11.10.2010

USADer ferngesteuerte Krieg

Unter Präsident George W. Bush wurde die CIA zu einem Dienst für Drecksarbeit, der Verdächtige entführte und folterte. Barack Obama versprach Aufklärung und Zurückhaltung, aber die Realität ist heikel: Die neue CIA tötet sofort und per Knopfdruck. Von Klaus Brinkbäumer und John Goetz
Er hatte im Hyde Park gestanden und von einem neuen Amerika gesprochen, dieser zerrissenen Welt, die er heilen und einen wollte, und nun, zwei Tage nach der Wahl, er war noch immer in seiner Heimatstadt Chicago, wurde er in ein Zimmer in der Innenstadt gebeten. Nur er, sonst niemand, keine Berater, keine Ehefrau, keine Zeugen.
Wichtiger als wichtig sei das Treffen, das hatte ihm der Vorgänger, der noch regierende George W. Bush, ausrichten lassen. Es war November 2008, 75 Tage bis zum Amtsantritt, und Barack Obama, gewählter Präsident, amtierender Senator, machte sich auf den Weg.
Der Direktor für die Geheimdienste, Mike McConnell, erwartete Obama, auch McConnell war allein, der Raum war schalldicht, fensterlos, abhörsicher. An diesem Donnerstag hörte Barack Obama, dass es ein geheimes Programm der amerikanischen Regierung gebe - Drohnen, unbemannte Flugzeuge, mit denen die USA in Afghanistan und Pakistan Terroristen jagten, "Sylvan Magnolia" heiße das Programm.
Es laufe gut, sagte McConnell.
Es laufe deshalb so gut, weil die Central Intelligence Agency (CIA) so gute Quellen führe, mutige Männer, Vertraute der Qaida-Spitze und der Führer der Taliban. Es kämen die entscheidenden Tipps von diesen großartigen Spitzeln, und dann schlügen die Drohnen zu; CIA-Leute erzählen die Geschichte, Bob Woodward schrieb sie auf; es ist die Geschichte eines Beginns, denn McConnell konnte überzeugen.
In den 21 Monaten seit Amtsantritt hat Präsident Barack Obama über 120 Drohnen-Angriffe auf Pakistan befohlen oder zugelassen, 22 allein im September 2010, über 100 Menschen sollen bei diesen 22 Attacken gestorben sein; sein Vorgänger George W. Bush befahl 60 Angriffe in acht Jahren.
Obama hat Drohnen zum Zentrum seiner Strategie im Kampf gegen Taliban und al-Qaida gemacht. Sie kreisen über Afghanistan und Pakistan, sie haben den Krieg verändert, weil sie ihn anonymer machen, kälter, und weil sie eine fürchterliche Waffe sind. Eine ständige Bedrohung. Per Knopfdruck zu bedienen. Präzise, meistens, so jedenfalls stellt die CIA es dar.
Der Drohnen-Krieg, von der U. S. Army, der Air Force und vor allem von der CIA geführt, findet in einem Schattenreich statt, jenseits von Kriegsgerichten, öffentlicher Debatte und Medien; nur wenn es zwei Deutsche erwischt, mutmaßliche Islamisten auf Reisen in Mir Ali im nördlichen Waziristan, gibt es Schlagzeilen für einen Tag (siehe Seite 112).
Der Drohnen-Krieg der CIA gestattet der Regierung in Islamabad, so zu tun, als wisse sie von nichts; und er gestattet Obama, einen Feldzug auf dem Territorium eines Verbündeten zu führen, ohne Truppen dorthin schicken zu müssen.
Beide amerikanischen Parteien, Demokraten und Republikaner, sind sich einig, ausnahmsweise, in ihrer Unterstützung des Programms, weil es keine amerikanischen Toten gibt.
Die CIA gibt keine Zahlen heraus, über Erfolge nicht, über getötete Zivilisten schon gar nicht. 16-mal griff sie allein Baitullah Mehsud an, den Chef der pakistanischen Taliban, 16-mal meldeten Spitzel oder die Kameras der Drohnen den Aufenthaltsort Mehsuds, 16-mal feuerten die Drohnen, 15-mal vergebens, und beim letzten Mal, als Mehsud tatsächlich und wie gemeldet im Haus seines Schwiegervaters war, starben Mehsud und zehn Freunde und Verwandte. Etwa 700 Zivilisten sollen 2009 durch die Drohnen der CIA getötet worden sein, heißt es in Islamabad.
