11.10.2010

METROPOLEN

Hauptstadt der Alpträume

Von Follath, Erich

Wenn Hollywood-Regisseure das alte romantische Europa suchen, gehen sie nach Budapest. Doch Ungarns Kapitale, die Faschismus und Kommunismus überlebte und aufblühte nach dem Ende des Ostblocks, gilt heute als Zentrum eines neuen Antisemitismus. Von Erich Follath

Diese Stadt war immer schon gut für die existentiellen Dinge. Für Intrigen um Leben und Tod, für unsterbliche Liebe und mörderischen Verrat, für Folter, politisches Heldentum und Sex-Eskapaden. Gegründet von Römern, geschleift von Mongolen, geschunden von Osmanen, hat sich Budapest immer wieder neu erfunden, flexibel im Fluss der Zeit. Und wie in einem Versuchslaboratorium wurde hier vom Nationalismus über den Faschismus bis zum Kommunismus jede politische Ideologie getestet.

Die Vereinten Nationen haben gleich vier Plätze dieser Metropole zum Weltkulturerbe geadelt: das Panorama am Donau-Ufer und das Burgviertel von Buda, die Millennium-U-Bahn und die Andrássy-Straße. Vor allem mit diesem Prachtboulevard, konzipiert noch vor 1896 zur mythischen Tausendjahrfeier der Nation, wollten die Magyaren zeigen, dass sie ihren Platz in der Mitte dieses Kontinents gefunden haben. 40 Jahre später verfielen sie den Nazis. Und die heimischen Pfeilkreuzler trieben Juden noch wie Schlachtvieh in Vernichtungslager, als Adolf Eichmann schon von der Bühne abgetreten war.

"Hollywood an der Donau" nennt die "New York Times" dieses Budapest. In keiner europäischen Stadt werden heute so viele internationale Filme produziert. Was sicher auch an den hochmodernen Studios und an den großzügigen Steuergeschenken der Regierung liegt. Vor allem aber an der Stadt selbst. Denn Budapest ist Europa in der Nussschale, das perfekte Double für Rom und Paris, Madrid und München, ideale Kulisse und Projektionsfläche. Anthony Hopkins dreht hier einen Thriller, Nicole Kidman eine Komödie. Und ein Vampir geht um an der Kettenbrücke: Robert Pattinson, Star der "Twilight"-Filme, versucht sich in einem Liebesdrama als "Bel Ami".

Nachrichten aus dem realen Budapest, dem realen Ungarn der letzten Monate:

Neofaschistische Schläger überfallen Roma-Familien und töten in einer Mordserie sechs Menschen. Die Rechtspopulisten der Fidesz-Partei gewinnen im Parlament eine Zweidrittelmehrheit, und die antisemitische Jobbik ("Bewegung für ein besseres Ungarn") wird knapp hinter den Sozialisten mit 16,7 Prozent Stimmanteil zur dritten Kraft. Unbekannte schänden das Holocaust-Denkmal mit blutigen Schweinefüßen. Ein neues Gesetz erlaubt der Regierung die direkte oder indirekte Kontrolle von etwa 80 Prozent der Medien. Der Sender Echo TV zeigt ein Bild des Nobelpreisträgers und Auschwitz-Überlebenden Imre Kertész und trägt dazu einen Text über Ratten vor. Unliebsame Beamte dürfen jetzt ohne Angabe von Gründen gefeuert werden. Die EU-Parlamentsabgeordnete Krisztina Morvai von Jobbik empfiehlt den "liberal-bolschewistischen Zionisten", sich schon einmal zu überlegen, "wohin sie fliehen und wo sie sich verstecken" mögen.

Budapest, im wohl schönsten Parlament der Welt, Neogotik, kuppelgekrönt, von bronzenen Löwen geschützt. 14. Mai 2010. Auftritt Gábor Vona. Alle haben gefürchtet, dass der Jobbik-Chef für einen Eklat sorgen und in der Faschisten-Tracht von einst auftreten könnte. Vona kommt im schwarzen Anzug, großes Aufatmen. Doch kurz vor der Vereidigung wirft der Rechtsaußen das Jackett ab, darunter wird eine pfeilkreuzlerartige Weste sichtbar, "eine Art Nazi-Kostüm" ("FAZ").

