlen: "Studieren in Fernost".
Wer sich in seiner Heimat- oder Traumstadt eingerichtet hat, mag dann auch nur ungern noch mal wechseln. Eine Sonderauswertung der Teilnehmer, die ihr Studium schon abgeschlossen haben, ergab, dass 37 Prozent ihr gesamtes Studentenleben in einer Stadt verbracht haben. Zwar lebten weitere 29 Prozent in zwei Städten; allerdings zählte hier auch schon ein Praktikum fern der Alma Mater mit, wenn es nur wenigstens zwei Monate gedauert hatte. Ein Indiz für mehr Beweglichkeit ist das jedenfalls nicht.
"Die Studenten scheinen noch nicht gemerkt zu haben, dass sich das deutsche Hochschulsystem im Umbruch befindet", sagt Manfred Deistler, Professor für Ökonometrie an der Technischen Universität Wien, neben Arminger der zweite wissenschaftliche Berater der Umfrage. "Den Studenten muss bewusster werden, dass der Wahl der Hochschule wie im Ausland eine größere Bedeutung zukommt."
Der Traum vom Aufstieg
Wie wird man Akademiker? Als Kind von Akademikern. So absolut, wie es klingt, gilt das zwar nicht. Aber es stimmt genug daran, um zu wissen, dass im deutschen Bildungssystem etwas nicht stimmt. Wessen Vater studiert hat, der schreibt sich mit dreimal höherer Wahrscheinlichkeit selbst ein.
Wie stark sich die Gnade der richtigen Geburt auswirkt, lässt sich besonders an zwei Fächern erkennen: In Medizin, dem Prestigestudium des Bildungsbürgertums, stammen mehr als zwei Drittel der Studenten aus Akademikerfamilien. Im Fach Sozialwesen, auf der Renommee- und Verdienstskala weiter unten, sieht es genau umgekehrt aus: Mehr als zwei Drittel der Studenten haben weder eine Mutter noch einen Vater, die studiert haben.
Akademikerkinder erwarten der Umfrage zufolge bessere Noten, und sie haben auch häufiger ein Stipendium. Damit vergrößert sich noch die Kluft zu den anderen. Immerhin: Studenten ohne Akademikerbonus glauben, dass ihnen der Aufstieg zumindest leichter gemacht wird als noch ihren Eltern. Doch mit dem Selbstbewusstsein und dem Geld ihrer Eltern im Rücken machen sich Akademikerkinder weniger Sorgen um ihre berufliche Zukunft. Sie empfinden auch den Leistungsdruck als nicht so stark wie ihre Kommilitonen aus einfacheren Verhältnissen. Die stimmten denn auch deutlich häufiger der Aussage zu, sie hätten durch die Folgen der internationalen Finanzkrise weniger Geld für Konsum übrig.
Die Behauptung, dass alle die gleichen Karrierechancen hätten, unabhängig von ihrer Herkunft, bekam auf der Skala von 0 bis 5 eine 2,5. Das ist zwar auf den ersten Blick gar nicht mal so wenig, doch für ein Land, das schon in den siebziger Jahren mit der sozial-liberalen Koalition die Chancengleichheit auf den Bildungsweg bringen wollte, auch kein gutes Zeugnis.
Karrieremenschen, Selbstverwirklicher
Akademikerspross, heimatverbunden, das trifft zwar heute auf viele zu. Doch als Stempel für die Studentenschaft des Jahres 2010 taugt das nicht. Neben dem Typus des "Rationalen" hat McKinsey unter den Befragten nämlich ebenso die "Weltverbesserer" und die "selbstbewussten Karrieremenschen" gefunden, die "Selbstverwirklicher", die "Familienmenschen", die "ambitionierten Aufsteiger". Jede Gruppe mit ihren eigenen Ansichten, Erwartungen, Zielen, keine stärker als 20 Prozent der Befragten, keine schwächer als 10.
Da gibt es künftige Lehrer und Sozialarbeiter, die gern bestätigen, dass ihrer Meinung nach der Leistungsdruck in der Gesellschaft sehr groß sei - während die Medizinstudenten das nicht so dramatisch sehen. Geschichtsstudenten wünschen sich eher den starken Staat, der in die Wirtschaft eingreifen soll, Wirtschaftsstudenten natürlich einen Staat, der sich eher heraushält aus ihrem Metier. Maschinenbauer neigen zu der Ansicht, dass sich zu viele Menschen vom Sozialstaat durchschleppen lassen; Studenten der Fächer Sozialwesen und Soziale Arbeit halten von solchen Ansichten deutlich weniger. Ähnlich sind die Frontstellungen bei der Frage, ob man für ein Kind im Beruf zurückstecken würde. Die meisten Erziehungswissenschaftler sind dazu bereit, Juristen oder Wirtschaftsingenieure denken mehr an ihre Karriere.
Wenn es überhaupt eine Dechiffrier-regel für die heutigen Studenten gibt, dann also die: Sag mir, was du studierst, und ich sage dir, wer du bist und was du willst. Was aus dieser bunten Mischung wird, welche Art von Elite sich daraus im Jahr 2040 herausmendeln wird? Schwer zu sagen. Aber wer weiß schon, was das Jahr 2040 bringen wird?
Von Dahlkamp, Jürgen, Popp, Maximilian, Verbeet, Markus

DER SPIEGEL 41/2010
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