30.10.2010

TÜRKEIPornos für den General

In der Türkei gilt Homosexualität als eine Krankheit, die mit dem Militärdienst unvereinbar ist. Doch vor der Ausmusterung verlangt die Armee Beweise.
Einen Tag nach seinem 25. Geburtstag gestand Adnan Öztürk(*), dass er verrückt sei und eine Bedrohung für die Türkische Republik. Er hatte sich den Bart rasiert, die Brust und die Beine, genau wie seine Anwältin es ihm geraten hatte. Er trug Lippenstift, Puder auf den Wangen und hatte einen Rock an. Er war nervös, als er den Satz sagte: "Ich schlafe mit Männern." Der Beamte im Militärhauptquartier fasste ihn am Arm: "Du gehörst in die Klapse, Schwuchtel."
Heute ist Öztürk 28 Jahre alt und arbeitet als Ingenieur in Ankara. Er sagt, er habe lange nicht über die Demütigungen durch das Militär sprechen wollen. Er schämte sich. Inzwischen weiß er, dass er nicht allein ist. Es ist eine Geschichte, so absurd, dass sie erfunden klingt. Eine Geschichte, die nicht ins 21. Jahrhundert passt und nicht zu einem Land, das in die Europäische Union strebt. Eine Geschichte, die die islamisch-konservative Regierung von Recep Tayyip Erdogan erneut mit der heiklen Frage konfrontiert, wie sie es mit den Schwulen hält.
Staat und Militär sind in der Türkei so eng verwoben wie in keinem anderen Nato-Land. Jeder Türke muss 6 bis 18 Monate Wehrdienst leisten, einen Ersatzdienst sieht das Gesetz nicht vor. Die Armee zieht alle ein: Popstars, die im Ausland leben, Familienväter, Behinderte. Eine der wenigen Ausnahmen: Schwule. Das Militär bewertet Homosexualität als schwere geistige Störung. In türkischen Militärkrankenhäusern spielen sich deshalb jede Woche bizarre Szenen ab, wenn Schwule verzweifelt versuchen, ihre Homosexualität zu beweisen.
Öztürk hatte sich gut vorbereitet für seine Musterung. Er kaufte Frauenkleider und übte, übertrieben zu lachen. Nur
wer wie eine Tunte wirke, sagt er, werde ausgemustert. "Na, Homo, wie hast du es am liebsten?", fragte ihn der Militärpsychologe. Da wusste Öztürk noch nicht, dass das Schlimmste erst kommen würde.
Seine Eltern hatten mit ihm nie über Liebe und Sex geredet. Homosexualität hielten sie wie viele Türken für krankhaft. Als Adnan mit 16 zum ersten Mal Sex mit einem Mann hatte, ritzte er sich danach die Pulsadern auf. Drei Jahre zögerte er, dann erzählte er es seiner Mutter. "Sprich bloß nicht mit deinem Vater darüber", sagte sie. Er lief weg von zu Hause, ging von Anatolien nach Ankara. Er verliebte sich in einen zehn Jahre älteren Mann, er schloss sein Studium ab, er war glücklich. Dann rief das Militär.
Vor der Musterung habe er lange mit sich gerungen: Sollte er sich zu seiner Homosexualität bekennen? Arbeitgeber fragen nach dem Nachweis über den abgeleisteten Wehrdienst. Wer aufgrund "sexueller Störungen" vom Dienst befreit wurde, findet so gut wie keinen Job. Doch Öztürk kannte auch die Geschichten von Homosexuellen, die in der Armee vergewaltigt wurden und geschlagen. Er beschloss, sich zu outen.
Der Psychiater, der ihn untersuchte, warf ihm vor, ein Simulant zu sein. Zwei Wochen hielt ihn das Militär in der Psychiatrie. Ein Arzt untersuchte ihn rektal und befand danach, er könne kein Schwuler sein. Dann schickten sie ihn nach Hause, er sollte Fotos vorlegen, die ihn beim Sex zeigen. "Bringen wir es hinter uns", sagte er zu seinem Freund. Sie trafen sich in seiner Wohnung, machten das Licht an und hatten Sex. Ein Bekannter schoss ein Dutzend Fotos.
Der Psychiater Osman Bekir(*) hat jahrelang für das türkische Militär gearbeitet, Autisten untersucht, Epileptiker - und Schwule. Bekir ist selbst homosexuell. Die strengen Wehrdienstregeln hätten dazu geführt, dass auch heterosexuelle Männer versuchen, sich als homosexuell auszugeben. Einen Simulanten auszumustern, der ein Jahr später heiratet, das sei für jeden Psychiater der Super-GAU, sagt Bekir. Die Kontrollen würden deshalb immer schärfer.
Das türkische Militär bestreitet, dass Schwule Beweisvideos und Fotos vorlegen müssen. Dagegen spricht eine Umfrage der Istanbuler Schwulenorganisation Lambda: Knapp ein Drittel der Befragten gab an, dass bei der Musterung Bildmaterial eingefordert wurde.
Auch Mehmet Tarhan, 31, Kurde und schwul, hätte versuchen können, sich ausmustern zu lassen. Aber er entschied sich, den Militärdienst aus Gewissensgründen zu verweigern. Der türkische Staat eröffnete ein Verfahren gegen ihn und wollte ihn für vier Jahre ins Gefängnis schicken. Tausende Menschen gingen daraufhin auf die Straße. Nach einem Jahr wurde Tarhan aus dem Gefängnis entlassen. Heute ist er der bekannteste Kriegsdienstverweigerer der Türkei. Verteidigt hat ihn die Anwäl-tin Senem Doganoglu, 27, die auch Homosexuelle vor der Musterung berät; darunter Adnan Öztürk. Als das Militär sein Gesuch ablehnte, reichte sie Klage ein. Sie schrieb: "Mein Mandant ist sehr wohl schwul." Am Ende wurde er ausgemustert.
Die Beweisforderungen der Armee hält die Anwältin für verlogen und abwegig. In Ankara hätten sich mittlerweile männliche Prostituierte darauf spezialisiert, sich als Partner für die Sex-Videos von Wehrdienstverweigerern anzubieten. Die Konsequenz, so die Anwältin, sei so absurd wie das gesamte Verfahren: Das Militär habe inzwischen "die größte Gay-Porno-Sammlung in der Türkei".
(*) Namen von der Redaktion geändert.
Von Maximilian Popp

DER SPIEGEL 44/2010
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