11.10.2010

BIOGRAFIENDer letzte Wille

Einen Tag vor dem Ende der DDR schreiben Schüler einer Ost-Berliner Oberschule Briefe an sich selbst. Es geht darin um ihre Erwartungen an das neue Leben. 20 Jahre später öffnen sie die Briefe bei einem Klassentreffen. Von Wiebke Hollersen
Der Umschlag ist aus braunem Papier, das weich geworden ist mit der Zeit. Vielleicht war es auch immer schon weich, nie so fest, wie das Papier von Briefumschlägen im Westen. Er ist nicht zugeklebt, nur zugesteckt, eine Schatzkiste ohne Schloss, er liegt auf dem Tisch, um den wir sitzen, vor einem Café in Berlin, Prenzlauer Berg.
Wir sind hier, um diesen Umschlag zu öffnen, gemeinsam, so wie wir es vor 20 Jahren verabredet haben.
In dem Umschlag stecken Briefe aus einem Land, das es nicht mehr gibt. Wir haben sie selbst geschrieben, am letzten Tag dieses Landes, "2./3. Oktober 1990" steht auf dem braunem Papier, das Datum der Nacht, in der die DDR verschwand. Was in den Briefen steht, haben wir vergessen.
Frau Lindemann, unsere Deutschlehrerin, hat den Umschlag vor 20 Jahren verschlossen, nun öffnet sie ihn, zieht die Briefe heraus, kariertes Papier, liniertes Papier, sie liegen auf dem Tisch wie eine vergessene Klassenarbeit.
Am 2. Oktober 1990, in unserer letzten Schulstunde in der DDR, hatte Frau Lindemann uns gefragt: Wie wäre es, wenn ihr eure Gedanken aufschreibt?
Christiane Lindemann hatte vom Direktor einen Auftrag für diese Stunde bekommen, so wie alle Lehrer der Schule, der Auftrag lautete: "Würdigen Sie mit den Schülern den Beitritt."
Es war laut, als sie in unser Klassenzimmer kam, so wie immer, aber etwas war anders als sonst. Wir saßen in schwarzer Kleidung in den Bänken, fast alle 19 Schüler, die an diesem Tag gekommen waren. Einen Tag zuvor hatten wir das abgesprochen. Die DDR würde verschwinden, wir konnten nichts mehr dagegen tun, nur noch zeigen, dass wir traurig waren.
Seit einem Monat gingen wir in die zehnte Klasse der 2. Oberschule Prenzlauer Berg, wir waren 15, einige auch schon 16, und das aufregendste Jahr unseres Lebens lag hinter uns. Ein Jahr, in dem die alten Regeln nicht mehr galten und die neuen lange nicht feststanden.
Wie geht es euch, was denkt ihr über die Einheit, über das neue Land, Deutschland? Schreibt das auf, sagte Frau Lindemann. Sie versprach, dass sie die Texte nicht lesen, sondern aufbewahren würde. Fünf Jahre, dann könnten wir sie gemeinsam lesen, bei einem Klassentreffen. Es gibt eine Bedingung, sagte sie: Wer schreibt, soll ehrlich schreiben.
Es wurde still im Klassenzimmer, wir schauten einander nicht an, aber wir fingen an zu schreiben, einer nach dem anderen, rissen die Blätter aus unseren Blöcken, gingen zum Lehrertisch und steckten sie in den Umschlag, der dort lag.
Frau Lindemann klebte ihn nicht zu, wir wollten das nicht, wir wussten, sie würde ihr Wort halten. Sie nahm den Umschlag mit nach Hause und packte ihn in eine Tasche, die Tasche stellte sie in einen Schrank.
Dort lag der Umschlag, umschloss die Briefe mit unseren letzten, echten DDR-Gefühlen. Wie eine dieser Zeitkapseln, in die man eine Tageszeitung, Münzen und Fotos legt. Die man in Beton gießt, unter der Erde, über die man ein Haus baut, unten liegt die Vergangenheit, oben läuft das Leben weiter.
