25.10.2010

MIGRATION

Das zweite Dorf

Von Krahe, Dialika

Afrikanische Dörfer wie Niodior gibt es zweimal: im Senegal, dort leben die Familien in Armut; und in Südspanien, dorthin haben sich die Söhne durchgeschlagen und zusammen angesiedelt. Sie arbeiten illegal und schicken ihren Lohn als Entwicklungshilfe in die Heimat. Von Dialika Krahe

Der Satz steht noch immer dort, an der staubigen Wand seines Zimmers in Niodior. Ein bisschen ausgeblichen mittlerweile, aber die Buchstaben sind rund und geschwungen wie zuvor: "Die Kraft eines Mannes liegt nicht in seiner Freiheit, sondern in der Fähigkeit, seine Pflicht zu erfüllen."

Draußen im Hof sitzen die alten Frauen und nicken, während sie gelbes Muschelfleisch zum Trocknen aus der Schale pulen. Ja, Mamadou Ndour, sagen sie, kennen sie noch, guter Junge. Mit einem weißen Stück Kreide hat er den Satz an die Wand geschrieben. Danach ist er auf ein Holzboot gestiegen und auf den Ozean hinausgefahren.

Es ist ein Satz, wie ihn jeder Junge von dieser Insel hätte schreiben können. Es ist, woran sie glauben, die jungen Männer von Niodior, diesem Tupfer Erde vor der Küste des Senegal; der Grund, warum sie wegmüssen aus ihrem Dorf; warum sie auf Boote steigen und ihr Leben auf dem Meer riskieren. Dieser Satz ist der Grund, warum es das Dorf Niodior zweimal gibt, einmal in Spanien und einmal im Senegal.

Jahr für Jahr landen Zehntausende illegale Einwanderer an den Küsten Europas. Allein vergangene Woche erreichten mehrere Boote die Kanarischen Inseln, das letzte fischte die Küstenwache vor Lanzarote aus dem Wasser, 26 Westafrikaner an Bord, viele davon minderjährig. Es ist jene moderne Migration, vor der Europa Angst hat, gegen die Europa sich wehrt, und die es dennoch braucht. Die zahllosen Söhne und Töchter, die systematisch ihre Arbeitskraft exportieren, die Arbeiter in spanischen Gewächshäusern, die Tellerspüler in französischen Restaurants, die Putzkräfte in deutschen Haushalten. Sie kommen mit Booten, versteckt zwischen Lkw-Fracht, per Flugzeug mit einem Besuchervisum, und dann, wenn es Zeit wäre auszureisen, verschwinden sie in den Ritzen einer Gesellschaft, die sie nicht will und doch nicht ohne sie funktionieren kann.

Einer wie Mamadou Ndour, gekommen von der Insel Niodior, gelandet an der Küste Europas, bedrohe den Wohlstand und den Frieden des alten Kontinents, sagen jene, für die es zu viele Fremde gibt in Deutschland, Frankreich, Holland und Spanien.

Mamadou Ndour steht gebückt in einem gigantischen Gewächshaus in Roquetas de Mar an der spanischen Küste und schneidet Zucchini von niedrigen Ranken. "Abknipsen, in die Kiste werfen, nächste suchen, den ganzen Tag einen krummen Rücken." Die französischen Worte in seinem Kopf sind nach und nach den spanischen gewichen, er lacht, wenn er sie durcheinanderbringt. "30 Euro für acht Stunden", sagt Mamadou, "so hatte ich mir Europa nicht vorgestellt."

Er trägt ein hellbraunes T-Shirt, das zerschlissen ist am Kragen, ein großer junger Mann, 31 Jahre alt. Seit drei Jahren lebt er in Spanien als Clandestino, so nennen Spanier die illegalen Einwander. "Eine schwere Arbeit", sagt er und wirft unter dem Blick des spanischen Bauern das grüne Gemüse in Kisten. Vor kurzem habe er 150 Euro an seine Eltern schicken können.

