30.10.2010

KUNSTMARKTDer Hippie und die Expressionisten

Ein malender Lebenskünstler, dessen geschäftstüchtige Gattin und ein Kunstfreund vom Niederrhein stehen unter Verdacht, 35 Gemälde von Künstlern des 20. Jahrhunderts gefälscht zu haben. Die Fachwelt ist blamiert durch einen der größten Kunstskandale der Nachkriegszeit.
Fackeln erhellten den Weg hinauf zur Villa. Es ging durch ein modernistisches Tor, vorbei an einem verglasten Swimmingpool und dann zu einem Ensemble minimalistischer Bungalows. Deren Fassaden waren gerade frisch mit sibirischer Lärche verkleidet, es roch nach Holz. Den Champagner gab es aus Magnum-Flaschen, eine Flamenco-Truppe war aus Spanien angereist. Vor dem Atelier stand Wolfgang Beltracchi, der Besitzer des Anwesens, die blonden Haare schulterlang, und erwartete seine Gäste.
Hier oben, über den Lichtern von Freiburg, beste Südwestlage, leben die Arrivierten dieser Stadt, Professoren, Anwälte und Direktoren. 1,1 Millionen Euro hatten Beltracchi und seine Ehefrau Helene für das Anwesen bezahlt, angeblich 4 weitere Millionen in den Umbau investiert. In Freiburg waren die Beltracchis aufgetaucht wie aus dem Nichts. Sie hatten keine Vergangenheit und keine Gegenwart, aber irgendwoher musste das Geld ja sein. Natürlich gab es Gerede: Beltracchi sei ein Künstler, der nur noch für millionenschwere Stammkunden malt. Oder ein erfolgreicher Kunsthändler. Oder Besitzer einer wertvollen Sammlung. Oder, wie es ein in Freiburg ziemlich bekannter Schönheitschirurg wissen wollte, ein Flohmarktgänger, der dort so manches unerkannte Meisterwerk entdeckt habe.
So war das bei der Party am 22. September 2007, im neuen Haus der Beltracchis.
Knapp drei Jahre später, am 27. August 2010, um 19.35 Uhr, wurden die Eheleute, unweit ihrer Villa, auf dem Weg zum Abendessen von einem Polizeikommando festgenommen. Im Auftrag der Kölner Staatsanwaltschaft, die auch eine Theorie hat über den Reichtum von Wolfgang und Helene Beltracchi. Sie findet sich unter dem Aktenzeichen 117 Js 407/10, und wenn sie sich gerichtsfest beweisen lässt, dann sind die Beltracchis die Hauptakteure in einem der größten Kunstfälscher-Skandale der Republik.
Seit dem 28. August, dem Tag nach ihrer Festnahme, sitzt das Ehepaar nun in Untersuchungshaft. Tatverdacht: banden- und gewerbsmäßiger Betrug. Ermittelt wird auch gegen Jeanette S., die Schwester Helene Beltracchis, ebenfalls in U-Haft, sowie gegen die Mutter der beiden Schwestern und gegen einen Krefelder Kunstverkäufer mit dem Vornamen Otto. Die Anwälte aller Betroffenen wollen sich derzeit zu den Vorwürfen nicht äußern.
Es geht um die mutmaßliche Fälschung von mindestens 35 Gemälden aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Mehr als 14 Jahre lang haben die Beschuldigten offenbar systematisch auf dem Kunstmarkt Gemälde platziert, die sie als unbekannte Werke bekannter Maler aus
gaben. Nicht nur über Auktionshäuser in Deutschland, sondern auch über Händler in London und Paris landeten diese Bilder in der Kunstwelt - die Schadenssumme beläuft sich nach den Schätzungen der Ermittler auf mindestens 15 Millionen Euro. Für Galeristen, Auktionatoren und Kunsthistoriker könnte der Fall das werden, was einst die "Hitler-Tagebücher" für den "Stern" waren: ein Fiasko.
