18.10.2010

FUSSBALLIm Sog des Kapitals

Das österreichische Getränkeunternehmen Red Bull hat in Leipzig einen Verein installiert, der jetzt möglichst schnell von der vierten in die erste Liga aufsteigen soll. Das Großprojekt provoziert alteingesessene Fans. Sie sehen darin eine Bedrohung für ihre Fußballkultur.
Die herbstliche Mittagssonne wärmt die Tribüne des Stadions Müllerwiese, die Fans der heimischen FSV Budissa Bautzen stimmen sich mit ersten Gesängen ein. "Alles außer Bautzen ist scheiße", skandieren sie unmissverständlich. "Bullen-Schweine", rufen sie, als der Gegner kommt.
Zu dieser Zeit hat Uwe Matthias seine Arbeit praktisch erledigt. Der Kriminaldirektor a. D. hat viel Erfahrung, er leitete die 180-köpfige "Soko Michelle", die sieben Monate den Mörder eines achtjährigen Mädchens suchte; jetzt hat ihn der Regionalligist Rasenballsport Leipzig als Sicherheitsbeauftragten unter Vertrag genommen. Bei Auswärtsspielen fährt er meistens voraus und sondiert mit der örtlichen Polizei, wie der Mannschaftsbus bewacht und wie die Leipziger Spieler auf dem Weg in die Kabine geschützt werden können.
Neulich in Lübeck erst wurden sie bespuckt, in Jena wurden sie bedroht. In Braunschweig wurde das Vereinsemblem mit den beiden Bullen auf dem Bus beschmiert. Im vorigen Jahr wurden Testspiele wegen Sicherheitsbedenken abgesagt. In Bautzen bleibt es ruhig.
RB Leipzig ist nicht beliebt, es gilt als schick, den Club mit dem seltsamen Namen ein bisschen zu hassen. Er provoziert. Leipzig spielt in der vierten Klasse, will aber möglichst bald in der Bundesliga angekommen sein. Der Etat wird auf annähernd 10 Millionen Euro geschätzt, die Klassenrivalen haben allenfalls halb so viel zur Verfügung. Angeblich 100 Millionen will der österreichische Brausehersteller Red Bull, der sich hinter dem Kürzel RB verbirgt, insgesamt auf dem Weg nach oben spendieren. Die Konkurrenz findet das irgendwie ungerecht.
Zu viel Kommerz, meinen die Traditionalisten, zu wenig Fußballkultur. Nach dem 2:1-Heimsieg gegen den 1. FC Magdeburg sagte dessen Manager Rüdiger Bartsch in den Katakomben des Leipziger WM-Stadions, das jetzt Red-Bull-Arena heißt, was die meisten denken. Fußballvereine seien doch "keine Rennställe" wie in der Formel 1, wo Teams irgendwohin gepflanzt werden können und Konzernleitungen bestimmen statt Mitglieder.
Die Aufregung ist größer als die über 1899 Hoffenheim. Dort päppelte der Mäzen Dietmar Hopp seinen Heimatclub, doch als der in der obersten Klasse angelangt war, war es gut, und er redete nicht mal dem Trainer rein.
Hier aber kommen das Kapital und die Macht aus dem Ausland, selbst der Mannschaftsbus von RB Leipzig hat ein Salzburger Kennzeichen. Dies alles wird von Puristen als Bedrohung empfunden.
Wenn RB Leipzig zu Hause spielt, wird bereits der Profifußball simuliert. Auf der VIP-Etage trinken Ehrengäste mittags an Stehtischen Weißwein, auf dem Rasen rollt die Marke "Torfabrik" - der Spielball der Bundesliga. Auf der Tribüne filmt der vereinseigene Analyst Spielszenen, die Mannschaft übernachtet vor Heimspielen im Radisson-Hotel.
RB-Trainer Tomas Oral, 37, klingt oft so, als müsste er sich für das alles verteidigen. Vor der Partie gegen den Traditionsverein Magdeburg sagt er, dass Traditionsvereine oft bloß neidisch seien auf Neureiche und deren potente Sponsoren. Er stamme ja selbst aus so einem alteingesessenen Club, dem FSV Frankfurt.
Über die neuen Machtverhältnisse machen sich die Konkurrenten in der Regionalliga keine Illusionen mehr. RB Leipzig kann Synergien nutzen. Fußball ist ein gewichtiger Teil des Sportimperiums von Firmenchef Dietrich Mateschitz geworden, die Abteilung Global Soccer umfasst auch Teams in Salzburg, Brasilien, Ghana und New York. Nun wird der Torwarttrainer von RB Leipzig vom professionellen Torwarttrainerausbilder in Salzburg geschult. Das Krafttraining folgt den Anleitungen aus dem firmeneigenen Leistungszentrum in Thalgau, wo der ehemalige DDR-Sportarzt Bernd Pansold die Spieler vermisst. Ist das ein unlauterer Wettbewerbsvorteil?
