08.11.2010

DEUTSCHE EINHEIT Kaufhaus des Ostens

Es ist eine der größten Betrugsgeschichten der deutschen Vereinigung: Die Abwicklung des DDR-Betriebs WBB kostete Millionen Euro und 2000 Menschen den Job. Nun ist das letzte Versagen der Treuhand verjährt. Der Verantwortliche ist ein freier Mann.
An einem Sonntagmorgen sitzen ein paar Männer und Frauen auf Holzbänken am Berliner Müggelsee, die Männer trinken Bier, die Frauen Mineralwasser aus Plastikbechern. Sie treffen sich einmal im Jahr hier, ehemalige Mitarbeiter eines alten Ost-Unternehmens, der WBB, der Wärmeanlagenbau Gesellschaft Berlin. Sie reden über die alten Zeiten und den alten Chef, der ihren Laden und ein bisschen auch ihr Leben ruiniert hat.
2000 Mitarbeiter hatte der Betrieb, Werkstätten in der gesamten DDR, in Polen und der Sowjetunion. Sie fertigten Edelstahlrohre und verbanden die Städte und Dörfer mit den Kraftwerken im Land, und sie fanden sich, wie Hunderttausende Beschäftigte aus DDR-Betrieben, nach der Wiedervereinigung in einem Prozess der Verwertung und Entwertung, den sie nicht genau verstanden, der aber alle Warnungen vor dem Kapitalismus bestätigte. Ihr Chef hieß Michael Rottmann.
Vorn auf der Bank sitzt Rainer Kusch, der ehemalige Personalchef der WBB, 72 Jahre alt, mit kurzen grauen Haaren. Die frühere Lohnbuchhalterin kommt zu ihm an den Tisch, ein Schlosser, ein Abteilungsleiter.
Rainer Kusch sieht sich um, lächelt, blickt in die Runde, in die Gesichter seiner alten Kollegen, sagt: "Eigentlich ein Wunder, dass ich hier dabeisitzen darf."
Die früheren Mitarbeiter der WBB treffen sich hier, weil sie keine Opfer mehr sein wollen. Sie waren lange Opfer und fühlten sich auch so. Nach der Wende wurde ihr Betrieb verkauft an Rottmann, einen Manager aus dem Westen. Vier Jahre später war die WBB pleite, ihr Unternehmen schloss, die meisten Mitarbeiter wurden arbeitslos, der Chef war verschwunden mit vielen Millionen.
Sie wissen bis heute nicht, was genau passiert ist. An diesem Tag wissen sie nur, dass ihr Chef im Gefängnis sitzt. Sie sind die Ahnungslosen in einem der großen Betrugsfälle der Treuhandanstalt.
In einem kleinen Büro in Prenzlauer Berg, an der Schönhauser Allee, liegt ihr Fall als einer der letzten 60 Fälle, ein paar Quadratmeter sind dort noch geblieben von der Treuhand, der großen Abwicklungsbehörde.
90 000 Fälle waren es, die die Treuhand zu bearbeiten hatte. 4600 Mitarbeiter kümmerten sich darum. Sie sollten in kurzer Zeit ein ganzes Land privatisieren, 48 500 Betriebsstätten, eineinhalb Millionen Hektar Wälder, 30 000 Hektar Seen, zwei Millionen Hektar Landwirtschaft. Das Büro an der Schönhauser Allee gehört zur Nachfolgebehörde der Treuhand, zur BvS, der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben. Es hat ein Vorzimmer und eine Sekretärin und einen Mitarbeiter, der Teilzeit arbeitet.
Die Behörde wickelt die letzten Reste eines Projekts ab, das einzigartig ist in der Geschichte: die staatlich gelenkte Privatisierung einer sozialistischen Gesellschaft. Es ist, wie der Fall der WBB, auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht abgeschlossen. Die WBB hat über die ganzen Jahre verschiedenste Gerichte beschäftigt, und während die Kollegen von früher am Müggelsee sitzen, zum vielleicht letzten Mal, liegt der Fall beim Bundesgerichtshof zur endgültigen Klärung. Die Kollegen können nur noch warten.
Die Geschichte ihres Betriebs erzählt von enttäuschten Hoffnungen, von Skrupellosigkeit, Geldgier. Die Wiedervereinigung bot Geschäftemachern aus dem Westen die Chance, sich am Untergang der DDR zu bereichern, legal und illegal.
Einer von ihnen landet im Herbst 1990 auf dem Flughafen in Tegel.
