18.10.2010

KLIMASCHUTZ

Das Rülpsen der Rinder

Von Würger, Takis

Ein australischer Rancher hütet die größte Rinderherde der Welt. Er versorgt die Menschen mit gesundem Fleisch - die Abgase seiner 100 000 Tiere gelten jedoch als Klimakiller. Ein Mann von der Uno fordert das Ende der natürlichen Zucht - weil er die Welt retten will. Von Takis Würger

Das Unheil strömt still, geruchlos und unsichtbar in die Welt, es fließt in eine Kammer aus Metall, die aussieht wie eine Raumkapsel. Fünf Wissenschaftler im weißen Kittel stehen davor, sie gucken durch ein Fenster ins Innere und versuchen, das Unheil zu entdecken.

"Wenn wir Glück haben, sitzt einer quer, dann kommt er vielleicht laut raus", sagt eine Doktorin der Agrarwissenschaft, Abteilungsleiterin des Bereichs Ernährungsphysiologie hier im Tierforschungszentrum Dummerstorf.

Im Inneren der Raumkapsel liegt Sprüngli und verdaut. Sprüngli ist eine Kuh, weiß mit schwarzen Flecken, Deutsche Holstein, 702 Kilogramm schwer, ein Versuchstier.

Zwei Agrarwissenschaftler, zwei Veterinärmediziner und ein Physiker beobachten das Tier und schweigen. Sie erforschen, welche Gase Sprüngli in welcher Menge in ihrem Magen produziert, deswegen haben sie die Kuh in die abgedichtete Kammer gesperrt und messen alle sechs Minuten die Zusammensetzung der Luft im Inneren. Die Kammer ist nur für dieses Experiment gebaut worden, für eine halbe Million Euro.

Die Forscher interessieren sich vor allem für Methan, ein brennbares, geruchloses Gas. Methan wirkt auf den Treibhauseffekt 23-mal stärker als CO2. Es steigt aus Rindermägen in die Atmosphäre und legt sich um die Erde wie eine Decke, die verhindert, dass Wärmestrahlung ins All entweichen kann.

Weil sie Methan produzieren, werden Kühe als Klimakiller bezeichnet. Methan sorgt dafür, dass die Temperaturen auf der Welt steigen. Methan ist das Unheil.

"Na also", sagt die Doktorin der Agrarwissenschaft, "das sah doch aus wie ein ganz ordentlicher Ruktus."

Die Frage ist, was ein Ruktus ist.

"Das Fermentationsgas wird durch Kontraktion des Pansensacks durch die Speiseröhre in den Rachen transportiert und dann ausgestoßen."

Der Physiker hört den Worten einen Moment hinterher, dann sagt er: "Sprüngli hat halt gerülpst. Darum geht's."

Die Rülpser von Rindern beschäftigen Wissenschaftler auf der ganzen Welt, in Dummerstorf und Rom, in Zürich und Stanford.

Ungefähr alle 40 Sekunden rülpst Sprüngli, rülpst jedes der rund eineinhalb Milliarden Rinder auf der Welt, wenn es verdaut. Zusammen rülpsen sie eine gigantische Wolke aus Methan.

Methan? 13 000 Kilometer von Dummerstorf entfernt zieht ein Mann die Augenbrauen nach oben, er schaut nicht so, als würde er das Wort kennen. Methan? Henry Burke, Rinderzüchter von Beruf, sagt: "Ich interessiere mich nicht für Gase", dann sieht er zu, wie der Schlachter eine Patrone in den Lauf seiner Flinte schiebt und durchlädt. "Kühe füttern, damit sie Menschen füttern. Darum geht's." Das Projektil durchdringt die Schädeldecke des Tieres, Henry lächelt.

Henry Burke steht an diesem Morgen auf seiner Ranch wie ein Findling mit Cowboyhut. Als Kind hat er geboxt, und Leute, die mit ihm arbeiten, sagen, seine Rechte fühle sich noch immer an wie der Tritt eines Stieres, obwohl Henry mittlerweile 50 Jahre alt ist.

Henry Burke tritt ein wenig näher an das sterbende Rind, mit breiten Schritten, als hätten die vielen Jahre im Sattel seine Beine in die Form eines Hufeisens gedrückt. Henry sieht schlecht, die Sonne hat ihm die Hornhaut der Augen verbrannt. Erst als ihm ein Arzt sagte, dass er demnächst erblinden könnte, setzte er eine Sonnenbrille auf. Hören kann Henry auch nicht mehr so gut, weil er so vielen Rindern in den Kopf geschossen hat.

