25.10.2010

SPIEGEL-GESPRÄCH„Verbrecherische Organisation“

Der Marburger Historiker Eckart Conze, 47, über den Beitrag des Auswärtigen Amtes zum Holocaust, braune Seilschaften in der Bundesrepublik und den Widerwillen der deutschen Diplomatie, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen
SPIEGEL: Professor Conze, vier Jahre lang hat eine Historikerkommission unter Ihrer Leitung untersucht, welche Rolle das Auswärtige Amt im Nationalsozialismus spielte und wie es später mit dieser Vergangenheit umgegangen ist. Was haben Sie herausgefunden?
Conze: Das Auswärtige Amt war nicht irgendwie in den Nationalsozialismus verstrickt oder gar ein Hort des Widerstandes, wie lange behauptet wurde. Es funktionierte als Institution des nationalsozialistischen Regimes vom ersten Tag an und hat die nationalsozialistische Gewaltpolitik zu jeder Zeit mitgetragen. Nach 1945 wies das Ministerium eine hohe personelle Kontinuität mit teils schwer belasteten Diplomaten auf.
SPIEGEL: Wie aktiv war das Amt an den Verbrechen beteiligt?
Conze: Das Ministerium hat an den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen bis hin zur Ermordung der Juden als Institution mitgewirkt. Insofern kann man sagen: Das Auswärtige Amt war eine verbrecherische Organisation.
SPIEGEL: Ein schwerer Vorwurf. Welche Belege haben Sie dafür?
Conze: 1941 reiste zum Beispiel Franz Rademacher, der Judenreferent des Auswärtigen Amtes, nach Belgrad, um dort mit lokalen Amtsträgern, aber auch mit den Vertretern des Reichssicherheitshauptamtes, also der SS, die Ermordung von Juden zu planen und umzusetzen. Auf seiner Reisekostenabrechnung vermerkte er übrigens, Reisezweck sei die "Liquidation von Juden in Belgrad" gewesen. Jeder Buchhalter im Auswärtigen Amt wusste, was da passiert.
SPIEGEL: Rademacher ist vielleicht nur eine Ausnahme.
Conze: Nein, nehmen Sie Botschafter Otto Abetz in Paris und den Leiter seiner politischen Abteilung, den späteren FDP-Politiker Ernst Achenbach. Sie spielten mit ihren Stäben eine wichtige Rolle bei der Erfassung und Deportation von Juden. Wenn Partisanen in Frankreich deutsche Soldaten umbrachten, überlegten die Diplomaten sofort, als Vergeltung 1000 oder 2000 Juden in die Vernichtungslager zu deportieren. Auch bei der Verschleppung von Zwangsarbeitern ins Reich war das Amt zentral involviert. Frankreich ist ein Beispiel; Italien mit Botschafter Rudolf Rahn ein anderes.
SPIEGEL: Sie erwecken den Eindruck, als hätte es den Holocaust ohne die Diplomaten nicht geben können.
Conze: Das behaupte ich nicht, aber für den reibungslosen Ablauf war die Kooperation des Auswärtigen Amtes entscheidend. Die Behörde hat die Interessen des NS-Regimes in Ländern wie Griechenland, Frankreich, Serbien oder Ungarn vertreten und mit den Regierungen verhandelt, und zwar auch über die Deportation von Juden.
SPIEGEL: Das Auswärtige Amt beschäftigte während des Krieges zeitweise über 6000 Menschen. Wie viele von ihnen waren am Holocaust beteiligt?
Conze: Die allermeisten, weil sie in ihren jeweiligen Funktionen zu diesem großen Räderwerk gehörten, das funktionieren musste und das auch funktioniert hat - ob nun in der politischen Abteilung, in der Kultur-, in der Rechtsabteilung oder in den vielen Auslandsvertretungen.
SPIEGEL: In Ihrem Buch schreiben Sie allerdings, Angehörige des Amtes seien "selten offenkundige Hauptverantwortliche oder eindeutig zu identifizierende Kriegsverbrecher" gewesen.
Conze: Sie müssen zwischen individuellem und institutionellem Handeln unterscheiden. In unserem Buch steht, "die" deutschen Diplomaten seien Mittäter gewesen. Das bezieht sich auf das Auswärtige Amt und seine Diplomaten als Institution. Man muss dann auf der Ebene des individuellen Handelns genau prüfen, welche Verantwortung der Einzelne getragen hat.