Leipzigs Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer, 46, ist zum Heimspiel in die Stadt gekommen, nachts um vier mit dem Auto aus Salzburg. Seine Position dort bei Red Bull heißt Head of Global Soccer. Obwohl sie in Leipzig nun einige Ex-Profis in der Mannschaft haben, ist Beiersdorfer derzeit noch der einzige Star. Er muss gleich zu Dreharbeiten für den Red-Bull-Sender Servus TV in die City.
Der frühere Manager des Hamburger SV sagt, dass es bei RB gar nicht nur um Werbung gehe. "Ziel ist es, mit allen Aktivitäten auch Profit zu machen." Leipzigs Team solle Werte vermitteln, sagt Beiersdorfer. "Die Kunst ist es, die Werte des Fußballs und die der Marke zu vereinen." Red Bull stehe für "energiegeladen, jung, innovativ, selbstbestimmt, nonkonformistisch".
Ziemlich selbstbestimmt und kreativ haben sie sich schon in den deutschen Vereinsfußball geschlichen. Red Bull kaufte dem Vorstadtclub SSV Markranstädt für rund 350 000 Euro die Lizenz für die Oberliga ab und gründete mit neuem Namen einen neuen Verein. Das war der schnellste Weg in den Ligabetrieb und ins leerstehende WM-Stadion. Jetzt redet Beiersdorfer von "langfristigen Business-Plänen". Bald kommt wohl die Champions League.
Der Leipziger Bürgermeister Heiko Rosenthal wunderte sich, als er noch auf der Feier zum Aufstieg in die Regionalliga Lobeshymnen auf den Trainer und den Sportdirektor hörte und kurz darauf in der Zeitung las, dass man beide gefeuert hatte. Sie waren Meister geworden mit 22 Punkten Vorsprung, aber nicht mehr gut genug für die nächsten Etappen. "Da sieht man, wie zielgerichtet und strukturiert die sind", sagt Rosenthal ehrfürchtig.
Der Bürgermeister von den Linken wirkt irgendwie schicksalsergeben in seiner neuen Leipziger Sportwelt. Einmal sagt er aus Versehen "Getränkekombinat" zur neuen Macht aus Österreich.
Immer waren die beiden Leipziger Traditionsvereine einer zu viel, die Stadt hat sich geziert, für einen der beiden Rivalen Position zu beziehen. Der 1. FC Lokomotive, unter dem Namen VfB erster Deutscher Fußballmeister, wurde 2004 nach der zweiten Insolvenz aufgelöst und begann in der 3. Kreisklasse von vorn. Der FC Sachsen, ehemals BSG Chemie, enterte vorübergehend das große Zentralstadion, ist aber auch schon wieder insolvent und dümpelt wie ehedem im Alfred-Kunze-Sportpark.
Da sei das Rasenball-Projekt "das Beste, was Leipzig an Wirtschaftsförderung passieren konnte", meint Bürgermeister Rosenthal, 36, sein Amtszimmer sieht mit den riesigen Grünpflanzen aus wie ein kleiner Tropenwald. RB plant ein Trainingszentrum in Leipzig für 30 Millionen Euro, die Geschäftsstelle ist in ein altes Handelshaus am Neumarkt gezogen. "Wichtig ist, dass der Name Leipzig im Clubnamen vorkommt", sagt Rosenthal.
Das Rathaus gab grünes Licht für die Namensänderung des ehrwürdigen Zentralstadions, das der Investor Michael Kölmel vermarktet. Das war die letzte Hürde. Den Rest hat Red Bull allein geregelt. Weil Firmennamen nicht erlaubt sind, steht RB offiziell für Rasenballsport; weil das Clubwappen nicht mit dem Firmenlogo identisch sein darf, wurden den Bullen zwei Striche hinzugefügt. Und weil der neue Verein Mitglieder brauchte, erhielten Spieler und Vorständler Mitgliedsausweise, sieben braucht man fürs Vereinsregister.
Ist das noch nonkonformistisch oder schon am Rande der Legalität? Beiersdorfer sagt: "Die am lautesten schreien, kommen am nächsten Tag und bewerben sich."
Einer davon war der frühere Elektrikermeister Roland Gall, 60. Er wollte bei der Fan-Arbeit mitmachen und wurde abgelehnt. Dann wollte er eine Mitgliedschaft und bekam auch einen Korb. Seitdem führt er einen Feldzug, er hat es ins Radio geschafft und in die "Leipziger Volkszeitung" mit seiner Forderung nach "Demokratie im diktatorisch geführten Verein".
Gall ist eigentlich Fan des FC Sachsen, daher als "Sachsen-Galli" bekannt. In seinem Haus in Hohenmölsen, gut 40 Kilometer südöstlich von Leipzig, hat er seinen Lebenslauf auf den Wohnzimmertisch gelegt und einen Zeitungsbericht über sich aus dem Jahr 2003: "Für den Fußball stirbt er." Galli trägt graue Filzpantoffeln und erzählt, dass er vor vier Jahren mit einem Brief den Red-Bull-Chef Mateschitz mit Leipzig zusammengebracht habe, damals noch auf Sponsorensuche für den FC Sachsen. Jetzt ist er verbittert über die Undankbarkeit: Mitglieder, habe ihn der junge Club wissen lassen, seien bei RB nicht erwünscht.