Wir müssen ausgesehen haben wie auf dem Weg zu einer Beerdigung, in unseren schwarzen Hosen und Pullovern, als wir die Schule nach der Stunde verließen. Es ist schwer, sich das vorzustellen, an einem sonnigen Tag, 20 Jahre danach. Es gibt kein Bild von dieser Stunde, auch in unseren Köpfen nicht mehr, nur noch Erinnerungsfetzen.
Wir sind 35 oder 36 Jahre alt, auf dem Tisch liegen die Fotos von den Kindern, die wir mal waren, und von denen, die wir bekommen haben. Wie das so ist bei Klassentreffen. Nur dass unsere Fotos in zwei verschiedenen Zeiten aufgenommen wurden, vor der Wende, nach der Wende, den Zeiten, in die das Leben im Osten zerfällt.
Mir fällt es immer schwerer, die beiden Zeiten zusammenzubringen. Mitten im Jubiläumsjahr, zwischen all den Zeitungsartikeln, Büchern, Sonderausstellungen, versickert meine Erinnerung an die DDR. Das Gedenkbild passt nicht zu den Bildern, die ich selbst noch habe.
Ich schaue die neue ARD-Familienserie "Weißensee", in der sich der Sohn eines Stasi-Generals in die Tochter einer Dissidentin verliebt. Die Serie spielt in Ost-Berlin in den achtziger Jahren, in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, aber ich erkenne sie nicht. Die Fernsehbilder erscheinen mir zu bunt. In meiner Erinnerung ist Ost-Berlin inzwischen grau. Grau und trist war die DDR, ich habe das so oft gehört, bis die Farbe aus meiner Erinnerung gelaufen ist. Ich kannte auch keine Stasi-Generäle und keine echten Dissidenten. Die einzigen Figuren, die wohl am Ende übrig bleiben werden, nach noch einmal 20 Jahren Gedenken.
Jemand hat eine Mappe aus rotem Kunstleder zu unserem Treffen mitgebracht, auf der "Brigadetagebuch" steht, in die schrieben wir Berichte von Pioniernachmittagen und Klassenfahrten. Unser Klassenbuch, es könnte in einem DDR-Museum liegen, als Ausstellungsstück zum Thema Kindheit in der Diktatur. Nachdem ich es gelesen habe, kann ich sagen, dass wir häufig Würstchen aßen und uns bei Ausflügen verliefen. Im Februar feierten wir Fasching, am 1. Mai gingen wir zur Kampfdemonstration.
Als wir uns nach 20 Jahren zum ersten Mal wieder treffen, tragen die Frauen Sommerkleider, die Männer helle Hemden. Die meisten aus der alten Klasse wohnen noch in Berlin, viele noch in Prenzlauer Berg.
Katharina sitzt neben Frau Lindemann, sie nimmt die Briefe, verteilt sie am Tisch. Katharina ist Schauspielerin geworden, sie fragt: "Liest jeder seinen laut vor?" Wir schütteln die Köpfe. Julia, die ihr gegenübersitzt, schlägt vor, die Briefe später um den Tisch gehen zu lassen. Julia war die Einzige aus unserer Klasse, die nie bei den Pionieren und in der FDJ war, ihre älteste Tochter ist 15, so alt, wie wir damals waren. Stefan, am anderen Ende vom Tisch, nickt, er ist einer der wenigen, die nicht Schwarz trugen am letzten Tag der DDR, er ist aus Leipzig zum Klassentreffen gekommen.
Die Jugendlichen, die wir mal waren, sind uns fremd geworden, vielleicht sind sie uns inzwischen auch peinlich. Wir nähern uns ihnen vorsichtig.
"Ich bin heute in schwarzer Kleidung angekommen, weil ich dadurch meine Einstellung bzw. Gefühle äußern möchte. Ich habe ungefähr 15 1/2 Jahre in der DDR gelebt, und obwohl wir keinen richtigen Sozialismus hatten, fühlte ich mich in diesem Staat sicher", schrieb Doreen.