SPIEGEL: Täter ist, wer ein Verbrechen begangen hat. Und das nachzuweisen war für die Gerichte nach dem Krieg unendlich schwierig.
Conze: Der Historiker ist kein Richter und kann daher abweichend von einer juristischen Bewertung zu seinem Urteil kommen, in das er den institutionellen und weltanschaulichen Hintergrund einbezieht. Achenbach ist in diesem Sinne natürlich ein Täter, auch wenn er nicht verurteilt wurde.
SPIEGEL: Warum sind so viele Diplomaten zu Hitlers willfährigen Helfern geworden?
Conze: Die meisten empfanden schon die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 als Erlösung …
SPIEGEL: … dabei verachteten die alten Eliten doch häufig die Nazis als Pöbel.
Conze: Ja, aber von wenigen Ausnahmen abgesehen waren die Spitzendiplomaten der Weimarer Republik Gegner einer freiheitlichen politischen Ordnung, Gegner des Parlamentarismus. Und dann haben die Nazis ihnen politische und ideologische Brücken gebaut. Sie kündigten an, den Versailler Vertrag zu revidieren und das Deutsche Reich zu einer Weltmacht zu machen. Ein solches Programm konnte der größte Teil der Diplomaten unterschreiben.
SPIEGEL: Viele nahmen später für sich in Anspruch, sie hätten als unpolitische Beamte ihrem Staat gedient.
Conze: Der Begriff des "Unpolitischen" bezeichnet in Wahrheit eine extrem politische Haltung. Je mehr sich in der Weimarer Zeit jemand als unpolitisch bezeichnete, desto mehr verachtete er in einer autoritären Staatsauffassung Republik und Demokratie.
SPIEGEL: Kann es sein, dass Sie die Gemeinsamkeiten zwischen dem Amt in der Berliner Wilhelmstraße und den Nazis überzeichnen? Die meisten Diplomaten teilten wohl kaum Hitlers Vision eines Rasse-Imperiums.
Conze: In diplomatischen Spitzenkreisen war ein traditioneller Oberschichtenantisemitismus verbreitet. Man war der Ansicht, es gebe ein Judenproblem. Der damalige Gesandte Ernst von Weizsäcker sprach von einer "Judenüberschwemmung". Das ist nicht notwendigerweise der völkisch-rassistische Antisemitismus der NSDAP. Aber er erleichterte die Mitwirkung an der Politik des neuen Reichskanzlers. Jeder zehnte Beamte aus dem Höheren Dienst ist später der SS beigetreten, und 573 von 706 Angehörigen des Höheren Dienstes waren 1943 in der NSDAP.
SPIEGEL: Die Diskriminierung von Juden erregte von Beginn an weltweites Aufsehen. In den USA demonstrierten Ende März 1933 mehr als eine Million Menschen dagegen. Wie reagierte das Auswärtige Amt?
Conze: Die Diplomaten machten, was sie in solchen Situationen immer machen: die Politik der eigenen Regierung verteidigen. Viele hielten zudem die antisemitischen Maßnahmen für gerechtfertigt. Nur wenige quittierten den Dienst, so wie der Botschafter in Washington, Friedrich von Prittwitz und Gaffron, oder Albrecht Graf von Bernstorff, damals an der Botschaft in London.
SPIEGEL: Passten sich die anderen nicht auch deshalb an, weil das "Dritte Reich" eine Diktatur war?
Conze: Unsere Kommission spricht von "Selbstgleichschaltung". Das Auswärtige Amt stand unter enormem Konkurrenzdruck, weil eine Reihe von NS-Organisationen ebenfalls Außenpolitik betreiben wollte, etwa die Auslandsorganisation der NSDAP. Dadurch enstand eine eigene Dynamik vorauseilender Kooperation. Immer wieder zeigte das Auswärtige Amt Initiative, beispielsweise wenn es darum ging, Emigranten im Ausland zu bespitzeln.
SPIEGEL: An wen denken Sie da?
