DER SPIEGEL



IRAN

Eine Frage des Preises

Von Bednarz, Dieter; Brauck, Markus; Windmann, Antje

Zensiert, schikaniert, inhaftiert - mit beispielloser Härte geht die Führung in Teheran gegen kritische Journalisten vor. Nun sind auch zwei deutsche Reporter in die Fänge des Regimes geraten.

Noch ist Mohammed Ghutschani, 34, ein freier Mann. Doch seit Wochen schon verfolgen die Sicherheitskräfte des Regimes den Journalisten auf Schritt und Tritt. Erst am vergangenen Montag haben sie ihn, wie Ghutschanis Kollegen in Teheran berichten, durch einen Anruf nachdrücklich gewarnt: Lass die Finger von dem Projekt, so die Botschaft, oder wir holen dich ab.

Eine Vorladung bei der Staatsanwaltschaft, eine Anklage vor dem Revolutionsgericht und einige Jahre im berüchtigten Evin-Gefängnis der Hauptstadt drohen Ghutschani, weil er eine ebenso verlockende wie heikle Aufgabe angenommen hat: Er will die vor drei Jahren verbotene Tageszeitung "Ham Mihan" wieder auf die Straße bringen.

Der im Jahr 2000 gegründete "Landsmann" hatte es als Stimme der Reformer unter dem vergleichsweise liberalen Präsidenten Mohammed Chatami auf mehr als 100 000 Exemplare gebracht. Nun haben die Behörden dem früheren Herausgeber, dem langjährigen Oberbürgermeister von Teheran und Chatami-Mitstreiter Gholam Hossein Karbastschi, erneut eine Lizenz erteilt.

Unter Ghutschanis Führung arbeiten in einem großzügigen Appartement im wohlhabenden Norden Teherans 30 Redakteure, Layouter und Techniker an der ersten Ausgabe, Startauflage rund 25 000 Exemplare. Offiziell herrscht in Iran Pressefreiheit. Doch die Fanatiker in Justiz und Zensurbehörde warten nur auf den ersten kritischen Bericht über Präsident Mahmud Ahmadinedschad und dessen Mentor, den Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei.

Das erneute Aus von "Ham Mihan" ist so absehbar wie die Verhaftung des Chefredakteurs Ghutschani, der bereits ein halbes Jahr hinter Gittern zugebracht hat. Dort befand er sich in guter Gesellschaft.

Vor allem seit den Protesten gegen die Wiederwahl Ahmadinedschads im Juni vergangenen Jahres sind die Zellen überfüllt mit Regimekritikern, unter denen Journalisten die wohl größte Berufsgruppe stellen. Mehr als 120 Mitarbeiter von Tageszeitungen sowie etwa 20 Blogger seien festgenommen worden, sagt Mahmood Amiry-Moghaddam. Der Mitbegründer von Iran Human Rights verfolgt aus dem Exil die "brutale Unterdrückung der Meinungsfreiheit". Mindestens 50 Reporter und Fotografen seien vor den Häschern des Regimes ins Ausland geflohen.

Wie viele Journalisten noch in Haft sind, weiß niemand genau zu sagen. Amiry-Moghaddam zählt 30 Namen, unter ihnen Emadeddin Baghi, den ein Revolutionsgericht zu sechs Jahren Haft verurteilte. Sein Verbrechen: ein Interview mit dem im Dezember verstorbenen Großajatollah Hossein Ali Montaseri, der zu den schärfsten Kritikern des Regimes gezählt hatte. Es wirkt wie eine bittere Ironie der Geschichte, dass die Islamische Republik, die aus der Revolution gegen die Bevormundung des Schahs 1979 hervorgegangen ist, derzeit Journalisten schärfer verfolgt als nahezu jedes andere Land.

Die Verbündeten von Präsident Ahmadinedschad in Geheimdiensten und bei den Pasdaran, den Revolutionswächtern, gehen auch gegen ausländische Berichterstatter vor, die ihre Akkreditierung in eher freizügigen Zeiten erhalten haben. So muss jetzt die Korrespondentin der spanischen Tageszeitung "El País" ihre Umzugskartons packen. Sie hatte das Regime durch ein Interview mit dem Sohn Montaseris gereizt. Bleiben darf nur, wer sich auf unverfängliche Berichte beschränkt.

Journalisten aus dem Westen, von dem sich die Führung in Teheran im Atomkonflikt um die Urananreicherung an den Pranger gestellt sieht, werden nur noch zu Propagandaveranstaltungen ins Land gelassen. Und selbst dann sind Journalisten-Visa ein rares Gut. Für eine im Frühjahr schwülstig inszenierte Abrüstungskonferenz ("Kernenergie für alle - Atomwaffen für niemanden") vergab die iranische Botschaft in Berlin ganze drei Einreisegenehmigungen. Gespräche des SPIEGEL mit Oppositionsführern und Regimekritikern waren nur nach langwierigen Vorbereitungen und unter konspirativen Umständen möglich.

Eine Einreise ohne die Genehmigung des Erschad, des Ministeriums für Kultur und islamische Führung, ist geradezu töricht. Die Geheimdienste der Mullahs haben das Land noch mehr durchsetzt als einst die Häscher des Mohammed Resa Pahlewi. Vergangene Woche versuchten es zwei Mitarbeiter des Axel-Springer-Verlags dennoch. Kannten sie nicht das Procedere? "Sollten sie es nicht gewusst haben, waren sie naiv und ließen sich auf eine gefährliche Fährte führen", tadelte selbst die besonnene "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Zumindest gelten beide als unerfahren in der Region. Der Reporter schrieb für "Bild" und zuletzt für "Bild am Sonntag" eher über Lokales in Berlin und Skandale in Krankenhäusern, der freie Fotograf lieferte hauptsächlich Bilder von Musikern und Stars.