Michael Rottmann ist 47 Jahre alt, er ist verheiratet, hat zwei Kinder, er lebt in Essen in einem Reihenhaus, fährt einen VW Golf. Im Jahr 1990 ist er seit fünf Jahren Angestellter bei der Deutschen Babcock, er verantwortet kleinere Kraftwerksprojekte. Sein Vorstand hat ihn nach Berlin geschickt. Die WBB soll der Deutschen Babcock den Markt in den Osten öffnen. Rottmann fährt zum Hauptsitz der WBB an der Wallstraße, er läuft am Pförtner vorbei, nimmt den Paternoster und trifft einen der beiden WBB-Geschäftsführer, sie reden über Zahlen, das Unternehmen und die Treuhand.
Der Geschäftsführer besucht Michael Rottmann ein paar Wochen später in seinem Essener Reihenhaus. Es hat von außen nichts Ungewöhnliches. Nur dort, wo andere eine Tischtennisplatte stehen haben, steht bei Rottmann im Keller ein langer schwarzer Konferenztisch.
Der Geschäftsführer hat die Firmenbilanzen der WBB mitgebracht, Grundbuchauszüge, ein paar Immobiliengutachten. Neben Rottmann sitzen zwei Männer aus der Schweiz, einer davon ist ein Geschäftsmann aus Zürich.
Er ist Präsident einer kleinen Aktiengesellschaft im Kanton Aargau, der Chematec. Die Chematec hat 40 Mitarbeiter, ein Aktienkapital von 1,4 Millionen Schweizer Franken, dem Geschäftsmann gehören die meisten der Aktien selbst. Im Essener Keller geht es immer wieder um seine Chematec. Sie soll die WBB übernehmen.
Sie verfassen einen Partnerschaftsvertrag. Die Anteile wollen sie zu gleichen Stücken aufteilen. Sie einigen sich darauf, dass jeder der fünf Partner fünf Millionen Schweizer Franken als eine Art Sicherheitsbetrag erhält. Die Summe ist auch fällig, wenn die WBB scheitert.
Der Partnerschaftsvertrag ist das Drehbuch zu Rottmanns neuem Leben, sollte die Treuhand dem Kauf zustimmen. Es ist das Drehbuch zu einem der größten Betrugsfälle bei der Zerlegung der DDR.
Aber wird die Treuhand zustimmen?
Um sicherzugehen, schwindeln Rottmann und seine Partner die kleine Aktiengesellschaft aus dem Aargau zu einem finanzkräftigen Anlagenbauer in den Bereichen Chemie und Pharmazie hoch, mit einer Tochterfirma in Brasilien und 400 Beschäftigten. In Wirklichkeit sind es 40.
Der Leiter des Treuhanddirektorats Chemie und Anlagenbau ist froh über das Angebot. Er kennt die Konkurrenz aus dem Westen und weiß, dass die WBB es schwer haben wird auf dem Markt.
Er verkauft die WBB am 27. Februar für zwei Millionen Mark an die Schweizer Chematec, die Quittung trägt die Nummer 172969. Der Käufer verpflichtet sich, 750 Arbeitsplätze zu erhalten, Schulden in Höhe von über 30 Millionen Mark zu übernehmen, aber auch Immobilien und ein Bankguthaben von 150 Millionen Mark.
Auf dem Papier verkauft die Treuhand die WBB an einen Schweizer Anlagenbauer. Tatsächlich hat sie das Unternehmen in die Hände eines ehemaligen kleinen Babcock-Angestellten gegeben.
Rottmann kommt ein paar Wochen später im gutsitzenden Anzug in seine neue Firma. Auf den Tischen stehen schwarze Schreibmaschinen, an den Wänden hängen Tapeten mit Blumenmustern, das Porträt von Erich Honecker ist im Keller verschwunden.
"Einer, der weiß, was er will", sagen sie über ihren neuen Chef, "sehr selbstbewusst", "von der Frisur bis zu den Schuhen, da stimmt alles". Manche macht das skeptisch, andere sehen in Michael Rottmann eine Hoffnung.
Auch Rainer Kusch, der Personalchef, schwankt zwischen Skepsis und Hoffnung. Mit der Wende musste er 500 Kollegen kündigen.
Rottmann spricht von einer neuen Zeit, von hochqualifizierten Mitarbeitern, von modernster Technik und von Kraftwerken, die er herstellen wolle wie Brötchen. Am Abend bleibt er lange im Betrieb, er lässt Wände einreißen für neue Büros, in der Chefetage wird er deutlich und sagt: "Sie müssen schon wollen! Es ist der schiere Wille, der dieses Schiff bewegen wird."