Conze: Bespitzelt wurden viele Emigranten, etwa der Komponist Hanns Eisler, der junge Journalist Stefan Heym oder Willy Brandt. Aber wir haben auch Neues zu Thomas Mann gefunden. Ohne die Initiative des Auswärtigen Amtes wäre er 1936 nicht ausgebürgert worden. Mann hielt sich in der Schweiz auf, und der dortige Gesandte - es war Weizsäcker - schrieb an die Zentrale, Mann habe "den bisherigen Langmut der deutschen Behörden gegenüber seiner Person mit höhnischen Bemerkungen bedacht" und somit den Tatbestand der "feindseligen Propaganda gegen das Reich" erfüllt. Bis dahin hatte das Amt vor einer Ausbürgerung gewarnt, weil das Ansehen Deutschlands leiden könne. Nun plädierten Weizsäcker und andere Diplomaten für diesen Schritt. Man wartete noch die Olympischen Spiele ab, dann kam die Ausbürgerung.
SPIEGEL: Warum die Kehrtwende?
Conze: Mann hatte in der "Neuen Zürcher Zeitung" erklärt, mit seiner antisemitischen Politik verlasse das Deutsche Reich, das Land Goethes, die Gemeinschaft der abendländisch-zivilisierten Nationen. Das traf einen Angehörigen der humanistisch-bildungsbürgerlich geprägten Oberschicht wie Weizsäcker bis ins Mark.
SPIEGEL: Trotz der Selbstgleichschaltung klagte Hitler damals, das Auswärtige Amt unter Minister Konstantin von Neurath mache "überall Schwierigkeiten".
Conze: Den Diktator störte, dass die Diplomaten immer wieder darauf hinwiesen, wie seine Politik im Ausland wirkte. Und natürlich wird man auch das Argument ernst nehmen müssen, dass einige Spitzendiplomaten um Weizsäcker eine zielstrebige Kriegspolitik ablehnten.
SPIEGEL: Damit stellten sich diese Männer doch immerhin in Opposition zu Hitler.
Conze: Sie lehnten nicht notwendigerweise den Krieg gegen Polen oder später die Sowjetunion ab, sondern den Krieg gegen die Westmächte, der die Großmacht Deutschland zu gefährden drohte. Das ist durchaus oppositionelle Politik, stellt aber nicht die Entrechtungs- und Gewaltpolitik des NS-Regimes in Frage.
SPIEGEL: 1938 soll Weizsäcker gemeinsam mit Kollegen und Spitzenmilitärs sogar bereitgestanden haben, Hitler zu stürzen, falls es zum Krieg mit den Westmächten kommen sollte.
Conze: Von einem Sturz Hitlers kann nicht die Rede sein. Die Gruppe wollte den großen Krieg und damit die mögliche deutsche Katastrophe verhindern. Es ging nicht um die Beseitigung des Diktators, sondern darum, ihn, wie man es sah, zur Vernunft zu bringen.
SPIEGEL: Minister Neurath musste 1938 zurücktreten, weil er Hitler vor einem Weltkrieg gewarnt hatte. Sein Nachfolger wurde der fanatische Nazi Joachim von Ribbentrop, der einen Krieg herbeisehnte. In Ihrem Bericht sehen Sie in diesem Führungswechsel keine Zäsur.
Conze: Das gute Amt unter Neurath und das böse unter Ribbentrop - das ist ein Kernelement des Geschichtsbildes, das nach 1945 im Auswärtigen Amt gepflegt wurde. In den Personen der Minister mag es vielleicht Unterschiede gegeben haben, in der Politik aber nicht. Sowohl unter Neurath wie unter Ribbentrop funktionierte der Auswärtige Dienst und erfüllte die ihm zugewiesene Rolle. Das ist es, was zählt.
SPIEGEL: Sie argumentieren, sogar die Entscheidung für den Holocaust sei letztlich bei einem Gespräch zwischen Ribbentrop und Hitler am 17. September 1941 gefallen.
Conze: Dieses gehörte zu einer Reihe von Gesprächen in jenen Tagen - Hitler und SS-Chef Heinrich Himmler, Himmler und Ribbentrop, Ribbentrop und Hitler. Es ging um die Frage, was mit den Juden in Deutschland geschehen sollte, vor allem vor dem Hintergrund des absehbaren Kriegseintritts der USA.
SPIEGEL: Was hat Ribbentrop gefordert?
Conze: Das ist schwer zu rekonstruieren, weil wir die entsprechenden Akten nicht haben. Aber aus der Tatsache der Treffen lässt sich erkennen, dass das Auswärtige Amt in die Entscheidung über die Deportation der deutschen Juden zentral eingebunden war.
