18.10.2010

VERLAGEZwischen Stalin und Mumu

Die russische „Newsweek"Ausgabe steht vor dem Aus. Der federführende deutsche Springer-Konzern kapituliert offenbar vor Kreml-Druck und miesen Bilanzen.
Die Bilder im Flur der Moskauer "Newsweek"-Redaktion demonstrieren journalistische Unabhängigkeit, auch Unerschrockenheit vor den Mächtigen. Roman Abramowitsch etwa, Oligarch und Besitzer des Fußballclubs Chelsea, ist dort zu sehen - verschwitzt, abgelichtet im Fond seiner Limousine.
Als der deutsche Konzern Axel Springer das berühmte US-Magazin im Jahr 2004 in Lizenz startete, verband er sich mit einer Zeitschrift, die westliche Werte hochhalten will. Aber auch Werte müssen sich rechnen. Von Beginn an war die russische "Newsweek" nicht nur politisch ein Abenteuer, sondern auch finanziell. Vor einem Jahr noch beruhigte Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner die 50-köpfige Redaktion, lobte die Qualität des Blattes und sprach eine Bestandsgarantie für die nächsten Jahre aus.
"Wir waren alle sehr optimistisch damals", erinnert sich Michail Sygar, Ressortleiter Innenpolitik. Nun aber steht das Blatt vor dem Aus.
Der Lizenzvertrag mit dem US-Partner endet, Springer will offenbar nicht verlängern. In der vergangenen Woche waren letzte Versuche der Moskauer Geschäftsführung gescheitert, das Blatt durch Verkauf an einen russischen Investor vor der Einstellung zu retten. Die Mediengruppe des als liberal geltenden Oligarchen Michail Prochorow habe zuletzt über einen Einstieg verhandelt, berichtete die Tageszeitung "Kommersant". Die Springer-Zentrale in Berlin teilte am Freitag mit, der Verlag kommentiere "Gerüchte und Spekulationen grundsätzlich nicht".
Prochorow, auch Besitzer einer Medienholding, steht im Ruf, sich nicht in Redaktionsbelange einzumischen, will sich aber auch im Kreml nicht unbeliebt machen. Insofern ist das bevorstehende Aus auch ein Indiz für den wachsenden politischen Druck. "Newsweek" ist die letzte einflussreiche und unabhängige Zeitschrift des Riesenlandes. Die meisten anderen hängen längst am Tropf kreml-freundlicher Oligarchen. Selbst die regierungskritische "Nowaja gaseta" oder Radio "Echo Moskau", die als Inseln der Pressefreiheit gelten, bespielen lediglich die ihnen zugestandenen Nischen. Sie dienen als Ventil für die Minderheit demokratisch gesinnter Russen.
Springer entzog sich dagegen hartnäckig den Domestizierungsversuchen des Kreml. Mal enthüllte das ebenfalls in Lizenz herausgegebene Wirtschaftsmagazin "Forbes" unsaubere Geschäftspraktiken von Freunden des mächtigen Premiers Wladimir Putin, mal verglich ihn ein "Newsweek"-Titelblatt mit Stalin. Die Moskauer Springer-Mannschaft wähnte sich sicher unter dem Dach des größten europäischen Zeitungskonzerns.
Vorstandschef Döpfner sagt in Deutschland gern Sätze wie: "Die Freiheit ist der höchste Wert, dem die Axel Springer AG verpflichtet ist. Das gilt für alle Publikationen, für Print und Online, im Ausland wie in Deutschland."
Für die Pressefreiheit in Russland scheint der Verlag nicht länger draufzahlen zu wollen, auch wenn die Verluste nicht eben hoch erscheinen. Moskauer Medienanalysten schätzen den jährlichen Verlust auf knapp eine Million Euro. Im Vergleich: Zuletzt verzeichnete Springer einen Konzerngewinn von 314 Millionen.
Doch offenbar hat sich in der Berliner Springer-Spitze Russland-Müdigkeit breitgemacht. Der Markt gilt als schwierig - und gefährlich. Im Juli 2004 war der "Forbes"-Chefredakteur Paul Klebnikow vor dem Verlagsgebäude erschossen worden. 2007 verlor das Wirtschaftsmagazin einen Prozess gegen Jelena Baturina, Russlands reichste Frau und Gattin des damaligen Moskauer Bürgermeisters Jurij Luschkow.
Dieses Jahr nahm der Druck ständig zu. Im Frühsommer drohte der Springer-Geschäftsführerin Regina von Flemming der Entzug ihrer Aufenthaltsgenehmigung. Der Vorgang unmittelbar vor einem Deutschland-Besuch Präsident Dmitrij Medwedews wurde auch im Berliner Kanzleramt wahrgenommen. Kürzlich rückte dann auch noch die Steuerpolizei an.
In den Moskauer Springer-Redaktionen spekulieren die Mitarbeiter darüber, dass sie zwischen die Fronten zweier Kreml-Lager geraten sind. Der Chefideologe Wladislaw Surkow, Buchautor, brillanter Intellektueller und zuständig für Innenpolitik, sieht in freien Medien eine Gefahr für die Stabilität des östlichen Riesenreichs. Seine Gegenspielerin Natalja Timakowa, liberale Sprecherin und Beraterin Medwedews, lädt dagegen Freigeister wie den "Newsweek"-Chef-redakteur Michail Fischman gern zu Hintergrundgesprächen mit Medwedew. Fischman und Timakowa kennen sich seit vielen Jahren.
Im Internet war im März ein Video zu sehen, das "Newsweek"-Chef Fischman nackt mit einer Prise weißen Pulvers und einer langbeinigen Schönheit namens Mumu zeigte. Warum ein "Drogenabhängiger und Ehebrecher" eigentlich weiter Chefredakteur bleiben dürfe, fragte der russische Blog "Adel verpflichtet".
Autor der Internetseite ist Anton Smirnow, zugleich Führungskader der Kreml-Jugendorganisation Naschi, übersetzt: die Unsrigen. Naschi ist vor allem für eines bekannt: ihre Schmutzkampagnen.
Von Matthias Schepp

DER SPIEGEL 42/2010
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