So etwas geschieht in einem Land, das zur Europäischen Union und zur Nato gehört, das für Sisis Flirt mit Graf Andrássy und Puszta-Romantik berühmt ist. Ein Land, das im Kommunismus als "die fröhlichste Baracke im Ostblock" galt und wo Aufrechte jenes Loch in die Grenzzäune schnitten, mit dem vor gut 20 Jahren der Eiserne Vorhang Geschichte wurde. Jetzt, nach dem Fidesz-Sieg bei der Kommunalwahl am 3. Oktober, bekommt die Hauptstadt mit dem Diplomingenieur István Tarlós, 62, erstmals auch einen Oberbürgermeister aus dem rechten Lager.

Was ist los in Budapest?

Er liebt sie. Dieser Stadt, die so vielen Juden zum Verhängnis wurde, verdankt György Konrád, 77, schließlich sein Leben. Nie hätte er sich vorstellen können, ihr einmal den Rücken zu kehren, er doch nicht, er ist keiner, der davonläuft. "Aber jetzt halte ich es nicht mehr für unmöglich, dass ich mich gezwungen fühle, Ungarn permanent zu verlassen", sagt der große ungarische Schriftsteller und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, auf einen Stock mit Silberknauf gestützt. "Zwei Diktaturen habe ich überstanden. Vielleicht kommt ja jetzt die dritte."

Natürlich muss er nicht damit rechnen, dass es an seine Haustür klopft und er abgeführt wird. Aber Konrád ist zusammengezuckt, als auf dem Hof im Nebenhaus seiner Sommerresidenz über dem Plattensee Springerstiefel klackten, Hacken aneinandergeschlagen wurden. "Da übte die paramilitärische Organisation der Neofaschisten", sagt Konrád. "Bei einem Nachbarn, der unter den Kommunisten im Gefängnis saß, der lange mein Freund war und nun offensichtlich zu den Rechtsaußen übergelaufen ist."

Verdrängte, wiedererweckte, schmerzende Erinnerungen: das Heimatdorf Berettyóújfalu, 225 Kilometer von der Hauptstadt. Störche über der Synagoge, Geruch von Lavendel und Eichenholz, der Geschmack von Quarkkuchen und Kakao im Mund, Hufgetrappel vor dem Eisenwarenladen der Familie. "Seit meinem fünften Lebensjahr wusste ich, dass sie mich, sollte Hitler siegen, töten werden." Er war elf, als sie begannen, die jüdischen Klassenkameraden abzuholen. Bald auch den Vater, die Mutter. Als neues Familienoberhaupt zwang er im Juni 1944 seine Schwester dazu, ihre Sachen zu packen, organisierte mit den Geldern aus dem elterlichen Geheimfach Fahrkarten in die Hauptstadt. Von seinen Klassenkameraden hat er dann keinen wiedergesehen - sie wurden alle in die Gaskammern geschickt.

Die Konrád-Kinder kamen in Budapest bei einer Tante unter, schliefen auf den Zuschneidetischen des Handschuhbetriebs. Ausgangssperre, Verrat, Ortswechsel bei Nacht und Nebel. Sie fürchteten die Deutschen, aber fast noch mehr die Pfeilkreuzler, ihre ungarischen Handlanger. "Abschaum der Gesellschaft" nennt die der sonst so sanfte Konrád. "Das Ghetto war ein freies Jagdrevier, betrunkene Pfeilkreuzler ballerten nach Lust und Laune um sich. Die Donau, auf der Eisschollen stromabwärts trieben, mit alten Frauen und kleinen Mädchen, vollzuschießen, das war ihre Kunst."

Budapest habe es gut mit ihm gemeint, fand Konrád. Dann aber wollte er zurück in sein Dorf, zurück in die vermeintliche Idylle. Organisierte auch das - und sah nur den Horror. Acht Monate hatten genügt, um seine Welt zu zerstören. "Im ganzen Haus nur Müll und Dreck. Ein Fotoalbum in einzelne Blätter zerlegt, besudelt. Langsam begriff ich, dass, was gewesen war, nie mehr sein würde."

Doch wichtiger ist, dass die Eltern in einem österreichischen KZ überlebt haben. Sie ziehen nach Budapest, als 1948 die familiäre Eisenwarenhandlung von den Kommunisten beschlagnahmt wird. Als "Sohn eines Großbürgers" bleibt György Konrád zunächst ein Platz an der Universität verwehrt. Er schafft es dann doch. Studiert Literaturwissenschaft und Soziologie, kämpft 1956 im Ungarn-Aufstand gegen die Fremdherrschaft. Beginnt zu schreiben. Als Demokrat und Dissident zählt er neben dem Tschechen Václav Havel und dem Polen Adam Michnik zu den Wegbereitern der Wende.