SPIEGEL: Sie konstatieren auch, das Auswärtige Amt habe "die Initiative zur Lösung der ,Judenfrage' auf europäischer Ebene" ergriffen.
Conze: Das Außenministerium bemühte sich, für die deutschen Behörden den Zugriff auf die Juden in anderen Ländern zu sichern und gewissermaßen eine europäische Judenpolitik zu entwickeln, denn das Amt suchte nach neuen Aufgaben. Die klassische Diplomatie war ja mit Kriegsbeginn weitgehend weggebrochen. Welches Betätigungsfeld lag da näher als das Hauptanliegen des Regimes: die Judenpolitik.
SPIEGEL: Und die Diplomaten machten klaglos mit?
Conze: Die meisten passten sich ein wie Werner von Bargen in Brüssel, später bundesdeutscher Botschafter in Bagdad. Er schlug der Zentrale im Juli 1942 vor, die Deportation belgischer Juden zunächst zurückzustellen und an ihrer Stelle "polnische, tschechische, russische und sonstige Juden" auszuwählen.
SPIEGEL: Das war allerdings nicht Bargens Idee, sondern er berichtete, was die deutsche Militärverwaltung in Belgien vorgeschlagen hatte.
Conze: Ja, aber als dann aus Berlin die Order kam, die Juden zu erfassen und zu deportieren, wirkte er daran mit. Für mich wird jemand nicht dadurch entlastet, dass er berichtet, andere Stellen wollten noch warten. Es gab doch eine Grundübereinstimmung, die auch bei Bargen evident vorhanden war. Der Rest waren taktische Überlegungen: Wie machen wir das denn am besten? Nehmen wir erst einmal ausländische Juden? Dann ist der Aufschrei nicht so groß.
SPIEGEL: In der Zentrale gingen auch Berichte der Einsatzgruppen ein, die in der Sowjetunion Hunderttausende erschossen und darüber akribisch Buch führten. Sie schreiben, die Diplomaten hätten für das Morden "Verständnis" gezeigt, weil sie die Berichte "sachlich aufnahmen". Das klingt, als hätte man beim Eintreffen der Berichte protestieren können.
Conze: Die Diplomaten folgten der Logik der "Endlösung" und machten sie sich durch ihre Unterschriften und Paraphen zu eigen. Sicher, Widerspruch war schwer. Aber einige Diplomaten haben ihn durchaus artikuliert, wenn auch nicht bei den Einsatzgruppen. Nehmen Sie den Botschaftsrat Gerhart Feine in Ungarn, der 1944 dabei half, zahlreiche ungarische Juden vor der Deportation zu bewahren.
SPIEGEL: Nach dem Krieg haben die Alliierten führende Diplomaten, darunter auch Weizsäcker, im sogenannten Wilhelmstraßenprozess zu hohen Haftstrafen verurteilt. Dennoch verbreitete sich der Mythos, das Amt habe mit den Verbrechen nichts zu tun gehabt. Warum?
Conze: Die Legende stammt aus dem Umfeld der Weizsäcker-Verteidigung. Daran waren in hohem Maße ehemalige Diplomaten beteiligt, beispielsweise die Brüder Erich und Theo Kordt. Aber auch andere Angehörige der traditionellen Oberschicht, für die Weizsäcker stand. Etwa sein Verteidiger Hellmut Becker, der Sohn des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker, oder Marion Gräfin Dönhoff, die als junge Journalistin den Prozess in der "Zeit" scharf kritisierte. Sie alle wussten: Wenn es gelingen würde, Weizsäcker zu entlasten, hatte man die nationalkonservativ-adlig-bürgerliche Oberschicht rehabilitiert.
SPIEGEL: Das klingt nach einer großen Verschwörung.
Conze: Es gehört doch wenig dazu, sich vorzustellen, dass ehemalige Diplomaten auch an ihre Zukunft dachten und darauf spekulierten, in einem neuen deutschen Staat wieder tätig zu werden. Dafür musste aber das alte Amt entlastet werden.
SPIEGEL: Viele fanden sich dann auch im Auswärtigen Dienst der 1949 gegründeten Bundesrepublik wieder.