Zu Hause in Niodior war Mamadou Fischer. Er verdiente kaum etwas, genug zum Essen, ja, nicht genug, um Medikamente für seine Eltern zu kaufen. Auch nicht genug, um eines Tages eine Frau glücklich zu machen, sagt er.

Dann habe er Europa im Fernsehen gesehen. Da gab es saubere Städte, hohe Häuser, Leuchtreklamen. Er überlegt einen Moment. "Hier zwischen den Gewächshäusern", sagt er dann, "komme ich mir vor, als sei ich nicht in Europa, sondern in einem zweiten Afrika." Es gibt kein Licht in der Nacht, kein Einkaufszentrum, keine Restaurants. Nur Staub, Hitze, Arbeit, sagt Mamadou und knipst die nächste Reihe Gemüse ab. "Wir müssen das tun", sagt er.

Mit "wir" meint Mamadou sich und die zwei Kollegen, die an diesem Morgen mit ihm im Gewächshaus hocken. Mit "wir" meint er die vielen anderen jungen Männer aus Niodior, die zusammen in Spanien zwischen den Plastikplanen leben und Geld auf die Insel schicken.

Da ist Almamy Sarr, der eine Schneiderlehre gemacht hat. Da sind die Brüder Seyny und Aliou Thiare, die ihrer Mutter eine Pilgerfahrt nach Mekka schenken möchten. Da ist Moussa Thiare, der mit seiner Arbeit seinen Vater, dessen zwei Frauen und neun jüngere Geschwister finanziert.

Sie waren gemeinsam in der Schule, haben als Kinder unter den Palmen gespielt, sind als Teenager zum Fischen gefahren, sind Nachbarn, Cousins, Brüder oder sonst irgendwie verwandt. Sie wohnen in kleinen Häusern, die sie für ein paar hundert Euro im Monat von den Bauern gemietet haben. Im größten, "la grande maison", wohnen 25 Jungs auf wenigen Quadratmetern, drei Zimmer, Küche, Bad im Hof, ein paar Sperrmüllsofas, ein paar Betten. "Inzwischen sind wir bestimmt hundert Jungs aus Niodior", sagt Mamadou Ndour.

Es ist, als sei mit der männlichen Jugend die ganze Kraft der Insel nach Spanien gefahren, um ein zweites Niodior zu gründen. Sie sind das Bankkonto, das ihre Eltern niemals hatten. Sie sind die Hoffnung auf einen Kühlschrank, ein Mobiltelefon.

Eine Milliarde Menschen leben in Afrika, rund 22 Millionen haben ihr Zuhause verlassen. Im Jahr 2009 schickten Wirtschaftsmigranten wie Mamadou Ndour rund 316 Milliarden Dollar in ihre Heimatländer. Allein im Senegal entspricht das Geld, das aus Europa kommt, fast zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Kapitalströme der Migranten sind mittlerweile größer als die Entwicklungshilfe, die das Land erhält.

Wie ändert sich das Leben einer Familie, wenn es einer der Söhne nach Europa geschafft hat?

Auf Niodior herrschen Versuchsbedingungen. Eine Insel, deren wichtigste Geldquelle die Söhne in Roquetas de Mar im Süden Spaniens sind. Monat für Monat verschwinden mehr junge Männer dorthin, sie fahren mit ihren Holzbooten auf die Kanarischen Inseln und werden dann auf das spanische Festland überführt. So gut wie jede Mutter im Dorf hat mittlerweile einen Sohn, der in Spanien lebt.

Die Insel, die sie verließen, gilt als eine der schönsten im ganzen Senegal. Sie liegt im Delta des Flusses Saloume, dort, wo sich das Flusswasser mit dem des Atlantiks mischt. Es gibt ein Gedicht, das die Kinder schon im Vorschulalter lernen. Es handelt von Fischerbooten, die im Wasser dümpeln, es handelt von den Kokospalmen am Ufer und von dem weißen Muschelteppich, der bei jedem Schritt unter den Füßen knirscht. So ist Niodior.