Der Kunstmarkt für Klassiker des 20. Jahrhunderts ist heißgelaufen. Im Mai wurde zum zweiten Mal ein Gemälde für mehr als 100 Millionen Dollar versteigert: Ein unbekannter Bieter zahlte bei Christie's in New York umgerechnet 81 Millionen Euro für einen Picasso-Akt. Es gibt sehr viel Geld zu verdienen, der Konkurrenzkampf ist groß um neue Ware in einem begrenzten Markt. Manch ein Auktionshaus stellt vielleicht aus Angst, dass der Anbieter zur Konkurrenz geht, zu wenig Fragen. Und Gutachter bestätigen ihren Auftraggebern naturgemäß lieber die Echtheit eines Bildes, als ihnen mit dem Verdacht einer Fälschung das Geschäft zu verderben. Hinzu kommt, dass der Kunstmarkt von jeher ein schattiges Gewerbe ist, in dem Schwarzgeld zirkuliert und kunstsinnige Reiche oft im Dunkeln bleiben wollen. All das kommt Fälschern zugute.
In der aktuellen Affäre ist bislang erst ein einziges Gemälde durch zwei Analysen zweifelsfrei als Fälschung enttarnt, doch die Ermittler beschäftigen sich mit mindestens 34 weiteren, die alle ziemlich viel gemeinsam haben: Sie sind ähnlich gerahmt, auf den Rückseiten mit vergilbten Etiketten berühmter Galerien beklebt. Von keinem dieser Gemälde existierten Fotos, viele davon galten als verschollen. Und: Alle stammen angeblich aus zwei mysteriösen Kunstsammlungen.
Eine davon ist die eines gewissen Werner Jägers aus Köln, dem Großvater der verhafteten Schwestern. Der, so behauptete Helene Beltracchi in einem Brief an einen Kunsthistoriker, habe "Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger" Jahre zahlreiche Gemälde erworben, vor allem Werke rheinischer Expressionisten "wie Campendonk, Pechstein, Nauen, Mense, Ernst" sowie französischer Maler "wie Braque, Derain, Dufy, Marcoussis". Einige "wichtige Werke für seine Sammlung" seien von dem jüdischen Kunsthändler Alfred Flechtheim erworben, "der Ausstellungsräume in der Nähe eines der großväterlichen Geschäftsgebäude besaß" und mit Werner Jägers "gut bekannt" gewesen sei. Nach der Machtübername der Nazis habe sich Jägers nicht von den - nunmehr als "entartet" geltenden - Pretiosen trennen wollen und die Bilder auf einem Anwesen in der Eifel versteckt. "Einige Jahre vor seinem Tod", so Beltracchi, habe er dann "einen Teil seiner Sammlung an mich und meine Schwester" übergeben.
Immerhin: Den Großvater gab es wirklich.
Werner Jägers wurde 1912 in Belgien geboren, war viermal verheiratet und lebte vorwiegend in Köln, wo er im Dezember 1992 auch verstarb. Mit Kunst allerdings hatte der Unternehmer, der sein Geld hauptsächlich mit Industriemontage verdiente, nur bedingt zu tun. Übereinstimmend berichten ein enger Geschäftsfreund und Jägers' letzte Ehefrau, dass der Mann lediglich "hobbymäßig" gemalt habe, und zwar ausschließlich Originale: Kalenderbildchen oder selbstdrapierte Obstkörbe.
An eine Sammlung können sich weder die Witwe noch der Geschäftspartner erinnern. Zwar habe Jägers zu Lebzeiten auch ein paar gekaufte Bilder besessen, aber keinesfalls wertvolle und schon gar keine Kollektion. Auch eine Bekanntschaft zwischen dem NSDAP-Mitglied Jägers und dem jüdischen Kunsthändler Alfred Flechtheim ist nirgendwo belegt.
Es spricht vieles dafür, dass der Schlüssel des Bilderrätsels bei seiner Enkelin aus erster Ehe zu finden ist: Als Jägers 1992 starb, war Helene Beltracchi 34 Jahre alt und seit kurzem im Antiquitätenhandel tätig. In Köln-Dellbrück betrieb die junge Dame, attraktiv, blond, einen Antik-Laden. Sie war als Tochter eines belgischen Lkw-Fahrers im Schatten des großväterlichen Wohlstands aufgewachsen, mit vier Geschwistern in einer Sozialwohnung in Bergisch Gladbach; sie hatte einen Abschluss als Kauffrau gemacht, bevor sie ins Milieu der Trödler, Sammler und Antiquitätenfreunde eintauchte.
