11.10.2010

EDELMETALLEGeld rein, Gold raus

Ein Unternehmer aus Schwaben hat einen Goldautomaten erfunden. Die Innovation soll nun den Siegeszug rund um die Welt antreten.
Automaten sind für die weltoffenen Münchner von jeher eine segensreiche Erfindung. Es gibt Maschinen in Discotheken, die gepeinigten Stiletto-Trägerinnen bequeme Wechselschuhe auswerfen. Der "Med-o-Mat" an der Theresienwiese lockt mit Potenz-Liquid, Augentropfen und Schwangerschaftstests. Selbst Fahrradschläuche fallen an der Isar auf Wunsch aus einem unscheinbaren blauen Blechkasten.
Seit zwei Wochen sind die Münchner um eine bemerkenswerte Innovation reicher. Am Laimer Platz steht ein mit Blattgold überzogenes, 450 Kilogramm schweres Trumm, das eine bedeutende Lücke im bayerischen Selbstbedienungsgeschäft schließt: der Goldautomat. Gegen Bargeld oder Kreditkarte wirft die Kiste echte Goldbarren bis zu 250 Gramm aus - je nach Tagespreis eine schnelle Investition um die 7900 Euro. Geschenkbox inklusive.
Die schwer gesicherte Kiste im Vorraum einer Münchner Direktbank ist der jüngste Auswuchs des weltweiten Goldrausches. Seit die Preise für das Edelmetall nahezu täglich neue Rekordmarken erreichen, drängen auch immer mehr Kleinanleger in den Markt. Sie träumen von märchenhaften Renditen in Zeiten magerer Zinsen: Der Preis für die Feinunze ist von 256 Dollar im Jahr 1999 auf stolze 1350 Dollar angestiegen, Tendenz weiter steigend. Banken reaktivieren ihre erst vor Jahren geschlossenen Goldspeicher.
Der Schwabe Thomas Geissler nutzt den Run auf seine Weise - er schenkt der Welt die Goldmaschine. Eigentlich war es nur eine PR-Idee, um den eigenen Internetgoldhandel zu promoten. In Abu Dhabi, im Luxushotel Emirates Palace, stellte Geissler das erste Gerät auf. Das war im Mai. Binnen kürzester Zeit, so der Unternehmer, sei Gold im Wert von einer halben Million Euro gezogen worden. Nun wird expandiert.
In Augsburg, Essen, Wiesbaden, Pforzheim, Metzingen, Reutlingen, Nürnberg und München sind die rund 35 000 Euro teuren und mit Panzerstahl geschützten Automaten inzwischen in Betrieb. Sie stehen in Shopping-Centern, in italienischen Modeläden, bei Juwelieren oder in Banken. Wichtigstes Kriterium: Der Standort muss für Lastwagen unerreichbar sein, um Panzerknacker abzuhalten. In der Spitze, so das Unternehmen, machten die Kisten im Monat bis zu 350 000 Euro Umsatz. In Bergamo fällt das Gold am Flughafen aus dem Schrank, in Madrid kooperiert ein Nobelhotel. Kreuzfahrtschiffe sind im Visier.
"Wir haben", schwärmt Geissler, der zuvor mit seiner Firma in Investmentfonds, Grundstücken und Olivenöl machte, "einen Massen-Roll-out." 200 Automaten will das Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufstellen. Ab nächstem Monat, so Geissler, werde auch der amerikanische Markt erobert.
Doch hat die Welt ausgerechnet auf einen Goldautomaten gewartet? Geissler wirbt damit, das Edelmetall sei bei ihm billiger zu haben als in der Bank. Das Unternehmen verspricht alle zehn Minuten einen Preisabgleich, die Summen am Automaten schwanken tatsächlich den ganzen Tag rauf und runter.
Wichtiger als ein paar Euro Preisvorteil scheint eher ein anderes Argument. Während bei der Bank das Handling durchaus einige Tage dauern kann, ist das Gold am Automaten sofort verfügbar. "Geld rein, Gold raus", sagt Geissler - und verspricht seinen Kunden damit auch Anonymität. "Die Leute wollen kaufen, ohne dass es beim Staat dokumentiert wird."
Doch das ist nur bei kleinen Einkäufen möglich. Um Geldwäsche zu vermeiden, kann lediglich bis 2500 Euro anonym eingekauft werden - geht es darüber, muss der Personalausweis eingescannt werden. Aktuell reicht das diskrete Verfahren maximal für einen 50-Gramm-Barren.
Für professionelle Anleger ist der Automat mithin völlig uninteressant. Denn natürlich gilt auch bei Gold: Je größer der Barren, umso günstiger der Einkauf. Geissler sieht seine Klientel deshalb eher bei Einsteigern und Kleininvestoren. Das Automatengold solle "als Geschenkidee" wahrgenommen werden und "Lust auf die Investition in Edelmetalle wecken", so die Botschaft.
Die Kunden scheinen es ebenso zu sehen. Kaum war der Münchner Automat öffentlichkeitswirksam aufgestellt, da drückten sich selbst am Wochenende Passanten die Nase platt am geschlossenen Foyer der auserwählten Bank. Nach einiger Zeit hatte der Wachdienst ein Einsehen und schloss einem Interessenten auf. Der ältere Mann kaufte umgehend einen Barren, um ihn am Sonntag zur Taufe zu verschenken.
Sollte der Täufling irgendwann nicht mehr wissen, wohin mit dem wertvollen Geschenk, dann kann der Schwabe Geissler auch weiterhelfen. In seiner Heimat hat er "das schwäbische Fort Knox" erfunden: ein Hochsicherheitslager in Metzingen, rund um die Uhr bewacht von einem Sicherheitsdienst. Zur Einlagerung von wertvollem Kundengold "außerhalb des Bankenkreislaufs".
Von Conny Neumann und Steffen Winter

DER SPIEGEL 41/2010
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