Die CIA wandelt sich, schon wieder. Sie war dazu gedacht, Informationen über ferne Länder zu sammeln, dafür ist sie 1947 erfunden worden; die Aufklärungsflüge über China und der Sowjetunion, damals im Kalten Krieg der fünfziger Jahre, gelten in der Zentrale in Langley in Virginia noch immer als Triumph moderner Spionage. Die CIA war aber auch damals schon mehr, sie war stets auch Instrument realer Politik.
Mit ehemaligen Nazis arbeitete der Dienst zusammen. Er stützte Diktaturen wie jene des Manuel Noriega in Panama, solange der Diktator nützlich und ein guter Verbündeter im Kampf gegen Kommunisten war. Er half, linke Demokraten wie Salvador Allende in Chile zu stürzen, und machte Herrscher wie Augusto Pinochet möglich.
Und manchmal agierte und agitierte die CIA, wie im Nachhinein klar wurde, auf fatale Art kurzsichtig: In Afghanistan, Anfang der achtziger Jahre, finanzierte sie die Mudschahidin und jene Stammesfürsten, die heute Warlords genannt werden, Waffenlieferungen gehörten zur Rundumversorgung durch Amerika. Der Dienst wollte mithelfen, die Sowjets aus Afghanistan zu vertreiben, es gelang, es wurde ein teurer, elender Krieg für die UdSSR, doch die Verbündeten von damals sind die Gegner von heute, ausgebildet und ausgerüstet durch die alte CIA, bekämpft von der neuen CIA.
Es gab in all den Jahrzehnten einen Unterschied zwischen offizieller Politik und der Arbeit der Geheimdienste, naiv wäre es, anderes zu erwarten, da es das Wesen der Dienste ist, im Graubereich zu arbeiten. Bushs CIA entwickelte die Drohnen-Strategie, setzte sie aber nur spärlich ein; Bushs CIA entführte Terrorverdächtige und folterte sie.
Barack Obama versprach die Schließung Guantanamos, wo viele der nach dem 11. September 2001 von der CIA Entführten und Verhörten saßen; er versprach ein Ende von Entführungen und Folter. Die Realität: Obamas CIA entführt nicht mehr, sie tötet. Sie hat damit militärische Aufgaben übernommen, sie führt einen Krieg jenseits von Kriegs- und Völkerrecht, sie führt ihn in Afghanistan, aber auch in Pakistan oder im Jemen, dort, wo es keinen Krieg gibt, offiziell.
Der Vorteil: Gefangene muss man irgendwann freilassen oder wenigstens vor Gericht stellen, vielleicht gibt es Untersuchungsausschüsse, vielleicht fragen Journalisten nach. Töten ist einfacher.
Obamas CIA entscheidet, wer leben darf und wer sterben muss. Sie verbreitet Angst in fernen Ländern, weil sie über Drohnen befiehlt, die jederzeit kommen können und die, wenn sie kommen, so genau sind, dass sie ein Bett oder auch ein Badezimmer treffen können.
Darf die CIA das? Aus Sicht der Agenten ist schon die Frage naiv, darum anders gefragt: Ist das klug, was die CIA tut?
Wird es den USA und dem Westen nutzen, oder wird es am Ende nur neue Feinde motivieren und Nachahmer legitimieren, andere Regierungen, die ja auch verkünden und sicherlich begründen könnten, dass und wieso jener Feind den Tod verdiene - und die dann ihre Geheimdienste beauftragen?
Mailand war der Wendepunkt, so erzählt es die einstige Agentin Sabrina De Sousa, sie sitzt in einer Hotelbar in Miami, Mailand sei das Fiasko der CIA gewesen, die Bloßstellung, nach Mailand habe die CIA eine neue Strategie gebraucht.
In Mailand entführten 22 Agenten am 17. Februar 2003 den Ägypter Abu Omar - und hinterließen Spuren. Deshalb konnte im November 2009 der Mailänder Büroleiter der CIA, Robert Lady, zu acht Jahren Gefängnis verurteilt werden, Sabrina De Sousa bekam fünf Jahre und eine Geldstrafe von 1,5 Millionen Euro. Keiner der Agenten erschien, die CIA liefert ihre Leute nicht aus, aber sie lässt sie fallen, Sabrina De Sousa ist nicht mehr dabei.