Henry ist Manager der Ranch Brunette Downs, er verwaltet die wohl größte freilaufende Rinderherde der Welt. Henry ist angestellt bei der Australian Agricultural Company, dem mächtigsten Rinderzüchter des Landes. Knapp 100 000 Tiere grasen auf dem Land, das er bewirtschaftet, seine Ranch ist dreimal so groß wie Mallorca. Sie liegt in Australien, im Northern Territory, das nächste von Menschen bewohnte Gebäude ist eine Tankstelle, 140 Kilometer entfernt.

"Bullogi Ngarnar" nennen die Aborigines diese Gegend, Rinderland. Es ist ein raues, menschenfeindliches Stück Erde im Nirgendwo des Outback, ausgetrocknet im Winter, überschwemmt im Sommer. Bevor die Rinder kamen, lebten hier nur Kängurus und King Brown, eine Giftschlange. Nun ist es das Reich von Henry Burke.

Henry schaut zu, wie der Schlachter der Kuh die Kehle durchtrennt, wie er das Tier häutet, an den Hinterläufen aufhängt und den Bauch öffnet, dass die Innereien auf den Boden blubbern.

Im blutgefärbten Staub liegt nun eine blassgrüne Blase, so groß wie ein Gymnastikball, Fassungsvermögen rund hundert Liter, das ist der Pansen des Tieres. "Zu nichts zu gebrauchen", sagt Henry und stupst den Pansen mit seiner Stiefelspitze.

In Brunette Downs werden fast alle Teile eines Rindes genutzt, die Menschen essen das Fleisch, die Hunde kauen die Knochen, ein alter Gärtner bekommt die Leber, der Schlachter poliert mit dem Nierenfett seine Stiefel, die Reiter binden sich die Schwanzspitzen an ihre Peitschen.

Den Pansen lädt der Schlachter auf seinen Pick-up, wirft ihn in der Steppe in eine Grube, kippt Benzin drüber und zündet ihn an.

Wenn der Schlachter Pansen verbrennt, lodern manchmal bläuliche Stichflammen auf. Das ist das Methan. Es entsteht, weil im Pansen Mikroorganismen leben, die Gras verarbeiten. Diese Mikroorganismen spalten die Pflanzenfasern aus dem Gras, wandeln sie so zu Traubenzucker um und machen sie verdaulich für das Rind. Andere Mikroorganismen bauen anschließend diesen Zucker ab, dabei entstehen Wasserstoff und Kohlendioxid. Simple Kleinstlebewesen binden diese Gase zu einem neuen Gas, Methan.

Eigentlich ist ein Pansen nichts anderes als eine grasbetriebene Biogasanlage. Und genau das ist das Problem.

Am anderen Ende der Welt, in Rom, in Italien, in einem ockerfarbenen Gebäude, in Zimmer C-542, steht Henning Steinfeld vor einer Weltkarte und versucht sich vorzustellen, wo Brunette Downs ungefähr liegt.

"100 000 Rinder?", fragt er, sein Zeigefinger rutscht über die Karte. "Keine Düngung, kein Kraftfutter, keine Hormone?" Er kneift das Gesicht zusammen und sagt: "Das ist schrecklich."

Henning Steinfeld arbeitet für die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, kurz FAO, die Abkürzung für Food and Agriculture Organization. Steinfeld hat Agrarökonomie studiert, er leitet bei der FAO die Abteilung Viehzuchtpolitik. Vielleicht gibt es niemanden, der mehr weiß über Rinderrülpser als Henning Steinfeld.

Er ist ein großer Mann, 52 Jahre alt, aufgewachsen in einer Kleinstadt in Ostwestfalen. Sein Haar ist sortiert gescheitelt und grau, sein Anzug ist grau, das Hemd ist kariert, weiß und grau. Ein netter, langweiliger Beamter einer langweiligen Behörde. Aber viele Menschen, Politiker, Linke, Rechte, Rinderzüchter, Umweltschützer, wären froh, wenn Henning Steinfeld so harmlos wäre, wie er aussieht.

