11.10.2010

Essay

Der Wutbürger

Von Kurbjuweit, Dirk

Stuttgart 21 und Sarrazin-Debatte: Warum die Deutschen so viel protestieren Von Dirk Kurbjuweit

Eine neue Gestalt macht sich wichtig in der deutschen Gesellschaft: Das ist der Wutbürger. Er bricht mit der bürgerlichen Tradition, dass zur politischen Mitte auch eine innere Mitte gehört, also Gelassenheit, Contenance. Der Wutbürger buht, schreit, hasst. Er ist konservativ, wohlhabend und nicht mehr jung. Früher war er staatstragend, jetzt ist er zutiefst empört über die Politiker. Er zeigt sich bei Veranstaltungen mit Thilo Sarrazin und bei Demonstrationen gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21.

Als Sarrazin seine Thesen in München vorstellte, schrieb die "Süddeutsche Zeitung" hinterher: "Das gediegene Münchner Bürgertum hat sich schrecklich danebenbenommen." - "Da wurde gezischt, gebuht und lautstark dazwischengerufen." - "In der Münchner Reithalle herrschte ein Hauch von Sportpalast. Gutgekleidete Grauköpfe ereiferten sich nicht nur, sie geiferten." Und zwar gegen Sarrazins Kritiker.

Die Proteste gegen Stuttgart 21 werden von Bürgerlichen getragen, darunter CDU-Wähler und Rentner. Auch sie treibt die nackte Wut, auch sie brüllen und hassen. Tag für Tag, Woche für Woche zieht es sie an den Bauzaun, wild entschlossen, in fanatischer Gegnerschaft.

Selbstverständlich gibt es Unterschiede zwischen den beiden Beispielen. Wer in Stuttgart brüllt, würde vielleicht nicht für Sarrazin schreien, und umgekehrt. Aber es gibt Parallelen, es geht jeweils um Zukunftsvergessenheit. Der Wutbürger wehrt sich gegen den Wandel, und er mag nicht Weltbürger sein. Beide Proteste sind Ausdruck einer skeptischen Mitte, die bewahren will, was sie hat und kennt, zu Lasten einer guten Zukunft des Landes. Warum ist das so? Warum sind Bürger, die den Staat getragen, die Gesellschaft zusammengehalten haben, derzeit so renitent?

Natürlich ist der neue Stuttgarter Bahnhof teuer. Natürlich wird er den Schienenverkehr in Baden-Württemberg nicht revolutionieren. Man kann da sicher eine Menge Gutachten anfertigen, die den direkten Nutzen des Projekts zweifelhaft erscheinen lassen. Aber es geht nicht nur um Zahlen. Es geht auch darum, was für eine Stadt Stuttgart sein will.

Im Jahr 1846, als man sich noch begeistern konnte für das Neue, nannte der französische Schriftsteller Théophile Gautier Bahnhöfe die "Kathedralen der neuen Menschheit". Sie seien "die Treffpunkte der Nationen, das Zentrum, in dem alles zusammenfließt, der Kern gigantischer Sterne, mit Strahlen aus Eisen, die sich bis zum Ende der Welt erstrecken".

Im Bahnhof werden Gäste empfangen, hier zeigen sich Wohlstand, Vernetzung und Internationalität. Berlin, Leipzig und Dresden haben in den vergangenen Jahren viel in ihre Bahnhöfe investiert, und das hat diesen Städten gutgetan. Der Hauptbahnhof, ein moderner Glaspalast, ist ein stolzes Wahrzeichen Berlins geworden, so wie es andernorts Schlösser oder Museen sind.

Wie empfängt Stuttgart einen Reisenden? Mit Miefigkeit, mit einem kleinen Willkommen, nicht mit einem großen. Hier ist Provinz, du musst nicht unbedingt bleiben - das sagt dieser Bahnhof. Sein Nachfolger würde das ändern, er ist so kühn und elegant, dass er das Image dieser Stadt aufpolieren kann. Stuttgart würde im globalen Wettbewerb der Metropolen weit besser aussehen.

Aber das dauert. Es geht um Zukunft, nicht um Gegenwart. Erst in zehn Jahren ist der Bahnhof fertig, und das ist das eigentliche Problem. Zehn Jahre lang wird in Stuttgart gebaut werden, Dreck, Lärm, Umleitungen, ein hässliches Loch in der Mitte, gut sichtbar von den Hügeln ringsum. Dort wohnen die wohlhabenden Bürger. Stuttgart wird leiden müssen für diesen Bahnhof. Daher kommt die Wut, nicht wegen der vier oder fünf Milliarden Euro Kosten für das Projekt. Eine so abstrakte Zahl löst nicht diesen Hass aus.