Die neue CIA will weniger Schmutz, sie will einen klinischen Krieg.
J ohn Jumper, heute 65 Jahre alt, ist der Mann, mit dem das Programm begann, ein Militärvisionär, ein Kreativer des Krieges. General John Jumper, einst Kampfpilot über Vietnam, war für die U. S. Air Force in Europa, es war die Zeit der Balkan-Kriege. Die Amerikaner wollten ihre Aufklärung verbessern, "Predator 911" nannte sich eine Arbeitsgruppe des Pentagon, "911" nach dem amerikanischen Notruf. Der Auftrag ging raus. Darpa, die Entwicklungsabteilung der Armee, erdachte den ersten "Predator", eine Drohne, ein unbemanntes Fluggerät, neun Meter lang, von einem kleinen Motor angetrieben.
Das Ding war leise und vom Boden aus kaum zu sehen, es flog in rund 3000 Meter Höhe, 24 Stunden lang, ohne tanken zu müssen. Wesentlich waren die Kameras, die Drohne sollte ja Informationen liefern, ein Instrument des Geheimdienstes eben, und John Jumpers Auftrag war, zu überprüfen, was das Ding konnte.
Er ließ die Propeller austauschen, er ließ Benzinmotoren einbauen, und dann ließ er neue Flügel mit kleinen Löchern fertigen, aus den Löchern konnten Chemikalien fließen, die die Drohne vor Eis schützten. An die Bewaffnung dachte damals kein Mensch.
Aber dann, es war 1999, es waren die Monate des Kosovo-Krieges, sah Jumper wieder seine Drohnen aufsteigen, und sie schossen scharfe Fotos. Und er sah Piloten der Air Force in ihre Jets klettern und in die Schlacht fliegen. Und er sah all die Informationen, die die Drohnen lieferten, doch die Piloten, die ins Kampfgebiet flogen, sahen diese Informationen der Drohnen immer erst später, viel zu spät.
"Es muss schneller gehen. Effektiver", dachte John Jumper. Er gab den Auftrag, eine automatische Lasersteuerung einzubauen, noch immer ging es nur darum, ein Zielobjekt zu finden. Aber dann machte es "klick, einfach so", so erinnert er sich, ein Gedanke wie ein Geniestreich: "Wenn wir die Drohnen mit Laserzielführung und mit Waffen bestücken, dann können wir den ganzen Kreislauf - Ziel finden, Ziel analysieren, Ziel angreifen, Ziel zerstören, Ergebnis bewerten - von einem Fluggerät aus erledigen."
Fünf Jahre brauchen wir, sagten die Techniker. "Drei Monate habt ihr", sagte Jumper, und dann sagte er: "Just go do it", es wurde eine Chiffre für das gesamte Programm. Nach sechs Monaten war die Waffe der Neuzeit fertig.
"Hellfire", Höllenfeuer, wurden die Raketen genannt, die nun die "Predator"-Drohnen schmückten, 10,5 Millionen Dollar kostete ein bewaffnetes Exemplar, das war günstig: 14 Drohnen waren so teuer wie ein F-22-"Raptor"-Kampfjet.
Es ist ein anderer Krieg, ein moderner, zweifellos. Die Piloten sitzen 12 000 Kilometer von den Schlachtfeldern entfernt. Die Luftwaffe hat ihre Leute in der Creech Air Force Base stationiert, nicht weit von Las Vegas, die CIA operiert von Camp Chapman in Afghanistan und vom Keller der Zentrale in Langley aus.
Die Drohnen funktionierten von Anfang an, bei Tests in Nevada trafen sie alles: Bäume, Häuser, Autos, es gab eher ein Problem, das Soldaten sich wünschen: Die Waffen waren zu präzise, darum wurde ein Streumechanismus eingebaut, die Splitter töteten alles, was lebte, im Radius von 20 Metern.
Kurz vor den Terroranschlägen vom 11. September 2001 entstand der "Predator B", "ausdauernd und hartnäckig", sagt Jumper, der General spricht zärtlich über seine Kreation. Der "Predator B" kann nicht mehr nur 24, sondern 36 Stunden lang fliegen, er tötet weniger blutig, GPS- und Lasertechnik steuern ihn, 500-Pfund-Bomben hängen an seinen Flügeln, "Reaper" heißt die neue Version, Sensenmann.
