17.08.1998

ZEITGESCHICHTEDie mit dem Feind schliefen

Deutsche Soldaten überzogen Europa im Zweiten Weltkrieg mit Tod und Zerstörung. Sie hinterließen auch Bräute und Kinder, deren Schicksale nun in einem Buch umfänglich dokumentiert werden.
In Strömen lief das Blut der jungen Mutter über das Gesicht. Zwei junge Männer preßten ihr die Arme auf den Rücken, während andere ihre Haare abschnitten und ihr mit Scheren in die Kopfhaut stachen. Ihr dreijähriger Sohn mußte mit ansehen, wie seine Mutter von einer Bande junger Männer gedemütigt wurde, kahlgeschoren und mit Hakenkreuzen bemalt.
Es war in den Maitagen des Jahres 1945, als ganz Norwegen seine Befreiung feierte und die Kapitulation der deutschen Besatzer. In den Schaufenstern hingen Schilder, auf denen geschrieben stand: "Geschlossen wegen Freude". Auf den Straßen wurde getanzt, von den Kirchtürmen läuteten die Glocken.
Gleichzeitig wurde überall im Land Jagd auf die "tyskertøs", die "Deutschenmädchen" gemacht, jene Norwegerinnen, die mit dem Feind angebandelt hatten. Sie wurden meist auf offener Straße abgestraft: "Jetzt kriegst du eine neue Frisur."
Ein Dreivierteljahr vorher waren in Frankreich Tausende von Frauen auf ähnliche Weise an den Pranger gestellt worden. In der Erinnerung vieler Franzosen ist die "libération" im heißen August 1944 untrennbar mit den kahlgeschorenen Köpfen jener Frauen verbunden, die sich mit einem "boche" eingelassen hatten. Eine Prozedur, die den fadenscheinigen Mythos aufzubauen half, daß die "collabos" nur eine kleine Minderheit waren.
Der Fotograf Robert Capa hat mit seinen Bildern das grausige Zeremoniell dokumentiert, das überall in Frankreich nach der Befreiung inszeniert wurde: geschorene Frauen mit aufgemalten oder eingebrannten Hakenkreuzen zur Schau gestellt, halbnackt oder ganz entkleidet, manche mit einem Säugling auf dem Arm, umringt von einer Menge, in deren Gesichtern Häme und Schadenfreude zu lesen sind.
"Horizontale Kollaboration", wie die Franzosen dazu sagten, galt bei Kriegsende überall in den von den Westalliierten befreiten Ländern als ein Delikt, dem am besten mit dem Mittel der Lynchjustiz beizukommen war. "Verabscheuungswürdige Akte von mittelalterlichem Sadismus" nannte der Philosoph Jean-Paul Sartre die Abstrafungs-Rituale.
Viele Frauen hatten sich in Frankreich, Holland, Belgien, Dänemark und Norwegen mit Soldaten der deutschen Wehrmacht angefreundet. Wie viele es genau waren, darüber gibt es nur sehr grobe Schätzungen. Einer der Indikatoren ist die Zahl der Kinder, die aus diesen Verbindungen stammten. Annähernd 100 000 sollen es in Frankreich gewesen sein, in Holland 50 000, in Belgien 40 000, in Norwegen fast 10 000, in Dänemark an die 6000.
Die deutschen Soldaten traten in diesen Ländern auch als Herzensbrecher auf. Während sie im Osten mit aller Brutalität einen Vernichtungskrieg führten, hielten sie sich in Norwegen, Dänemark, zum Teil auch in Frankreich weitgehend an die strikte Order, Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu nehmen. Es wurde "korrektes Verhalten" demonstriert. So war auch, nach allen verfügbaren Quellen, die Zahl der Vergewaltigungen gering, die Zahl der Liebschaften hoch.