"Was dieser Henry da macht, zerstört mehr, als es bringt", sagt Henning Steinfeld, sein Zeigefinger liegt auf Australien. "Ich glaube, es ist besser, wenn wir diese Fläche der Natur zurückgeben." Er zieht die Achseln nach oben, als wolle er sagen, sorry, ist eben so, dann sagt er: "Überhaupt sollten Sie lieber Hühner essen, das ist viel besser für das Klima als Beef."

Henning Steinfeld und Henry Burke haben sich nie getroffen, lange lebten sie wie auf zwei Planeten. Beide kreisten um das Thema Viehzucht, aber jeder Planet hatte seine eigene Umlaufbahn, sie kamen sich nicht in die Quere. Henning Steinfeld schrieb Berichte, Henry Burke züchtete Rinder. Dann veröffentlichte Steinfeld den Bericht "Livestock's Long Shadow", was auf Deutsch ungefähr "Der lange Schatten der Viehzucht" heißt. Steinfeld dokumentierte darin, wie die Produktion von Fleisch das Klima verändert.

Der Bericht machte Henry Burke und Henning Steinfeld zu Gegnern. Der eine will weiterhin seine Rinder züchten, der andere sagt, dass das gefährlich sei und dass Henry alles falsch mache, was ein Rinderzüchter falsch machen könne. Die Umlaufbahnen ihrer Planeten haben sich verschoben. Henry Burke und Henning Steinfeld kennen sich immer noch nicht, aber nun befinden sie sich auf Kollisionskurs.

Henry rast mit 100 Kilometern die Stunde über die Weide vor seiner Ranch. Er sitzt am Steuer eines weißen Geländewagens, Toyota Land Cruiser 100 4,2 Turbodiesel. Henry trägt auch im Inneren des Wagens seinen Cowboyhut. Cowboy würde er sich jedoch nie nennen, das klingt ihm zu amerikanisch und irgendwie gay. "Jackaroo heißt das", sagt Henry.

Henry reitet, seit er denkt, vielleicht schon länger. Wenn er auf dem Pferd saß, war er ein glückliches Kind. Und als der nahe Bahnhof dichtmachte, die Menschen wegzogen und die Grundschule schloss, war Henry ein sehr glückliches Kind. In der dritten Klasse beendete er die Schule. Er konnte kaum rechnen, aber er konnte mit der Peitsche knallen und abends am Lagerfeuer heimlich am Rum nippen.

Drei Jahre später entschied Henrys Vater, dass ein Jackaroo in der Lage sein sollte, seine Rinder zu zählen, er schickte Henry zurück auf die Schule in die nächste Stadt. Dann starb der Vater an Krebs. Seine Mutter brauchte Geld für die vier jüngeren Schwestern, und Henry durfte wieder aufs Pferd. Er verdiente gut für einen 14-Jährigen, die Scheine zählte seine Mutter.

Henry tritt auf die Bremse. Er zeigt durch die Windschutzscheibe auf eine Wolke am Horizont. "Meine Herde", sagt Henry und nimmt den Hut ab, als würde er vor seinen Gott treten.

Sechs Jackaroos treiben die Herde von vielleicht 5000 Rindern. Die 100 000 Rinder von Brunette Downs laufen nie alle zusammen, dafür ist das Land zu groß. Die Kühe sind rotbraun, groß, muskulös. "Sind das nicht wunderbare Tiere, glaubt doch kein Mensch, dass die das Klima kaputtfurzen", sagt Henry. Er parkt den Wagen an einem Gatter, springt mit einem Satz über einen mannshohen Metallzaun und begrüßt den Tierarzt, der gerade bis zur Schulter in einer Kuh steckt. "Hast du irgendwelche giftigen Gase darin gefunden?", fragt Henry.

Henry bekam seinen ersten Job als Vorarbeiter auf einer Ranch, als er 20 Jahre alt war. Kurz zuvor hatte er geheiratet, Bernadette, die Tochter eines Salatfarmers. Henry war nun Chef von Menschen, die Kühe trieben, wie er es noch nie gesehen hatte, es waren Aborigines.

Henry lernte von den Aborigines die sanfte Härte, mit der sie die Tiere kontrollierten. Er lernte, dass Kängurufleisch kaum genießbar ist, aber besser schmeckt als gegrillter Leguan. Er lernte vor allem, dass ein guter Jackaroo mit der Natur arbeitet, nicht gegen sie.

