30.10.2010

NAHOST

Der israelische Patient

Von Schult, Christoph

Seit fast fünf Jahren liegt Ariel Scharon im Koma, unansprechbar, aber irgendwie stabil. Seinem Land hinterließ der ehemalige General und Premierminister ein umstrittenes Erbe.

Wie er da sitzt, auf der Terrasse des Tel Aviver Restaurants Dubnov, sieht er seinem Vater ähnlich. Dort, wo der Hals sein müsste, ein Nackenwulst, der mächtige Bauch im ständigen Konflikt mit der Tischkante, das Gesicht rund wie ein Pita-Fladen. Omri Scharon, 46, legt wenig Wert auf Äußerlichkeiten. Über dem Bauch spannt ein löchriges T-Shirt, die nackten Füße stecken in abgewetzten Sandalen, am Hosenbund trägt er eine Pistole.

Dieser Körper signalisiert Abwehr, und in der Tat, er will nicht reden, schon gar nicht mit Journalisten. Nein, auch nicht über seinen Vater. Seine Stimme klingt sanfter als erwartet, ähnlich wie bei seinem Vater, dessen krächzendes Organ nie so recht zu der Masse von Mensch passen wollte.

Omri Scharons Mobiltelefon klingelt, es geht um eine Unterschrift, irgendetwas Juristisches. Vor zwei Jahren musste er für mehrere Monate ins Gefängnis, weil er 1999 illegale Spendengelder für den Wahlkampf seines Vaters gesammelt hatte. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft erneut, diesmal gegen beide Söhne, wieder geht es um verdächtige Geldflüsse für den Vater.

Nicht nur seinen Söhnen hat Ariel Scharon ein schwieriges Erbe hinterlassen, als er vor fast fünf Jahren einen schweren Schlaganfall erlitt und ins Koma fiel. Das ganze Land lebt bis heute mit den Folgen einer Politik, die der ehemalige Premierminister begonnen, aber nicht zu Ende gebracht hat: Scharon war es, der den Bau der Mauer anordnete, die Israel vor Terrorakten schützen sollte, gleichzeitig aber eine mögliche Grenze zu einem künftigen Palästinenserstaat vorwegnahm. Dann zog er die jüdischen Siedler aus dem Gaza-Streifen ab, kurz darauf übernahm dort die islamistische Hamas die Macht.

Seit 53 Monaten liegt der mittlerweile 82-Jährige nun im Scheba-Krankenhaus von Tel Haschomer, östlich von Tel Aviv. Das Reha-Zentrum der Klinik ist im Osten des riesigen Areals untergebracht. Im ersten Stock, rechts neben dem Empfangstresen der Krankenschwestern, befindet sich eine Tür, vor der ein Wachmann sitzt.

Anfangs musste, wer immer Scharons Zimmer betrat, Mundschutz, Handschuhe und sterile Kleidung tragen. Doch mittlerweile hat sich seine Immunabwehr stabilisiert. Eine Bronchitis ist für ihn nicht mehr lebensgefährlich, er bekommt einfach Antibiotika. Eine Handvoll Leu-te besucht ihn nur, das liegt an den Söhnen, sie schotten den Vater ab, erfolg-reich: Bislang ist kein einziges Foto des berühmten Patienten an die Öffentlichkeit gelangt.

Scharon befindet sich in einem leichten Koma. Er atmet selbständig und wird durch eine Magensonde ernährt. Er hat sein stattliches Gewicht gehalten, sogar etwas zugenommen. Es gibt Zeiten, in denen er schläft, und Zeiten, in denen er wach ist. Dann öffnet er die Augen. Wenn er wach ist, läuft der Fernseher, meistens National Geographic. Sie spielen ihm auch klassische Musik vor und, natürlich, Nachrichten.

Die Söhne, die ihn täglich für mehrere Stunden besuchen, hoffen, dass er irgendwann aufwacht, in einem Sessel sitzen und seine Enkel sehen kann. Die Ärzte sind skeptischer. Aber immerhin: In den nächsten Wochen soll Scharon, nach fast fünf Jahren Krankenhaus, nach Hause auf seine geliebte Ranch am Nordrand der Negev-Wüste verlegt werden.