Die Software namens "Geospatial", die für die Zielprogrammierung benutzt wird, nimmt Daten, die die Drohne geliefert hat, und kombiniert sie mit Werten aus einer Datenbank und Koordinaten, die von Mobiltelefonen übertragen werden; der Entwickler, Marshall Peterson, sagt, dass er nicht gewusst habe, dass seine Software für gezielte Tötungen verwendet werde. "Sie wurde nicht entsprechend getestet und ungenau installiert. Das ist gefährlich", sagt Peterson.
Der Tüftler ist dekorierter Vietnam-Veteran, er sagt, er habe die Lieferung abgelehnt, weil das Programm nicht ausgereift gewesen sei, aber dann habe eine Partnerfirma, Netezza, seine Daten genommen und der CIA verkauft, mutmaßlicher Betrug, es gibt ein Gerichtsverfahren. "Dies ist exakt die Erfahrung, die mich skeptisch auf das ganze Programm schauen lässt", sagt Peterson.
Die Unterlagen dieses Verfahrens von Massachusetts lesen sich, als würden im fernen Pakistan Kinder sterben, weil in den USA die CIA nicht warten mochte, bis ein Computerprogramm ausgereift war; und aus Afghanistan melden Agenten, vertraulich, dass immer wieder mal eine Drohne vom Himmel falle und dann Trupps losgeschickt würden, die die Einzelteile einsammeln müssen.
General John Jumper aber glaubt an die Technik. Was er sich nun vorstellt für die Zukunft des Krieges, nennt er "netzwerkzentriert", auch das Wort "Orchester" fällt: Ein Mann am Boden steuert nicht mehr nur eine Drohne, es können auch vier Drohnen sein oder fünf, es geht um das beste Bild, "wie bei den vielen Kameras in den Stadien der Fußball-Weltmeisterschaft", sagt Jumper. Drohne eins liefert Daten über den Terroristen in Islamabad, Drohne zwei überwacht die Häuser der Umgebung, Drohne drei den Wagen, mit dem der Terrorist unterwegs ist, Drohne vier kreist tiefer und ist zum Angriff bereit. Braucht es bemannte Flugzeuge, sind auch die in der Nähe, braucht es einen Satelliten, wird einer vorbeifliegen.
Und dann wird geschossen? Per Knopfdruck in Langley, Virginia?
"Niemand, wirklich niemand, der niemals selbst diese Entscheidung getroffen hat", sagt General Jumper, "sollte uns leichtfertig kritisieren. Ich weiß, wovon ich rede: Jede dieser Entscheidungen wird nach Dutzenden von Kriterien überprüft, es braucht so viele Daten, ehe wir zuschlagen, niemand entscheidet das mal einfach so nebenbei. Wir wissen, dass das eine ernste Sache ist."
Die Evolution des Krieges bringt es mit sich, dass inzwischen viele Länder Drohnen bauen; 40 Staaten besitzen schon welche. Haben die USA also, wieder einmal, eine Tür geöffnet? "Natürlich sind diese Waffen attraktiv", sagt Jumper, er wird nun etwas vorsichtig.
Und auf welcher Grundlage handelt die CIA in Pakistan, auf dem Territorium eines Verbündeten, mit welchem Recht? "Ich glaube nicht, dass diese Waffe rechtliche Fragen aufwirft, die nicht schon vorher existiert hätten", sagt Jumper.
Es gibt andere, die sich mit den juristischen, auch den moralischen Folgen von John Jumpers Idee befassen. Bei den Vereinten Nationen haben sie einen "Sonderbeauftragten für außerrechtliche Exekutionen", bis vor wenigen Wochen war es Philip Alston, ein kluger Mann auch er, Australier, im beruflichen Alltag gerade Juraprofessor an der New York University. Philip Alston spricht ruhig, die Brille rutscht ihm die Nase hinab, die weißen Haare trägt er links gescheitelt. Für den Uno-Menschenrechtsrat hat er einen Bericht verfasst, 29 Seiten lang, und darin steht, die USA müssten sich dringend zurückhalten beim Einsatz von Drohnen.
Es ist eine klare Gedankenkette, sie mündet in die These: Wenn das alle machen, ist die Zivilisation am Ende; dann gibt es kein Völkerrecht mehr, dann kann jeder Staat erklären, dass Person X ein Terrorist oder ein Terroristenausbilder oder ein Terroristensponsor sei, und dann stirbt eben Person X - ohne Prozess, ohne weitere Erklärungen.
