11.10.2010

AFGHANISTAN

Schlacht um Shahabuddin

Von Demmer, Ulrike

Ein deutscher Soldat steht in einem Gefecht, wie es die Bundeswehr noch nicht erlebt hat. Er kämpft an der Seite afghanischer Soldaten, auf die er sich nicht verlassen kann. Er riskiert sein Leben für einen Frieden, an den kaum noch einer glaubt. Von Ulrike Demmer

Als Michael Andritzky von der Schlacht um Shahabuddin erzählt, ist seine Stimme fest und ruhig. Er erinnert sich vor allem an einen Moment der Stille. Ein B-1-Bomber hatte seine Fracht abgeworfen, großes Getöse, die Erde bebte. Dann war es ruhig. Andritzky schaute sich um. Zwischen den Obstbäumen und in den Wassergräben der Reisfelder suchte er den Feind. Da, wo vorher eine Baumreihe gestanden hatte, ragte eine Rauchsäule in den Himmel. "Der Feind ist vernichtet", dachte Andritzky.

Das war Ende September, und es war das größte Gefecht, das deutsche Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Rund 250 Leute standen unter Andritzkys Kommando, Deutsche und Afghanen, vier Tage dauerten die Feuergefechte. Fünf afghanische Kämpfer, die wichtigsten Verbündeten der Deutschen in dieser Region, ließen ihr Leben. Ein guter Bekannter von Andritzky war dabei, ein Mann, mit dem er Händchen gehalten hat.

Aber der Feind war nicht vernichtet. Am Donnerstag der vergangenen Woche hat er wieder zugeschlagen. Diesmal ist ein deutscher Soldat ums Leben gekommen. Ein Oberfeldwebel aus Seedorf, 26, wurde von einem Selbstmordattentäter mit in den Tod gerissen. 14 weitere Soldaten wurden verwundet.

Andritzky spricht auch davon mit großer Ruhe. Es ist ein Verlust, ein hoher Preis, aber es muss weitergehen. Er bleibt optimistisch. Sechs Monate lang hat er sein Leben riskiert. Das darf nicht umsonst gewesen sein.

Schon am 15. April sind hier vier Deutsche gefallen, drei von ihnen wurden von einer Sprengfalle zerrissen. Wenig später geriet ein weiterer Konvoi in einen Hinterhalt. Einen Oberstabsarzt tötete eine Panzerfaust. Die Provinz Baghlan ist zur Todesfalle für die Bundeswehr und ihre Verbündeten geworden. Elf Tote bei drei Gefechten in einem halben Jahr.

Michael Andritzky ist seit diesem Montag wieder in Deutschland. In Afghanistan war er Chef der zweiten Kompanie der Quick Reaction Force, der schnellen Eingreiftruppe der Bundeswehr. 126 Soldaten, Gebirgsjäger aus Bad Reichenhall und Panzergrenadiere aus Oberviechtach, hörten auf seinen Befehl. Sechs Monate hat er in der Taliban-Hochburg Baghlan gegen die Aufständischen gekämpft. Seinen Optimismus hat er nicht verloren.

"Es wäre hier so wunderschön, wenn nicht immer mal jemand auf uns schießen würde", sagt Andritzky. Drei Wochen vor der Schlacht um Shahabuddin steht er in Flecktarnuniform auf einem Hügel, seine Stiefel versinken bis zu den Knöcheln in Staub. Mit dem Stolz des Entdeckers blickt er über das grüne Tal, das sich vor ihm ausbreitet wie ein See. Durch Felder mit Sonnenblumen, Mais, Reis und Melonen windet sich der Baghlan-Fluss. Rechts und links davon ragen braune Berge in den blauen Himmel.

"Highway-Triangle" nennen die Deutschen das Tal. Die Hauptstraßen "Uranus" und "Pluto" kreuzen sich hier. Wer diese Straßen beherrscht, beherrscht das Leben in Afghanistan, beherrscht den Fluss von Waffen, Wasser und Benzin. Shahabuddin liegt mittendrin.