Der Wutbürger denkt an sich, nicht an die Zukunft seiner Stadt. Deshalb beginnt sein Protest in dem Moment, da das Bauen beginnt, also die Unannehmlichkeit. Nun schiebt er das beiseite, was Bürgertum immer ausgemacht hat: Verantwortlichkeit, nicht nur das Eigene und das Jetzt im Blick zu haben, sondern auch das Allgemeine und das Morgen.

Er vergisst zudem, dass er die Demokratie trägt. Es spielt keine Rolle mehr, dass das Bahnhofsprojekt in einem langen Prozess durch alle demokratischen Instanzen gegangen ist. Der Wutbürger hat das Gefühl, Mehrheit zu sein und die Lage besser beurteilen zu können als die Politik. Er macht sich zur letzten Instanz und hebelt dabei das gesamte System aus.

Er versteht nicht oder will nicht verstehen, dass ein Sieg der Gegner von Stuttgart 21 jeden anderen Protest in Deutschland beflügelt. Fast jedes neue Kraftwerk, fast jede Hochspannungsleitung, fast jedes Windrad, fast jede Straße ist umstritten, weil sie nicht in Lebensgefühle passen oder Lebenslagen verändern. Deutschland wird erstarren, wenn sich allerorten die Wutbürger durchsetzen.

Die nächste Moderne wird von chinesischem Tempo und chinesischen Dimensionen bestimmt werden. Deutschland muss und sollte das nicht alles mitmachen, aber es muss und sollte Anschluss halten und nicht wütend das Überkommene verteidigen.

Natürlich gibt es Migranten, die es sich im Hartz-IV-System bequem machen, natürlich haben manche Muslime in Deutschland Eigenarten oder Bräuche, die schwer oder gar nicht zu ertragen sind. Aber ist das ein Grund, sich zu benehmen wie die Wutbürger von München? Sie haben die Kritiker Sarrazins auf dem Podium niedergeschrien und verhöhnt, sie haben sich aufgeführt wie ein Mob. Ihr solltet euch was schämen, das wäre die Reaktion eines Bürgers, der etwas auf sich hält.

Aber im Moment dominiert der Wutbürger. Er schreibt Hasspamphlete im Internet und schilt den Bundespräsidenten, wenn der den selbstverständlichen Satz sagt, dass der Islam zu Deutschland gehört. Ein paar Leute sind deshalb schon aus der CDU ausgetreten. Man kann diesen Wandel nur Hysterie nennen. Die zählte nie zu den bürgerlichen Eigenschaften.

Contenance im Angesicht von Schwierigkeiten, das zeichnet ein wohlverstandenes Bürgertum aus. Eifer gegen andere Menschen, Rassen, Volksgruppen, Religionen ist unziemliches Verhalten, ist unanständig. Das gebieten der Satz von der Gleichheit des Menschen und das Gefühl für Menschlichkeit.

Aber der Wutbürger sieht das nicht mehr. Er fühlt sich ausgebeutet, ausgenutzt, bedroht. Ihn ärgert das andere, das Neue, Er will, dass alles so bleibt, wie es war. Aber Deutschland wird türkischer und damit islamischer werden, das ist eine Gewissheit. Man kann das nicht aufhalten, nur gestalten.

Auch in dieser Frage merkt der Wutbürger nicht oder will nicht merken, dass es um die Zukunft seines Landes geht. Am Freitag der vergangenen Woche konnten die Münchner in der Zeitung lesen, dass ein Drittel der Kinder in Bayern aus Migrationsfamilien kommt. Anderswo ist das nicht viel anders. Diese Kinder sind die Zukunft Deutschlands. Man kann etwas von ihnen erwarten, etwas fordern, aber man muss ihnen auch das Gefühl geben, dass sie willkommen sind. Wenn sie und ihre Familien mit Wut betrachtet werden, gibt es kein gedeihliches Zusammenleben, keine gute Zukunft.

Bei weitem nicht alle Bürger sind Wutbürger. Aber weil die sich so laut empören, prägen sie das Gesicht der Gesellschaft, prägen sie den Geist der Zeit. Und ihre Zahl steigt. Dafür gibt es zwei Gründe. Sie betreffen sowohl die Integrationsdebatte als auch Stuttgart 21.