Hier muss sich Helene Beltracchis Lebensweg mit dem ihres späteren Ehemanns Wolfgang gekreuzt haben. Der hieß damals noch Fischer und versuchte sich als Maler. Das Münchner Haus der Kunst hatte 1978 drei Werke, Acryl auf Leinwand, von ihm ausgestellt. Sie hießen "Zu Hause", "Durchdringung bei Geilenkirchen" und "Durchdringung, Melatenerstr. Nr. 4". Wahrscheinlich hat der junge Künstler damals gelernt, wie schwierig es ist, mit konventioneller Malerei Geld zu verdienen.
Bekannte erinnern ihn als einen Hippie, der vom guten Leben unter südlicher Sonne träumte und der in seiner Jugend auf einem Motorrad US-Soldaten in den Stützpunkten mit illegalen, bewusstseinserweiternden Substanzen beliefert haben will. Ein Aufschneider, der seinen Kunstverstand damit erklärte, dass der Vater, ein Kirchenmaler und Restaurator, ihn früh mit aufs Gerüst genommen habe. Tatsächlich war der Vater wohl nur ein ganz normaler Anstreicher in Geilenkirchen, einer Kleinstadt in der Nähe von Aachen. So jedenfalls erinnern sich Verwandte.
In den achtziger Jahren sei Wolfgang dann "längere Zeit verschwunden" gewesen und habe in Marokko gelebt, in einer Kommune. Von dort sei er "zu Fuß" nach Deuschland zurückgekehrt. Er galt als "Luxus-Hippie" mit nassforschem Auftreten, ein Lebenskünstler. Er organisierte Motto-Partys, zum Beispiel eine Barock-Fete in einem Schloss im niederländischen Renesse, bei der sich die Gäste, für ein paar hundert Mark Eintritt, übers Wochenende kostümierten und das 18. Jahrhundert nachspielten.
Schließlich wollte er ins Filmgeschäft einsteigen und schrieb an einem Drehbuch für ein Roadmovie in der marokkanischen Wüste, Arbeitstitel "Die Himmelsleiter". Dann wollte er im Südchinesischen Meer eine Dokumentation über Piraten drehen. Aber nachdem der Dreimaster mit eingebautem Videostudio in Mallorca die Leinen losgemacht hatte und gen Gomera gesegelt war, zerstritten sich die Abenteurer. Im Oktober 1990 erwarb Wolfgang gemeinsam mit einem Kumpel einen alten Bauernhof im niederrheinischen Viersen. 305 000 Mark kostete das zwangsversteigerte Gemäuer. Der Lebenskünstler firmierte jetzt als "Regisseur" und begann das Anwesen aufwendig zu sanieren. Nachbarn erinnern sich an eine "zum Atelier umfunktionierte Lagerhalle im Erdgeschoss", wo "immer Staffeleien, Mal-Utensilien und Bilder herumgestanden" hätten.
Im Juni 1992 zog eine neue Bewohnerin auf den Künstlerhof: Helene Beltracchi; die beiden heirateten ein Jahr später. Der Maler nahm den Namen seiner Frau an und zog mit ihr, so erinnern sich die Nachbarn, einen regen Kunsthandel auf. Während Wolfgang stets als "Öko mit Schlappen und so" herumgelaufen sei, habe Helene den "seriösen Part" übernommen und sich ums Geschäft gekümmert.
Im Februar 1995 - auf der Viersener Immobilie lasteten mehrere hunderttausend Mark Grundschulden - wandte sich die Kauffrau dann an die Kölner Kunsthandlung Lempertz. Sie wollte bei dem traditionsreichen Auktionshaus ein Gemälde von Hans Purrmann einliefern, einem Freund und Schüler des großen französischen Malers Henri Matisse. Das Werk stamme von ihrem Großvater mütterlicherseits, eben von jenem Werner Jägers. Doch eine Purrmann-Expertin bezweifelte die Echtheit des Bildes "Südliche Landschaft", das Kunsthaus lehnte die Versteigerung ab.
Erfolgreicher als bei Lempertz war man acht Monate später bei Christie's, dem größten Auktionshaus der Welt. Für die Versteigerung "German and Austrian Art" im Oktober 1995 in London bot Christie's ein Gemälde mit dem Titel "Mädchen mit Schwan" von Heinrich Campendonk an. Es wurde für 67 500 Pfund verkauft.