Rottmann und seine Partner beginnen, den Betrieb zu zerlegen. Sie gründen, im ersten Schritt, im schweizerischen Olten die Physical Chemical Engineering Holding AG, kurz: die PCE. Die PCE kauft im Sommer 1991 die WBB. Aus deren Vermögen überweisen sich die Partner den vereinbarten"Sicherheitsbetrag" über jeweils fünf Millionen Schweizer Franken. Sie gründen sechs Gesellschaften als Tochterunternehmen der PCE, später in Liechtenstein eine PCE AG.
Die WBB gehört damit Unternehmen, die meist nur einen Briefkasten in Liechtenstein haben. Alle Fäden laufen bei Liechtensteiner Anwälten zusammen.
Im September 1991 lässt sich Michael Rottmann in einer schwarzen Mercedes-S-Klasse in das Zwickauer Werk fahren und spricht mit Mitarbeitern. "Wir sind an allen Standorten davon überzeugt, dass Sie alle gemeinsam mit uns an diesem Haus bauen werden."
In Hamburg nehmen Michael Rottmann und seine Partner Kontakt zu zwei Rechtsanwälten auf, die ein spezielles Steuermodell entwickelt haben. Ihre Kunden kaufen sogenannte Moratoriumsforderungen, die wertlos sind und als Vorwand dienen, um Gelder am Finanzamt vorbeizubewegen. Die hohen Verluste, mit denen die Geschäfte enden, können die Kunden steuerlich geltend machen. Viel mehr Geld aber verdienen sie, weil die beiden Anwälte 67 Prozent der Kaufsumme im Ausland anlegen; die restlichen 33 Prozent geben sie als Provision an die Anwälte ab.
Am 24. März 1992 landen 30 Millionen Mark über mehrere Umwege und Briefkastenfirmen auf Konten in Vaduz, so wie Rottmann es geplant hat. Sechs Millionen Mark verdienen die Anwälte. Niemand merkt etwas. Die Treuhand hat die WBB aus den Augen verloren.
Rottmann steht am Morgen als Erster in der Firmenküche, pfeift, kocht Kaffee, motiviert weiter: "Sie haben die Fähigkeiten. Bitte trauen Sie sich!", sagt er. Bei Rainer Kusch, dem Personalchef, kommt das an. Er denkt, dass seine Ideen jetzt gefragt sind.
Michael Rottmann lässt Werbeprospekte drucken und seine Führungskräfte neu einkleiden, sie besuchen Seminare für gute Tischmanieren. Obst kommt auf die Schreibtische. Rottmann selbst zieht in das Penthouse ganz oben im Gebäude, er hat eine neue Freundin, 21 Jahre alt, Studentin und Praktikantin bei der WBB.
Bis März 1992, ein Jahr nach dem Verkauf durch die Treuhand, sind aus der WBB 63 Millionen Mark in das Geflecht aus 17 Firmen geflossen. Zehn Millionen Schweizer Franken wandern weiter auf die Privatkonten der zwei WBB-Geschäftsführer, die sich ihre Konten extra in einer österreichischen Kleinstadt eingerichtet hatten.
Gefährdet ist die WBB deswegen noch nicht. Aber die Partnerschaft, die in Rottmanns Reihenhaus geschmiedet wurde, wird langsam porös. Der Erste, der ausschert aus der Runde, ist der Geschäftsmann aus Zürich, dessen Chematec den Kauf der WBB erst möglich machte. Bis Ende 1992 kauft Rottmann seine früheren Partner aus dem Unternehmen.
Zwei Jahre lang ist im Zwickauer Werk nichts mehr passiert, "Schlankfahren", verschrotten, das ist Rottmanns Anweisung. Von 2000 Mitarbeitern, die mal zum Unternehmen gehörten, arbeiten noch 250. Rainer Kusch ist jetzt Hausmeister und nicht mehr Personalchef. Die restlichen Mitarbeiter ziehen in billigere Büros an die Rhinstraße 137, weg aus Berlin-Mitte in den abgelegenen Stadtteil Marzahn.
"Durchhalten!", mahnt Rottmann.
Im Sommer 1993 findet er in Vaduz eine Dreizimmerwohnung für 2600 Schweizer Franken Miete, mit eigener Tiefgarage. Die letzten 25 Millionen Mark, die jetzt noch auf den Berliner Firmenkonten liegen, werden in Rottmanns Geldkreislauf eingespeist, wieder über Konten in der Schweiz und Liechtenstein. Von der WBB bleiben nur noch die Gebäude, aber auch sie gehören längst der PCE. Sie werden im letzten Schritt zu Geld gemacht.