"Ich fühle mich nicht gut, Traurigkeit, Ängstlichkeit überwiegen. Ich habe mir den Abgang oder das Ende der DDR etwas anders vorgestellt, als diesen Beitritt. Vielleicht eine andere DDR?", stand im Brief von Tamara.
"Mal ist mir zum weinen zu Mute, mal nehme ich alles sehr leicht. Aber in jedem Fall bedrückt mich die momentane Situation doch sehr, weil es mir einfach widerstrebt, mich einzugliedern und anzupassen, ohne auch nur das geringste einbringen zu können", schrieb Katja.
Die Schule, auf die wir gingen, lag in einem Neubaugebiet hinter der Greifswalder Straße, das gerade noch zu Prenzlauer Berg gehörte. Sie hieß nach Anton Saefkow, einem Kommunisten, den die Nazis ermordet hatten, wir lernten an ihr seit der dritten Klasse Russisch und waren den Kindern von anderen Schulen damit um zwei Jahre voraus. Auch in der DDR, dem Land der Einheitsschule, waren Eltern froh, wenn ihre Kinder an Schulen kamen, die weniger einheitlich waren.
Arbeiterkinder gab es in unserer Klasse kaum, eine Mutter arbeitete bei der Reichsbahn, ein Vater war Küchenchef, allerdings in einem Interhotel. Die anderen waren Angestellte in Staatsbetrieben oder Behörden, eine Mutter entwarf Mode, ein Vater schrieb Theaterkritiken.
Als im September 1989 die Schule wieder begann, nach den Sommerferien, in denen Tausende die DDR verlassen hatten, saßen wir alle im Klassenzimmer. Aber der Aufruhr in der DDR hatte auch uns erfasst. Wir hängten Flugblätter vom Neuen Forum an die Wandzeitung, stellten Kerzen vor Kirchen, liefen zu Demonstrationen. Wenn unsere Lehrer das untergehende System verteidigten, ließen wir sie spüren, dass ihre Zeit vorbei war. Unsere Zeit schien zu beginnen. Es gab wahrscheinlich nie einen besseren Ort, um in der Pubertät zu sein, als die DDR der Wende, ein aufgewühltes, von sich selbst bewegtes Land.
Ein Jahr später, im Herbst 1990, war das Hochgefühl verflogen. Unser letztes Jahr an der Schule begann, wir würden Prüfungen bestehen müssen, die zehnte Klasse abschließen und etwas Neues beginnen in einem neuen Land.
"Ich habe Angst vor der Zukunft. Ich bin herausgerissen worden aus einer Gesellschaft, an die ich mich schon gewöhnt hatte, ich hatte bis jetzt die Gewißheit: Du wirst Dein Leben schon meistern, Du wirst schon eine Dir zusagende Arbeit finden, es wird alles gut."
So beginnt der Brief, den Katharina Spiering damals schrieb. Wir verabreden uns ein paar Wochen nach dem Klassentreffen, Katharina stellt Teetassen auf den Tisch auf ihrem Balkon. Sie hätte auch Saft, sagt sie. Oder Wodka. Katharina hat nach der Schule eine Weile in Russland gelebt, hat sich zurückgezogen in den Osten, weil sie den Westen noch nicht ertrug. "Ich wollte in ein Land, das noch im Umbruch ist, ich wollte noch nicht in so einem fertigen Land leben", sagt sie.
Von ihrem Balkon kann sie den Wasserturm sehen, sie wohnt am Kollwitzplatz, in dem Teil von Prenzlauer Berg, in dem nichts mehr an den Osten erinnert. Früher schaute Katharina vom Fenster ihres Kinderzimmers über die Mauer in den Wedding, der kaum nach Westen aussah. Der Eindruck bestätigte sich, als sie nach der Öffnung der Mauer hinüberlief.
Hinter dem Grenzübergang an der Bornholmer Straße kam sie aber erst an den Lastkraftwagen vorbei, von denen Bananen und Kugelschreiber verteilt wurden, Werbegeschenke einer Supermarktkette und einer Zigarettenfirma, vor den Wagen drängelten sich Türken und Leute aus dem Osten. Katharina schämte sich.