6704 Menschen leben hier, das hat die letzte Zählung ergeben. Sie fangen Doraden und Zackenbarsche für ihr Thieboudienne, den Reis mit Fisch. In den Morgenstunden, wenn Ebbe ist, ziehen die Frauen ins Watt und sammeln Muscheln. Sie ernten die Hirse, die sie säen, holen das Wasser aus dem Brunnen, Strom gibt es nur in wenigen Häusern, Touristen verirren sich selten in die Gegend, Autos, Supermärkte, Internetcafés: gibt es nicht.

Es ist ein einfaches, ein ursprüngliches Leben in Niodior. Es gibt weder Krieg noch echten Hunger. Aber der Mensch braucht mehr als Nahrung und einen sicheren Ort. Mit den ersten Fernsehern, den ersten Auswanderern, die von Spanien sprachen, die Geld schickten und Häuser bauten, kamen auch ein paar Träume auf die Insel. Träume, für die man Geld braucht. Geld, das man in Europa finden kann.

Der Kreislauf des Geldes beginnt früh, um 5.30 Uhr am Morgen. Während in Niodior der Muezzin zum ersten Gebet des Tages ruft, werfen sich Mamadou Ndour, Almamy Sarr und Moussa Thiare in Spanien ihre leuchtend gelben Schutzwesten über die Arbeitskleider.

Sie steigen auf ihre Fahrräder. Im Wegelabyrinth der Gewächshäuser gibt es keinen Bus, die Straßen sind aus Staub und Geröll, einen Führerschein haben sie nicht. Sie fahren in die Dunkelheit hinaus.

Die Gründe, warum Menschen ihr Zuhause verlassen, über Grenzen gehen, Wüsten durchqueren, ihr Leben auf dem Meer riskieren, sind vielfältig. Weltweit haben rund 200 Millionen ihr Land verlassen, um an einem anderen Ort ein Leben zu finden, das schätzen die Vereinten Nationen. Etwa ein Drittel der internationalen Migranten zieht es in ein Land mit höherem Entwicklungsstatus. Menschen aus den Krisengebieten Asiens, die sich auf den Weg nach Australien machen. Mexikaner, die nach Nordamerika wandern, von Grenzwächtern gejagt. Osteuropäer, die es ins Gebiet der EU schaffen wollen, Menschen aus dem Nahen Osten, die über Griechenland den Eintritt nach Europa suchen.

Es gibt "echte Flüchtlinge", Menschen, die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung ihre Heimat verließen, so definiert es die Genfer Flüchtlingskonvention. Es gibt Umweltflüchtlinge, Klimaflüchtlinge, Binnenflüchtlinge. Und es gibt Menschen wie Almamy Sarr.

Er ist ein Freund von Mamadou Ndour, ein kräftiger Junge, 24 Jahre alt, die, die ihn kennen, nennen ihn Ili-Boy. Seit drei Jahren ist er in Spanien. Zu Hause, erzählt er, wartet seine Schwester Mariatou mit zehn Kindern auf sein Geld, seine Oma, 102 Jahre alt, ein Onkel und die Mutter, alleinerziehende Witwe mit drei Kindern. Er sagt: "Ohne unser Geld aus Spanien bliebe das Leben in Niodior einfach stehen."

Almamy Sarr erzählt von seiner zweijährigen Schneiderausbildung, er mag Festkleider mit Stickereien. Aber in Niodior, sagt er, gab es keinen Markt dafür. In Niodior fehlte das Geld, also beschloss Sarr, zu gehen.

Zuerst nach Gambia, dort fand er Arbeit in einer Schneiderei auf dem Markt. Auch seine Mutter kam nach Gambia, arbeitete als Waschfrau, weil sie in Niodior nicht mehr genug verdienen konnte, seit der Mann gestorben war. "Eigentlich bin ich nur für meine Mama hier", sagt Almamy Sarr, den Gedanken, dass sie so schwer arbeiten müsse, könne er nicht ertragen. "Ich will so viel verdienen, dass sie nach Niodior zurückkehren kann."

Wenn man Sarr so reden hört, bekommt man das Gefühl, dass er sich zum Sklaven seiner Familie macht. Es klingt, als würde er nicht für sich selbst leben; eine merkwürdige Selbstlosigkeit, mit der viele Flüchtlinge ihre Welt betrachten.