Anfang des Jahres kommt Rottmann ein letztes Mal an die Rhinstraße 137 zu einer "Betriebsinformation". Rottmann streitet kurz mit seinem Finanzdirektor. Die Mitarbeiter wundern sich.
Gewissheit haben sie ein paar Monate später, als die WBB insolvent ist. Die Bibliothek ist zum Plündern freigegeben. Die Mitarbeiter nehmen sich, was sie bekommen können, Ordner mit DIN-Vorschriften und Fachliteratur.
Rainer Kusch, der Hausmeister, der mal Personalchef war, ist 57 Jahre alt und arbeitslos.
Am Morgen des 10. April 1995 eröffnet Michael Rottmann sechs Kilometer von seiner Vaduzer Wohnung entfernt, in der Buchser Filiale der Schweizerischen Bankgesellschaft, vier Anlagekonten in verschiedenen Währungen und zwei Depots. Dem Schweizer Bankier sagt er, er erwarte zehn Millionen Mark aus einem Immobilienverkauf. Drei Tage später überweist die PCE AG aus Vaduz das Geld tatsächlich, Rottmann will es in bar abheben, aber die Bank weigert sich. Man wolle sich einer möglichen Geldwäsche nicht schuldig machen. Ein paar Tage später erteilt Rottmann der Bank einen Überweisungsauftrag über acht Millionen Mark. Sie soll das Geld auf die Bahamas nach Nassau transferieren. Dieses Mal zieht die Bank mit, sie überweist.
Staatsanwälte, Kriminalbeamte und Steuerfahnder durchsuchen am 6. Juli Büros und Wohnungen im gesamten Bundesgebiet. Sie beschlagnahmen Tausende Akten. Die Meldungen über den "wohl größten Betrugsfall der Treuhandanstalt" dringen in die Schweizer Kleinstadt Buchs vor.
Vier Tage später stoppen die Schweizer Banker einen Auftrag Rottmanns für eine Anlage über 650 000 Mark in US-Dollar. Zehn Tage später stellen sie eine Anzeige bei der Bezirksanwaltschaft in Zürich wegen des Verdachts der Geldwäsche und legen Rottmanns Konten und Depots offen. Eine Kopie schicken sie an Rottmanns Anwalt in Zürich.
Rottmann wird klar, dass Liechtenstein und die Schweiz für ihn Vergangenheit sind. Sein Rechtsberater eröffnet in Luxemburg bei der Vereinsbank International ein Konto mit der Nummer 087812 und lässt einen Scheck über 2,2 Millionen Mark gutschreiben. Der Scheck kommt aus Nassau, das Geld ist für Rottmann, der kurz darauf selbst in die Bank kommt, sich ausweist und die notwendigen Papiere unterschreibt.
Auf das Konto geht immer wieder Geld ein, am 30. August sind es acht Millionen Mark, das ist genau die Summe, die Rottmann knapp drei Monate zuvor nach Nassau transferiert hatte. Die Spur der WBB-Gelder ist verwischt, und die Fluchtkasse ist angelegt.
In Berlin haben Wirtschaftsermittler einen Hinweis aus dem Umfeld des Unternehmens bekommen, sie sitzen in einem Seitentrakt des Flughafens Tempelhof und gehören zur Zerv, der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität, 1991 gegründet, um die Verbrechen der DDR aufzuklären. Rottmann ist einer der wichtigsten Fälle der Abteilung 113.
In einem Punkt sind sich die Ermittler sicher: Rottmann und seine Helfer hatten von Beginn an vor, die WBB um einige Millionen zu erleichtern. Der Aufbau des Firmengeflechts, der Auslandskonten und Scheingeschäfte erscheint ihnen präzise geplant. Aber wie konnte all das unter den Augen der Treuhand-Verantwortlichen geschehen? Sie ermittlen auch gegen Treuhand-Mitarbeiter. Am Ende aber finden sie nicht genug Beweise. Das Verfahren wird eingestellt. Michael Rottmann ist mit seiner neuen Frau seit Monaten auf der Flucht. Bis der deutsche Staat Rottmann sucht, vergeht ein Jahr.
Als am 27. Dezember 1996 der internationale Haftbefehl vorliegt, ist Rottmann in England. Er mietet ein Haus in der Nähe von London und kümmert sich um die beiden Kinder, die sie inzwischen haben. Er ist jetzt ihr Privatlehrer.