Fest steht, dass die Deutschen am Sonntagnachmittag vorvergangener Woche festgenommen wurden, als sie in Täbris, gut 500 Kilometer nordwestlich von Teheran, Sadschad Ghadersade interviewen wollten. Der junge Mann ist bei den Getreuen des Regimes verhasst, weil er eine internationale Menschenrechtskampagne mit ausgelöst hat. Er hoffte, auf diese Weise seine Mutter Sakine Mohammadi Aschtiani, 43, zu schützen, die wegen angeblichen Ehebruchs zum Tod durch Steinigung verurteilt worden ist. Die Sicherheitskräfte nahmen auch Ghadersade fest sowie den Anwalt seiner Mutter, in dessen Kanzlei das Treffen stattfand.

Entscheidend für das Schicksal der Deutschen ist, welche Fraktion sich in Teheran durchsetzt. Irans Botschafter in Berlin, Ali Resa Scheich Attar, gilt als enger Weggefährte Ahmadinedschads, aber auch als Pragmatiker. Er soll an einer schnellen Lösung sehr interessiert sein. Dass der frühere Journalist auch mal Gouverneur in der Region war und nach Täbris noch immer gute Kontakte pflegt, könnte einen glimpflichen Ausgang befördern. Auch der deutsche Botschafter in Teheran, Bernd Erbel, ist im Land gut vernetzt.

Doch der Einfluss der Eiferer ist nicht zu unterschätzen. Sie sehen in den Reportern keine unbedarften Journalisten, die auf der Suche nach einem vermeintlichen Scoop waren. Der Generalstaatsanwalt, Gholam Hossein Mohseni-Edschei, bezweifelte schon kurz nach der Verhaftung, dass die Deutschen überhaupt Journalisten seien. Die Vorstufe zu einer Anklage wegen Spionage?

Wie schnell die Hardliner diesen Vorwurf erheben, erfuhr die US-Iranerin Roxana Saberi, 33. Die Journalistin hatte sechs Jahre als Korrespondentin aus Teheran berichtet, unter anderem für die britische BBC und das amerikanische "National Public Radio". Im April vergangenen Jahres war sie verhaftet worden, weil sie trotz Alkoholverbots angeblich eine Flasche Wein gekauft hatte. Später wurde ihr zur Last gelegt, ohne gültige Akkreditierung gearbeitet zu haben. Schließlich schob die Staatsanwaltschaft eine Anklage wegen Spionage nach.

Diplomatische Beobachter in Teheran sahen in der Aktion den Versuch, eine Verbesserung der Beziehungen zu den USA unter dem neuen Präsidenten Barack Obama zu sabotieren. Kurz nach ihrer Verurteilung zu acht Jahren Gefängnis durfte Saberi ausreisen. Teheran verkaufte die Entlassung als großzügige Geste an Washington.

Auch im Fall der beiden Springer-Journalisten stellen sich mit Geiselnahmen und Gefangenenaustausch vertraute Beamte in Berlin auf eher langwierige Verhandlungen ein. "Das ist eine Frage des politischen Preises", sagt ein mit dem Fall betrauter Experte - und verweist auf den Fall Donald Klein. Der Hochseeangler aus dem pfälzischen Lambsheim war Ende 2005 während eines Dubai-Urlaubs mit dem Boot in iranische Hoheitsgewässer geraten. Unter dem Vorwurf der Spionage saß er mehr als ein Jahr im Evin-Gefängnis. In Deutschland aber war der in das "Mykonos"-Attentat auf iranische Oppositionelle verwickelte Geheimdienstler Kazem Darabi in Haft.

Darabi ist inzwischen frei, und Teheran kann auf kein Tauschgeschäft mehr spekulieren. Dass sich die Bundesregierung gerade in jüngster Zeit als Vorreiter bei den europäischen Sanktionen gegen den Gottesstaat profiliert, erleichtert die Verhandlungen nicht.

Dennoch gibt es Stimmen, die Hoffnung auf eine baldige Freilassung nähren. Wird die lange geplante Reise des Bundestagsausschusses für Auswärtige Kulturpolitik, der für Sonntag in Teheran erwartet wurde, dazu beitragen? Die Gruppe, zu der auch die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth gehört, will sich in ihren Gesprächen für die Deutschen einsetzen.

Den Verstoß gegen Visa-Vorschriften sollen die Reporter bereits zugegeben haben. Das könnte der erste Schritt zu einer Lösung sein. Angeblich gibt es Hinweise aus Iran, die Deutschen gegen Zahlung einer Geldbuße freizulassen.

Sollten die Journalisten schon Ende dieser Woche heimkehren, wäre das der ungewöhnlich glimpfliche Ausgang einer bizarren Recherchereise.

Selbst dann bestätigt der Fall den Chefredakteur von "Ham Mihan". Der warnt Kollegen ausdrücklich vor den Gefahren ihres Berufs. Ghutschani: "Journalismus in Iran ist riskant."


DER SPIEGEL 42/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 42/2010
Titelbild
E-Paper

Lesen Sie den SPIEGEL als E-Paper:
Wo immer Sie gerade sind, zu Hause oder
unterwegs – den SPIEGEL bekommen Sie als PDF schon sonntags ab 8 Uhr. Werden Sie jetzt E-Paper-Kunde!

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

IRAN:
Eine Frage des Preises

TOP



TOP