"Jetzt und in Zukunft werden die Menschen wohl nur auf sich selbst achten und nicht darauf, ob sie dem Nebenmann eventuell einen Stoß versetzen, so daß der andere nicht aufsteigt, sondern fällt."
Es gab Geschenke, die sie annahm, die kostenlosen U-Bahn-Fahrten bis Ende des Jahres, den freien Eintritt in die West-Museen. Katharina sah sich die Büste der Nofretete an, lief durch das Charlottenburger Schloss, ein dünnes Mädchen in einem Ost-Anorak. Der Schlosswärter starrte sie an, sie fragte sich, ob er Mitleid hat mit ihr oder ob sie ihn nervt.
"Mit dem Wort DDR verbindet sich für mich Heimat, es ist z. B. so, daß ich, wenn ich nach W-Berlin (nur noch heute ist es das) fahre, mich dort nicht zu Hause fühle. Wenn ich meinen Fuß aber wieder auf DDR-Boden gesetzt habe, habe ich gleich wieder ein besseres Gefühl, eben das Du-bist-zu-Hause-Gefühl."
Ihre Unsicherheit wurde immer stärker, "ich hatte permanent den Eindruck, den Ereignissen hinterherzurennen, nicht zum Nachdenken zu kommen", sagt sie. Runder Tisch, Wahlen, Einigungsvertrag, Währungsunion, Zwei-plus-Vier, jeden Tag eine Entscheidung.
Nach dem Abitur zog Katharina nach Moskau, arbeitete in einer Tagesstätte für Menschen mit Down-Syndrom. Anderthalb Jahre blieb sie in Russland, fuhr immer wieder hin, sie konnte sich nicht lösen von dem Land, von der Anarchie, die sie an das Chaos der Wende erinnerte.
Irgendwann kam sie doch ganz zurück nach Berlin, ging auf die Schauspielschule, an das Theater in Stendal, Sachsen-Anhalt, wieder nach Berlin. Katharina hat im "Tatort" gespielt und bei "Bloch", zwischendurch macht sie Synchronisationen, Lesungen, lebt ein Schauspielerleben, ein wenig Chaos ist ihr geblieben.
Sie hat ihr Leben gemeistert, ja, sagt sie. Aber sie hat Freunde, die mit ihren Kindern von Hartz IV leben müssen, "es war nicht alles falsch, was wir über den Kapitalismus gelernt haben", sagt sie.
"Ich fühle mich irgendwie leer, alle Hoffnungen, die ich einmal hatte, sind verflogen. Meine Freunde können mich nicht ,trösten', ihnen geht es genauso. Ich kann nicht alles ablegen, was ich in meiner Kindheit und bis jetzt erlebt + gefühlt habe! Es ist eine Lüge, daß es keine DDR-Identität gibt!"
So beginnt mein Brief. Es ist still, als wir beim Klassentreffen lesen, was wir vor 20 Jahren geschrieben haben, manchmal lacht jemand auf oder schüttelt den Kopf. Vielleicht ist es kein Zufall, dass niemand ein Treffen organisiert hat, als fünf Jahre vergangen waren, die verabredete Zeit, auch nach zehn Jahren nicht. Als wir uns nach fünf Jahren nicht trafen, war ich erleichtert.
Ich wusste nicht mehr, was ich geschrieben hatte, aber ich wusste noch, dass ich am Abend das Feuerwerk vor dem Reichstag im Fernsehen gesehen und geweint hatte. Nicht vor Rührung, sondern vor Wut. Wie sollte ich das jemandem aus dem Westen erklären? Dass ich mich nicht freute auf Deutschland, sondern das Gefühl hatte: Die nehmen mir mein Land weg.
"Der letzte Herbst war vielleicht die schönste (glücklichste) Zeit meines Lebens. Alle Menschen in der DDR hielten zusammen und kämpften, ich war hoffnungsvoll und voller Kraft + Willen, etwas Neues, Besseres zu schaffen."