In Frankreich, Dänemark und Norwegen sind in den letzten Jahren vereinzelt Bücher erschienen, die sich mit den "Besatzungsbräuten" und ihren Kindern befassen. Und auch das 1995 in London herausgekommene Buch von Madeleine Bunting über das gute Einvernehmen, das auf den englischen Kanalinseln herrschte, handelt davon ("The Model Occupation. The Channel Islands under German Rule 1940-1945").
Nun erscheint Ende dieser Woche auch hier ein Buch, das sich erstmals mit der Lebenswirklichkeit der deutschen Besatzungssoldaten auseinandersetzt und mit jenen "törichten und mutigen Frauen, die sich in sie verliebten".
Das ungewöhnliche Buch der Frankfurter Autorin Ebba Drolshagen, 49, trifft, so der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit in seinem Vorwort-Essay, "einen weißen Fleck im öffentlichen Bewußtsein". Denn: "Niemand wollte Näheres von diesen Frauen wissen, schon gar nicht, wenn es um die Kinder ging, die aus den Beziehungen resultierten. Das deutsche Nachkriegsbewußtsein hat sich auch mit dieser Kriegsfolge nicht belasten wollen". Die Autorin löse sich mit "einer Mischung aus persönlicher Involviertheit und gefächerter Fragestellung" aus den festgefügten Komplexen von Schuldzuweisung und Rechtfertigungszwang, die den Umgang mit der Vergangenheit bislang vorwiegend bestimmten*.
Theweleit, der sich mit "Männerphantasien" auskennt, sagt: "Letztlich geht es dabei um Fragen wie ,Wem gehört die Frau'', ,Wem gehören die Babies'' und um die Möglichkeit so (scheinbar) absurder Formeln wie ,nationaler Ehebruch''."
Als die deutschen Truppen am 9. April 1940 Dänemark und Norwegen überfielen, waren die meisten Skandinavier geschockt. Norwegen hatte damals 3,2 Millionen Einwohner, die sich für die nächsten fünf Jahre ihr Land mit fast 400 000 Deutschen teilen mußten. Neun Monate später kamen die ersten Kinder zur Welt, die eine norwegische Mutter und einen deutschen Besatzer zum Vater hatten. Norwegische Historiker gehen davon aus, daß annähernd 50 000 Norwegerinnen während des Krieges mit deutschen Soldaten engeren Kontakt pflegten.
Die Möglichkeiten der Begegnung waren mannigfaltig, die Politik blieb dabei meist ausgeklammert. Materielle Reize gab es für alle Norwegerinnen, die Arbeit war knapp, und die Deutschen bezahlten ein Vielfaches der landesüblichen Löhne. Gar nicht selten aber war es der Liebe wegen. Es ging um Brot und Rosen, wie immer und überall nicht sauber zu trennen.
Der deutsche Soldat, im Volksmund bald mit dem ironischen Spitznamen "den snille Fritz" (der liebe Fritz) belegt, wußte in dem Land der Fjorde, in dem "der Krieg nicht zu sehen war" (Theweleit), offenbar zu gefallen. Davon zeugen die Erinnerungen einer Norwegerin, die sich 1942 in ein Exemplar dieser Sorte verliebte und ihn noch während des Krieges heiratete: "Du kannst dir nicht vorstellen, wie das war, als die Deutschen bei uns einmarschierten. Wir waren diese Bauernburschen gewohnt, die uns ständig an die Wäsche wollten. Die Deutschen in ihren Uniformen, mein Gott, waren das schöne Männer,
* Ebba D. Drolshagen: "Nicht ungeschoren davonkommen. Das Schicksal der Frauen in den besetzten Ländern, die Wehrmachtssoldaten liebten". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 272 Seiten; 39,80 Mark.
wir haben unseren Augen nicht getraut. Sie hielten uns die Tür auf, rückten uns im Café den Stuhl zurecht und küßten uns die Hand, sie waren die große, weite Welt." Das brachte Abwechslung und schmeichelte dem Selbstwertgefühl.