Als Ariel Scharon am 4. Januar 2006 ins Koma fiel, regierte noch George W. Bush Amerika. In Berlin gab es seit knapp zwei Monaten die Große Koalition, in Israel sprach vieles dafür, dass ausgerechnet der alte Haudegen Scharon den langersehnten Frieden mit den palästinensischen Nachbarn herbeiführen könnte. "Es ist doch offensichtlich, wie sehr er dem Land fehlt", sagt der Sohn, Omri Scharon. Glauben die Brüder, dass der Vater aus dem Koma erwacht? "Wir geben die Hoffnung nicht auf."

In Israel stieg die von Scharon gegründete gemäßigte Kadima-Partei nach seiner Erkrankung zur stärksten Fraktion auf. Die Wahl seines ehemaligen Likud-Parteifreundes Benjamin Netanjahu zum Ministerpräsidenten konnte Kadima zwar nicht verhindern. Doch Scharons Äußerung, die israelische Präsenz in den Palästinensergebieten sei letztlich eine "Besatzung", erzeugte eine Dynamik, die schließlich auch Netanjahu dazu zwang, die Zwei-Staaten-Lösung zu akzeptieren. Zumindest rhetorisch.

Was immer Scharons Nachfolger in den vergangenen fünf Jahren entschieden, stets schwang die Frage mit: Wie hätte er entschieden? Was hätte der frühere Premier gemacht? Scharon selbst äußerte sich in seiner Amtszeit öffentlich kaum über seine Motive, auch über die nach dem Gaza-Abzug geplanten Schritte schwieg er sich aus. Den Medien gegenüber blieb der General a. D. und Sechs-Tage-Krieger immer skeptisch.

Was für ein Mensch aber war Ariel Scharon? Wäre er bereit gewesen, einen palästinensischen Staat zu akzeptieren? Wäre er derjenige gewesen, der womöglich die gegenseitige Blockade überwunden hätte? Oder wollte er durch den Gaza-Abzug nur den internationalen Druck auf Israel reduzieren, um die jüdischen Siedlungen im Westjordanland zu retten? Und schließlich: Wie stehen die Chancen, dass er je aus dem Koma erwacht? Antworten geben vier langjährige Weggefährten: sein Kamerad aus Armeezeiten, seine Sekretärin, sein wichtigster politischer Berater und sein Leibarzt.

DER KAMERAD

Chaim Eres ist 74 Jahre alt, sieben Jahre jünger als Scharon. Er wurde in Warschau geboren, verlor seine Eltern auf der Flucht vor den Nazis und erreichte über Iran, Indien und Ägypten das damalige britische Mandatsgebiet Palästina. Nach der Staatsgründung diente er 33 Jahre in der israelischen Armee, zum Schluss als Generalmajor.

Eres steht neben der alten britischen Polizeistation von Latrun, auf dem Weg von Tel Aviv nach Jerusalem. Die Festung beherbergt heute das Museum der israelischen Panzertruppe und eine Gedenkstätte, deren Vorsitzender Eres ist.

Er streckt den Arm aus und weist in die Ebene. "Dort unten ist Arik verletzt worden", sagt er. Arik, so nennen ihn seine Freunde. Die Anhöhe von Latrun steht für eine der schwersten Niederlagen der israelischen Armee im Unabhängigkeitskrieg von 1948/49. Scharon war damals Zugführer einer Infanteriekompanie. Fünfmal versuchten die Israelis, die von den jordanischen Streitkräften gehaltene Festung einzunehmen - ohne Erfolg. Viele israelische Soldaten fielen, Scharon musste Stunden im Feld ausharren, bevor er gerettet wurde. "Er dachte, er müsste sterben", sagt Eres. "Dieses Erlebnis hat ihn sehr geprägt."

Nach dem Krieg wurde Scharon Kommandeur der berüchtigten Einheit 101, die Vergeltungsaktionen gegen arabische Dörfer unternahm. Schon als Kind habe er diese "Heldengeschichten" gehört, erzählt Eres.