Der neue Player auf dem Fußballmarkt mag keine Vereinsmeier, das Unternehmen will nicht von Fans fremdbestimmt werden. Der Club verweist darauf, dass ihm die Gemeinnützigkeit vom Finanzamt bewilligt wurde und die Lizenz vom DFB. Man habe stets die Minimalbedingungen erfüllt, sagt schmunzelnd RB-Geschäftsführer Dieter Gudel, 34, wie Beiersdorfer früher beim HSV. Er sitzt in einem verglasten Büro, im Vorraum liegt auf einem Stehtisch die Meisterschale aus Pappe. Bei den aktiven Mitgliedschaften gebe es halt Eintrittsbarrieren: hohe Aufnahmegebühren, hohe Beiträge, ein Vetorecht des Vorstands.
Der "Ruch des Unerlaubten", sagt Gudel, stehe RB Leipzig außerdem ganz gut. Es sei wie mit dem Hauptprodukt, dem angeblich aufputschenden Getränk. Da soll auch niemand genau wissen, ob nicht doch etwas Verbotenes enthalten ist.
Das Team hat jetzt zwei Fan-Clubs. Und was "das Traditionsgequatsche" der anderen angehe, schlägt Gudel vor: RB Leipzig könne sich ja "Tradition seit 2009" auf den Wimpel schreiben. Ob Spott die Nörgler zum Schweigen bringt?
Als im vergangenen Jahr Rasenballsport zu spielen begann, trugen Fans mit einem Holzkreuz symbolisch den Fußball zu Grabe. Inzwischen hat der Club örtlichen Honoratioren 16 Stadionlogen verkauft.
Bei der Besetzung des Stadionsprechers haben sie bei dem Schriftsteller Clemens Meyer angefragt, einem bekennenden Fan und Mitglied des FC Sachsen. Meyer hat abgelehnt. "Ich will mich nicht instrumentalisieren lassen. Die haben gute Ideen. Die wollen neu sein und bunt. Aber meins ist das nicht", sagt er.
Meyer, 33, hat über den Hass und die Schlachten im Leipziger Fußball geschrieben; jetzt hat er sich gerade ein Virus gefangen und schwitzt. Er muss nachdenken. Leipzigs Traditionsclubs dürften sich wegen jahrelanger Misswirtschaft nicht beschweren, sagt er dann. Es sei nur so ein Gefühl: "BSG Chemie war immer der gegängelte, unterdrückte Verein. Jetzt haben wir hier wieder Großkopferte, die sich breitmachen." Nur würden die sicher "nicht mehr abrücken. Also segelt man am besten im Windschatten".
Die Leipziger Konkurrenten hoffen nun auf einen Sog, der beim unaufhaltsamen Höhenflug der Bullen entsteht, auf den einen oder anderen Kleinsponsor, der dabei übrig bleibt, oder hier und da ein frisch ausgebildetes Fußballtalent.
Steffen Kubald ist Präsident des 1. FC Lok und bekennender Ex-Hooligan. Der Zwei-Zentner-Mann mit Spitznamen "der Zarte" sitzt in einem Café im Leipziger Musikerviertel und gesteht: "Mein erster Gedanke, als die auftauchten, war: Jetzt biste nicht mehr Nummer eins."
Lok spielt in der Oberliga, einer Klasse, in der zuletzt ein Auswärtsspiel ausfiel, weil Wildschweine den Platz umgepflügt hatten. Inzwischen hat man sich an die neue Rangordnung gewöhnt. Lok ist Kult; wenn die Mannschaft aufs Feld kommt, dröhnt der AC/DC-Song "Dirty Deeds Done Dirt Cheap" aus den Boxen, mit dem Pfeifen einer Dampflok vermischt. Aber die großen Ambitionen sind jetzt Sache der anderen. "Nur Tradition", insistiert Kubald, "werden die bei RB in hundert Jahren nicht haben."
Am Abend feiern sie bei Lok ein kleines Fest. Sie haben die Bauhelfer eingeladen, Fans, die unentgeltlich das ehrwürdige Bruno-Plache-Stadion in Probstheida renovierten. Im Kriegsschutt an den Traversen förderten sie dabei sogar einen alten Karabiner zutage und einen Vereins-Mitgliedsausweis von 1922.
Auch der Torjäger René Heusel, den sie Fußballgott nennen, kommt zum Fest. Er schoss beim Neubeginn in der 3. Kreisklasse 81 Tore und blieb dem Club seither treu. Auf die linke Wade ließ er sich das Vereinswappen tätowieren.
Solche Geschichten über Heimatgefühle und Geborgenheit können sie bei RB nicht erzählen. Im VIP-Raum der Bullen-Arena liegt im silbernen Eiskübel die Dose. Mittelfeldspieler Timo Rost, früher Bundesligaprofi, steht nach einem Sieg am Tisch und erklärt, was ihm hier gefällt. Er staunt über drei Physiotherapeuten für das Regionalliga-Team und auch immer noch über sein Gehalt. "Keiner, der aus dem Profibereich kommt, muss hier Einbußen hinnehmen", sagt er.
"Red Bull verbessert das Befinden", steht auf der Dose.
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 42/2010
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