Im Auktionskatalog schwärmte die Kunsthistorikerin Andrea Firmenich über die "intensiv leuchtende, expressive Farbigkeit", die den Bildern des in Krefeld geborenen Expressionisten in dieser Zeit eigen gewesen sei. "Dr. Andrea Firmenich", teilte Christie's seinen Kunden mit, "hat freundlicherweise die Echtheit dieser Arbeit bestätigt." Als Provenienz gab das Auktionshaus an: "Alfred Flechtheim, Düsseldorf; Werner Jägers, Köln".
Ein auf der Rückseite befindlicher Aufkleber mit der Aufschrift "Sammlung Flechtheim" und einem holzschnittartigen Porträt des legendären Kunsthändlers war ebenfalls im Katalog abgebildet. Dass das wie ein Kartoffeldruck wirkende Etikett gar nicht zu dem eleganten Galeris-
ten passt, störte offenbar niemanden. Es fand sich bislang übrigens nur auf solchen Werken, die heute unter Fälschungsverdacht stehen - und vorwiegend aus der "Sammlung Werner Jägers" stammten.
Die Beltracchis kehrten der niederrheinischen Provinz bald den Rücken. Wolfgang, so erzählen Bekannte, besorgte sich ein altes Wohnmobil der Marke "Winnebago", restaurierte das Interieur in Rosé und Türkis und verkaufte im Juli 1996 den Viersener Bauernhof für 2,6 Millionen Mark an eine Immobilienfirma.
In Südfrankreich mietete er mit Helene in Marseillan, 50 Kilometer von Montpellier entfernt, ein Ferienhaus samt Atelier. Das Licht des Languedoc ist berühmt, womöglich hat es sich auf Beltracchis Schaffenskraft ausgewirkt. Besucher seines Ateliers erinnern sich an ein "großformatiges Werk mythologischen Inhalts", in das er - mit Hilfe eines Projektors - Gesichter hineinkopierte. Der gefälschte Purrmann, dessen Versteigerung Lempertz abgelehnt hatte, hing im Wohnzimmer. Ansonsten erforschte der Maler mit seiner Frau Helene die Kunstszene, besuchte Antikläden, Kunstmessen, Galerien.
Im Juni 1998 versteigerte das Kölner Kunsthaus Lempertz dann ein Bild aus der angeblichen "Sammlung Werner Jägers" - "La Plage du Havre" des französischen Malers Raoul Dufy. "Das war nun ausnahmsweise echt", meint Lempertz-Chef Henrik Hanstein heute. Er hält das Untermischen eines nichtgefälschten Bildes für einen besonders perfiden Trick. Ähnlich äußert sich ein Lempertz-Sprecher: Man sei "Opfer einer außerordentlich geschickten und gemeinen Fälscherbande" geworden.
Der Modus operandi war - sollten sich die Vorwürfe bestätigen - tatsächlich clever: Die mutmaßlichen Fälscher fabrizierten keine Picassos, sondern Pechsteins, keine Beckmanns, sondern Campendonks. Um die ganz großen Künstler, deren Werk bis ins Kleinste erforscht ist, machten sie einen Bogen. Stattdessen widmeten sie sich Malern zweiten Ranges, deren Bilder mittlerweile auch für siebenstellige Euro-Beträge gehandelt werden.
Als Erstes studierte man offenbar alte Kataloge von Ausstellungen der Künstler, unter deren Namen man aktiv werden wollte, vorzugsweise der Galerie von Alfred Flechtheim, einem der wichtigsten Kunsthändler der Weimarer Republik. 1933 war er vor den Nazis nach Paris geflohen und 1937 in London gestorben. Erhebliche Teile seiner Sammlung sind bis heute verschwunden; Dokumente aus seiner Galerie nie wieder aufgetaucht.
Die Liste der Bilder aus den Flechtheim-Katalogen glich man mit den Werksverzeichnissen der entsprechenden Künstler ab. Gab es Gemälde, die als verschollen geführt wurden? Gemälde, von denen auch keine Fotos existierten?
Genau solche Bilder wurden seit Ende der neunziger Jahre vermehrt gehandelt - ihre Verkaufserlöse landeten, so die Vermutung, unter anderem auf einem Konto der Beltracchis beim diskreten Institut Credit Andorra im gleichnamigen Fürstentum, in dem Wolfgang Beltracchi auch einen Wohnsitz angemeldet hatte.