Der Hügel, auf dem Andritzky steht, bietet kaum Schutz. Pioniere haben ein Plateau in den Lehm gebaggert. Observation Post North nennen sie den Ort jetzt. Ein Dutzend Zelte stehen darauf. An einigen Stellen schützt ein Wall aus grobem Kies vor feindlichem Beschuss. Eine Mauer rund um das Lager ist in dem bergigen Gelände nicht möglich. Es ist der entlegenste Außenposten der Bundesrepublik und der gefährlichste.

Am frühen Abend zeigt das Thermometer noch immer fast 30 Grad. "Zehn Tage sollten wir bleiben, jetzt sind wir fünf Monate da", sagt Andritzky. Er lässt sich auf sein Feldbett sacken. Es steht in einem Zelt, das er sich mit acht Männern teilt. Der Staub, so fein wie Mehl, hat sich auf alles gelegt, auf Kleider, Schlafsack, Zahnbürste. Nur zu Andritzkys Füßen ist ein sauberer, noch feuchter Fleck auf den Brettern am Boden. Gerade hat jemand das Blut einer Maus weggewischt, die in eine der Fallen getappt war.

Andritzky duscht unter einem Rinnsal, das aus einem Kanister mit Wasserhahn fließt. Seine Mahlzeiten kommen meist aus verschweißtem Aluminium, sein Privatleben ist beschränkt auf ein Fünf-Minuten-Telefonat mit seiner Freundin, kurz vor Sonnenuntergang. Später am Abend, wenn etwas mehr Zeit wäre, geht es nicht. Sie haben den Feind aus dem Tal vertrieben, aber die Taliban beherrschen noch immer das Mobilfunknetz. Nachts lassen sie es abschalten.

Beklagen würde er sich nie. Andritzky ist Soldat, wie sein Vater. In einer Tasche seiner Uniform trägt er die kleine Figur des heiligen Christophorus von seiner Mutter, einen Rosenkranz von seiner Oma und einen hölzernen Engel von seiner Freundin. Er ist Katholik.

"Ich gucke jeden Tag den Afghanen in die Augen. Wir haben hier Verantwortung übernommen", sagt Andritzky. Für den Einsatz hat er sich einen Vollbart wachsen lassen, den Afghanen gefalle das, sagt er. Um den Hals trägt er eines der landestypischen karierten Tücher, das Geschenk eines afghanischen Soldaten. "Wir können die Afghanen nicht im Stich lassen, sonst war alles umsonst."

Ein paar Tage zuvor hat Andritzky Verteidigungsminister Guttenberg angesprochen. Es war ein Grillabend in Masar-i-Scharif, für Andritzky ein kurzer Ausflug in die Zivilisation. Im größten Feldlager der Bundeswehr in Afghanistan ist vom Krieg nur wenig zu spüren. Es gibt eine Autowaschstraße, Geschwindigkeitskontrollen und getrennten Müll.

"Herz und Seele der Afghanen gewinnen. Schwachsinn ist das. Eine einzige Geldvernichtungsmaschine ist dieser Krieg", hat einer der Soldaten bei dem Grillabend mit Guttenberg gesagt. Andritzky konnte das nicht so stehenlassen. Der schmale Offizier baute sich vor dem Verteidigungsminister auf und hielt einen kleinen Vortrag. "Herr Minister, es läuft nicht so schlecht in Afghanistan, wie alle denken, wir haben in den letzten Wochen einiges erreicht. Wir leben, essen und kämpfen mit den Afghanen. Die vertrauen uns. Die sehen, wir meinen es ernst."

An einem heißen Tag Anfang September wirbt Andritzky an jeder Straßenecke um dieses Vertrauen. Mit 14 gepanzerten Fahrzeugen patrouilliert er durch das Highway-Triangle. Auf den schmalen Feldwegen kommt der Konvoi nur im Schritttempo vorwärts.

"Und jetzt bitte winken", sagt Andritzky. Am Wegesrand ziehen zwei Jungen eine Kuh an einem Strick über ein Feld. Andritzky winkt. Die Jungen winken zurück. Der Hauptmann drückt die schwere Tür seines "Dingo" auf und reicht einem der Jungen einen Bleistift. Der zweite schaut abwechselnd böse und bittend, so lange, bis er auch einen Stift bekommt.