Sieger sind sexy, schreibt Drolshagen, Soldaten mit höflichem Benehmen attraktiv. Das fand auch Sartres Geliebte, die Schriftstellerin Simone de Beauvoir, als sie in Paris die deutschen Besatzer taxierte: "Sie lächelten, sie waren glücklich und jung, häufig ziemlich schön."
In den Augen vieler norwegischer Männer waren Frauen, die mit dem Feind schliefen, entweder Landesverräterinnen oder Huren. Widerstandsgruppen bezeichneten sie in Flugblättern als "Flittchen, die mit dem Geschlecht statt mit dem Kopf denken". In schwarzen Listen wurden die Namen der Feindsliebchen veröffentlicht. Sie wurden "ausgefroren", wie es in Norwegen heißt, wenn jemand aus der Gemeinschaft ausgegrenzt wird.
In Dänemark verbreiteten Männer in einem Aufruf: "Frau, die Du Deine Gunst einem Fremden gewährst, Du verrätst Dein Land ohne Scham. Frau, die Du schamlos Deine Brunft zeigst, Du bist eine Gefährdung unserer Ehre." Die besetzte Nation war entmannt, um so schmerzhafter der Gedanke, daß die Frauen sich den potenten Siegern an den Hals warfen.
Männer konnten dagegen mit den Besatzern zusammenarbeiten, ohne daß über sie hergezogen wurde. Für die sogenannten Deutschenarbeiter, knapp 200 000 an der Zahl, galt es, sich zu arrangieren und das tägliche Brot zu verdienen.
"Man kann nicht verfeindet bleiben, wenn man fünf Jahre lang Seite an Seite lebt", kommentiert eine Frau von der englischen Kanalinsel Jersey die deutsche Besatzungszeit. Dort verdoppelte sich damals die Zahl der unehelich geborenen Kinder, auf der Nachbarinsel Guernsey vervierfachte sie sich.
Ganz anders als in Polen war den deutschen Besatzern in Norwegen, Dänemark, Belgien, den Niederlanden, auf den Kanalinseln und in den Grenzgebieten in Ost- und Nordfrankreich der Umgang mit der Zivilbevölkerung ausdrücklich erlaubt. Auch sexuelle Beziehungen wurden in Berlin gern gesehen, besonders wenn etwas dabei herauskam.
"Mütter guten Bluts" waren dem SS-Reichsführer Himmler höchst willkommen, die unehelichen Kinder kamen in seinen "Lebensborn"-Heimen unter. So konnten auch Frauen in Norwegen und Dänemark "dem Führer ein Kind schenken". Ein Erlaß Hitlers verfügte, daß den Soldaten die Heirat von "rassisch verwandten Personen der germanischen Völker" erlaubt sei. Dazu gehörten allerdings die Französinnen nicht. "An Franzosen haben wir rassenpolitisch kein Interesse", dekretierte Hitler.
Im Mai 1945 wurde ein Teil der "Deutschenmädchen" in Norwegen in Internierungslager gesteckt. Andere, nicht selten schwanger, machten sich auf in das zerbombte Deutschland, um nach den Vätern ihrer Kinder oder nach den Auserwählten ihres Herzens zu suchen.
In Norwegen waren sie allesamt ungelitten. "Sollen sie doch nach Deutschland verschwinden, wohin sie gehören", forderte Volkes Stimme, unterstützt von der moralischen Entrüstung der Patrioten.
In Prozessen wurde versucht, die Kriegszeit juristisch zu bewältigen. Ein junges Mädchen von 18 Jahren, das als Kellnerin für deutsche Soldaten gearbeitet hatte, wurde zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Die gleiche Strafe bekam ein Bauunternehmer, der in den Kriegsjahren bei seinen Geschäften mit den Deutschen 30 Millionen Kronen Umsatz gemacht hatte. Rolf Rietzler
* Ebba D. Drolshagen: "Nicht ungeschoren davonkommen. Das Schicksal der Frauen in den besetzten Ländern, die Wehrmachtssoldaten liebten". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 272 Seiten; 39,80 Mark.
Von Rolf Rietzler

DER SPIEGEL 34/1998
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