Israel, Russland und vor allem die USA stellt Alston als Trendsetter heraus. Sie alle beriefen sich auf "asymmetrische Kriege" und "Terrorismus" und dehnten damit das Recht; "das Ergebnis ist die Ersetzung klarer rechtlicher Standards durch eine vage definierte Lizenz zum Töten", schreibt Alston.
Der Begriff "targeted killing", gezielte Tötung, ist viele Jahrzehnte alt. Im Jahr 2000 begann Israel mit der Liquidierung von Palästinensern aus der Luft. Im November 2002 schickte die CIA ihre erste bewaffnete Drohne Richtung Jemen; sie brachte den Qaida-Führer Ali Kaid Sinjan al-Harithi und fünf seiner Leute um.
Mord im Regierungsauftrag?
Natürlich hält sich der Jurist mit solchen Begriffen zurück, aber Alston sagt: "Es scheint in gutem Glauben eine Übereinkunft darüber zu geben, dass Geheimdienste in einem rechtlichen Vakuum operieren, dass es also per Definition keine Verantwortlichkeit gibt, folglich Immunität. Wenn man das zulässt, kann man künftig bei jedem kontroversen Programm sagen: Lasst es uns doch in die Hände der CIA geben."
Es existiere eine Liste künftiger Opfer, schreibt Alston; zwei nachprüfbare menschliche Quellen und "substantielle zusätzliche Beweise" seien nötig, damit ein Opfer auf der Liste landet. Qaida-Leute seien ermordet worden, dann auch Taliban, schließlich Drogenbarone, die den Taliban Geld gegeben hätten. Legal? Legitim? Und wo ist die Grenze?
In Sanaa, Hauptstadt des Jemen, hörte Anwar al-Awlaki das Surren einer Drohne, er wusste, dass er das Zielobjekt war. Er verließ seine Frau und die drei Kinder, seither versteckt er sich in der Wüste und klagt gegen die eigene bevorstehende Ermordung.
Anwar al-Awlaki, geboren in New Mexico, ist Amerikaner, aber er steht auf der Todesliste der Obama-Regierung. Er ist Muslim, er war Radioprediger, er hatte Kontakt zu Nidal Malik Hasan, jenem Offizier, der 2009 in Fort Hood in Texas 13 Menschen erschoss, CIA-Leute sagen, er sei ein "Rekrutierer". "Die amerikanische Regierung hat beschlossen, diesen Mann zu töten, und weigert sich, uns zu sagen, welche Beweise sie eigentlich hat", das sagt in New York Jameel Jaffer von der American Civil Liberties Union.
Geschichten wie diese bewerten viele Leute in Washington natürlich ganz anders. Von Selbstverteidigung sprechen sie dort, von autonomen Entscheidungen eines autonomen Staates im Krieg. Es dauert eine Weile, bis man in Washington zu den Leuten vordringt, die wichtig waren beim Entwurf des Knopfdruck-Krieges, Roger Cressey ist jener Mann, der zwischen 1999 und 2001 die amerikanische Strategie im Anti-Terror-Kampf entwarf, im Krieg gegen den Terror, wie die Bush-Regierung es nannte. Roger Cressey war Direktor für Transnationale Bedrohungen im Nationalen Sicherheitsrat, es gab nicht mehr viele, die mehr Einfluss hatten auf den Präsidenten.
Cressey hat lockige Haare, rosige Haut, er trinkt "Vitamin Water", den Modedrink des gesunden Amerika. Roger Cressey war im Amt, am 7. September 2000, als Osama Bin Laden in weißer Robe in einem Camp in Afghanistan gesichtet wurde, durch die Kamera einer Drohne. Und Cressey erzählt, dass er sich damals gefragt habe: "Wie wäre es, wenn wir den Dreckskerl erwischen könnten?"
Und schon damit, so argumentiert er, sei letztlich doch alles gesagt, was zu sagen sei: "Wenn wir die Möglichkeit, gezielte Tötungen nach "Predator"-Art durchzuführen, damals schon entwickelt hätten, hätten wir vielleicht den 11. September verhindert."
Man kann das anders sehen, selbst hier in Washington. John Radsan, ein ehemaliger CIA-Rechtsberater, sagt: "Einzigartig an den gezielten Tötungen ist, dass der Präsident sein Gewaltmonopol, die Autorität, eine Tötung zu befehlen, an den Chef der CIA delegiert hat, der sie weitergereicht hat an den Chef des AntiTerror-Zentrums. Das heißt, dass nun jemand, der nicht gewählt wurde und nicht vom Senat eingesetzt, darüber entscheidet, ob Menschen leben oder sterben."
