08.11.2010

Die Paarungsfalle„Man bastelt sich ein Phantom zusammen“

Der endlose Weg zum richtigen Mann. Von Claudia Voigt
Warum braucht eine Frau einen Mann? "Weil dann alles an mir lächelt. Weil ich ein Kind und eine Familie möchte. Weil ich Angst habe, komisch zu werden, wenn ich zu lange allein lebe. Weil es zu zweit im Bett viel wärmer ist. Weil ich gefragt werden möchte, wie mein Tag war. Weil Steuerklasse eins einfach Unsinn ist. Weil Sex schöner ist mit jemandem, den man liebt. Weil ich schon immer einen wollte. Weil ich nicht allein alt werden möchte."
So reden Frauen, die einen Mann suchen. Nicht irgendwelche Frauen, sondern acht Frauen, die schon länger auf der Suche sind, weil sie die richtigen Männer nicht finden oder die falschen wollen. Sie alle verdienen ihr eigenes Geld. Einige haben sich im Job weit nach oben geboxt. Sie können abends allein in eine Bar gehen, ohne merkwürdig angesehen zu werden. Sie können Männern Zettel mit ihrer Telefonnummer zustecken und Sex für eine Nacht haben. Sie können Kinder bekommen und sie allein aufziehen. Sie können sogar Kinder ohne Sex bekommen und den Samenspender ihres Babys nie kennenlernen. Frauen brauchen keine Männer mehr. Theoretisch. Und doch ist der Wunsch geblieben, den Richtigen zu finden. Warum ist das so?
Wenn man mit Frauen redet, die auf der Suche sind, hat jede ihre eigene Geschichte. Aber wenn man mit acht Frauen redet, die zwischen dreißig und fünfzig Jahre alt sind, erfährt man, dass sich das Problem bei Frauen in diesem Alter auf ganz besondere Weise stellt. Es geht darum, ob der romantische Film vom eigenen Leben noch Wirklichkeit werden kann: große Liebe, durch Höhen und Tiefen, bis ans Lebensende.
Eine Sporttrainerin ist unter diesen Frauen und eine Rechtsanwältin, eine Kindergärtnerin und eine Kulturmanagerin, eine Schriftstellerin, eine Journalistin, eine Friseurin und eine Unternehmenssprecherin. Wie sehr viele andere suchen sie den richtigen Mann. Manche von ihnen suchen nicht aktiv, andere sind mit einem Mann zusammen, zweifeln aber an der Zukunft dieser Beziehung. Jede von ihnen wäre gern die Hälfte eines zufriedenen Paars.
Sie sind in diesem Text die Stimmen der Frauen, aber sie wollten sich nicht fotografieren lassen und ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Diejenigen Männer und Frauen, die auf diesen Seiten abgebildet sind und ihre Geschichte erzählen, sind andere als die im Text beschriebenen. Die allermeisten von denen, die auf der Suche sind, möchten im Verborgenen bleiben, so, als wäre das Alleinsein ein Makel.
Es leben viele Menschen allein in Deutschland. Die Gesamtzahl der Singles lässt sich nicht exakt beziffern, nur einkreisen. In den letzten Jahren wurden jeweils rund 200 000 Ehen geschieden, und in fast 40 Prozent aller Haushalte lebt nur eine Person. Und diese Zahlen steigen.
Die Sporttrainerin gehört zu jenen Frauen, bei denen man auf Anhieb denkt, seltsam, dass die allein ist. Verehrer gibt es genügend. Vor einiger Zeit hat sie sich die Haare abschneiden lassen, weil sie es leid war, Avancen von Männern zu bekommen, denen nur ihr Äußeres wichtig war. Sie hat einen Sohn, zwölf Jahre alt. Vor einigen Jahren gab es mal einen Mann, von dem sie heute sagt, den hätte sie nicht gehen lassen sollen. Damals hat sie sich gewünscht, dass dieser Mann Verantwortung übernimmt. Ihm war das zu viel. Mittlerweile weiß sie, dass es etwas Besonderes war.
Die Rechtsanwältin ist verliebt, obwohl zu Hause ein fester Freund auf sie wartet. Die Kindergärtnerin hat ihren Mann verlassen nach vielen Jahren fast wortloser Ehe. Eine Befreiung in die Einsamkeit. Und die Kulturmanagerin hat eine Affäre mit einen 16 Jahre jüngeren Mann. Sie verbringen hin und wieder ein paar Tage, ein paar Nächte miteinander, aber sie werden niemals zusammen im Supermarkt einkaufen. Eine Beziehung sei das nicht, sagt sie. Die Schriftstellerin hat zwei Kinder. Und stellt sich die Frage, ob das nun ein richtiges Leben ist. Die Journalistin hätte gern ein zweites Kind gehabt. Aber nur mit einem Mann, der auch den Alltag mit diesem Kind erleben möchte. Die Friseurin hatte einige kurze Beziehungen. Jetzt ist sie über vierzig. Wenn sie noch jemanden für länger findet, gut, wenn nicht, auch gut. Und die Unternehmenssprecherin ist auf der Suche nach einem Mann, während sie mit einem deutlich älteren Mann zusammenlebt. Ihre Zukunft sieht sie nicht an seiner Seite.