Bald bezogen die Beltracchis in der Nähe von Mèze, einem Hafenstädtchen am Mittelmeer im Languedoc, ein Landgut, die "Domaine des Rivettes", 1858 erbaut, inklusive Privatfluss und Weinbergen. Das Anwesen wurde luxuriös restauriert, mit Palmen sowie einem 170 Quadratmeter großen Atelier ausgestattet.
Der Umbau muss Millionen gekostet haben. Ein früher mit den Beltracchis befreundeter Künstler erinnert sich an die "zahlreichen Gemälde", die im Herrenhaus hingen und ihm als "Erbstücke aus dem Nachlass eines Onkels der Helene" erklärt wurden. Die Rede sei von Künstlern wie Campendonk, Pechstein und Max Ernst gewesen und auch davon, dass man Bilder auf Auktionen gebe.
Der Nachbar sagt, dass ihm "der Gedanke an Fälschung nie gekommen" sei. Dass dennoch etwas faul war, habe man jedoch erahnen können: Er selbst glaubte an eine "im ,Dritten Reich' erworbene Sammlung als Quelle des horrenden Reichtums".
In immer kürzeren Abständen wurden jetzt wertvolle Gemälde angeboten, mal von Helene Beltracchi, mal von ihrer Schwester Jeanette, einer weltgewandten Offiziersgattin, und mal von einem alten Bekannten vom Niederrhein - dem Krefelder Kunstfreund Otto.
Ein in der Nähe des französischen Anwesens wohnender Künstler erinnert sich daran, dass Wolfgang Beltracchi einmal bei ihm nachfragte, "wie man wertvolle Bilder nach Deutschland transportieren" könne und "wie das mit der Versicherung" funktioniere. Am Ende habe der Maler einen Spediteur gefunden, der die Leinwände, zusammengerollt und in Paketröhren verpackt, ohne viel Fragen mit auf einer seiner Touren nahm.
2001 präsentierte Helene Beltracchis Schwester Jeanette dem Kölner Auktionshaus Lempertz ein neues Bild aus der "Sammlung Werner Jägers": Das Ölgemälde "Seine-Brücke mit Frachtkähnen", angeblich 1908 von dem Expressionisten Max Pechstein gemalt, wurde an einen Sammler in Montevideo verkauft. Zwei Jahre später lieferte sie wieder einen vermeintlichen Pechstein ein. Der "Liegende Akt mit Katze" (1909) ging für 498 000 Euro an den Berner Kunsthändler Wolfgang Henze. Das Akt-Bild galt in Fachkreisen als kleine Sensation: Hatte Pechstein in seinen Memoiren nicht genau so ein Motiv erwähnt? Passte der Fund nicht exakt zu jenem kleinen Pechstein-Aquarell aus dem Berliner Brücke-Museum?
Er passte - allerdings etwas zu genau: Wie die Kunsthistorikerin Aya Soika inzwischen feststellte, wurden wesentliche Details des Aquarells "nahezu 1:1" auf die später versteigerte Leinwand übertragen - offenbar mit Hilfe eines leicht versetzt aufgestellten Projektors. Ähnlich frappierende Übereinstimmungen fand Soika auch beim Vergleich des Frachtkähne-Bilds mit einer anderen Zeichnung Pechsteins.
Nachdem die beiden vermeintlichen Meisterwerke verkauft worden waren, bauten die Beltracchis ihren Familienbesitz aus. Mitte Oktober 2005 erwarben die Eheleute, jeweils zu gleichen Teilen, für 1,1 Millionen Euro das exklusive Villen-Grundstück in Freiburg. Die fälligen Gebühren überwies Wolfgang Beltracchi teils aus dem Fürstentum Andorra.
19 Monate dauerte der Umbau der Villa, die Handwerker waren genervt von den Sonderwünschen des reichen Bauherrn, der sich etwa die Arbeitsplatte in der Küche als Engelsflügel wünschte.
Während seiner Besuche in Freiburg stieg Beltracchi stets im Colombi ab, dem ersten Haus am Platz, einem "Leading Hotel of the World". Und während seine Luxusvilla langsam Gestalt annahm und Handwerker Olivenholztüren, Panoramaglasscheiben und Fensterflügel aus Zebranoholz heranschafften, verwandelte sich die "Sammlung Werner Jägers" Zug um Zug in bares Geld. Im Februar 2006 versteigerte Christie's den nächsten Campendonk, wenige Monate später bot das Auktionshaus das vermeintliche Max-Ernst-Gemälde "La Horde" für 3,5 Millionen Pfund an. Im Nachverkauf erwarb es ein deutscher Sammler.