Die DDR, an der ich hing, gab es nur für ein paar Monate. Wenn es sie überhaupt gab. Sie kommt mir im Nachhinein vor wie ein Phantasieland, in dem Herbstlaub liegt und Kerzen brennen, in dem die Politiker lange Bärte haben und große Träume. Ein Abenteuerspielplatz, aber mit Sicherheitsnetz. Das alte DDR-Sicherheitsnetz, es klemmte nicht mehr, aber es war alles noch da, die Arbeit, die billigen Wohnungen. Ich fürchtete den Sozialismus nicht mehr und den Kapitalismus noch nicht.
Ich legte mir einen Hefter an, auf den ich schrieb: "DDR - Parteien, Probleme, Prognosen", ich sammelte Zeitungsartikel, Flugblätter, schrieb nach Demonstrationen auf, wer was gesagt hatte. "Sprecher der Autonomen Antifa: erschreckende Infos über Neonazis". Das war im Dezember 1989, die Lage war schnell unübersichtlich geworden.
Am letzten Tag der DDR schrieb ich einen dunklen Abschiedsbrief, so wie die meisten aus der Klasse. Nicht alle waren so wütend wie ich. Aber die meisten hatten Angst, wie Katharina. Was, wenn meine Eltern arbeitslos werden? Ich keine Lehrstelle finde? Es keine Krippen mehr gibt, später, für meine Kinder? Werden Frauen noch arbeiten und frei sein? "Niemandem wird es schlechter gehen", den Satz von Helmut Kohl zitierten einige von uns, wir glaubten kein Wort.
"Ich habe als ehemaliger DDR-Bürger auch noch Ideale vom wahren Sozialismus. Ich weiß nicht, ob es machbar ist. Aber als ich im letzten Oktober auf die Straße gegangen bin, habe ich es nicht für den Kapitalismus getan, sondern für eine Erneuerung des Sozialismus."
Julia Knof hat diese Sätze geschrieben, sie war das Mädchen aus der Klasse, das von uns allen immer am weitesten weg war vom Staat, das in der Kirche war und deswegen nicht bei den Pionieren und in der FDJ. Aber am Ende war auch Julia der DDR erstaunlich nah.
"Die Lehrer haben uns damals auch ganz schön Angst gemacht", den Eindruck hat sie nach dem Klassentreffen, nachdem sie viele Briefe gelesen hat.
Sie ruft ihren Mann und die Töchter. Die kleine ist 13, die große schon 15, so alt, wie Julia damals war. Neben dem großen Küchentisch liegt der Hund, in einer Ecke stehen, zusammengeklappt und in Säcke verstaut, die Fahrräder, mit denen sie alle immer in den Urlaub fahren.
Es ist fast, wie es früher bei Julias Eltern war, in deren Wohnung auch ein großer Tisch stand, an dem immer Platz war für Besuch. Julias Eltern, beide Kinder evangelischer Pfarrer, waren sanfte Staatsverweigerer. Sie gingen nicht wählen und meldeten ihre vier Kinder nicht bei den Massenorganisationen an. Julias Vater schrieb an Margot Honecker, die Ministerin für Volksbildung, als Julia deswegen erst nicht in unsere Russischklasse durfte. Dann durfte Julia doch.
"Meine Eltern fanden den Sozialismus an sich gar nicht schlecht, auch, dass es nicht alles im Überfluss gab, hat sie nicht gestört", sagt Julia. Aber sie wollten mehr Freiheit. In der Wendezeit brachte Julia Flugblätter aus ihrer Kirche mit, der Gethsemane-Kirche, vor der jetzt eine Gedenksäule steht. Auch das Neue Forum schien den Sozialismus an sich nicht schlecht zu finden. Julia mochte die neuen Politiker, die ernsten Pulloverträger, aber plötzlich waren die alten Ost-CDU-Männer an der Macht. Plötzlich ging es um Dinge, die Julia nicht wichtig waren.
"Mich ärgert es, wenn die Politiker über ,mehr Wohlstand für alle' reden, und gleichzeitig werden Menschen aus Betrieben entlassen und in anderen Ländern verhungern welche. Das ist auch der Grund, warum ich den Kapitalismus so verabscheue."