Der General a. D. bleibt an einem Brückenlege-Panzer stehen. Mit solchen Pontons überquerte Chaim Eres' Einheit im Jom-Kippur-Krieg von 1973 als erste den Suezkanal. Den Befehl gab damals Scharon, der das Südkommando der Armee leitete. Sein schnelles Vorpreschen wurde scharf kritisiert, eigentlich lautete die Order, zunächst die Positionen am Ostufer des Suezkanals zu sichern.

In einem Hain etwa hundert Meter neben dem Panzer-Park steht ein Denkmal. Per Knopfdruck können dort die Museumsbesucher einen Ausschnitt aus dem Funkverkehr zwischen Eres und Scharon anhören. Eres funkte damals, er und seine Männer brauchten 24 Stunden mehr zur Vorbereitung. Scharon entgegnete, wenn er noch länger wartete, würde die Armeespitze die Aktion verhindern. Heute sagt Eres, Scharon habe recht gehabt. "Er hat verstanden, dass kein Plan eins zu eins umgesetzt werden kann. Arik hat den Krieg in einen Erfolg verwandelt." Schwarzweißfotos zeigen Scharon nach der Ankunft auf der Westseite des Suezkanals, lachend, mit einem Verband um die Stirn.

Seine Art, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, verhinderte einen weiteren Aufstieg Scharons in der Armee. Stattdessen ging der "Bulldozer", wie er inzwischen genannt wurde, in die Politik. Unter Menachem Begin, dem ersten Likud-Ministerpräsidenten, wurde er 1977 zuerst Landwirtschafts-, dann Verteidigungsminister. Nach dem israelischen Einmarsch in den Libanon verübten die mit Israel verbündeten christlichen Falangisten 1982 ein Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila. Scharon wurde von einem Untersuchungsausschuss indirekt für die Gräueltaten verantwortlich gemacht und musste als Verteidigungsminister zurücktreten.

Damals prophezeite einer seiner Freunde: "Diejenigen, die ihn nicht als Generalstabschef haben wollten, bekamen ihn als Verteidigungsminister; diejenigen, die ihn nicht als Verteidigungsminister wollen, werden ihn als Premierminister bekommen." Chaim Eres sagt dazu, in Israel könne man nur etwas verändern, wenn man ein Diktator sei.

DIE SEKRETÄRIN

Die Frau, die im Café Pituim im Jerusalemer Stadtteil "Deutsche Kolonie" sitzt, hat das Haar streng zurückgekämmt und zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden. Über der weißen Bluse trägt sie eine schwarze Strickjacke. Elegant wirkt sie und diszipliniert.

Marit Danon war Chefsekretärin im Amtssitz des Ministerpräsidenten. Zwischen 1990 und 2001 diente sie vier Ministerpräsidenten unterschiedlicher politischer Couleur: Schamir, Rabin, Peres und Barak. Als Ariel Scharon im Februar 2001 mit dem rechten Likud-Block die Wahl gewann, brach für sie eine Welt zusammen.

Vor Scharon hatte sie Angst, vor allem nachdem sie die Biografie von Usi Bensiman gelesen hatte. Das Buch (Titel: "Hält nicht bei Rot an") zeichnet das Bild eines rücksichtslosen Mannes, der sich ständig im Krieg wähnt: gegen die Araber, gegen politische Feinde, gegen Parteifreunde. "Nachdem ich das gelesen hatte, konnte ich nachts nicht mehr schlafen", erinnert sich die 61-Jährige.

Sie ging zu Ehud Barak, dem Noch-Ministerpräsidenten, und sagte: "Mit diesem Menschen werde ich nicht zusammenarbeiten." Da schlug Barak mit der Hand auf den Tisch: "Marit, du bewegst dich nicht von hier fort."

Scharon kam, und Marit Danon blieb. Schon nach kurzer Zeit begriff sie, dass sie sich ein falsches Bild gemacht hatte. "Seit mein Vater starb, habe ich keinen Mann getroffen, der so respektvoll mit Frauen umgeht", erzählt Danon. "Wann immer ich hereinkam, stand er auf. Nie ging er vor mir aus dem Raum, immer hielt er mir die Tür auf." Nur einmal tadelte er seine Sekretärin: als die Blumen in seinem Büro nicht genug Wasser hatten.