Ende November 2006 schließlich kam bei Lempertz jenes Gemälde zur Auktion, das den mutmaßlichen Betrug auffliegen lassen sollte: Das "Rote Bild mit Pferden", ein echt falscher Campendonk.
Wieder hatte Helenes Schwester das Gemälde eingeliefert. Es schmückte sogar die Titelseite des Auktionskataloges und wechselte schließlich für 2,9 Millionen Euro den Besitzer - so viel war noch nie für ein Bild des rheinischen Expressionisten gezahlt worden. Käuferin war die Firma Trasteco Ltd. aus Malta.
Die Malteser wollten kein Risiko eingehen und zogen eine Genfer Galerie zu Rate. Deren Experten fanden es merkwürdig, dass die Echtheit des Gemäldes nicht vor der Auktion zertifiziert worden war und fragten Lempertz nach einer entsprechenden Bescheinigung.
Die Kölner Kunsthändler wiederum beriefen sich darauf, dass der Sohn Campendonks das Bild mündlich für authentisch erklärt habe. Zudem heuerten sie die Kunsthistorikerin Andrea Firmenich an, die über Campendonk promoviert hatte. Diesmal aber riet die Kunstkritikerin zu einer naturwissenschaftlichen Untersuchung.
Im Oktober 2008 wandte sich Firmenich zudem an den Flechtheim-Experten Ralph Jentsch und bat ihn um eine Begutachtung des seltsamen Galerie-Aufklebers auf dem Rahmen des "Roten Bildes mit Pferden". Jentsch sagt, er habe laut gelacht, als er das Konterfei Flechtheims gesehen habe. Zudem kannte der Kunsthistoriker die Originalaufkleber der Galerie, auf denen es kein Bild des Eigentümers gibt. Und von dem "Kunstsammler Werner Jägers", nach dem Firmenich auch gefragt hatte, hatte Jentsch noch nie etwas gehört.
Die maltesische Firma gab nun der Berliner Anwältin Friederike Gräfin von Brühl das Mandat, das Kunsthaus Lempertz auf Rückabwicklung des Kaufs zu verklagen. Außerdem wurden umfangreiche Recherchen eingeleitet.
Dabei fanden Gutachter heraus, dass das "Rote Bild mit Pferden" eine Farbe enthält, die zur angeblichen Entstehungszeit des Bildes, 1914, noch gar nicht erfunden war.
Plötzlich, nach mehr als einem Jahrzehnt, wurde nun auch die Identität des mysteriösen Werner Jägers hinterfragt. Der Mann, der die Leidenschaft des ominösen Sammlers im Zivilprozess zwischen der Trasteco und dem Kunsthaus Lempertz bezeugen sollte, war eine alter Bekannter Beltracchis: Otto, der Kunstfreund aus Krefeld, gegen den die Staatsanwaltschaft nun ebenfalls ermittelt und aus dessen "Familiensammlung" auch mehrere gefälschte Bilder auf den Kunstmarkt gekommen sein sollen.
Otto kommt eigentlich aus der Werbebranche, in Krefeld versuchte er früher einmal, ein Künstlerkollektiv im Geiste von Joseph Beuys zu begründen. Die Bildlegende, die er zur Herkunft seiner Gemälde auftischte, ähnelt stark jener, die Helene Beltracchi über Werner Jägers erzählte. Auch sein "Großvater mütterlicherseits", so der Kunstfreund in einem Brief, habe früher "jüdische Bekannte" gehabt und "viele Bilder über Flechtheim" gekauft. Auch die Sammlung des Schneidermeisters Knops, so der Name des Großvaters, habe vor allem aus Werken rheinischer oder französischer Expressionisten bestanden. Nach dem Tod seiner Eltern habe Otto dann "Pakete mit den Bildern" erhalten.
Im Zivilprozess sprang er den Beltracchis bei: Sein Großvater habe Jägers gut gekannt, und die beiden Familien hätten in den fünfziger Jahren sogar einmal zwei Campendonks tauschen wollen. Er könne sich gut an die Bilder erinnern, die damals an der Wand gehangen hätten.
Zur Sammlung Knops gehörten auch mehrere angebliche Gemälde des Surrealisten Max Ernst, die übrigens alle von dem Kunsthistoriker Werner Spies, langjähriger Autor des "FAZ"-Feuilletons und größter Max-Ernst-Kenner des Landes, für echt erklärt wurden.
