25.10.2010

SPIEGEL-GESPRÄCH„Ich fühle mich pudelwohl hier“

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu über die Erfolgsgeschichte der Einwanderung in Deutschland, sein Plädoyer für Sanktionen gegen integrationsunwillige „Fremddeutsche“ und seine eigene Schulzeit in München
SPIEGEL: Herr Zaimoglu, Sie wurden in der Türkei geboren, schreiben in deutscher Sprache und gehören zu Deutschlands bekanntesten Autoren mit Migrationshintergrund.
Zaimoglu: Was für ein hässliches Wort.
SPIEGEL: Warum?
Zaimoglu: Es ist eine Kopfgeburt, ein Begriff aus dem Soziologieseminar. Ich sage "Fremddeutsche" oder "Ethnodeutsche". Mich stört am Wort Migrationshintergrund, dass selbst diejenigen, die es in höflicher Rede benutzen, viel zu oft den deutschen Vordergrund vergessen. Man sucht einen Begriff für Menschen, die man nicht verletzen will, und legt sie auf ihre Vergangenheit fest. Für mich zeugt der Begriff "Migrationshintergrund" von Feigheit vor dem Feind, vor jener meist schweigenden Minderheit von Deutschen, die sich nicht trauen, offen zu sagen "Wir mögen keine Ausländer". Diese Deutschen wüten gegen die sogenannten Integrationsunwilligen. Und suchen Bestätigung im Abschaffungsbuch von Herrn Sarrazin.
SPIEGEL: Haben Sie Sarrazins Bestseller "Deutschland schafft sich ab" gelesen?
Zaimoglu: Von Anfang bis Ende, und das, obwohl ich Muslim bin, ein Mensch mit Gendefekt. Wie seltsam sind diese Zeiten, in denen Schriftsteller über die Gesinnungstraktate von Bürokraten sprechen müssen! Aber wenn einer wie Sarrazin mit einem Insektenforscherblick auf die Menschen schaut und behauptet, Religionszugehörigkeit sei die prägende Konstante, dann bin ich nicht mehr als ein Insekt an der Leimrute.
SPIEGEL: Sarrazin argumentiert nicht nur mit den Genen, sondern auch mit Mentalitätsunterschieden.
Zaimoglu: Das ist genau die gleiche Falle! Es ist wieder eine Zuordnung aufgrund der Herkunft. Man kommt da nicht raus.
SPIEGEL: Sie sind 1965 nach Deutschland gekommen, als Sie ein paar Monate alt waren. Wie ausgeprägt war der Integrationswille in Ihrer Familie?
Zaimoglu: Gleich null. Meine Eltern kommen aus Anatolien, mein Vater, ein Bauernsohn, ist abgebrochener Student und hatte in Deutschland erst einmal den Status eines ungelernten Arbeiters. Ich wurde im Alter von fünf Monaten nach Deutschland reingetragen. Meine Mutter putzte und half in Berlin in einem Gastarbeiterlager, wie das damals hieß, mein Vater hatte eine feste Stelle in einer Metallfabrik. Damals war Kontakt zwischen den Türken und den Deutschen von der Firmenleitung verboten. Das wurde sehr streng gehandhabt. Meine Eltern waren Gäste, Leiharbeiter von Staats wegen.
SPIEGEL: Empfanden Sie das als Schmach?
Zaimoglu: Nein. Meine Eltern gehörten zu einer goldenen Generation, über die ich später dann auch schrieb. Denen ging es nicht um Sprachkurse, sondern ums Arbeiten, und nach ein paar Jahren wollten diese Leute wieder zurück. So war das abgemacht, im Abkommen zwischen Deutschland und der Türkei. Man wollte keine Ärzte und keine Wissenschaftler, man wollte Menschen, die körperlich arbeiten. Die kamen am Münchner Hauptbahnhof an und wurden in den ehemaligen Luftschutzbunker hinuntergeleitet. Sie mussten sich da aufstellen, ihre Zähne und Muskeln wurden angeguckt, und dann bekamen sie ihre Arbeitsstellen.