Das mag daran liegen, dass sie von klein auf mit dem Bewusstsein aufgewachsen sind, dass es zur Pflicht eines Sohnes gehört, eines Tages für die Familie zu sorgen. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass sie von ihren Kindern dasselbe erwarten werden. Ein paar Jahre Selbstausbeutung, so scheint es, gehören für sie zum Leben dazu.

Sarr biegt links ab, dann wieder rechts, lässt die anderen hinter sich, ein paar Kilometer im Zickzack zwischen den Plastikplanen hindurch, und plötzlich scheinen sie von überall zu kommen, die schwarzen Männer auf ihren Mountainbikes. An jeder Biegung strömen neue hinzu, bilden einen Treck der billigen Arbeiter. Ihr Ziel sind die Kreuzungen und Verkehrskreisel.

Kreuzungen sind die Arbeitsämter der Illegalen. Hier sammeln die Bauern von Roquetas ihre Tagelöhner ein.

Ein Großteil der spanischen Obst- und Gemüse-Exporte stammen aus dieser Region um Almería, mit 40 000 Hektar ist es eines der größten Treibhaus-Anbaugebiete weltweit. Wahrscheinlich ist es auch eine der größten Ansiedlungen illegaler Einwanderer. Arbeiter wie Almamy Sarr werden hier geduldet, obwohl sie ohne Papiere sind. Das liegt daran, dass das spanische Einwanderungsrecht inkonsequent ist: Bootsflüchtlinge dürfen nicht länger als 60 Tage im Flüchtlingslager festgehalten werden. Wenn sie bis dahin nicht abgeschoben werden konnten, werden sie freigelassen und tauchen in der Illegalität unter.

Es liegt wahrscheinlich auch daran, dass dieses gigantische Anbaugebiet ohne Arbeiter wie sie gar nicht existieren könnte. Die Landwirte sind angewiesen auf die billige Arbeitskraft. Nur so können sie die Preise niedrig halten, für Zucchini, Tomaten, Gurken, Melonen, die später in den Supermarktregalen Mitteleuropas landen. Roquetas de Mar ist ein Laboratorium der EU-Außen-, -Wirtschafts- und -Entwicklungspolitik zugleich.

Almamy Sarr parkt das Rad an einer Weggabelung, schaut sich um, "nicht zu voll", sagt er und lehnt sich mit zwei anderen Jungen an einen rot-weiß gestreiften Schlagbaum nahe der Straße. Sie schauen in die Ferne auf das Meer aus weißer Plastikfolie, das glänzt im ersten Tageslicht. Sie gähnen, warten.

Der erste Lastwagen fährt vorbei. Der Bauer guckt, aber hält nicht an. Sie warten weiter, der nächste kommt, fährt weiter, so geht das jeden Tag.

Die, die Glück haben, so wie Mamadou Ndour und Moussa Thiare, springen jetzt auf die Ladefläche eines Lkw, unter grüne und blaue Planen, und fahren zu den Melonenfeldern, den Gurken- und Zucchiniplantagen hinaus.

Die, die Pech haben, wie Almamy Sarr, warten stundenlang, ohne dass etwas geschieht. In der letzten Zeit, sagt Almamy Sarr, werden die Pechtage häufiger.

"Wir sind zu viele geworden", sagt er, die Kapazitäten von Roquetas de Mar seien langsam erschöpft. Ständig kommen Nachrücker aus der Heimat, "und wir nehmen sie auf", sagt Almamy Sarr, "Familie". Wenn einer kein Geld für die Miete habe, bezahlten die anderen mehr; wenn einer kochen könne, dann tue er das für alle; wenn einer Geld für Kleider brauche, dann legten sie zusammen.

Aber seit der Wirtschaftskrise, sagt Sarr, sei die Arbeitslosigkeit in Spanien so sehr gestiegen, dass sie nicht mehr nur untereinander konkurrieren, sondern immer häufiger auch mit Spaniern, die hier versuchen, schwarzes Geld zu verdienen. In Spanien stieg die Arbeitslosenrate unter Migranten 2009 auf 27 Prozent, 2008 waren nur 16 Prozent arbeitslos. Auch an diesem Morgen geht Almamy Sarr ohne Arbeit zurück nach Hause.

