11.10.2010

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE

Stofftiere

Von Hoppe, Ralf

Warum kanadische Bären Gras fraßen und süchtig wurden

Sie hatten einen Tipp bekommen. So lief es meistens, ein Hinweis von der Straße, ein Dealer, der einem Konkurrenten schaden wollte, das Angebot verknappen, es konnte tausend Gründe geben, wusste Chuck, jedenfalls machten sie sich bereit.

Sie fuhren mit drei Wagen. Übliche Bewaffnung, Shotguns, Neun-Millimeter-Pistolen. Kein Hubschrauber diesmal, sie wussten ja, wo sie hin wollten, zum Christina Lake, es gab nur eine Zufahrtstraße. Einsätze wie dieser waren beinahe Routine. Nur dass es dieses Mal gegen die Bären-Lady ging. Und das nagte an Chuck.

Die Bären-Lady war eine Symbolfigur in West-Kootenay, im Südwesten von Kanada, man nannte sie so, weil sie sich angeblich immer für das Wohl der Bären eingesetzt hatte, die in dieser Gegend leben. Sie war so etwas wie eine Heilige der Naturschützer, Chuck hätte sie nie verdächtigt, und jetzt wusste er nicht, was er von dem Hinweis halten sollte.

Constable Chuck Brind'-Amour, 42 Jahre alt, geboren in Quebec, stark und sportlich, mit freundlichem Lächeln und kurzgeschorenem Haar, ist seit 22 Jahren im Dienst der Royal Canadian Mounted Police. Chuck hat aufgehört, die Einsätze gegen Drogenanbau zu zählen, eine Unmenge von illegalen Marihuana-Farmen gibt es hier, die Täler sind tief und verschwiegen, das Klima trocken und warm, Dope-Land wird die Region genannt. An 365 Tagen im Jahr kämpft Chuck gegen die Rauschgiftfarmer, einerseits, weil es sein Job ist - mehr noch aus Überzeugung. Die Natur ist überwältigend, sie ist grandios, warum also Drogen?

Sie sind zu sechst auf der Station, Chuck und seine Kollegen. Eigentlich sind sie Polizisten, aber hier, in der Weite und Reinheit der Bergwelt, sind sie auch Wildhüter, Naturbewahrer. Die Natur ist ein Geschenk, sagt Chuck, und die Tiere sind es auch.

Der Amerikanische Schwarzbär (Ursus americanus) mag die Einsamkeit, gewaltige Reviere, bis zu 100 000 Hektar, die er durchstreift, dichte Wälder, seltener Grasland. Er frisst alles ganz gern, am liebsten Pflanzen, aber manchmal eben auch Fleisch. Menschen geht er aus dem Weg, als Mensch sollte man das gutheißen. Zwar ist ein Schwarzbär kleiner als ein Grizzly, kann aber immer noch bis zu 300 Kilo schwer werden, ist ungeheuer sprintschnell, mit seinem Gebiss kann er den Unterarm eines Mannes zerkauen wie ein Mensch einen Schokoriegel, er ist ein ausgezeichneter Schwimmer, Kletterer, Killer. Den Angstschweiß, der einem ausbrechen könnte beim Gedanken daran, riechen die Tiere aus vier, fünf Kilometern Entfernung, ihr olfaktorischer Sinn ist etwa 2100-mal so scharf wie das Geruchsvermögen des Menschen.

Chuck hatte hier und da mal was mitgekriegt von den Geschichten um die Bären-Lady. Sie war nicht mehr jung, früher war sie als Hippie durch die Gegend gezogen, hieß es, und sie kannte sich aus in den Wäldern, kümmerte sich um verletzte Tiere und lebte ökomäßig, im Einklang mit der Natur. Daran war nichts auszusetzen.

Umso schockierender, sagt Chuck, der Anblick, der sich ihm dann bot.

Die Plantage war beeindruckend, über tausend Pflanzen, übermannshoch, üppig. Auf der Straße, sagt Chuck, hätte eine Unze Dope, 31 Gramm, zurzeit etwa einen Wert von 320 Dollar; die Ernte wäre also mehr als eine Million kanadischer Dollar wert gewesen. Neben der Pflanzung stand die Hütte der Bären-Lady. Und dann sahen sie die Pfade, die die Bären getreten hatten, die Tiere mussten hier schon jahrelang leben, und schließlich sahen sie die Bären selbst. Es waren unwirklich viele. Sie schienen fröhlich-vereint hier nebeneinanderher zu leben.

Chuck und seine Leute näherten sich mit Vorsicht. Die Tiere sollten fliehen können, so, wie es ihrem Instinkt entspricht. Aber ihre Instinkte schienen den Bären entglitten zu sein, sie schienen die Menschen zu begrüßen wie alte Freunde, sie wirkten very easy, sagt Chuck.

Mehr als ein Dutzend Tiere zählte er, zwölf Schwarzbären und ein paar Waschbären. Die Tiere bewegten sich, als befänden sie sich im Teletubby-Land, als schwebten sie dahin auf Nirwana-Wölkchen aus Tetrahydrocannabinol.

Man fand hinter der Hütte Dosen und Trockenfutter. Die Bären-Lady, sagt Chuck, habe die Tiere mit Hundefutter angelockt. Offenbar jahrelang. Ob die Bären tatsächlich Wachdienste leisteten, Wanderer oder Dope-Diebe abschreckten oder ob sie einfach nur aus einer schrägen Eingebung heraus gehalten wurden, weil die Bären-Lady vielleicht zu viel von ihrem eigenen Zeug konsumiert hatte - Chuck weiß es nicht. Für die Tiere jedenfalls muss das Angebot aus Hundefutter und rohpflanzlichen Wirkstoffen, das sie zuverlässig vorfanden, so überzeugend gewesen sein, dass sie ihren Drang nach Einsamkeit aufgaben, einem bedröhnten Miteinander zuliebe.

Constable Chuck Brind'Amour ist enttäuscht von der Bären-Lady. Er hofft, dass die Bären den Entzug durchhalten, bis zum Winterschlaf. Und im Frühjahr clean sind.


DER SPIEGEL 41/2010
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