SPIEGEL: Das klingt grob.
Zaimoglu: Für die, die kamen, war es eine ungeheure Chance. Und für ihre Kinder erst recht. Was wäre mit uns in der Türkei passiert? Wir wären Arme-Leute-Kinder geblieben. Sehen Sie, aus dieser Zeit kommt meine glühende Liebe zu Deutschland. Ich fühle mich pudelwohl hier. Da kann Thilo Sarrazin aber so was von abstinken mit seinem Patriotismus!
SPIEGEL: Wie kamen Sie als Kind in Deutschland zurecht?
Zaimoglu: Ich hatte keine Förderung und ging in keinen Kindergarten. Ich konnte kein Deutsch, als wir nach München umzogen und es dort mit der Schule losging. Deshalb hat man mich fast in die Sonderschule abgeschoben. Ich gehörte zu den stummen Krauskopfkindern im Klassenzimmer, damals in München-Moosach, das war keine feine Adresse.
SPIEGEL: Wie lange blieben sie stumm?
Zaimoglu: Lange. Ich war ein evakuiertes, zungenbetäubtes Kind in einem Wunderland. In einer fremden Welt habe ich die Menschen angeguckt und zugehört, wie sie gesprochen haben. Ich habe nichts verstanden. Es war, als hätte man am Regler eines Fernsehers herumgedreht. Alles um mich herum war ein Spielfilm.
SPIEGEL: In dem man, um wirklich mitspielen zu können, die deutsche Sprache beherrschen musste.
Zaimoglu: Natürlich. Es ist vollkommen richtig zu sagen: Wir leben in diesem schönen Land, man spricht deutsch hier, und wenn ihr Fremdstämmigen euch als Teil dieses Landes begreift, dann nehmt teil und sprecht deutsch. Es kommt nur auf den Ton an, in dem man das sagt. Und da beginnt das Problem: in der Überhitzung der gegenwärtigen Diskussion, die den deutschen Alltag, in dem wir viel weiter sind, fast völlig ignoriert.
SPIEGEL: Haben Sie nicht selbst zur Erhitzung beigetragen, als Sie einen offenen Brief an den Bundespräsidenten mitunterzeichneten, in dem eine allgemeine "Feindseligkeit" beklagt wurde?
Zaimoglu: Wenn einer wie der Journalist Peter Scholl-Latour öffentlich sagt, der Präsident der Muslime in Deutschland sei nicht Christian Wulff, sondern Herr Erdogan in der Türkei, dann sehe ich mich bestätigt. Ich fand Wulffs Rede am 3. Oktober schön und unaufgeregt. Es war kein Utopiegefasel. Er hat gesagt, was ist - gerade mit seinem Satz, dass auch der Islam zu Deutschland gehört.
SPIEGEL: Sie waren in der Deutschen Islamkonferenz als sogenannter Vertreter der Zivilgesellschaft. Warum haben Sie diesen Job bald wieder ruhen lassen?
Zaimoglu: "Zivilgesellschaft" klingt gut. Ich war einer von mehreren unorganisierten Muslimen. Von Anfang an war da viel von Kopftuchfrauen die Rede, aber ich sah in der Runde keine einzige junge gläubige Muslimin. Ich war verblüfft. Ich mag es nicht, wenn man Menschen denunziert, die sich nicht wehren können. Ich rede ja auch nicht von Stiefelettendamen. Niemand sollte nach dem Tragen eines Kleidungsstücks beurteilt werden. Ich bin Muslim, aber ich bin nicht besonders religiös. Ob eine Frau ein Kopftuch trägt oder nicht, ist mir egal. Aber ich bin dagegen, dass man junge Frauen für Fingerpuppen von Männern hält, nur weil sie ein Schamtuch benutzen, wie ich es nenne.
SPIEGEL: Was stört Sie am Wort Kopftuch?