Am Nachmittag, als die anderen zurückkehren vom Zucchinipflücken, Gurkenpflücken, Paprika, haben sie 33 Euro verdient, das ist der Standardlohn für acht, neun Stunden Arbeit.

Sie duschen, beten, setzen sich um einen Plastiktisch, essen Fisch und Reis, fast wie zu Hause, während im Fernseher senegalesische Musikvideos laufen. Einige von ihnen tragen nun ihren Tagesverdienst in kleine Notizbücher ein und fangen an zu rechnen. 600 Euro, so viel hat Mamadou Ndour am Ende des Monats verdient. Bei Almamy Sarr ist es weniger. Issa Diouf, mit 40 Jahren der Älteste im Haus, kommt auf 839 Euro, das liegt daran, dass er eine Anstellung für mehrere Wochen am Stück gefunden hat.

Jetzt, am Monatsende, wird zusammengezählt, was übrig bleibt von einem Monat in den Feldern, abzüglich Miete, Essen, Kleidung und was man in Europa sonst noch zum Leben braucht. Die Männer gehen dann mit ihrem Ersparten in das kleine Internetcafé, wo sie telefonieren, mailen und Geld versenden können. Sie schieben ein paar Scheine über den Tresen. Es ist ihre private Entwicklungshilfe, erarbeitet auf dem Kontinent ihrer Träume, erarbeitet für den Kontinent ihrer Väter. Die Reise ihres Geldes beginnt.

Der Weg des Geldes führt rund 3000 Kilometer weiter in das kleine Western-Union-Büro in Niodior, einen flachen Bau, auf einem sandigen Dorfplatz gelegen. Hinter dem Schalter eine Dame im Kostüm, sie ist vom Festland gekommen und gibt das Geld aus. Die wichtigste Frau im Dorf, wenn man so will.

"Bis zu 80 Transaktionen am Tag", sagt sie. Am Ende des Monats, wenn all die Söhne, Brüder, Ehemänner das Geld aus Spanien schicken, gehe die Schlange der Wartenden bis auf den Platz hinaus und um die Ecke, sagt sie. Auch die Eltern von Mamadou Ndour, Moussa Thiare und Almamy Sarr reihen sich dann ein und bekommen die Arbeit ihrer Söhne in blauen und roten Banknoten ausbezahlt.

Es ist der Moment, in dem in Niodior eine Bewegung einsetzt. Auf einmal wird gebaut, gekauft, investiert. Die Zahl der Kühlschränke nimmt zu, die der Betten in den Wohnungen und der bessergekleideten Frauen auf den Straßen. Wie bei einem Mühlrad, das mit Wasser in Bewegung gesetzt wird, setzt der monatliche Geldfluss im Dorf einen Entwicklungsprozess in Gang.

Es ist früh am Morgen in Niodior, Moussa Thiare stellt sich wie jeden Tag in Spanien an die Kreuzung, als seine Familie mal wieder beschließt, das Geld aus Europa auf die Felder zu tragen.

Es steckt in einer Kalebasse, die die Mutter auf dem Kopf trägt, darin mehrere Kilo Hirsesaat, dazu ein getrockneter Reptilienkopf und ein paar Gebinde aus Leder, Glücksbringer, die sie für eine gute Ernte beim Marabut gekauft haben.

Sie tragen einfachste Geräte bei sich, lange Stöcke mit Metallteilen daran. Moussa hat zuletzt 50 000 CFA-Franc geschickt, umgerechnet circa 75 Euro. "Zuerst kaufen wir davon Nahrungsmittel für alle", erzählt der Vater, ein kleiner Mann mit roter Schirmmütze. Er kaufe einen großen Sack Reis für 17 500 Franc, der reiche für 20 Tage, dann die Saat für die Hirse, 250 Franc pro Kilo, 50 Kilo brauche er für das ganze Feld. Kleider für die Kinder, Schulsachen.