Nach einigen Monaten nahm sich Henry ein paar Tage frei und besuchte seine Schwiegereltern. Er besichtigte die Felder von Bernadettes Vater, die Maschinen und die Chemikalien, die er auf die Salatköpfe spritzte. Henry dachte daran, was ihn die Aborigines gelehrt hatten, und er entschied, dass diese Form von Landwirtschaft falsch ist.

"Meine Rinder sollen sich bewegen, sich paaren, frei sein", sagt Henry Burke. Er schaut ernst, redet schnell, dreht an seinem Hut, das Thema ist ihm wichtig, er will kein Tierquäler sein. "Meine Kühe fressen nur Gras, geht das natürlicher?", fragt er.

"Grass-Fed-Beef ist Quatsch", sagt Henning Steinfeld in die Stille seines Beamtenbüros hinein, "die Leute müssen aufhören, in Grass-Fed-Beef eine Lösung zu suchen, das ist Nostalgie." Gras äßen die Tiere zwar gern, aber für das Klima sei Kraftfutter besser. Methan entsteht, weil Zellulose, also Gras, gespalten wird. Mehr Gras bedeutet mehr Methan.

Henning Steinfeld sitzt am Schreibtisch seines Büros, alle paar Minuten steht er auf, um sich dann wieder hinzusetzen. Er wirkt ein bisschen mitgenommen. An diesem Morgen ist er um zwei Uhr aufgewacht und konnte nicht weiterschlafen, er hat einen Jetlag, weil er vor einigen Tagen aus Kalifornien zurückgekehrt ist. An der Stanford University hat er drei Monate lang einen Bericht vorbereitet. "Der wird wieder einschlagen", sagt er.

Der letzte Bericht schlug so hart ein, dass die Druckwelle immer noch zu spüren ist. Greenpeace zitiert daraus, Abgeordnete des Europäischen Parlaments, Al Gore und der Schriftsteller Jonathan Safran Foer bezog sich jüngst in seinem Buch "Tiere essen" auf Steinfelds Werk.

Es ist vor allem eine Zahl aus "Lifestock's Long Shadow", die immer wieder zitiert wird: 18 Prozent. 18 Prozent aller Treibhausgase, die Menschen zu verantworten haben, kommen aus der Viehzucht. Manche Wissenschaftler sagen, Viehzucht habe einen größeren Anteil am Treibhauseffekt als der weltweite Verkehr.

Der Bericht erschien im November 2006. Kurze Zeit später klingelte Steinfelds Handy, die "New York Times" wollte ein Interview, dann "El País", die "Süddeutsche Zeitung". Henning Steinfeld war nun Mr. Methan. Und er merkte, dass er vielleicht etwas bewegen könnte und am Ende, auch wenn das groß klingt, die Welt verbessern.

Henning Steinfeld hatte einmal ein berechenbares Leben, Stress und Arbeitszeiten waren erträglich, er durfte um die

Erde fliegen und hier und da Vorträge halten, in denen viele Zahlen vorkamen.

Der "Long Shadow" hob dieses Leben aus den Fugen. Südamerikanische Mitgliedstaaten der FAO, die großen Fleischländer, beschwerten sich, dass der Bericht ihrer Wirtschaft schade. Ein amerikanischer Professor machte es sich zur Aufgabe zu beweisen, dass der Bericht zu falschen Ergebnissen komme. Zu einigen Kongressen durfte Steinfeld nicht mehr reisen, er bekam keine Einladungen. Wichtige Menschen innerhalb der FAO sagten ihm, dass er sich zurücknehmen sollte. Steinfeld redete in dieser Zeit schon am Frühstückstisch über anthropogene Methan-Emission, und seine Frau nannte ihn verrückt. Wenn er seine Tochter morgens zur Schule fuhr und von der Arbeit erzählte, sagte sie, Papa, bitte nicht schon wieder Kühe.

Die rechte Hand von Henning Steinfeld liegt auf seinem Bericht, 392 Seiten dick. "Das Standardwerk", sagt er. Die Methan-Bibel.

Henry Burke hat nie gehört von dem Bericht. Aber er spürt, dass die Australier, die eigentlich sehr gern grillen, seit einiger Zeit komische Fragen stellen.