Zaimoglu: Dass dieses Wort gleichgesetzt wird mit einem Demokratiedefizit, mit einem ideologischen Bekenntnis. Viele Medien erwecken derzeit den Eindruck, dass eine Frau mit Kopftuch etwas Hochinfektiöses sei. Dabei haben viele der fremdstämmigen jungen deutschen Frauen, die ein Tuch tragen, für sich selbst die zentralen Fragen der Identität längst ganz selbstverständlich geklärt: Sie sind Deutsche und tragen Kopftuch.
SPIEGEL: Sollte es auch Lehrerinnen in allen deutschen Bundesländern erlaubt sein, ein Tuch auf dem Kopf zu tragen?
Zaimoglu: Ja. Das Verbot ist genauso falsch wie ein Verbot von Kruzifixen in bayerischen Klassenzimmern. Deutschland hat, wie nun völlig zu Recht gesagt wird, eine christlich-jüdische Tradition. Das ist die weltanschauliche Matrix dieses Landes. Warum sollen in Schulen keine Kruzifixe hängen?
SPIEGEL: Weil die Verfassung die grundsätzliche Trennung von Staat und Kirche festschreibt.
Zaimoglu: Je weniger religiöser Einfluss auf die Menschen ausgeübt wird, desto gesünder ist es. Aber ich plädiere für einen entspannten Laizismus. Das Kruzifix und die Tücher sollen bleiben, eben weil wir eine freiheitliche Verfassung haben.
SPIEGEL: Empört es Sie, dass in Frankreich demnächst Geldstrafen verhängt werden können gegen Frauen, die in der Öffentlichkeit die Burka tragen?
Zaimoglu: Ich kann gut verstehen, dass Menschen beim Anblick dieser Ganzkörperverschleierung Angst kriegen und verärgert reagieren. Was sind das für seltsame schwarzgekleidete Schlossgespenster? Aber wie viele Burkaträgerinnen gibt es überhaupt in Frankreich? Die Verharmloser sagen 40, die Dramatisierer 80.
SPIEGEL: Von offizieller Seite hört man, es seien 2000.
Zaimoglu: Ich bezweifle diese Zahl. Ohnehin gibt es wichtigere Debatten. Zum Beispiel sollten wir über junge Frauen sprechen, die in Deutschland nicht am Sportunterricht teilnehmen. Wegen der Körperfeindlichkeit ihrer Eltern, die ihr Menschenbild aus dem traditionellen Bauern-Islam nach Deutschland mitbrachten. Das geht nicht.
SPIEGEL: Wie viele Migrantenkinder waren in Ihrer Klasse in München?
Zaimoglu: Ich war das einzige Türkenkind. In der Grundschule habe ich schnell kapiert, dass vor allem die Jungs hart drauf waren. Das waren Arbeiterblagen aus dem einheimischen White Trash. Wir brauchten keine Übersetzer. Es war mir klar, dass ich eine gescheuert bekomme. Was fiel mir auch ein, in diese Welt einzubrechen? Es gibt in der ganzen Welt kein Land, in dem das Fremde vorbehaltlos willkommen geheißen wird. Und wie sah ich überhaupt aus? In diesem weinroten, von Mutti gestrickten Pullunder. In diesen Woolworth-Jeans, in diesen Fake-Turnschuhen, mit zwei Streifen, nicht drei. Darauf haben die Mädchen geguckt. Ich war ein Stinker, nicht wegen meiner Herkunft, sondern wegen meiner Armut. Mein Vater war damals schon Übersetzer. Aber Geld war trotzdem nicht da. Deshalb verstand ich mich mit den Jungs auch bald prächtig. Weil wir alle zur Unterschicht gehörten.
SPIEGEL: Die Armut war Ihr sozialer Kitt?
