18.10.2010

INTEGRATION Riskante Predigten

Bayerische Behörden stehen vor einem Dilemma: Was sollen sie mit einem reaktionären Imam machen, der für Integration und gegen Terror kämpft?
Ausgerechnet er soll ein radikaler Islamist sein? Scheich Abu Adam rollt die Augen. "Würde ein Islamist das tun?", fragt er und spielt ein Video ab.
Der Scheich ist zu sehen, bei einem Auftritt in Pakistan. "Glaubt nicht, was Bin Laden euch erzählt!", ruft er, "sein Dschihad ist ein Fehler." Ein junger Mann geht auf ihn zu und bedroht ihn: "Ich schwöre, ich bring dich um." Abu Adam stoppt das Video. "Sehen Sie, niemand hasst Fundamentalismus mehr als ich."
Doch genau das glauben ihm die deutschen Behörden nicht. Nach Erkenntnissen des bayerischen Verfassungsschutzes soll der Imam in der Münchner Darul-Quran-Moschee islamistisches Gedankengut verbreiten und sich gegen die "demokratische Grundordnung" richten.
Fest steht: Abu Adam ist eine schillernde Figur. Der fromme Mann lehrt einen reaktionären Islam, er lebt gemeinsam mit drei Frauen, hält nicht viel davon, Staat und Religion zu trennen, und lehnt moderate Strömungen des Islam ab. Doch gleichzeitig kämpft wohl kein anderer Imam in Deutschland so wortgewaltig gegen den islamistischen Terrorismus wie er.
Abu Adam predigt in Moscheen und Religionsschulen in Europa und im Nahen Osten, dass junge Muslime die Regeln ihrer Religion verletzten, wenn sie gegen die westlichen Truppen in Afghanistan kämpften. Er lehnt Blutvergießen ab und ruft die Gläubigen im Freitagsgebet auf, etwaige Anschlagspläne bei der Polizei zu melden. Es sind riskante Predigten. In Internetforen wird er als "Ungläubiger" und "Verräter" beschimpft und mit Mord bedroht. Ohne Leibwächter geht er nicht mehr auf die Straße.
Der Fall Abu Adam stellt die deutschen Behörden vor ein Dilemma. Wie soll man mit einem Mann wie ihm umgehen? Ihn unterstützen trotz seiner reaktionären Ansichten? Oder gegen ihn vorgehen und damit riskieren, die Radikalen noch stärker zu machen?
Vor zehn Jahren ist Abu Adam aus Ägypten nach Deutschland gekommen. Er spricht Deutsch mit Münchner Färbung und sagt, als Imam sei es seine Pflicht, Gemeindemitgliedern zu helfen, sich in Deutschland zurechtzufinden. Doch als sein Anwalt bei der Ausländerbehörde anfragte, ob sein Mandant Aussichten auf Einbürgerung habe, winkten die Beamten ab: Sicherheitsbedenken. Gleichzeitig aber arbeitet die Münchner Polizei mit ihm zusammen und hält sein Engagement für einen "wichtigen Beitrag zur Integration".
In der Darul-Quran-Moschee versammeln sich die Gläubigen zum Gebet. Abu Adam hat die frühere Lagerhalle von einem Möbelhändler übernommen. "Allahu akbar! Gott ist groß", ruft er. Abu Adam predigt auf Arabisch, doch außerhalb der Moschee spricht er Deutsch. Übersetzer erklären die Predigt auf Deutsch all jenen, die kein Arabisch verstehen.
Der Scheich führt in den Keller der Moschee. Im Schein von Neonröhren sitzen junge Gemeindemitglieder vor Flachbildschirmen und verfolgen die Internetbotschaften der Extremisten. Abu Adam schreibt einen Blog und dreht Videos, in denen er für einen friedlichen Islam wirbt.
Als Verfassungsschützer das Gebetshaus bei einer Razzia durchsuchten, fanden sie ein Buch über Frauen im Islam, dessen Verbreitung in Deutschland verboten ist. Abu Adam sagt, er habe das Buch nur gelesen, um zu verstehen, wie radikale Muslime dächten.
An der Universität Osnabrück begann in der vergangenen Woche die erste Fortbildung für Imame. Bald sollen weitere Hochschulen folgen. Das Ziel ist es, Imame auszubilden, die sich für die Integration von Muslimen einsetzen, die Deutsch sprechen und die deutsche Kultur kennen. So wie Abu Adam.
Der Münchner Imam hat in den vergangenen Jahren viele radikale Muslime bekehrt. Eine Zeitlang besuchte er eine türkische Moschee am Stadtrand. Ihm gefiel nicht, was er dort sah. "Die Muslime haben sich abgeschottet." Abu Adam gründete eine eigene Gemeinde. Inzwischen kommen jede Woche mehrere hundert Gläubige zum Freitagsgebet: Araber, Türken und auch Deutsche. "Die muslimischen Gemeinden müssen sich öffnen", sagt der Imam, "wir müssen raus aus dem Ghetto."
Neben ihm steht Abu Khalid, 36. Der Leibwächter hat im jordanischen Militär gedient und als Kickboxer Geld verdient. Als er in den Neunzigern nach Deutschland gekommen sei, sagt er, sei er verloren und kurz davor gewesen, nach Afghanistan zu gehen und sich den Taliban anzuschließen. Dann traf er den Scheich. Dessen Predigten hätten ihn beeindruckt. "Er hat mir gezeigt, dass es auch einen anderen Weg gibt."
Am Eingang zur Moschee warten Besucher, Studenten der TU München. Jede Woche empfängt der Imam Gäste. Er führt sie durch die Moschee, erzählt von Ägypten, dem Propheten, dem Ramadan. Abu Adam lädt die Studenten ein, zum Abendessen zu bleiben.
Der Imam setzt sich ans Kopfende des Tischs. Abu Adam sagt, er verstehe, dass viele Menschen Angst vor dem Islam hätten. "Wir müssen sie ihnen nehmen."
Von Popp, Maximilian

DER SPIEGEL 42/2010
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