Henrys siebenjähriger Sohn Patrick geht auf ein Internat. Als er in den Ferien nach Hause kam, sagte er seinem Vater beim mittäglichen Roastbeef, Papa, ich mag nicht, was diese grünen Lehrer sagen.

Was denn?, fragte Henry.

Dass Rind schlecht für die Umwelt ist, sagte Patrick.

Henry wusste nicht, was er antworten sollte. Er setzte sich in seinen Jeep, fuhr über sein Land und dachte nach. Nach ein paar hundert Kilometern kehrte er zurück und sagte zu Patrick: "Weißt du, Sohn, ich bin auch grün, ich passe ja ziemlich gut auf die ganzen Kühe hier auf."

So sieht Henry das. Mögen doch irgendwelche Wissenschaftler errechnen, was sie wollen, auf Brunette Downs sorgt er für die Tiere.

Es ist Abend geworden, die Jackaroos sind zur Ranch zurückgekehrt, sie riechen nach Dreck und Schweiß, die Sonne hat ihnen den Nacken verbrannt. Es dämmert, noch immer herrschen 30 Grad, es ist zu heiß für diese Jahreszeit, eine Hitzewelle im Winter.

Henry steht vor einem Gasgrill, so lang und so breit wie ein Biertisch, in der Hand hält er eine Zange, mit der er 70, vielleicht 80 zart marmorierte Rib-Eye-Steaks auf den heißen Stahl transportiert.

"Riechst du das?", fragt er, es riecht wild und frisch, kraftvoll, nach Leben und Zuhause, es duftet fast betörend nach geröstetem Fleisch. "Die Leute wollen dieses Aroma, ob das Tier Gase produziert oder nicht."

Henry kennt die Zahlen, er weiß, dass der Appetit auf Rind steigt. Im Jahr 2000 haben die Menschen weltweit 229 Millionen Tonnen Fleisch gegessen, bis 2050 soll sich der Fleischkonsum verdoppeln.

Henry kaut bedächtig und schweigend. Als er den letzten Bissen mit einem Schluck Bier runtergespült hat, hält er einen kurzen, aber sehr grundsätzlichen Vortrag über Rinder im Speziellen und Gase im Allgemeinen. Zusammengefasst sagt er: Rindfleisch ist eine gute Sache.

"Es ist mein Job sicherzustellen, dass die Rinder nächstes Jahr noch da sind und dass die Natur noch da ist, damit meine Kinder arbeiten können", sagt Henry. Er trinkt noch einen Schluck Bier hinterher, auf der Dose steht XXXX.

Auch Henning Steinfeld rechnet damit, dass die Rindfleischproduktion steigen wird. Da könne Jonathan Safran Foer noch drei Bücher schreiben und zum Vegetarismus aufrufen, das interessiert die aufstrebende chinesische Mittelschicht wenig, sagt Steinfeld. "Wenn in Deutschland ein paar Menschen auf Fleisch verzichten, bedeutet das für die weltweite Entwicklung nicht mal eine Delle", er erhebt sich, geht drei Schritte, setzt sich wieder, sagt: "Aber es gibt eine Lösung."

Vor drei Jahren luden die schwedischen Sozialisten im Europäischen Parlament Steinfeld als Experten. Sie hatten ein Pamphlet entworfen, das Subventionen verlangte für ökologische Familienbauernhöfe; ihre Forderungen hatten sie belegt mit Daten aus dem "Long Shadow".

Henning Steinfeld flog nach Brüssel und trug seine Zahlen vor. Er nannte die 18 Prozent, und er sagte, dass die Erde wärmer wird. Die schwedischen Sozialisten hörten glücklich zu. Dann erklärte Steinfeld, was er für den Ausweg hält. Die schwedischen Sozialisten schienen erst verunsichert, dann verwirrt und schließlich empört.

Henning Steinfeld sagte, dass die Lösung darin liege, die komplette Tierzucht zu intensivieren, also Massentierhaltung einzuführen, Kraftfutter, Genetik, Impfungen, Düngung der Weideflächen, Wachstumshormone. Dadurch würden die Tiere schneller fett, und pro Kilogramm Fleisch würden weniger Treibhausgase produziert werden.

"Die schwedischen Sozialisten fanden das gar nicht gut", sagt Steinfeld.