Zaimoglu: Das ist doch das Prägende in der Unterschicht. Nicht die Religion, nicht die Sprache. Es ist die Enge, die einen fertigmacht. Man hört ständig den Fernseher. Man hört alle Familienmitglieder. Man ist nie für sich. Im Elternschlafzimmer unserer Münchner Wohnung war eine Nachtkommode, das war der Kleiderschrank für die ganze Familie. Da mussten wir morgens herumwühlen und vorher anklopfen, ob wir das dürfen. Viele der Probleme, von denen Sarrazin schreibt, haben mit Religion und Kultur und Mentalität nichts zu tun. Sie haben nur mit Geld zu tun.
SPIEGEL: Die Armut kommt in Sarrazins Buch durchaus vor.
Zaimoglu: Dieser Mann hat kein Erbarmen im Leib. Wie eigenartig, dass gerade ein Bürgerlichkeitsapostel sich über die Regeln bürgerlichen Benimms so hinwegsetzt. Er ist ein Rüpel. Sarrazin sagt, er rede jetzt mal Klartext. Dann wundert er sich, wenn einer wie ich das auch tut. Er wollte diese Auseinandersetzung. Deshalb wird er jetzt hart angegangen. Es gibt für mich keinen Zweifel, dass Sarrazin ein Rassist ist.
SPIEGEL: Sarrazin und seine Anhänger werten die Ablehnung als Akt eines linken Mainstreams, der Sprechverbote verhänge.
Zaimoglu: Er tritt auf wie ein Verfolgter. Aber: Hat jemand ein Verbot dieses Buchs gefordert? Ist er mit diesem Buch nicht Millionär geworden? So eine PR-Welle gab es doch selten! Der SPIEGEL hat Teile des Buchs vorabgedruckt. Das fand ich richtig. Narren entlarven sich selbst. Ich leugne die Probleme gar nicht. Viele aus der Unterschicht werden es nicht schaffen. Aber um ihnen eine Chance zu geben, braucht es Geld, nichts anderes.
SPIEGEL: Geld wofür?
Zaimoglu: Für die, die nicht auf der Strecke bleiben wollen. Für sogenannte Integrationskurse, in denen Fremdstämmige Deutsch lernen. Wenn der Staat solche Kurse finanziert, dann kann er tatsächlich mit Sanktionen drohen, ich finde es richtig zu sagen: Liebe Leute, wir haben viel Geld ausgegeben für diese Kurse, wir wollen euch zu einem Souveränitätszugewinn im Alltag verhelfen. Dafür müsst ihr dann aber auch kommen.
SPIEGEL: Hat bei Ihnen irgendwer Druck ausgeübt?
Zaimoglu: Meine Lehrerin, Frau Hübl. Ich war schwach in der Grammatik, schwach überhaupt in der deutschen Sprache. Sie sagte: Entweder du lernst Deutsch, oder du fliegst raus. Ich hatte gar keine Chance zur Verweigerung. Die Troublemaker wurden hart angegangen.
SPIEGEL: Also hatten damals die Schüler vor den Lehrern Angst?
Zaimoglu: Es ist eine große Leistung, dass es die Lehrer geschafft haben, aus uns ruppigen Arbeiterkindern anständige Jungs zu machen. Meine Lehrerin hat nicht gesagt: Du bist ein Türkenkind. Und du bist ein Arbeiterkind. Stattdessen sagte sie: In diesem Klassenraum wird nicht gerülpst, nicht geschrien und nicht geschlagen. Sie war streng, aber wir liebten sie, weil sie uns nicht kleingemacht hat.
SPIEGEL: Gab es eine Koranschule?
Zaimoglu: Wenn ja, dann wussten wir nichts davon. Wir haben zu Hause auch nicht gebetet. Meine Eltern glauben an den lieben Gott, dass es Gut und Böse gibt, dass die Schlechten nicht ungestraft davonkommen. Meine Eltern sagten: Traut den Pfaffen nicht, die schieben sich zwischen Gott und die Menschen.
SPIEGEL: Wie haben Ihre Eltern Sie gefördert?
Zaimoglu: Sie haben meine Schwester und mich mit preußisch-osmanischer Strenge erzogen. Und sie haben uns von einem Tag auf den anderen den Umgang mit türkischen Kindern verboten. Schon deshalb verstehe ich Eltern, die ihre Kinder nicht in Schulen stecken wollen, in denen fast nur Kinder von Fremddeutschen sind. Weil diese Kinder nicht deutsch sprechen.