Conze: Wir haben da auch Zahlen: 1950/51 waren gut 42 Prozent der Angehörigen des Höheren Dienstes im Amt ehemalige NSDAP-Mitglieder. Das waren mehr als in den Jahren 1938/39.
SPIEGEL: Dabei wollte Kanzler Konrad Adenauer ein Amt aufbauen, das "mit den alten Leuten möglichst wenig zu tun" hatte. Woran ist er gescheitert?
Conze: Seine Leute glaubten, sie seien auf die Erfahrungen und Kompetenzen des alten Personals angewiesen. Und dann entfalteten die Netzwerke ihre Wirkung. Herbert Blankenhorn, ehemaliger Parteigenosse und Wilhelmstraßen-Mann, war Adenauers wichtigster außenpolitischer Berater. Er hatte immer ein Ohr für die ehemaligen Kollegen.
SPIEGEL: Gab es damals Alternativen?
Conze: Man hätte wahrscheinlich mit größerer Mühe andere Kandidaten gefunden. Es gab ja zurückgekehrte Emigranten, auch eine Reihe jüdischer und sozialdemokratischer Diplomaten, die in den dreißiger Jahren entlassen worden waren. Aber die Verfolgten stellten nur etwa ein Fünftel des Personals in der Aufbauphase, Tendenz fallend.
SPIEGEL: Immerhin sind belastete Diplomaten nicht völlig unbehelligt geblieben. Immer wieder ermittelten Staatsanwälte. Wie hat das Amt reagiert?
Conze: Die Reihen fest geschlossen, vor allem natürlich diejenigen, die aus der Wilhelmstraße kamen. Sie haben den ehemaligen Kollegen, die vor Gericht standen, Archivunterlagen zur Verfügung stellen und entlastendes Material recherchieren lassen.
SPIEGEL: Hat das Amt auch Ermittlungen behindert?
Conze: Die Zentrale Rechtsschutzstelle, ein Referat im Auswärtigen Amt, sollte im Ausland angeklagten Deutschen rechtlich beistehen. In den späten sechziger Jahren wurde bekannt, dass sie Hunderte von Tatverdächtigen darüber informiert hatte, dass in Frankreich wegen NS- oder Kriegsverbrechen nach ihnen gefahndet wurde. Sie waren damit gewarnt, nicht nach Frankreich zu reisen.
SPIEGEL: Damals war der Sozialdemokrat und ehemalige Emigrant Willy Brandt Außenminister. Auch er hat sich schützend vor seine Leute gestellt.
Conze: Bei Brandts Amtsantritt 1966 fürchteten die alten Diplomaten, jetzt komme das Großreinemachen. Doch Brandt wollte den Eindruck vermeiden, er betreibe wie seine Vorgänger eine parteipolitische Personalpolitik, und hielt sich ausgesprochen zurück. Er ließ sich zudem von Staatssekretär Georg Duckwitz beraten, einem ehemaligen Wilhelmstraßen-Mann.
SPIEGEL: Aber Duckwitz ist doch eine Lichtgestalt. Er hat 1943 als Diplomat in Kopenhagen dänischen Juden bei der Flucht nach Schweden geholfen.
Conze: Das schließt sich ja nicht aus. Man kann zur Rettung der dänischen Juden beigetragen haben und gleichwohl mit Esprit de Corps und Verbundenheit zur alten Wilhelmstraße-Riege gehören.
SPIEGEL: Dieser Korpsgeist sorgte dafür, dass das Amt noch bis vor wenigen Jahren die historische Aufarbeitung massiv behinderte. Wie waren Ihre Erfahrungen im Archiv des Auswärtigen Amtes?
Conze: Wir durften alles sehen, was wir sehen wollten. Wir wissen aber bis heute nicht, ob wir alles gesehen haben, was wir hätten sehen können. Die Standards im Archiv des Amtes entsprechen nicht denen des Bundesarchives.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass man Ihnen Akten vorenthalten hat?
Conze: Ich kann nur feststellen: Wir wissen, dass es bestimmte Dokumente gegeben hat, die aber nicht auffindbar waren.
SPIEGEL: Es könnten also noch Zeugnisse für weitere Verbrechen im Archiv verborgen liegen?
Conze: Das will ich nicht ausschließen.
SPIEGEL: Professor Conze, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Jan Friedmann und Klaus Wiegrefe im Frankfurter SPIEGEL-Büro.
Von Jan Friedmann und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 43/2010
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