Der in der Öffentlichkeit fast schüchtern auftretende Scharon vertraute sich immer wieder seiner Chefsekretärin an. "Er erzählte mir alles, was ihn bewegte. Er war einsam." Es beunruhige ihn, dass er nicht beunruhigt sei, habe Scharon ihr oft in schwierigen Momenten gesagt.

Die Entscheidung, alle 8000 Siedler aus dem Gaza-Streifen abzuziehen, habe an seinen Nerven gezerrt, so Danon. 24 Stunden vor der Evakuierung kam die Sekretärin ins Amt. Da erzählte ihr Scharon von einem Alptraum, den er in der Nacht gehabt hatte: Er habe an einem Strick gehangen, der in einen Brunnen hinabging, der Strick riss. "Ich bin mir sicher, der Gaza-Abzug hat sich auch auf seine Gesundheit ausgewirkt", sagt Danon.

Am Abend des 18. Dezember 2005 schließlich war sie allein mit dem Premier in dessen Amtszimmer. "Ich zeigte ihm irgendetwas, als er plötzlich zu nuscheln begann. Ich begriff sofort, dass er einen Schlaganfall hatte."

Es war nur ein kleiner Hirninfarkt, aber bei der anschließenden Untersuchung wurde ein offenbar angeborener Herzfehler entdeckt, ein kleines Loch zwischen linker und rechter Herzkammer. Am 5. Januar sollte Scharon operiert werden. Am Tag zuvor bestellte er seinen Stellvertreter, Industrieminister Ehud Olmert, zu sich. Er werde ihm am nächsten Tag für drei Stunden die Amtsgeschäfte übertragen, sagte Scharon. "Kann ich alle Mitarbeiter entlassen?", scherzte Olmert. "Ja", sagte Scharon, "aber lass die Finger von Marit." Am selben Abend erlitt er einen zweiten, schwereren Schlaganfall, fiel ins Koma und hinterließ ein Rätsel.

War er einfach nur ein netter alter Herr geworden? Oder hatte er sich auch politisch gemäßigt? Marit Danon jedenfalls wählt bis heute die linke Merez-Partei und nicht Scharons Kadima.

DER POLITISCHE BERATER

Wenn einer die Frage nach Scharons politischer Wandlung beantworten kann, dann ist es Dov Weissglas. Der 64-Jährige, gebügeltes weißes Oberhemd, Krawatte, wartet schon vor der verabredeten Zeit in einem Café am Tel Aviver Rothschild-Boulevard. Seine Kanzlei liegt um die Ecke. "Es ist mir unangenehm, es zu sagen", sagt Weissglas, "aber ich bin derjenige, der den Premier Scharon gemacht hat."

Weissglas lernte Scharon 1982 kennen, er arbeitete damals in der Rechtsabteilung des Verteidigungsministeriums. Der junge Jurist bereitete Scharons Aussage vor dem Untersuchungsausschuss vor, der die Verantwortlichen für das Massaker in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila ermitteln sollte. Als sich der Untersuchungsausschuss hinzog, wurde Weissglas Scharons privater Anwalt.

Am 21. Februar 1983 veröffentlichte das Magazin "Time" einen Artikel, wonach Scharon laut einem geheimen Protokoll angeblich mit den christlichen Falangisten über "die Notwendigkeit von Rache" an den Palästinensern gesprochen hatte. Weissglas verklagte das Magazin mit Erfolg.

18 Jahre später suchte Scharon einen Leiter für das Amt des Ministerpräsidenten, der erste hatte nach wenigen Monaten aufgegeben. "Scharon strotzte damals nur so vor Selbstbewusstsein", berichtet Weissglas. "Obwohl er einer der meistgehassten Menschen war, hatte er es geschafft, zum Premierminister gewählt zu werden. Kritik berührte ihn nicht mehr, Lob im Übrigen auch nicht."

Weissglas änderte das. "Ich habe ihm beigebracht, dass das Leben nicht so dichotomisch ist, wie er dachte."