Otto und Spies waren über ein Max-Ernst-Gemälde, dessen Besitz sich der Kunstfreund rühmte, in Briefkontakt gekommen. Spies nahm das Werk mit dem Titel "La Forêt" persönlich in Augenschein, in einer Berliner Galerie. Später wurde es sogar auf einer großen Max-Ernst-Retrospektive im New Yorker Metropolitan Museum gezeigt.
Insgesamt hat Werner Spies sieben angeblich von Max Ernst gemalte Bilder aus den Sammlungen Knops und Jägers testiert. "Nach wie vor", sagt Spies, "bin ich aus stilkritischer Sicht überzeugt, dass die von mir begutachteten Werke aus der Hand von Max Ernst stammen."
Die verdächtigen Gemälde wurden zum größten Teil nicht versteigert, sondern - auch mit Hilfe von Spies - an private Sammler verkauft. Von Preisen bis zu 4,6 Millionen Euro ist die Rede. "Wenn die Arbeiten gefälscht sind", sagt Spies , "dann kann man nur von einem genialen Fälscher sprechen."
Mit "einem Gotteskuss" sei Beltracchi gesegnet, sagt ein alter Freund des umtriebigen Malers. "Er ist extrem talentiert und kann das alles aus dem Kopf malen."
Im Juni, nachdem die Anwältin Brühl Strafanzeige gestellt hatte, begannen Beamte des Berliner Landeskriminalamts (LKA), Kommissariat 454 für Kunstdelikte, mit der Arbeit. Parallel dazu nahmen Privatermittler der Münchner Detektei ADS die Spur von Werner Jägers auf. Binnen wenigen Tagen wurde klar, was die Kunstwelt 15 Jahre lang nicht wissen wollte: dass Werner Jägers zwar ein Unternehmer gewesen ist, aber niemals ein Kunstsammler.
Am 25. August schließlich durchsuchte das LKA mehrere Wohnungen. Am selben Tag erfuhren die Ermittler bei einer Telefonüberwachung, dass Helene Beltracchis Schwester in Frankreich einen Anruf von ihrem Sohn aus Köln erhielt, der mit dem Kunsthandel nichts zu tun hatte. "Ich wollte nur sagen, dass gerade vor fünf Minuten bei uns acht Beamte in der Wohnung waren", berichtete er aufgeregt. "Was?", fragte die Mutter verwirrt. "Acht Bullen!", erklärte er. "Mit Durchsuchungsbeschluss wegen dem Hurensohn Wolfgang."
Der Sohn versicherte ihr noch, dass er den Fahndern nichts davon gesagt habe, dass sie, die Mutter, Bilder zur Kunsthandlung Lempertz gebracht habe. Als Wolfgang Beltracchi - ebenfalls telefonüberwacht - auch seinen Sohn anrief und ihn eindringlich bat, er solle einen Laptop verschwinden lassen, wussten die Ermittler, dass es höchste Zeit war zuzugreifen.
Ob Wolfgang Beltracchi die Bilder tatsächlich gefälscht hat, ob es womöglich Helfer oder Hintermänner gab und wie viele Gemälde wirklich Falsifikate sind, das gilt es nun herauszufinden. Zu klären ist auch, ob die Taten nach Ablauf der Verjährungsfrist von bis zu zehn Jahren überhaupt noch geahndet werden können. Sicher hingegen ist: Der Fall wird dafür sorgen, dass das ohnehin nicht ausgeprägte Vertrauen in den Kunsthandel dahinschwinden wird. Die Zivilprozesse der Geschädigten werden sich wohl über Jahre hinziehen.
Für die Freiburger Villa, die Wolfgang Beltracchi so feierlich einweihte, ließ die Staatsanwaltschaft schon kürzlich zwei Sicherungshypotheken eintragen - in Höhe von 2 545 577 Euro und 30 Cent.
(*) Oben: "Liegender Akt mit Katze", angeblich 1909; unten: "La Horde", angeblich 1927.
Oben: "Mädchen mit Schwan", angeblich 1919; unten: "Rotes Bild mit Pferden", angeblich 1914.
Von Sven Röbel, Barbara Schmid, Jörg Schmitt, Michael Sontheimer und Petra Truckendanner

DER SPIEGEL 44/2010
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