18.10.2010

BÜCHERDie Erfinder von Mitte

Die Autoren und Lebenskünstler Rafael Horzon und Sascha Lobo erzählen in ihren Romanen, wie in den neunziger Jahren der Berliner Szenebezirk entstand - als Akt der Hochstapelei.
Rafael Horzon hat schon ganz schön was weggetrunken, als er schließlich vor der Bar in Berlin-Mitte steht. Den Laden erkennt man nur, weil so viele Menschen davor warten. Horzon nickt dem Türsteher zu. Drinnen ist es heiß und voll und laut. Eine Theke, mehr nicht, die Wände sind rau, der Putz bröckelt. Es ist so eng, dass die Menschen ihre Drinks in die Höhe halten müssen, um nichts zu verschütten, alle rauchen, hinten stehen ein paar Sofas.
"Weiter", sagt Horzon. Irgendwo gibt es eine Stahltür, eine Treppe führt hinunter. In dem Haus wohnt niemand mehr, es soll renoviert werden, die Keller sind zugestellt mit Baumaterial, die Decke ist niedrig. Nackte Glühbirnen brennen, ein paar Kerzen sind aufgestellt. Auch hier unten ist es voll, es riecht nach Nikotin. Auf einem Bretterstapel zerkleinert jemand weißes Pulver, ein paar Leute umringen ihn, sie machen Scherze. Es ist eine Donnerstagnacht in Berlin.
So stellt sich die Welt das vor in Berlin-Mitte. So ist es auch.
Am nächsten Morgen werden diese Agenturbetreiber und Journalisten, Künstler und Musiker, Schauspieler und PR-Spezialisten aufstehen und arbeiten gehen. Ein paar von ihnen wollen vorher noch die Kinder in den Kindergarten bringen, auf die zu Hause gerade ein Babysitter aufpasst. Und Rafael Horzon, 40, wird in seinem Geschäft in der Torstraße stehen und auf Kunden warten. Oder auch nicht.
Es ist nicht so ganz klar, was genau Rafael Horzon eigentlich ist. Ein Regalverkäufer? Ein Künstler? Ein Spinner? Im Moment jedenfalls ist er auch ein Buchverkäufer, weil er in seinem eigenen Laden seinen eigenen Roman verkauft, 5000 Bücher hat er sich kommen lassen, nun stehen sie in weißen Regalen.
Der Roman heißt "Das weiße Buch" und erscheint beim Suhrkamp Verlag(*1). Horzon also veröffentlicht dort, wo Thomas Bernhard veröffentlichte, Theodor W. Adorno und Max Frisch. Der Roman spielt im Berlin der neunziger Jahre im Milieu der Zugezogenen, unter Künstlern, Intellektuellen und Schriftstellern, die nach Berlin-Mitte kamen, in einen damals noch leeren Raum, um ihn mit ihren Träumen zu füllen.
Berlin-Mitte wurde damals ein Stadtteil der Hochstapler, Knalltüten und Selbst-
erfinder. Nun scheint es an der Zeit zu sein, dass die, die damals dabei waren, mit der Geschichtsschreibung beginnen.
Man kann sagen, dass auch Sascha Lobo, 35, einer dieser Spaßvögel ist. Sein Buch heißt "Strohfeuer" und erzählt genauso autobiografisch wie Horzons Roman von den Anfängen in Berlin-Mitte, aber diesmal vom Scheitern einer Agentur in den Zeiten der New Economy(**2).
Die Literaturkritiker nehmen Lobo bislang nicht richtig ernst. Aber das macht ihm nichts. Sascha Lobo macht grundsätzlich nur wenig etwas aus. Er hat seinen Kopf in ein lebendes Logo verwandelt, oben ein roten Irokesenkamm, in der Mitte ein Schnäuzer. Er ist sofort wiedererkennbar. Lobo war früher einmal Werber, sein Kopf ist wahrscheinlich das beste Konzept, das er jemals entwickelt hat.
Horzon steht für die Kunst, Lobo für die Zukunft, für das Internet, es sind zwei Konzepte, die diesen Stadtteil zwischen Alexanderplatz und Friedrichstraße, Torstraße und Spree zu dem machten, was er heute ist: eines der aufregendsten Stadtviertel des Landes, eine Attraktion. Ein paar Straßen, in denen sich die Boheme zusammengefunden hat. Und wo nachts in irgendwelchen Kellern ziemlich merkwürdige Ideen entstehen, aus denen manchmal sogar etwas wird.
In Lobos Buch macht sich der Protagonist, ein Werber, selbständig. Er hat keinen Plan, was er wem verkaufen will. Bald stellt sich heraus, dass das ein Vorteil ist. Denn die New Economy handelt nicht von realistischen Geschäftsmodellen. Die eine Hälfte der Arbeit besteht darin, Arbeit vorzutäuschen. Die Kunden sollen glauben, es mit einer seriösen Agentur zu tun zu haben. Deshalb werden Leute eingestellt, weil in einer Agentur eben Leute sitzen müssen. Die andere Hälfte besteht aus Ideen. "Erzähl", ist der letzte Satz seines Romans, da haben die beiden Protagonisten viel Geld verbrannt und einige Leben ruiniert. Und trotzdem können sie nicht genug bekommen von der Macht der Worte. Von ihrer Gabe, sich immer wieder neu zu erfinden.
Auch "Strohfeuer" ist eng an Lobos Leben entlang erzählt. Wobei die New Economy in Berlin ihre ganz eigenen Bedingungen hatte. Während in New York, London, Frankfurt am Main oder München tatsächlich riesige Summen verlorengingen, war die Virtualität in Berlin oft eine doppelte: Viele der Start-ups hatten gar kein richtiges Geld. Man machte nicht nur den anderen etwas vor, sondern auch sich selbst.
Lobo erfand sich neu nach der Pleite, schrieb zusammen mit einem Partner das Buch "Wir nennen es Arbeit", eine Feier der neuen Freiheit, die die digitalen Medien für die Arbeitswelt bedeuten könnten - wenn man sie sich denn nimmt.
Eine erstaunliche Karriere. Dieser Kopf mit der Frisur ist heute Deutschlands bekanntester Interneterklärer. Vielleicht geht das nur, wenn man wirkt wie sein eigener Avatar. Er lebt gut von Vorträgen, die er bei Unternehmen hält, aber seine Honorare seien "mindestens eine Liga unter Friedrich Merz". Er macht das ziemlich gut, wenn er Leuten aus der Wirtschaft erklärt, wie die sozialen Medien gerade die Marketingmechanismen verändern, wie der Verlust der alten, übersichtlichen Öffentlichkeit die Markenkommunikation umwirft. Er hat ein Gefühl für Timing, bringt den richtigen Merksatz im richtigen Augenblick.
Auf seinem Handy hat Lobo eine Application, die acht verschiedene Nachrichtenströme gleichzeitig über das Display laufen lässt - E-Mail, Twitter, Facebook und noch ein paar andere. Er wirkt wie jemand, der aus der Zukunft gekommen ist: der einzige deutsche Cyberpunk.
Sein Auto, einen alten A8, hat Lobo in den Farben seines Buchs umspritzen lassen, auf der Kühlerhaube ein roter Irokesenkamm. "Das muss so platt sein", sagt Lobo, "sonst wäre es unglaubwürdig." Subtilitäten passen nicht zum Lobo-Image, sagt Lobo. Was wiederum ziemlich subtil ist. Bei ihm ist alles Kommunikation, senden und empfangen und weitersenden.
Anstrengend sei das nur, sagt Lobo, wenn die verschiedenen Teile der Persönlichkeit auseinanderfallen, wenn in der weiten Welt des Internets Informationen auftauchen würden, die nicht zum bekannten Bild passen. Und wenn ihm eines Tages das ganze Theater zu viel wird, kann er die roten Haare einfach abschneiden. Kaum jemand wird ihn wiedererkennen, es wird sein, als hätte es Sascha Lobo nie gegeben. Dann kann er sich neu erfinden.
"Digitale Boheme" hat Lobo dieses Konzept einmal genannt.
Lobo und Horzon wohnen nur wenige hundert Meter voneinander entfernt, Horzon auf der Torstraße, Lobo ein paar Häuser weiter. Wer heute zwischen all den Galerien, Boutiquen, Restaurants und Coffeeshops umherläuft, kann sich das damalige Mitte nur schwer vorstellen.
In Horzons Roman "Das weiße Buch" kommt der Protagonist, ein junger Mann, in die große Stadt, und weil das Viertel schon wimmelt von Nachwuchskünstlern, entscheidet er sich für ehrliche Arbeit, was in Wahrheit ein viel größeres Kunstprojekt ist, als richtige Kunst zu machen.
Er will Geschäftsmann und Wissenschaftler werden. Also fährt er Pakete aus, eröffnet ein Möbelhaus und gründet eine selbsterfundene Wissenschaftsakademie.
Geschrieben fast wie ein Schelmenroman des 19. Jahrhunderts, erzählt Horzon von den Versuchen seines Helden, reich zu werden. Eine Agentur für Partnertrennungen scheitert. Auch als Clubbetreiber gelingt ihm nur wenig. Am lustigsten ist seine Idee, die damaligen Rechtschreibreformer an Radikalität zu überholen: Der Held des Buchs gründet eine Firma, die sich Redesigndeutschland nennt, und arbeitet ein Konzept aus, das Land endlich nach vernünftigen Regeln neu zu ordnen, inklusive einer neuen Zeitrechnung und Universalgrammatik. Natürlich klappt es nicht. "Wieso wir nein bekommen auftrags von ander menschs?", fragt der Ich-Erzähler in der neuerfundenen Sprache. "Ich nein wissen, vielleicht wir firma sein zu modern", antwortet sein Partner.
Die Agentur Redesigndeutschland gibt es wirklich, sie befindet sich im Hinterzimmer einer Belüftungsanlagenfirma, die Horzon ebenfalls betreibt. Die sich wiederum gerade verkleinert hat, um Platz zu machen für seine "Sach- und Fachbuchhandlung". Einige Meter die Torstraße herunter ist sein Möbelhaus, von dem bis heute viele glauben, es müsse sich um eine Galerie handeln. Berlin ist eine große Kunstfalle, steckt man einmal drin, gibt es kein Entkommen. Horzon selbst sagt, sein Buch sei "die Lebensgeschichte eines Unternehmers" und eigentlich "ein Sachbuch". "Ich kann ja schlecht mein ganzes Leben lang versuchen, kein Künstler zu werden, und dann als Literat enden."
Seine Firma für Belüftungsanlagen hat auch das Restaurant "Grill Royal" am Schiffbauerdamm ausgestattet. Horzon mag es dort. Es ist die größte Bühne der Stadt für die Berliner Selbsterfinder, für russische Oligarchen mit ihren Frauen und solchen, die es sein wollen, für Galeristen, Künstler, es ist die Welt seines Romans, bloß zehn Jahre später, aufgepumpt mit mehr Macht, Ego, Sex und Geld, als man sich damals vorstellen konnte. Die Hochstapelei, die Suche nach der kleinen Lücke, in der man sein Glück machen kann, all das, was Horzon in seinem Roman beschreibt, hier ist es Geschäftsgrundlage. Erfinde dich selbst! könnte hier über der Tür stehen. Stattdessen steht dort, in Neonschrift: "Capitalism Kills Love".
"Es ist doch so", sagt Horzon. "Du hast eine Geschäftsidee, du probierst sie aus, meist klappt es nicht, dann probierst du die nächste aus."
Im Grunde sind "Das weiße Buch" und "Strohfeuer" historische Romane, Bücher über eine unschuldige Epoche, die untergegangen ist und längst einer anderen Platz gemacht hat.
Am östlichen Ende der Torstraße hat dieses Frühjahr das Soho House eröffnet, die Berliner Dependance eines Londoner Clubs. Das Gebäude war früher einmal ein jüdisches Kaufhaus, dann übernahmen es die Nazis, nach dem Krieg die SED. Heute treffen sich dort die Hipster der Stadt, es gibt Clubräume, eine Dachterrasse mit Pool, ein Hotel, ein Fitness-studio, das alles muss Millionen gekostet haben. Am Rosa-Luxemburg-Platz, einige Meter weiter westlich, erhebt sich das neue Gebäude des Architekten Roger Bundschuh, ein exzentrisches Wohnhaus aus Beton, eine Mischung aus Bunker und Blitzschlag, die Wohnungen sind teuer für diese Gegend. Und noch ein Stück weiter westlich wird bald ein deutscher Hersteller für Luxusküchen einen Laden eröffnen. Längst ist schon in Berlin-Mitte die Rede von Gentrifizierung.
Horzon und Lobo sind noch da. Sie weigern sich zu gehen und denken sich stattdessen lieber etwas Neues aus.
(*1) Rafael Horzon: "Das weiße Buch". Suhrkamp Verlag, Berlin; 220 Seiten; 15 Euro.
(**2) Sascha Lobo: "Strohfeuer". Rowohlt Berlin; 288 Seiten; 18,95 Euro.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 42/2010
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