John Rizzo, leitender CIA-Justitiar von 2003 bis 2009, staunt über das Image der Drohnen. Rizzo trägt gelbe Socken, gelbes Hemd, Hosenträger und einen weißen Bart wie eine Figur von Mark Twain, er sagt, ihn wundere, dass Waterboarding, die Folter, so verdammt werde und kaum jemand die Drohnen-Strategie in Frage stelle. Und dann fragt er: "Wäre es nicht sicherer, sauberer, würden wir nicht den Tod unschuldiger Zivilisten vermeiden, wäre es also nicht humaner, wenn wir Elitetrupps auf die Jagd nach der Qaida-Führung schicken, damit sie den Anführern eine Kugel in den Kopf jagen?"
Und der ehemalige Agent Robert Baer sagt: "Drohnen ermöglichen uns eine scheinbar saubere und einfache Lösung eines Problems. Aber wo hört es auf? Wenn wir gezielte Tötungen in Pakistan durchführen können, warum dann nicht in Großbritannien oder Deutschland? Sollten wir sie vielleicht erlauben, um unsere Städte zu säubern?"
Es gibt durchaus eine Debatte in Washington, sie wird nur nicht offen geführt, weil ein Politiker, der Drohnen in Frage stellt, im gegenwärtigen Klima als unpatriotisch dargestellt und unwählbar würde. Der ehemalige Agent Robert Baer ist ein untersetzter Mann, zum Zynismus durchaus fähig. Baer hat einst ein Attentat auf Saddam Hussein ausgeheckt, zu dem es nie kam, er war das Vorbild für George Clooney und den Film "Syriana", und jetzt ist Robert Baer der Einzige, der nicht nur im Hintergrundgespräch, sondern offen ausspricht, was viele denken.
Baer sagt: "Gezielte Tötungen sind einfacher für die CIA oder das Militär, als wenn sie sich mit Gefangenen herumschlagen müssen. Niemand stellt wirklich eine Tötung in Frage, aber wenn wir jemanden gefangen nehmen, dann sind wir verantwortlich für die Person, und dann kommen die Kopfschmerzen. Wir handeln nach einer Logik, die zu mehr und mehr gezielten Tötungen führt."
Dass die von den Drohnen Gejagten zum Gegenschlag ausholen würden, hatte niemand erwartet, es gilt ja als Sinn und Wesen des Drohnen-Kriegs, dass Amerika angreift und für den Feind unerreichbar bleibt.
Aber der Feind lernt, und am 30. Dezember 2009 griff der Feind die Zentrale des Drohnen-Kriegs der CIA in Afghanistan an.
Es war früher Nachmittag, das Weiße Haus im fernen Washington wartete auf einen Anruf aus Afghanistan; die CIA-Leute, die dort arbeiteten, an der Grenze zu Pakistan, hatten den Anruf angekündigt. Jennifer Lynne Matthews, dreifache Mutter, leitete das Drohnen-Programm bei Khost; Camp Chapman war dreifach gesichert und eingezäunt mit Nato-Draht, unscheinbar in der Wüste gelegen, ein paar Zelte und Container und Wagen.
Der Einsatz des Spitzels Humam al-Balawi sollte ein Höhepunkt für das Programm der Amerikaner werden, ein Triumph, denn Humam al-Balawi hatte Fotos von sich und Qaida-Leuten geliefert, nun endlich wollte er alles erzählen, was er recherchiert hatte, er war auf dem Weg zum Camp Chapman, und wer weiß, vielleicht würde irgendeine Spur am Ende zu Osama bin Laden führen.
14 glückliche Agenten erwarteten ihn.
So glücklich waren die CIA-Leute in der Wüste, dass sie den roten Wagen, in dem Balawi saß, durch die drei Kontrollpunkte winkten, so stolz auch, dass sie Balawi in großer Gruppe begrüßten.
Und Balawi stieg aus. Er hatte eine Hand in der Hosentasche vergraben. "Nimm die Hand hoch", rief noch jemand, Dane Paresi oder Scott Roberson, es wird einer der Wachmänner gewesen sein, es ist nicht mehr festzustellen.