In Berlin am Columbiadamm kommen die Ermittler Schritt für Schritt weiter. Die beiden ehemaligen WBB-Geschäftsführer sitzen in Untersuchungshaft, ein Gericht verurteilt sie zu Haftstrafen. Die Anklage gegen einen Berater Rottmanns ist fertig. Der Vorwurf lautet: Untreue in drei Fällen, Beihilfe zur Untreue in zwei Komplexen. Er wird vom Landgericht Berlin am 16. September 1999 zu drei Jahren Haft verurteilt. Von Rottmann fehlt jede Spur.
Dann, im September 2000, fangen die Fahnder ein Telefongespräch zwischen Rottmann und einem Bekannten in Deutschland ab. Sie wissen jetzt, dass er sich in Südengland aufhält, in der Nähe von London, wo genau, wissen sie nicht.
Am 13. September erreicht das Amtshilfeersuchen die zuständige Polizei in der Grafschaft Buckinghamshire. Eine Polizeistreife entdeckt Rottmann in Henley-on-Thames, einer Kleinstadt mit 10 000 Einwohnern in der Grafschaft Oxfordshire. Die Beamten verhaften ihn vor seinem Haus in Hazlemere. Michael Rottmann kommt in Untersuchungshaft.
Das ist das Ende seiner Flucht, aber bis er nach Deutschland zurückkehrt, werden neun weitere Jahre vergehen.
Zu Hause interessieren sich nicht mehr nur die deutschen Justizbeamten für ihn, auch die BvS, die Nachfolgebehörde der Treuhand, ermittelt gegen Rottmann.
In England ist Rottmann nur 27 Tage, nachdem er verhaftet wurde, wieder frei. Er lebt mit seiner Familie wieder im Haus in Hazlemere und kämpft von nun an gegen seine Auslieferung nach Deutschland.
Im Januar 2005 schließen Rottmanns Anwälte mit der BvS einen Vergleich. Rottmann verpflichtet sich, 20 Millionen Euro an die BvS zu zahlen. Macht er das nicht, steigt die Summe auf 50 Millionen. Im Dezember meldet er in London Privatinsolvenz an und erklärt sich für mittellos.
14 Jahre nach dem Beginn seiner Flucht, neun Jahre nach seiner Verhaftung in England, am 8. Juli 2009, gibt Michael Rottmann auf und sitzt in einem Flugzeug von London nach Berlin, Polizeibeamte begleiten ihn und bringen ihn ins Untersuchungsgefängnis nach Moabit. Drei Monate später beginnt sein Prozess am Landgericht. Rottmann ist 66 Jahre alt und "ein armer Rentner", das sagt er selbst über sich.
Zwei Monate später verurteilt die Wirtschaftsstrafkammer Michael Rottmann wegen schwerer Untreue in drei Fällen zu drei Jahren und neun Monaten Haft. Sein Verteidiger legt Revision ein.
Am 28. Oktober 2010, gegen Mittag, erreicht ihn ein Fax aus Leipzig. Der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat das Urteil aufgehoben und stellt das Verfahren ein. Die Straftaten, die Michael Rottmann zur Last gelegt worden waren, sind verjährt.
Rottmann sitzt in seiner Einzelzelle in der Haftanstalt, als ein Sozialarbeiter ihm die Nachricht überbringt. Er steht auf, packt seine wenigen Sachen zusammen, zieht ein Sakko über, bindet den Schlips, er tritt hinaus auf die Straße, niemand wartet. Er steigt in ein Taxi, fährt zum Flughafen Tegel und verlässt die Stadt, so schnell er kann.
Am Müggelsee, wenige Kilometer weiter, sagt die ehemalige Lohnbuchhalterin: "Jeder musste sehen, dass er mit dem Arsch von der Wand kommt."
Auch Rainer Kusch, der ehemalige Personalchef, musste das damals. Nach dem Ende der WBB wurde er arbeitslos, war ein Jahr lang krank, er hatte mehrere Hörstürze. Er blieb arbeitslos, bis er Rentner wurde mit 60. "Es war meine Unterschrift, die unter den Kündigungen stand, nicht Rottmanns", sagt er. Rainer Kusch sieht sich um, lächelt, blickt wieder in die Runde, in die Gesichter seiner alten Kollegen, sagt: "Eigentlich ein Wunder, dass ich hier dabeisitzen darf."
Rund 13 Millionen Euro hat der Fall den deutschen Staat gekostet. Vom Vermögen der WBB bleiben 50 Millionen Euro verschwunden.
Von Dettmer, Markus, Hardinghaus, Barbara, Wassermann, Andreas

DER SPIEGEL 45/2010
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