Welche Erkenntnis ist wichtig für die Liebe? "Man muss immer auf einige Träume verzichten. Verlieben ist wunderschön, aber erst, wenn das wieder abflaut, weiß man, ob man zueinander passt. Vor einer Schwangerschaft sollte man gemeinsam über das Leben nach der Schwangerschaft reden. Der richtige Mann kann furchtbar langweilig sein. Eine Trennung niemals zu schnell beschließen. Eine Trennung niemals zu lange hinausschieben. Nicht jedes Paar ist zu beneiden. Reden und Sex sind wichtig, es geht nicht ohne das eine und auch nicht ohne das andere. Man kann nichts erzwingen."
Fünf Millionen Deutsche beteiligen sich nach einer Online-Studie von ARD und ZDF an der Partnersuche im Internet. Jeder 16. Deutsche, Greise und Kinder mit eingerechnet, sucht demnach im Netz eine Frau oder einen Mann. Und so eine Partnersuche ist keine Kleinigkeit. Die seriöseren Anbieter verlangen rund 50 Euro Gebühren im Monat, die Suchende muss einen umfangreichen Psychotest absolvieren, sie muss drei Statements über sich verfassen, die möglichst pointiert sein sollen, von Sätzen wie "ich bin eine zärtliche Frau" rät das Computersystem der Agentur gleich mal ab. Zu langweilig. Sie muss ihre Interessen angeben, ihren Wohnort, ihren Beruf, sie kann auch Größe und Gewicht nennen. Als Frau, nur als Frau, kann man sich entscheiden, in welcher Gehaltsgruppe der zukünftige Mann liegen soll und ob er besser Akademiker wäre.
Dann arbeitet das Computerprogramm. Die Frage, ob jemand ein nettes Lächeln hat, bleibt dabei unberücksichtigt. Der eigene Psychotest, die eigenen Angaben und Wünsche werden mit den Psychotests, Angaben und Wünschen aller Männer im System kombiniert. Das Ergebnis ist eine Liste von Männern, sortiert nach Matchingpoints - das Zauberwort der programmierten Partnersuche. Wenn man dem Computersystem vertraut, sind 100 Matchingpoints eine märchenhafte Angelegenheit, wie ein Versprechen auf "... und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage". Studien, die von den Internetbörsen selbst in Auftrag gegeben wurden, belegen, dass heute angeblich 20 Prozent aller Partnerschaften so ihren Anfang nehmen.
Die Psychologin und Paartherapeutin Claudia Clasen-Holzberg ist seit 25 Jahren mit demselben Mann verheiratet, sie haben drei Kinder. Ihr Mann ist auch Therapeut, aus Neugier haben sich beide unabhängig voneinander bei einer Partnerbörse im Internet angemeldet, ihr Ergebnis: nicht mal 50 Matchingpoints. Damit hätten sie sich nie kennengelernt, nicht auf diesem Weg.
Clasen-Holzberg betreibt ihre Praxis seit knapp 20 Jahren. In den letzten fünf bis zehn Jahren beobachtet sie bei Frauen um die dreißig eine wachsende Ratlosigkeit angesichts der großen Freiheit. Hin- und hergerissen zwischen dem Anspruch, den Mann fürs Leben zu finden, und den vielen Wahlmöglichkeiten, die vor allem berufstätige Frauen schon ohne Internet haben, verfallen viele in eine Unfähigkeit, sich überhaupt noch für jemanden zu entscheiden.
Vielleicht sitzt der traumhaftere Traummann ja morgen auf dem Flug nach Frankfurt neben mir, vielleicht werde ich wunschlos glücklich mit dem IT-Manager, 83 Matchingpoints, aus Berlin, der gern ins Theater geht. Das Suchen findet kein Ende. Und das Netz multipliziert diese Not. Der ambivalente Wunsch nach Bindung und Autonomie gleichermaßen droht uns zu zerreißen.
Außerdem verändert das Internet die Art, wie Frauen und Männer sich kennenlernen. Das Bauchgefühl bekommt erst spät seine Chance. Bevor man den anderen einfach mal trifft, mailt und mailt und mailt man, irgendwann ein Telefonat. "Man bastelt sich ein Phantom zusammen und ist dann enttäuscht, wenn das Gegenüber diesem Phantombild nicht entspricht", sagt Clasen-Holzberg. Hat man sich endlich zum Spaziergang an der Elbe oder im Englischen Garten verabredet, begegnen sich beide als potentielle Partner, legen sich bald innerlich auf ein Ja oder auf ein Nein fest. Es gibt keine Zeit, sich Zeit zu lassen.