Klar ist, dass Humam al-Balawi die Hand nicht aus der Tasche nahm, klar ist, dass er ins Zentrum des ferngesteuerten Krieges vorgedrungen war, kein Spitzel, ein Feind, als es klar war, war es zu spät.
Humam al-Balawi war Arzt, ausgebildet in Istanbul, er sprach Türkisch, Englisch und Arabisch, ein Blogger des Heiligen Krieges war er auch, zum Widerstand gegen Amerika rief er auf. 2007, in Jordanien, wurde Humam al-Balawi verhaftet, in einem Kerker in Amman hockte er, als sich Abu Said zu ihm setzte, Cousin des Königs und Offizier der Anti-Terror-Truppe Jordaniens. War Balawi gefoltert worden? Er sagte sofort zu, als Abu Said ihm die Freiheit anbot, und verlangte, dass Balawi als Doppelagent gegen Taliban und al-Qaida arbeiten solle, das Ziel sei, einen hochrangigen Qaida-Offizier zu erwischen, 500 000 Dollar Lohn soll die CIA geboten haben.
Humam al-Balawi dachte nicht lange nach. Er hatte nach Pakistan reisen wollen, aber kein Visum bekommen, nun bezahlten ihn die Amerikaner, die Feinde, die Frage ist, warum Jordanier und die CIA ihm so schnell vertrauten.
Es gibt zwei Wahrheiten. Der Drohnen-Krieg funktioniere, sagt die CIA, die Spitzel Amerikas arbeiteten perfekt, "diese Operationen zerstören al-Qaida. Es ist sehr offensichtlich, dass sie Schwierigkeiten haben, ihr Kommando und ihre Kontrolle zu behalten, sie sind auf der Flucht", das sagt Leon Panetta, Direktor der CIA, das ist die eine Wahrheit.
Die andere Wahrheit ist, dass auch das Gegenteil stimmt. Dass die CIA geradezu verzweifelt stolz darauf war, endlich jemanden zu haben, der helfen konnte.
Balawi wurde ein Dreifachagent, von der CIA bezahlt, aber er vertraute sich denen an, die er verraten sollte, und al-Qaida bildete ihn für ein Attentat auf die Drohnen-Krieger der CIA aus. Für ein paar Monate verschwand Humam al-Balawi in den Bergen Pakistans. Dann tauchte er wieder auf, lieferte Abu Said Videos, Koordinaten, Fotos, und Abu Said schrieb: "Du hast unser Gesicht vor den Amerikanern gerettet!" Humam al-Balawi galt als beste Quelle, die die CIA jemals hatte innerhalb der Qaida-Hierarchie; das Weiße Haus also erwartete den Anruf aus Camp Chapman.
Es gibt ein letztes Video. Humam al-Balawi sagt, er sei glücklich, er trägt den C4-Sprengstoff schon am Gürtel, er sitzt im Schneidersitz da, lächelnd. "Wir werden dich kriegen, CIA, wir werden dich zu Boden zwingen. Glaube nicht, dass das Drücken von Knöpfen dich in Sicherheit bringt", sagt er.
Und dann stand er in Camp Chapman, die Hand in der Tasche. In Langley, in der CIA-Zentrale, fragen sie sich heute noch, warum damals alle Regeln außer Kraft gesetzt waren: Nur ein Agent soll Spitzel treffen, eine Anfängerregel, Agenten zeigen ihre Gesicht nicht. Und Sicherheitskontrollen sind niemals aufzuheben. Warum ließen sie Balawi einfach herein und stellten sich auf, ein Empfangskommando der CIA, 14 Leute?
Balawi begann zu beten: "Es gibt keinen Gott außer Allah …"
Es war 16.30 Uhr in Camp Chapman. Zehn Menschen starben, auch die Wachleute Roberson und Paresi, auch die dreifache Mutter Matthews, als Balawi den Zünder drückte, ein altmodisches Attentat, es war der erste Gegenschlag al-Qaidas im neuen Krieg.
Von Klaus Brinkbäumer und John Goetz

DER SPIEGEL 41/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 41/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

USA:
Der ferngesteuerte Krieg

  • London: Zehntausende demonstrieren gegen Brexit
  • Unterwasserrestaurant: Mahlzeit mit Fisch-Blick
  • Filmstarts: "Scheiß auf die Avengers, wir sind die Goldfische!"
  • US-Demokrat zum Mueller-Report: "Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit"