25.10.2010

VERLAGEDer Junior mag nicht mehr

Beim viertgrößten deutschen Zeitungshaus könnte der Verlags-erbe bald den Vorstand verlassen. Eine skurrile Affäre beschädigt Konstantin Neven DuMont.
Vielleicht dachte sich Alt-Verleger Alfred Neven DuMont nicht viel dabei, als er diesen einen Satz in der Geburtstagsrede für seinen Sohn Konstantin unterbrachte. Wehmütig hatte der 83-Jährige vor einer illustren Gästerunde mit Außenminister und Oberbürgermeister daran erinnert, dass das Haus DuMont das letzte große Familienunternehmen Kölns sei. Dann gab er seinem Sprössling zum 40. Geburtstag mit auf den Weg: "Du darfst jetzt nicht Pleite machen."
Manchen Gästen stockte der Atem. Die meisten lachten. Man hätte den Satz von damals ganz vergessen können, wenn er nicht genau zum Ausdruck gebracht hätte, was einige Chefredakteure und Führungsleute des Konzerns seit langem fürchten: dass der Sohn nicht der Richtige ist, das Lebenswerk des Alten zu bewahren.
Doch im Hause M. DuMont Schauberg ist man traditionell sehr loyal gegenüber den Verlegerfamilien, und so blieb die Kritik am Junior diskret. Noch hatte der Sohn ja keinen Schaden angerichtet.
Seit vergangener Woche ist das anders. Da äußerte der Berliner Medienjournalist Stefan Niggemeier den Verdacht, dass der Verlagserbe Niggemeiers Blog mit kritischen Kommentaren geradezu geflutet habe, unter eigenem Namen und unter dem Deckmantel von mehr als hundert Pseudonymen. "Gandhi", "Schlauberger", "Hans Wurrst" und "Bitterfeld" lieferten sich nicht nur Fehden mit dem Blogger, sie führten auch untereinander Scheindebatten und beschimpften auffallend häufig die "Frankfurter Allgemeine" ("FAZ"): "Mir ist kein großer Verlag in Deutschland bekannt, der sich in der letzten Dekade vergleichbar zurückentwickelt hat."
Sohn Konstantin hält dagegen, nicht er habe da geschrieben, sondern zwei Bekannte, die Zugang zu seinem Computer hätten. Wer die beiden seien, möchte er nicht sagen, um sie zu schützen. Selbst das wäre befremdlich, denn welcher Top-Manager überlässt seinen PC einfach irgendwelchen Helfern? Doch ob Neven DuMont persönlich agierte oder nicht, ist beinahe schon egal. Die Affäre ist für das Verlagshaus äußerst peinlich.
Pikant sind vor allem die Angriffe auf die "FAZ", da das Blatt seit einiger Zeit mit der zum DuMont-Reich gehörenden "Frankfurter Rundschau" ("FR") kooperiert und über eine weitere Zusammenarbeit verhandelt, etwa im Druckgeschäft. "Schlicht geschäftsschädigend" nennt ein DuMont-Entscheider deshalb diese Passagen in dem Blog. "So kann es nicht mehr weitergehen."
Der starke Mann im viertgrößten Zeitungshaus der Republik ist Vater Alfred, doch der nimmt sich immer mehr zurück und ordnet sein Erbe. Den Herausgeberposten bei der "FR" trat er an den Sohn ab, der zudem im Vorstand für Strategie zuständig ist. Doch Konstantin sei der Rolle nicht gewachsen, glauben seine Kritiker.
Schon seit Monaten wuchs eine interne Front gegen den Verlagserben. Und auch er selbst hat das Gefühl, mit seinen Ideen, etwa einer Stärkung des investigativen Journalismus, bei den Chefredakteuren nicht mehr durchzudringen. Zunehmend herrscht Unverständnis auf beiden Seiten. Die Blogger-Affäre hat den Konflikt nur akut verschärft.
Einzelne wichtige Entscheider trugen ihren Unmut dem Patriarchen auch schon persönlich vor. Mancher sähe es gern, der Sohn würde aus dem Vorstand in den Aufsichtsrat weggelobt.
Es sind nicht die kleinen Spleens des Juniorverlegers, die Anstoß erregen: sein Ayurveda-Haus, das Faible für kompostierbare Sofas oder gefiltertes Brunnenwasser etwa. Vor allem im täglichen Geschäft drifte der Verlegerspross allzu oft ab, etwa in Vorträge über digitalen Wandel, Aufklärung oder demokratische Verantwortung für Köln und die Welt.
Konstantins Ideen zu Medientrends seien durchaus respektabel, finden seine Kritiker zwar. Aber in der konkreten Geschäftspolitik fänden sie wenig Niederschlag.
Das eigentlich Tragische an der Kölner Konstellation ist, dass auch Konstantin selbst schon seit einiger Zeit darüber nachdenkt, aus dem Verlagsvorstand auszuscheiden, wie er dem SPIEGEL sagte. Er sei letztlich "doch mehr auf der kreativen Seite" zu Hause, nicht so sehr "Verwalter". Und die Idee, dass er in den Aufsichtsrat wechselt, finde er mittlerweile reizvoll. Am liebsten wäre ihm, er könnte seine Energie in kleinere Eigenproduktionen etwa über Öko-Themen stecken.
Bei einer Vorstandssitzung in der vergangenen Woche habe Konstantin das Thema selbst zur Sprache gebracht, heißt es in Unternehmenskreisen. Er habe den Wunsch geäußert, das operative Geschäft zu verlassen. Doch ganz so einfach ist das nicht. Wenn er geht, müsste wohl an seiner Stelle jemand anderes die Familie im Unternehmen repräsentieren. Noch in dieser Woche werde sich deshalb die Familie rund um Patriarch Alfred treffen, um gemeinsam zu beratschlagen.
Und was denkt der Vater? Alfred Neven DuMont selbst teilt mit, es handle sich um "Gerüchte", die ihm selbst nicht bekannt seien. Formal steht der Patriarch eh nur dem Aufsichtsrat vor, im Vorstand sind mittlerweile Konstantin und sein Cousin Christian DuMont Schütte. Doch wer tatsächlich das Haus beherrscht, stand stets außer Frage.
Die Rolle des Nachfolgers wäre allerdings auch für robustere Charaktere keine leichte. Ein Vertrauter sagt: "Die Frage ist, ob Alfred sich überhaupt vorstellen kann, dass ihn jemand ersetzen kann."
Von Markus Brauck, Isabell Hülsen und Ole Reissmann

DER SPIEGEL 43/2010
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