Die Linken, Grünen und Umweltschützer empören sich über Steinfeld, weil er für Massentierhaltung ist. Die Konservativen und Farmer ärgern sich über Steinfeld, weil er sagt, dass es so nicht weitergeht mit der Rinderzucht. Henning Steinfeld ist ein Prophet, den keiner mag.

Er weiß, dass viele Umweltschützer und Politiker Kleinbauern unterstützen wollen, mit fünf Kühen auf der Bergwiese, Möhrchen im Garten und ein paar fröhlichen Hühnern auf der Stange. Aber Henning Steinfeld geht es nicht darum, ob eine Kuh glücklich ist oder ein Umweltschützer, sondern darum, wie viel Methan die Kuh in die Welt rülpst.

"Wenn ich im Auto sitze, dicht hinter mir fährt ein Laster, und vor mir läuft ein Hase über die Straße, dann riskiere ich nichts. Dann überfahre ich den Hasen", sagt Steinfeld.

Er ist jetzt richtig in Fahrt, er greift einen Stift und rechnet vor, wie gefährlich die 100 000 Rinder von Henry Burke sind.

"Wenn eine Kuh drei Jahre alt wird, hat sie grob überschlagen so viel Treibhausgase produziert, als wenn Sie mit einem Mittelklassewagen 90 000 Kilometer fahren", sagt Henning Steinfeld. Bei 100 000 Kühen entspricht das einer Strecke von neun Milliarden Kilometern. Man könnte laut Steinfelds Rechnung mit einem Kleinwagen also über 20 000-mal die Entfernung von der Erde zum Mond abfahren, und die Wirkung der Auspuffgase auf das Klima wären immer noch geringer als die der Rindergase von Brunette Downs.

Henning Steinfeld kennt die verschiedenen Versuche, den Methan-Ausstoß von Rindern zu reduzieren. Er hat Bilder gesehen von Wissenschaftlern, die Kühen Ballons auf den Rücken schnallen, in denen das Gas gesammelt wird. Er weiß, dass Forscher aus Zürich den Tieren die Rinde eines tropischen Akazienbaums füttern und dadurch die Methan-Produktion um ein Fünftel senken. Steinfeld sagt, zu kompliziert, zu unausgegoren, ökonomisch irrelevant.

Er hat in Stanford das Konzept für einen neuen Bericht erarbeitet, mit dem Arbeitstitel "Shrinking The Shadow". In einem Jahr soll er fertig sein und erklären, wie Züchter Fleisch klimafreundlicher produzieren können. Es wird wieder um Intensivierung gehen.

Henning Steinfeld fährt seinen Computer runter, er tritt in einen lauen Abend Roms. Er wird weiterarbeiten zu Hause, eine Präsentation vorbereiten, die er in Buenos Aires abhalten soll, auf dem World Meat Congress.

Kann die Menschheit den Klimawandel verhindern?

"Wir haben längst einen Klimawandel", sagt Steinfeld.

Henning Steinfeld schaut auf ein Dach, dort weht die Flagge der Vereinten Nationen, das Hellblau ist ausgeblichen von der Sonne, als hätten die Vereinten Nationen die weiße Fahne gehisst.

Wenn Henning Steinfeld am Abend in Rom das Licht ausknipst, ist Henry Burke in Australien schon wach. Er trifft an diesem Tag den Geschäftsführer seiner Firma, er zeigt ihm die Ranch und wird danach zufrieden sein, weil der Rindfleischmarkt sich gut entwickelt.

Die Jackaroos sind wie immer im Busch und treiben Rinder. Ein Kalb aus der Herde bleibt ständig zurück, es lahmt. Ein Jackaroo schlägt es mit der Peitsche, und als es nicht fortrennt, springt er von seinem Pferd und ringt das Tier zu Boden. Mit einem Strick fesselt er die Füße des Tieres, hebt es auf die Ladefläche eines Pick-ups. Er will es später zur Ranch fahren und aufpäppeln. Auf der Ladefläche strampelt das Tier und hechelt. Nach ein paar Stunden schaut der Jackaroo nach dem Kalb, es atmet nicht mehr. Der Jackaroo schüttelt es noch einmal, dann lässt er es liegen.

"Die Hitze", sagt er. ◆

(*) Mit der Versuchskuh Sprüngli in einer Respirationskammer.

DER SPIEGEL 42/2010
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Das Rülpsen der Rinder