Nach dem Abitur arbeitete Julia ein Jahr lang in einer Einrichtung für Behinderte. Dann wurde sie schwanger und war ganz froh, erst mal nichts weiter entscheiden zu müssen. Vier Jahre blieb sie mit den beiden Kindern zu Hause. Inzwischen arbeitet sie als Sonderpädagogin an einer Schule. Sie verteidigt den Sozialismus nicht mehr, aber eigentlich scheint sich an Julias Werten in den letzten 20 Jahren nicht viel verändert zu haben. Sie versucht, mit ihrer Familie ein einfaches, gutes Leben zu leben. Letztens waren sie alle auf der großen Demonstration gegen Atomkraft. "Dadurch, dass wir uns politisch auseinandergesetzt haben, wussten wir, wie wir leben wollen", sagt sie.
Warum warst du denn so wütend?, fragt mich Julia beim Klassentreffen, in der Schule saßen wir nebeneinander, aber so kannte sie mich nicht.
Nach dem Mauerfall wusste ich nicht, was ich in West-Berlin sollte. Ich kannte keine Museen im Westen. Ich kannte auch fast keine Leute aus dem Westen. Nur einen Patenonkel meiner Mutter, der vor dem Mauerbau aus dem Erzgebirge nach Frankfurt am Main gezogen war und dort eine Fahrschule hatte. Er kam zurück ins Erzgebirge, wenn mein Opa Geburtstag hatte, und trank mit ihm Schnaps, seine Frau wirkte immer etwas traurig.
Der Kapitalismus erschien mir nicht als Chance, sondern als Gefahr. Meine Mutter verlor im Dezember 1989 ihre Arbeit im VEB Möbelkombinat. Vorher hatte sie bei einem Außenhandelsbetrieb gearbeitet, immer in Büros, in denen ich sie manchmal nach der Schule besuchte.
Nun ging sie putzen. Bei einem Ehepaar aus West-Berlin, das sie am Abend nach dem Mauerfall auf der Straße kennengelernt hatte, die beiden lebten in einer riesigen Altbauwohnung, der Mann war Arzt, die Frau war Mutter und Hausfrau, eine Hausfrau, die nicht putzte.
"Und ehrlich gesagt, sie kotzen mich an, diese Brüder und Schwestern, die uns, wie kleine Dummchen, an die Hand nehmen und ins gelobte Land führen wollen. Ostler sind doof, fett, konsumgeil, zurückgeblieben (laut ,Spiegel'), etc.", steht in meinem Brief.
Mein Vater kaufte manchmal den SPIEGEL und gab ihn mir dann. Vielleicht hat mir auch jemand anderes das Heft gegeben, das kurz vor der Wiedervereinigung erschien.
Auf dem Titelbild ziehen zwei Männer einander an schwarz-rot-goldenen Krawatten, in dem Artikel dazu steht, dass die Ossis sich wie Deutsche zweiter Klasse benehmen und auch so behandelt werden.
Mein Bruder, der damals 13 war, sagt, dass er sich noch an die Sache mit dem Joghurt erinnert.
"Zwischen Lübeck und Hof haben Ossis die Parkplätze besetzt, die Innenstädte okkupiert, den Joghurt aufgekauft", schrieb der SPIEGEL, seitenlang ging es dann so weiter. "Die Ossis sind ein Volk von Raffern, Konsum geht ihnen über alles", außerdem sind sie "schmerbäuchig", unhöflich, ziehen sich furchtbar an, haben einen Neidkomplex und begegnen "marktwirtschaftlichen Notwendigkeiten mit schierem Unverständnis, westlichen Leistungsnormen mit Verbitterung".
Als ich vor zwei Jahren selbst beim SPIEGEL anfing, fragte mich einer meiner neuen Chefs, warum im Osten so wenige Leute das Blatt lesen. Ich sagte irgendwas über den westlichen Blick, den Artikel von damals erwähnte ich nicht, ich hatte ihn vergessen.