SPIEGEL: Ist es in Ordnung, wenn Neuköllner Eltern aus deutschen Familien ihre Kinder woanders in die Schule schicken?
Zaimoglu: Sie haben doch recht. Ich meine, es sind doch ihre Kinder!
SPIEGEL: Und wie wollen Sie mit den Neuköllner Klassen umgehen, in denen die Migrantenkinder einen Anteil von über 80 Prozent haben? Sie auflösen?
Zaimoglu: Ganz genau. Klar wird es dann Proteste geben. Aber sonst wird die Zukunft der Kinder versaubeutelt. Entweder man zuckt die Schulter und sagt, na ja, so ist es nun mal. Oder man löst die Schulklassen auf und verteilt die Kinder auf andere Stadtteile. Das ist eine harte Maßnahme, aber der Menschenverstand weiß: So wie es ist, bringt es nichts.
SPIEGEL: Sie sagen, richtiges Deutschlernen sei die Voraussetzung für Integration. Mit Ihrem Buch "Kanak Sprak", 1995 erschienen, haben Sie andererseits dem Rudimentärdeutsch, das auch in vielen Problemvierteln gesprochen wird, ein Denkmal gesetzt. Wie passt das zusammen?
Zaimoglu: Das Buch ist kein Denkmal, sondern ein Dokument. Es wurde so viel über die Fremdstämmigen gesprochen, und ich dachte, die sollen endlich selbst zu Wort kommen. Es ist ja nicht die Privatsprache eines Indianerstamms im Reservat, die diese Jungs sprechen, sondern ein deutscher Jargon.
SPIEGEL: War es richtig, dass Ihre Eltern Sie nicht mehr mit Türkenbuben spielen ließen?
Zaimoglu: Ja, ich nehme meine Mutter in Schutz wie die Mutter aus Neukölln, die ihr Kind nicht in einer Ethno-Oase aufwachsen lassen will. Ich bin weder für Wehklagen noch für Hysterie noch für Denunziation. Aber ich verbitte mir auch jede Verklärung. Es gibt die Missstände. Wir müssen Wege und Mittel finden, sie zu lösen. Und es wird passieren. Menschen wie Sarrazin tun so, als gebe es in Deutschland jede Menge Ghettos und No-Go-Areas. Die gibt es, sicher, aber nicht in großer Zahl. Und sie ändern nichts daran, dass die Geschichte der Einwanderung in Deutschland nach dem
Zweiten Weltkrieg eine Erfolgsgeschichte ist.
SPIEGEL: Woran machen Sie das fest?
Zaimoglu: Sie müssen nur vergleichen: Wo waren wir vor 40 Jahren? Hunderttausende von kleinen Erfolgsgeschichten beweisen: Diese Menschen gaben nicht auf, die sind nicht an den harten Verhältnissen zerbrochen. Viele sind großartige, hochmotivierte deutsche Muslime und ein Teil der kommenden Elite in Deutschland. Was wir jetzt erleben, sind doch die Rückzugsgefechte von Vertretern des Ancien Régime. Es ist lächerlich, dass Politiker wie Horst Seehofer noch immer davon träumen, den Zuzug einzufrieren, statt sich über den Aufbruchsgeist zu freuen.
SPIEGEL: Wo sehen Sie diesen Aufbruchsgeist konkret?
Zaimoglu: Ich nehme durchaus wahr, dass es viele, vielleicht sogar die meisten der Fremddeutschen nicht schaffen werden. Dass es weiter ein Oben und ein Unten gibt. Aber ich bin Optimist, weil ich Realist bin. Es gibt großartige Möglichkeiten in diesem reichen Land.
SPIEGEL: Auch für muslimische Frauen? Sie haben im Stück "Schwarze Jungfrauen" deren eingeengten Bewegungsspielraum beschrieben. Was entgegnen Sie Politikern, die behaupten, der Islam sei an sich eine frauenverachtende Religion?