Der erste Grund ist, dass die Wutbürger der Politik die Gefolgschaft aufgekündigt haben. Nachdem Thilo Sarrazin seine gehässigen Thesen verbreitet hatte, distanzierten sich die meisten Spitzenpolitiker von ihm, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Christian Wulff. Aber das hatte überhaut keine Bindungskraft. Das Projekt Stuttgart 21 wurde in allen Instanzen von CDU, FDP und SPD beschlossen, ohne Wirkung auf einen Teil der Stuttgarter.

Der Wutbürger macht nicht mehr mit, er will nicht mehr. Er hat genug vom Streit der Parteien, von Entscheidungen, die er nicht versteht und die ihm unzureichend erklärt werden. Er will nicht mehr staatstragend sein, weil ihm der Staat fremd geworden ist. Da hat sich etwas grundsätzlich gewandelt. Für den Bürger hat der Staat auch den Charakter einer Burg. Er schützt vor dem Bösen, und das kam aus Sicht vieler Bürger lange von links, von den 68ern, den Terroristen und den Kommunisten im Osten. All das ist verschwunden, und die 68er sind jetzt selbst die Bürger. Die Burg wird nicht mehr gebraucht.

Man kommt jetzt allein klar, man braucht nicht mehr so viel "wir", man ist jetzt ganz "ich". Der Wutbürger verteidigt zwar das christliche Abendland, geht aber nicht in die Kirche. Er bindet, verpflichtet sich nicht, sondern macht sein Ding. Was wird aus meinem Land, ist eine Frage, die sich Bürger stellen. Was wird aus mir, ist die Frage, die sich Wutbürger stellen. Wird diese Frage nicht befriedigend beantwortet, verliert er die Gelassenheit.

Der zweite Grund ist, dass die Deutschen älter werden. Was jetzt passiert, ist ein Vorbote der demografisch gewandelten Gesellschaft. Die Wutbürger sind zu einem großen Teil ältere Menschen, und wer alt ist, denkt wenig an die Zukunft. Ihm bleiben noch zehn oder zwanzig Jahre, die will er angenehm verbringen, was verständlich ist. Der Bau des Bahnhofs vergällt ihm das Leben, von dem neuen Bahnhof selbst wird er nicht mehr viel haben. Er ist saturiert, er hat keine großen Ziele mehr, strebt nicht, sondern erhält, verteidigt den Status quo, ihm graut vor dem Wandel.

Weil Deutschland altert, erlahmt es auch. Denn das Verhältnis von denen, die viel vom Wandel haben, und denen, die wenig davon haben, wird immer ungünstiger für eine dynamische Entwicklung des Landes.

Wer alt ist, hat auch mehr Angst, Angst vor Neuem, Fremdem. Das Bestehende soll bleiben, weil es vertraut ist, weil es ohne Lernen bewältigt werden kann. Und der Angstbürger wird leicht ein Wutbürger, der sich gegen alle wendet, die anders leben, anders aussehen, anders glauben.

Wenn man das zuspitzt, wenn man die Erfahrungen der Integrationsdebatte und den Protest gegen Stuttgart 21 verknüpft, dann wird sich die Politik bald Mehrheiten bei einer alten deutschstämmigen Bevölkerung suchen müssen, um türkischstämmigen Kindern die Zukunft zu sichern, was der alten deutschstämmigen Bevölke-rung einige Lasten abverlangen würde. Das ist Politik in den Zeiten der demografischen Herausforderung, extrem schwierige Politik.

Mit dem Wutbürger ist das nicht zu schaffen. Die Politik muss sich nun stärker um ihn kümmern, seine Wut dämpfen, seine Verantwortlichkeit hervorlocken. Es stimmt, dass da vieles versäumt wurde. Die Integrationspolitik hatte große Mängel, die Kommunikation zu Stuttgart 21 ist ein Desaster. Aber es ist wohlfeil, die ganze Schuld auf die Politik zu schieben. Zur Freiheit der Bürger in einer Demokratie gehört auch die Pflicht, über sich nachzudenken, das eigene Verhalten, die eigene Rolle. Die meisten Bürger, die sich jetzt ihrer Wut hingeben, müssten dazu eigentlich in der Lage sein.

Es könnte ihnen helfen, mal wieder die "Buddenbrooks" zu lesen, den großen Roman deutscher Bürgerlichkeit von Thomas Mann. Weil Thomas Buddenbrook die Zeichen der Zeit nicht erkennt, geht sein Familienunternehmen unter. Das ist sein Versäumnis, aber auf eine andere Art ist er beeindruckend: in seiner Contenance, in seiner tadellosen Haltung angesichts vieler Schwierigkeiten. ◆


DER SPIEGEL 41/2010
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