Konrád kann stundenlang über seine Budapester Lieblingsorte erzählen. Über den Klauzálplatz im ehemaligen Ghetto und die gut riechenden Friseusen, die seinen Kopf nach dem Waschen mit Alkohol einreiben, "als wäre er eine Reliquie". Und Konrád schwärmt von der kleinen Konditorei Ruszwurm, wo er sein erstes Romanmanuskript abschloss. Was hat der Pfeilkreuzler-Überlebende empfunden, als er jetzt den Jobbik-Chef in seiner Pfeilkreuzler-Verkleidung sah?

Verachtung, sagt er nach einem leichten Zögern. Verachtung für diese Verhöhnung des Parlaments. Das sei auch in der Weimarer Republik der Anfang vom Ende gewesen. Verachtung, die auch den Regierungschef Orbán einschließt, der sich auf Wählerfang vom hetzerischen Vokabular der Ultrarechten bewusst nicht abgrenze. "Er hat den faschistischen Geist aus der Flasche befreit, und der wird keine Neigung zeigen, dorthin zurückzukehren. Ich mag die Sozialisten nicht, aber diesmal habe ich sie gewählt."

Konrád schenkt Marillenschnaps ein, seufzt, das Gespräch hat ihn angestrengt. Er ist alt geworden, jede Gesichtsfurche ein Ring vom Baumstamm eines erfüllten Lebens. Die Knie wollen nicht mehr. Aber sein Kampfgeist ist immer noch wach: "Beim Anblick der politischen Sieger in diesem Land spüre ich den Vorgeschmack eines Kulturkampfes."

Auf dem Tisch liegt sein neues Manuskript, lose Blätter, handbeschrieben. "Jüdisches Tagebuch" soll im Herbst erscheinen. György Konrád feilt jeden Morgen vier Stunden an Texten. Mit eiserner Disziplin, mit unbändiger Lebensfreude.

Einen Vordenker von der rechtsradikalen "Bewegung für ein besseres Ungarn" zu treffen ist schwer. Jobbik betrachtet internationale Journalisten generell als Feinde. Zsolt Várkonyi, 54, Chef der Jobbik-Wahlkampagne im April, stellt sich dann doch. Er bittet in das Déryné von Buda, ein auf coole Klientel getrimmtes Restaurant, in dem auch Schwarze verkehren. Zur Begrüßung sagt er: "Na, haben Sie schon alle Ihre liberalen Gesprächspartner getroffen, sind Sie durch mit der jüdischen Mafia?"

Zurückgekämmtes Haar, randlose Brille, ein in die Jahre gekommener Musterschüler. Várkonyi, der aus einer alten ungarischen Adelsfamilie stammt, hat in Schweden und den USA studiert, Filmwissenschaft, dann Marketing, Abschluss in Cleveland. Aber immer die Heimat im Herzen. Der selbsternannte "glühende Patriot" erklärt die Jobbik-Lehre, eine krude Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn, gepaart mit klaren Feindbildern: den Juden, den Zigeunern, der Globalisierung, der EU, dem Internationalen Währungsfonds.

Verhasst ist alles, was dem Land Fesseln anlegt. Was verhindert, dass die Ungarn - tatsächlich vom Ural als Spätankömmlinge in Europa eingewandert und von mächtigen Nachbarn oft ausgegrenzt - "ihren angemessenen Platz" unter den führenden Nationen Europas einnehmen können. Das Magyaren-Reich ist in diesem Gedankengebäude der ewige, zu Unrecht bestrafte Verlierer. Vor allem Trianon steht für dieses Trauma: Bei den Vertragsabschlüssen in dem Lustschloss von Versailles 1920 wurde den im Ersten Weltkrieg Besiegten mehr als zwei Drittel ihres Staatsterritoriums aberkannt.

Die Jobbik-Partei träumt von diesem Groß-Ungarn. "Mehr als die Hälfte unserer Brüder leben außerhalb ihres Vaterlandes, wir wollen sie zurückholen." Das Angebot der Orbán-Regierung, allen im Ausland lebenden Magyaren einen ungarischen Pass anzubieten, hält Várkonyi für einen ersten Schritt - dass viele darin eine Provokation sehen, vermag er nicht zu begreifen. Den dreifachen Vater treibt die niedrige Geburtenrate unter den Magyaren um, ganz Europa werde überfremdet. Bis zum Jahr 2050 stellen nach seinen Berechnungen "Zigeuner in Ungarn schon die Hälfte der Bevölkerung". Jobbik kämpfe für eine "auf christlichen Werten aufbauende, geistig gesunde Gesellschaft". Der Rechtsradikalen-Terminus für Juden heißt: "Fremdherzige".