Der deutsche Soldat, der für Andritzkys Nahsicherung zuständig ist, starrt mit dem Feldstecher aus dem Fenster. "Alles was hier passiert, kommt überraschend", sagt er. Ein paar hundert Meter weiter steht ein kleiner Junge auf einer Brücke und richtet sein hölzernes Spielzeuggewehr auf die Deutschen. Andritzky reißt zum Spaß die Hände hoch, als würde er sich ergeben. "Wir wollten als Kinder auf den Volksfesten doch auch immer als Erstes zur Schießbude", sagt er.

Andritzky ist ein Mann, der immer das Gute sehen will und alles ins Positive wendet. Seinen Soldaten fällt das schwer. "Heute ist das Gewehr noch aus Holz, morgen ist es aus Metall", knurrt sein Nahsicherer leise und deutet auf einen vielleicht zehnjährigen Jungen, der ihnen den Mittelfinger zeigt. Vor zehn Tagen haben amerikanische Soldaten hier zwischen den Reisfeldern einen Jungen erschossen. Er hatte seine Kalaschnikow auf sie gerichtet, er war vielleicht 14 Jahre alt.

Der Konvoi erreicht Shahabuddin. Ein Mann läuft den Soldaten entgegen, er trägt ein schwarzes Gewand und einen Turban. Das Gesicht unter dem schwarzen Bart ist mager, als liege auf den Knochen die bloße Haut. "Gut, dass ihr kommt", sagt der Mann, der sich Commander Sher nennt.

Er greift nach Andritzkys Hand und zieht ihn über die ausgetrockneten Furchen eines Feldes in den Schatten dreier Ahornbäume. Andritzky widersteht dem Impuls, seine Hand zurückzuziehen. Männer in Afghanistan halten Händchen, wenn sie einander vertrauen. Commander Sher vertraut ihm.

Andritzky nennt Sher einen APRP. Er ist ein Aufständischer, der sich ergeben hat und nun am Afghan Peace and Reintegration Program teilnimmt. Sher war Kämpfer des Warlord Gulbuddin Hekmatyar, Kopf einer der größten Gruppen von Aufständischen, mit Verbindungen zu al-Qaida und dem pakistanischen Geheimdienst. "Sher und seine Männer halten die Stellung in Shahabuddin", sagt Andritzky. "Es ist ein Pilotprojekt."

Das seien alles keine Engel, hat ihm ein Kamerad erzählt. Ohr ab, Nase ab, Kopf ab - mit dieser Methode hätten Sher und seine Männer bis vor kurzem Schutzgeld erpresst.

"Man muss die Vergangenheit ruhen lassen", hat Andritzky erwidert. Eine Schura der Dorfältesten habe beschlossen, dass sie in Shahabuddin nun gegen die Taliban kämpfen dürfen. Und bislang sei doch alles gutgegangen. "Es ist ein Strohhalm", sagt er, "wir müssen es versuchen." Andritzky hat die Gewehre der neuen Verbündeten mit gelbem Klebeband markieren lassen, "damit jeder sehen kann, dass das jetzt die Guten sind".

Die Guten sind an diesem Vormittag nicht zufrieden. Sie haben Matratzen und mit Blümchen bestickte Kissen für die Gäste herbeigetragen, und ihre Worte sind freundlich, aber ihre Gesichter sehen düster aus. "Wir brauchen mehr Waffen", sagt Commander Sher. Er hat im Schneidersitz unter den Ahornbäumen Platz genommen. Als Shers Männer sich vor zwei Monaten ergaben, mussten sie ihre Waffen abgeben. Nicht alle haben sie von der Regierung zurückbekommen. "Ohne Waffen schneiden uns die Taliban die Kehle durch", sagt Commander Sher. Andritzky fährt ab, er hat alles in allem ein gutes Gefühl.

Drei Wochen später sind die Taliban zurück in Shahabuddin.