Der Berater kümmerte sich vor allem um die Beziehungen zu den USA. Und schlug den Amerikanern einen Deal vor: Israel würde aus dem Gaza-Streifen abziehen, Washington im Gegenzug die großen Siedlungsblöcke im Westjordanland anerkennen. Die US-Regierung ahnte, dass Scharon mit Gaza nur eine Last loswerden wollte. Sie forderte ihn daher auf, zusätzlich drei Siedlungen im Westjordanland zu räumen. "Für den Gaza-Abzug kriegt ihr nichts", zitiert Weissglas die amerikanische Reaktion, "aber für drei Siedlungen im Westjordanland bekommt ihr einen Brief von Bush."

Scharon willigte ein. Am 14. April 2004 sicherte der US-Präsident ihm schriftlich zu, dass bei einer Friedenslösung die seit 1967 geschaffenen "facts on the ground" anerkannt werden müssten: Das war die Chiffre für die drei entscheidenden Siedlungsblöcke Ariel, Maale Adumim und Gusch Ezion. Es war Scharons größter Erfolg.

Aber hätte Scharon die Palästinenser wirklich einen Staat gründen lassen? "Scharon glaubte nicht, dass ein solcher Staat im israelischen Interesse ist. Aber er verstand, dass man ihn nicht mehr verhindern konnte. Daher sagte er sich: Lasst uns das Beste daraus machen."

So entstand 2003 auch die Roadmap. Sie sah die Schaffung eines Palästinenserstaates vor, zuerst aber mussten die Palästinenser den Terror bekämpfen. Um Jassir Arafat zu marginalisieren, brachte Weissglas die Idee eines palästinensischen Premierministers auf. Den Posten erhielt Mahmud Abbas. Als Arafat starb, stieg Abbas zum Präsidenten auf, Salam Fajad wurde Premierminister, ein alter Bekannter von Weissglas. Heute verhandelt Netanjahu mit dem Duo Abbas/Fajad über einen Frieden.

Weissglas bezweifelt, dass Netanjahu denselben Mut aufbringt wie Scharon, mit den Hardlinern des rechten Lagers zu brechen. Aber selbst wenn er einen Friedensvertrag zustande bringen sollte, kann Weissglas zufrieden sagen, er habe ja nur Scharons Weg vollendet.

DER LEIBARZT

Dr. Schlomo Segev kennt seinen Patienten seit über zehn Jahren. Damals, im Jahr 2000, lag Scharons Frau Lili im Sterben. "Er hat stundenlang an ihrem Bett gesessen. Er hat nichts gemacht. Er war einfach nur für sie da", sagt Dr. Segev.

Lili Scharon starb, kurz bevor Scharon Premierminister wurde. Sein ganzes Leben war Scharon ohne Hausarzt zurechtgekommen, aber als Regierungschef brauchte er einen Mediziner. So wurde Dr. Segev sein Leibarzt. "Er interessierte sich nicht für Medizin", erzählt Segev, "er hielt sie für überflüssig."

Regelmäßig lud Scharon den Arzt auf seine Ranch ein. Nicht wegen irgendwelcher Krankheiten, sondern weil er Gesellschaft suchte.

"Arik hat nie krankgespielt, aber er hat eine kleine Erkältung genutzt, um mit mir zu sprechen. Ich kam, untersuchte ihn, und dann ging es zu Tisch. Wir aßen und sprachen, oft stundenlang. Das Essen nahm in unseren Gesprächen eine zentrale Rolle ein."

Noch heute, wenn Segev von einer Reise zurückkommt, geht er zu Scharon ins Zimmer und erzählt ihm, in welchen Restaurants er gewesen ist und was er gegessen hat.

Was davon nimmt Scharon wahr? "Wenn man seinen Namen ruft, fühlt er, dass man da ist", sagt Segev. "Und wenn man um sein Bett herumgeht, hat man das Gefühl, er verfolgt einen mit den Augen." Er reagiert auf Schmerz, beispielsweise wenn man seine Hand drückt. Sie haben ihn mit Sauerstoff behandelt, um sein Gehirn zu reaktivieren.

Wie hoch ist die Chance, dass er aus dem Koma erwacht? "Die Statistik spricht dagegen", sagt Segev. "Aber in der Medizin ist es wie in der Liebe: Es gibt kein ,Niemals' und kein ,Immer'."


DER SPIEGEL 44/2010
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