Zaimoglu: Denen sage ich: Vorsicht, wenn CSU-Politiker für Frauenrechte kämpfen. So reden die nur, wenn es sich um Muslime handelt. So viel Frauenverachtung auf einem Haufen wie in der CSU erlebt man an keinem anderen Ort. Aber wenn ein Junge von einem Familienrat dazu verhetzt wird, seine eigene Schwester zu töten, weil Eltern statt mit ihrer Angst und mit ihrer Bauernmoral mit dem Islam argumentieren, dann ist das hochkriminell.
SPIEGEL: Islamkritikerinnen wie Necla Kelek unterstellen Ihnen Verharmlosung.
Zaimoglu: Nicht alle Islamkritikerinnen halte ich für Rassistinnen. Ich will nicht gegen Frauen kämpfen, die sich völlig richtig darüber empören, dass man Frauen, nur weil sie Frauen sind, einsperrt, mit Säure übergießt oder umbringt. Aber ich würde mir wünschen, dass sie sich aus dem Gefängnis ihrer Feindbilder heraustrauen. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum Frauen anderen Frauen, bloß weil sie ein Schamtuch tragen, jede Vernunft absprechen.
SPIEGEL: Sie haben vor Jahren in Ihrem Roman "Abschaum" die Parallelwelten beschrieben, Familien, die von Drogenhandel und Diebstahl leben.
Zaimoglu: Ich leugne nicht, dass vieles falsch läuft. Es gibt junge Leute in der Unterschicht, die Abkürzungen nehmen und sich nicht den Buckel schuften wollen. Die kommen sich so klug vor. Zum Glück gibt es Mittel, um mit ihnen fertig zu werden. Kriminalität lässt ganze Viertel untergehen. Es ist trotzdem falsch, alle Fremdstämmigen zu denunzieren.
SPIEGEL: Leben Sie selbst eher in einer türkischen oder in einer deutschen Welt?
Zaimoglu: Ich habe mehr deutsche Freunde, wenn Sie das meinen. Und meine Eltern amüsieren sich über mein schlechtes Türkisch. Ich habe einen deutschen Akzent im Türkischen, der Satzbau, die Metaphern, das ist bei mir alles eins zu eins aus dem Deutschen übersetzt. Ich habe mich in die deutsche Sprache verliebt. Es mag pathetisch klingen, wenn ich sage: Ich lasse mir Deutschland nicht kaputtmachen. Nur: Da ist eine Biografie dahinter.
SPIEGEL: Empfinden Sie das Schwinden Ihres türkischen Anteils als Identitätsverlust - oder als Preis für die Integration?
Zaimoglu: Die einzigen Menschen, die heute Identitätsprobleme haben, sind die Konservativen. Das sind die, die über ihre Unbehaustheit jammern. Mich hat es unendlich viel reicher und freier gemacht. Deshalb kann ich sagen: Ich bin ein gutgelaunter Deutscher.
SPIEGEL: Herr Zaimoglu, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Feridun Zaimoglu verblüffte Leser und Kritiker in seinem Debüt "Kanak Sprak" (1995) als literarischer Pionier jenes rudimentärdeutschen Kauderwelsches, das heute auf vielen Schulhöfen und Comedy-Bühnen gesprochen wird. Der in der Türkei geborene Deutsche schrieb hochgelobte Romane wie "Leyla" (2006) und "Liebesbrand" (2008), lieferte die Vorlage für den Film "Kanak Attack" (2000) und zusammen mit Günter Senkel Theatertexte wie "Schwarze Jungfrauen" (2006) sowie wegen ihrer Derbheit umstrittene Neuübersetzungen von Shakespeares "Othello" und "Hamlet". Zaimoglu, 45, lebt in Kiel.
(*) Mit den Redakteuren Anke Dürr und Wolfgang Höbel in einem Hamburger Café.
Von Anke Dürr und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 43/2010
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