"Ich denke, die deutsche Einheit ist das Ereignis des 20. Jh. für Deutschland", steht in dem Brief, den Stefan Renz geschrieben hat.
Stefan war der Einzige aus unserer Klasse, der versuchte, die ganze Sache etwas größer zu sehen. In unserer letzten Schulstunde in der DDR war er nicht trotzig oder niedergeschlagen. Er wog die Vorteile und die Nachteile der Einheit ab.
"Ich freue mich auf Deutschland, weil wir endlich wieder ein Land, meine Verwandten keine Fremden mehr sind. Ich ärgere mich über Deutschland, da die DDR von der BRD geschluckt wurde. Wir DDR-Bürger müssen geduckt in die Einheit gehen, das ist schlecht."
Er ist einer von denen, die früher weg müssen beim Klassentreffen, seine Tochter ist erst ein paar Monate alt, er muss wieder nach Leipzig, wo er seit zehn Jahren lebt, er lädt uns ein, ihn zu besuchen.
An einem Nachmittag im September läuft er durch die Leipziger Innenstadt, vorbei an der Nikolaikirche, vor der im September 1989 die Montagsdemonstrationen begannen. Er erzählt von einer Taufe, auf der er neulich war, er hielt eine Kerze, und als das Wachs auf seine Finger tropfte, dachte er an die Wendezeit. An das Wachs, das damals an seinen Schuhen klebte. An die Oppositionsgruppe, die wir auf dem Spielplatz hinter der Schule gründeten, die FDU, "Frieden, Demokratie, Umwelt". An die Demo nach dem Mauerfall, bei der wir einen Kohlkopf auf einen Besenstiel steckten, weil Helmut Kohl an diesem Tag in der DDR war.
",Wir sind ein Volk', wo kam das eigentlich so schnell her? Und woher kam unser Unbehagen?", fragt Stefan.
Stefan schaffte es nach dem Mauerfall, für alles offenzubleiben. Er demonstrierte mit uns gegen Kohl, aber er verkauf-te auch die Reste der DDR an die Westler. Er holte unsere Staatsbürgerkundelehrbücher aus der Altstoffsammlung gegenüber der Schule, die Lehrer hatten sie dort entsorgt, nachdem das Fach eingestellt worden war. Die Mauerfall-Touristen am Brandenburger Tor zahlten acht Mark West pro Stück.
"Ich denke, die bundesdeutsche Wirtschaft wird in die DDR investieren, aber erst wenn die Wirtschaft am Boden ist, so kommt es billiger. In 1 bis 2 Jahren wird es wieder bergauf gehen."
Als wir verabredeten, am letzten Tag der DDR in schwarzer Kleidung zur Schule zu kommen, versuchte Stefan, uns zu verstehen. Aber er war nicht traurig. Sein Onkel lebte im Westen, viele Verwandte, über seine evangelische Gemeinde hatte er Jugendliche aus West-Berlin kennengelernt. Im Sommer 1990 fuhr Stefan mit seinen Eltern im Trabant durch die Bundesrepublik. Nach der Reise spürte er, dass die DDR und die BRD zusammengehören.
"Nun müssen wir sehen, daß wir wirklich ein deutscher Staat werden. Ich will dazu beitragen, und ich freue mich auf Deutschland."
Stefan hat Jura studiert, in Greifswald, England und in Leipzig, da hat er jetzt eine kleine Kanzlei. Er liest seinen Brief noch mal, er sagt: "Komisch, ich hätte gedacht, dass ich kritischer war." So dunkel war die Stimmung damals in der Klasse.
"Lebwohl DDR - ich habe das alles nicht gewollt."
Das war mein letzter Satz. Ich nahm mir vor, den Tag der Einheit nie zu feiern.