Der Weg dauert beinahe eine Stunde, er führt durch heißen Sand und Mangrovenwälder, vorbei an einer Reihe quadratischer Grundstücke, die durch Palmenblätter und Holzzäune getrennt sind. Darauf stapeln sich graue Ziegelsteine, mal sind es nur 50, mal sind es ein paar hundert. Es ist das erste Neubaugebiet von Niodior.

Sita, der zweitälteste Sohn, das gleiche runde Gesicht wie Moussa, geht voran, "hier", sagt er, "das sind die Steine von Moussa". Immer wenn etwas übrig bleibt am Ende des Monats, trägt seine Familie das Geld zu den Ziegelmachern im Dorf. Er zeigt auf einen kleinen Haufen, genügend Steine für ein, zwei Zimmer vielleicht, das Ergebnis von vier Jahren Arbeit in Spanien. Ein Sack Zement kostet 4300 Franc. Für eine Tonne brauchen sie 20 Säcke Zement, für ein Haus brauchen sie 20 Tonnen. Man kann sich ausrechnen, wie lange Moussa für seinen Traum noch brauchen wird.

Die einen schicken ihre Söhne nach Europa, die anderen versuchen, sie aufzuhalten. Während Moussa in Spanien von der Arbeit zurückkehrt, beginnt in Almería, im Erdgeschoss eines Viersternehotels, ein Kongress. Sicherheitsleute bevölkern die Lobby, Männer von der Küstenwache, Männer von der Guardia Civil, der Policía Municipal in grünen und blauen Uniformen. Es gibt Kekse und Kaffee, und es gibt ein Briefing zu der Frage, wie man Menschen wie Moussa am effektivsten stoppen kann.

Veranstalter des Kongresses ist Frontex, jene EU-Grenzschutzbehörde mit Sitz in Warschau und dem Auftrag, die Abwehr illegaler Einwanderung nach Europa zu organisieren. Mit Booten, Flugzeugen, Helikoptern fangen Grenzpolizisten, koordiniert von Frontex, Flüchtlinge ab, bewegen sie zur Umkehr. Ihr Einsatzgebiet erstreckt sich von den afrikanischen Küsten über die Kanarischen Inseln bis in die Straße von Sizilien.

106 000 Menschen wurden laut Frontex im vorigen Jahr bei dem Versuch gestoppt, illegal nach Europa zu gelangen. Auch in den Gewässern des Senegal haben die EU-Staaten das Aufgebot verstärkt, Flugzeuge suchen nun den Atlantik zwischen Westafrika und den Kanarischen Inseln nach Flüchtlingsbooten ab und bringen sie, so schnell es geht, zurück ins Herkunftsland.

Das führt dazu, dass die Zahlen der Flüchtlinge, die es über Spanien nach Europa versuchen, langsam zurückgehen. Das führt aber auch dazu, dass die immer gefährlichere Routen nehmen und die Zahl derjenigen steigt, die probieren, über die Ägais nach Europa zu kommen.

Mamadou Ndour, Moussa Thiare und die anderen in Spanien sagen, sie versuchen, ihren Brüdern und Freunden in Niodior davon zu erzählen, wie schwer es in Europa und auf dem Weg dorthin geworden ist. Dass die Arbeit weniger geworden ist, die Reise gefährlicher.

Aber die Träume, die Bilder im Fernsehen scheinen stärker als jede Warnung zu sein.

Der Nächste, der aus dem senegalesischen Niodior ins spanische Niodior aufbrechen wird, ist Sita Thiare, der kleine Bruder von Moussa. "Ich weiß, dass die Reise gefährlich ist", sagt sein Vater, wenn eine Familie ein Jahr lang nichts vom Sohn hört, wird er für tot erklärt und der Imam eingeladen für eine Zeremonie. Er kenne viele Familien, bei denen es so gewesen sei, sagt er, "aber wir alle zählen doch auf Sita", sagt er dann, in ein paar Monaten habe er, inschallah, das Geld für seine Überfahrt zusammen. ◆


DER SPIEGEL 43/2010
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