Gelegentlich wütet der Jobbik-Wahlkampfleiter gegen die "Unterjochung durch das internationale Finanzkapital". Aber meist wählt er seine Worte vorsichtig, spricht mit sanfter Stimme. Ein Schöngeist. Er, ein Antisemit? Aber nicht doch. Rüdere Töne überlässt er lieber Leuten wie dem ehemaligen Polizeipsychologen Imre Posta, der gern bei Jobbik-Parteiversammlungen auftritt ("Das jüdische Volk ist ein gewaltsam eindringender Aggressor, der die Existenz der ur-ungarischen Erde gefährdet").

Várkonyi mag keinen Nachtisch. Er verlässt das Café so geräuschlos, wie er gekommen ist. Ein Schattenkrieger. Er hat jetzt eine einjährige Auszeit von der Parteiarbeit genommen, schreibt ein Buch. Worüber genau, mag er nicht sagen. Aber es dürfte irgendwie um die Rettung Ungarns vor der Weltverschwörung gehen.

Sie gilt als die Stimme einer neuen literarischen Generation. Sie erzählt über Brüche in der Gesellschaft, über Liebhaber und Liebhaberinnen, hält sich und ihrem Land den Spiegel vor. Noémi Kiss, 36, ist eine Abenteurerin, eine Revolutionärin. Und sie hat im April die Rechtskonservativen von der Fidesz gewählt. Wie geht das zusammen?

Es sei weniger ein Votum für die Fidesz gewesen als vielmehr eines gegen die Sozialisten. Eine Abrechnung. "Ungarn war zum Land der politischen Lügen geworden", sagt sie. "Zur Brutstätte des Vertrauensverlustes an das gegebene Wort. Die vorangegangene Regierung hat so gut wie keine einzige Reform durchgeführt, die Menschen waren verbittert. Es gab letztlich keine andere Wahl, als die Sozialisten abzuwählen."

Noémi Kiss ist in einem Elternhaus auf

gewachsen, in dem politisch argumentiert wurde, vor allem gegen die Provinzialität der Kádár-Kommunisten. Die Wende hat sie mit ihren Eltern - und gemeinsam mit den meisten Ungarn - als Befreiung wahrgenommen. Sie war 15 damals. Aber Freiheiten wurden selbstverständlich, anderes wichtiger: die Selbstfindung, die Karriere.

Sie promovierte über Paul Celan ("Der Tod ist ein Meister aus Deutschland"), schrieb mit Ende 20 Kurzgeschichten, die sexuelle Tabus brachen, wurde zum gefeierten literarischen Jungstar. Heute ist die Frau mit dem Kurzhaarschnitt, Typ Audrey Hepburn, Dozentin für Vergleichende Literaturwissenschaft - und seit neun Monaten Mutter von Zwillingen.

Die Kürzung der Kulturgelder, all das gefällt ihr nicht. Aber sie findet, dass es zu früh ist, schon den Stab über Orbán zu brechen. "Es ist schwer, an eine positive Veränderung zu glauben, aber ich muss. Sonst hätte ich keine Zukunft."

Kiss und die meisten anderen jungen ungarischen Literaten sehnen sich, ermüdet von Jahren der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, nach einer privaten Auszeit, genießen ihren Urlaub von politischen Fragen. Die Zweiteilung der kulturellen Szene zeigt sich an ihren Treffpunkten wie an ihren Themen: Die Alten diskutieren gern im Glanz des plüschigen Gründerzeitcafés "New York"; sie blicken in die Vergangenheit, fürchten eine Wiederauflage des Antisemitismus. Die Jungen wie Kiss bevorzugen die gesichts- und geschichtslosen Bierstuben am Chinesen-Markt; sie schauen selten zurück, manchmal nach vorn. Und oft zur Seite. "Was geschah, während wir schliefen" heißt das aktuelle Buch der Avantgardistin.

Wird schon nicht so schlimm kommen. So dachte auch der jüdische Intellektuelle Gáspár Miklós Tamás, 61. Bis zu jenem Tag im vergangenen Jahr, an dem ihm vor seiner Haustür in der Innenstadt ein Trupp von Schwarzuniformierten mit Springerstiefeln auflauerte. "Heil Hitler, Professor Tamás, wie geht es Ihnen?"