Was nun passiert, erzählt Andritzky nach der Schlacht. Etwa 60 Männer, die Gewehre im Anschlag, Panzerfäuste auf dem Rücken, greifen das Dorf zu Fuß an. Andritzky rast mit seinem Konvoi ins Tal, aber die Taliban haben ihnen den Weg abgeschnitten. Andritzky steht mit seinem Konvoi an einem kleinen Wehr vor den Trümmern einer Brücke. Die Taliban haben sie zerstört. Dann kommt das Feuer von allen Seiten.

Andritzky reißt die Tür seines gepanzerten "Dingo" auf und brüllt: "Mörserfeuer auf eigene Stellung. Volle Deckung." Er weiß, dass die Granate eines Mörsers das Dach seines "Dingo" durchschlagen würde, als wäre es aus Papier. Mit einem Donnerknall explodiert die Granate Sekunden später 50 Meter neben dem Konvoi. Als ein Soldat der regulären afghanischen Armee tödlich getroffen wird, ergreifen alle anderen die Flucht und verlassen auf ihren Geländewagen oder zu Fuß das Tal.

Das Telefon von Andritzkys Übersetzer klingelt. "Um Himmels willen, tun Sie etwas, damit wir ihnen nicht lebend in die Hände fallen", meldet einer der Kämpfer von Commander Sher. Andritzky kann die Verzweiflung in seiner Stimme hören.

Endlich schlagen die Pioniere eine Brücke über den Fluss. Andritzky dringt tiefer in das Highway-Triangle vor. Ein B-1-Bomber rast im Tiefflug über ihn hinweg. Dann fallen die Bomben.

In der Nacht schweigen die Waffen. Andritzky versucht zu schlafen. Er rollt sich in seinem Notschlafsack neben seinem gepanzerten Fahrzeug zusammen. Es ist sternenklar, sieben Grad Celsius. Der Kontakt zu Commander Sher ist abgebrochen. Seine Männer haben noch gemeldet, dass sie sich in einer der Lehmhütten bei den großen Ahornbäumen verschanzt hätten. Ein roter Teppich auf dem Dach sollte dem Bomberpiloten signalisieren, wo sie sind. Warum musste das jetzt passieren?, denkt Andritzky. Haben die Afghanen ihn im Stich gelassen oder er die Afghanen? Hatte er zu viel versprochen? Ihr Vertrauen missbraucht?

Nach drei Tagen erobert Andritzky Shahabuddin zurück. Wie ausgestorben kommt ihm das Tal vor. Keine winkenden Kinder mehr, die in den Wassergräben spielen, auf den Feldern keine Ziegen. Nirgendwo hängt ein Betttuch zum Trocknen. Commander Sher und vier seiner Leute sind tot. Die Deutschen finden ihre Leichen bei den Ahornbäumen.

Am vergangenen Donnerstag eröffnen die Taliban wieder das Feuer auf Shahabuddin. Wieder fliegen Mörsergranaten. Wieder stehen Deutsche unter Beschuss. Die Bundeswehr hat das Tal seit den Kämpfen nicht mehr verlassen. Knapp hundert Männer sichern die Behelfsbrücke. Die Taliban sollen ihnen nicht noch einmal den Weg abschneiden. Hauptmann Andritzky ist diesmal nicht dabei.

Ein Bauer nähert sich den Männern und ruft ihnen etwas zu. Die Deutschen sind nervös, sie rufen nach ihrem Übersetzer. Sie wollen Vertrauen schaffen. Dann zündet der Bauer den Sprengsatz in seiner Weste. Die Detonation schleudert Stahlkugeln durch die Luft. Sie durchschlagen Fenster und Türen zweier "Dingos". Der Knall zerreißt 14 Soldaten die Trommelfelle. Ein Soldat stirbt bei der Explosion.

Mit "Hellfire"-Raketen und Bomben schlagen die Alliierten zurück. Frieden für Shahabuddin ist nicht in Sicht.

"Das war ein schrecklicher Rückschlag", sagt Andritzky. "Aber egal, wie beschissen die Situation ist, man darf nicht verzagen, sonst war alles umsonst."


DER SPIEGEL 41/2010
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