Vor ein paar Jahren feierte ich ihn doch zum ersten Mal. Ich war für ein Praktikum in Mexico City, und mein Chef nahm mich mit auf das Fest in einer Kongresshalle. Es gab Bratwürste und Bier, die Gäste trugen Anstecker mit deutsch-mexikanischen Fahnen, die mich an die Abzeichen der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft erinnerten, in die wir als Russischschüler eingetreten waren. Die Mexikaner in der Halle schienen sich besonders über die deutsche Einheit zu freuen. Wie feiert ihr zu Hause?, fragten sie. Ich kenne niemanden in Deutschland, der am 3. Oktober feiert, sagte ich.
"Feste sollen gefeiert werden, viel Musik und Feuerwerk am Tag d. dt. Einheit", das steht im Brief von Salvadore Brandt.
Salvadore sah keine Vor- und Nachteile an der deutschen Einheit, wie Stefan, er hatte erst recht keine Angst, so wie Katharina, Julia, war nicht wütend, so wie ich. Am letzten Tag der DDR in Schwarz zur Schule gehen? "Tut mir leid, ich verstehe es einfach nicht", schrieb er.
Er kommt aus einem Hinterhaus in Kreuzberg, in dem im Moment sein Büro ist. Auch Salvadore ist beim Film, er arbeitet als Regieassistent und Fotograf, war beim Dreh von "Inglorious Basterds" dabei, gerade arbeitet er beim Casting für eine Daily Soap.
Er war nicht beim Klassentreffen, zu viel zu tun, sagt er. Was er damals geschrieben hat, interessiert ihn nicht besonders. Salvadore hängt der Vergan-genheit nicht nach, schon damals war das so.
Am letzten Tag der DDR lag dieses kleine, enge Land längst hinter ihm. Schon mit zwölf wollte er die DDR verlassen, sagt Salvadore. Fast jeden Sommer fuhr er mit seinem Vater nach Bulgarien oder Ungarn, dort trafen sie Bekannte von drüben. Im Sommer 1989 wollte er von Ungarn in den Westen, aber sein Vater entschied: Wir fahren nach Hause.
Als die Mauer offen war, lief Salvadore jeden Nachmittag durch West-Berlin. Er erkannte auch die Chancen des Kapitalismus. Am Ku'damm verkaufte er Mauerstücke, als Erster, sagt er, in vier Wochen verdiente 1200, vielleicht 1500 Westmark, genau weiß er es nicht mehr.
Nach der zehnten Klasse kam er noch mit auf das Gymnasium in Prenzlauer Berg, auf das die meisten von uns nun gingen. Nach der elften Klasse war er weg. Er ging weit in den Westen, nach Texas, für ein Highschool-Jahr. Als er aus den USA zurückkam, wollte er auf keinen Fall mehr auf eine Ostschule gehen. Sein Abitur machte er auf einem Gymnasium in Tiergarten, seine Sommer verbrachte er in den USA. Als Katharina vor der Bundesrepublik nach Russland floh, vergaß Salvadore in Amerika die DDR.
"Ich meine, daß es jetzt mit Deutschland aufwärts geht (in allen Dingen)."
Salvadore hat Jura studiert und ist beim Film gelandet. Er lässt sich treiben, so, wie er das in Amerika gelernt hat, sagt er. Er lebt in Charlottenburg, altes West-Berlin, am liebsten würde er nach New York gehen. "Da habe ich nicht eine Sekunde ein fremdes Gefühl", sagt er.
Ein Jahr nachdem wir die Saefkow-Schule verlassen hatten, wurde sie geschlossen, in das Gebäude zog eine Grundschule mit Musikschwerpunkt.
Wir haben inzwischen länger in der Bundesrepublik gelebt als in der DDR. Der Teil unseres Lebens, den wir in unserem ersten Land verbracht haben, wird immer kleiner. Vielleicht auch immer unwichtiger. 15 oder 16 Jahre, am letzten Tag schrieben wir einen Brief, traurig oder hoffnungsvoll, vielleicht war es das irgendwann.
Frau Lindemann, unsere alte Lehrerin, ist inzwischen pensioniert. Sie lässt den leeren Umschlag liegen, als sie geht. Die Briefe nehmen wir mit. ◆
Von Wiebke Hollersen

DER SPIEGEL 41/2010
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