Dann die Wahl im Frühjahr: der Niedergang des linksliberalen Lagers, für das der Philosophieprofessor einst im Parlament saß; die Zweidrittelmehrheit, die alles, auch eine neue Verfassung, möglich macht. Fernseheinladungen für Tamás bleiben seitdem aus. Von 23 Angestellten in seinem Forschungsinstitut an der Akademie der Wissenschaften sollen 16 entlassen werden, hat Tamás gehört. Darunter auch er. Vergraben in seinen Büchern in einem baufälligen Haus, sinniert er, was schiefgegangen ist in Budapest. Spricht von den Schwierigkeiten, die sich die Rechten zunutze gemacht hätten, der hohen Arbeitslosigkeit, der Ausbeutung durch die Postkommunisten, die oft zu Wendegewinnlern wurden, den geringen Chancen für die Studenten - und sagt, dass all dies doch nichts erkläre. Das augenzwinkernde Einverständnis zwischen Fidesz und Jobbik ist für ihn "ein Armutszeugnis des Systems, fraglich, ob es sich davon erholen kann". Dass die Linke bis auf Szeged jetzt auch alle 23 kreisfreien Städte verloren hat, entsprach genau seinen Erwartungen - "na denn, gute Nacht Ungarn!"

Die Abendsonne taucht die Schöne in ein mildes, alles verzeihendes Licht. An der Oberfläche ist hier alles tolerant, multikulturell. Beim "Sziget"-Musikfestival spielen sogar Roma-Bands. Und wo klingt Bartók schwungvoller, Liszt eindringlicher, Wagner zivilisierter als in der prächtigen Staatsoper?

Budapest badet in Kultur - und das ist wörtlich gemeint. In den Becken der eleganten Széchenyi-Thermen spielen Rentner ihre Schachpartien. In der Antiquitätenstraße Falk Miksa feilschen Kenner um Art-Déco-Lampen. Im "Haus des Terrors" verlieren sich einige wenige Besucher beim Betrachten der Museumsexponate aus diktatorischen Zeiten. Der Motorradclub "Goi", benannt nach dem jüdischen Wort für Nichtjuden, dreht mit seinen provozierenden Groß-Ungarn-Jacken Runden um das Parlament. Und in einem Atelier in der Nähe dreht István Kovács Pornofilme. Auch in Sachen Hardcore ist diese Stadt Weltspitze: Strapse und Springerstiefel, sexueller Stellungskrieg und faschistoide Polit-Pornografie - zwei Seiten einer Medaille.

Noch leben um die 80 000 ungarische Juden in der 1,7-Millionen-Stadt. Die Synagoge an der Dohány-Straße gilt als die größte in Europa. In einigen verfallenden Häusern des Viertels haben Jugendliche sogenannte Ruinenkneipen eingerichtet. Das Simpla ist so eine Hinterhofbar, billiges Bier auf abgesägten Trabbi-Sitzen bei Songs von Dylan und Zappa. Gemischtes Publikum aus Laptop-bewaffneten Brokern und existentialistischen Möchtegern-Poeten. Manche machen sich lustig über die "Rechtsaußen-Idioten", andere erzählen, sie zögen sich jetzt doch lieber Baseball-Käppis über die Kippas und die Eltern säßen auf gepackten Koffern. Sie fühlen sich entheimatet.

Der berühmteste Schriftsteller des Landes lebt seit Jahren nicht mehr in Ungarn. Imre Kertész, 80, Auschwitz-Überlebender ("Roman eines Schicksallosen"), ist in Budapest aufgewachsen. Er geht hart ins Gericht mit seinen Landsleuten. "Rechtsextreme und Antisemiten haben das Sagen. Die alten Laster der Ungarn, ihre Verlogenheit und ihr Hang zum Verdrängen, gedeihen wie eh und je. Ungarn im Krieg, Ungarn und der Faschismus, Ungarn und der Sozialismus: Nichts wird aufgearbeitet, alles wird zugeschminkt mit Schönfärberei. Budapest ist eine Stadt ohne Gedächtnis."

Kertész lebt in der deutschen Hauptstadt. "Warum? Ganz einfach: Weil es sich für einen jüdischen Schriftsteller besser in Berlin lebt als in Budapest." ◆

(*) Paramilitärische "Ungarische Garde" 2007 auf dem Heldenplatz in Budapest.

DER SPIEGEL 41/2010
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