Oder die Gefühle füreinander bleiben bewusst in der Schwebe, weil mehrere Flirts gleichzeitig laufen. Früher oder später fühlt sich das alles schal an. Und es setzt eine große Verwirrung über das Verliebtsein ein. Viele Frauen berichten, dass sie über Internetdates das Gefühl für dieses Gefühl verloren hätten.
Eine Studie der Uni Bamberg, für die der anonyme Datensatz einer Online-Partnerbörse ausgewertet wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass Frauen sich nach oben orientieren bei der Partnerwahl. Da kann noch so oft der Ratschlag vorgebracht werden, sich als Akademikerin mit Kinderwunsch doch mal unter den Arbeitslosen umzusehen, weil auch die besonders häufig allein leben.
Akademikerinnen wollen in der Mehrzahl einen Akademiker, in der Sprache der Sozialpsychologie heißt das: Sie zeigen bei der Partnerwahl eine klare Tendenz zu bildungshomophilem Kontaktverhalten.
Das Problem sei nur, sagt die Therapeutin Claudia Clasen-Holzberg, dass die Frauen einen erfolgreichen Mann wollen, der morgens den Tee ans Bett bringt, überraschend Blumen ins Büro schickt und abends nach einem Quickie in der Tiefgarage fragt, wie der Termin mit dem Chef gelaufen sei, um anschließend ohne Murren den Müll runterzutragen.
Solche Männer sind selten, sehr selten. Diesen Satz bitte unterstreichen. Er kann Ehen retten. Mag ja sein, dass es Frauen gibt, die Fürsorge und beruflichen Erfolg, Leidenschaft, Empathie und Partnerschaftlichkeit vereinen, bei Männern kommt das kaum vor.
Und deshalb lohnt sich die Frage, ob man auf eines jener raren Exemplare warten möchte oder vielleicht doch bereit ist, auf die Blumen zu verzichten. Es lohnt auch die Frage, warum viele Frauen so anspruchsvoll sind. Den größten Teil dessen, was vielleicht möglich wäre, sortieren sie von vornherein aus. Auch Clasen-Holzberg plädiert dafür, sich nicht auf die Suche nach dem Supermann für das ganze Leben zu begeben und dabei allein zu bleiben. Besser wäre es, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass eine Partnerschaft auch Kompromisse und Konflikte bedeutet. Und dass sie einen auch dann glücklich machen kann, wenn sie am Ende nur acht oder zehn Jahre gedauert hat.
Was ist schlimm am Alleinsein? "Weihnachten. Das Aufwachen am Geburtstag. Dass die Wohnung abends beim Nachhausekommen noch genauso aussieht wie am Morgen. Dass ich vielleicht keine Kinder bekommen werde. Das Gefühl: Mich liebt keiner, und ich liebe niemanden. Hochzeitsfeste, die Scham darüber, keinen abbekommen zu haben. Auf Reisen allein essen zu gehen. Dass mich niemand in den Arm nimmt, wenn es mir schlecht- geht. Dass die Zahnpastatube immer ordentlich zugeschraubt ist."
"Wir sind genetisch auf zwei Dinge programmiert", sagt die Evolutionsbiologin Sabine Paul, "auf optimales Wohlergehen und auf optimale Fortpflanzung." Paul ist eine ruhige Frau mit sanfter Stimme, ihr elfenhaftes Aussehen passt nicht zu ihren ernüchternden Thesen. Sie ist eine der Autoren des Buchs "Der Darwin-Code - Die Evolution erklärt unser Leben". Was die Aussicht auf dauerhafte Partnerschaften angeht, hat sie wenig Hoffnungsfrohes zu berichten.
"Unser genetisches Programm passt nicht mehr richtig zu unseren Lebensbedingungen", sagt Sabine Paul. Es beginnt schon damit, dass permanente Überforderung Frauen unattraktiv erscheinen lässt. Glanzlose Haare, fahle Haut, kein entspanntes Scherzen, kein Esprit. Das kommt bei Männern überhaupt nicht gut an. Nur gehört Überforderung längst zum Alltag, auch weil die meisten Leute zu viele Leute kennen. In der Steinzeit zogen die Menschen in Großfamilienverbänden umher, das waren überschaubare Gruppen. "Deshalb können wir uns nur von maximal 200 Menschen die Namen merken, alles darüber hinaus wird schwierig", sagt Sabine Paul.
Die Mobilität und das Internet bringen uns heute mit viel mehr Menschen zusammen. Und dem sind wir nicht gewachsen. Wir können uns nur noch schwer für einen Einzelnen entscheiden und verfallen in eine Art Dauersuche, weil wir unsere Überforderung strukturieren wollen durch die Hoffnung, es könnte ein noch passenderer Partner um die Ecke kommen. Ein Terror der Möglichkeiten.
Und wenn es doch gelingt, sich auf den einen Menschen festzulegen, erschwert die Steinzeit in unseren Genen eine lange Partnerschaft. Vor allem in der Mitte des Lebens kommen wir ins Schleudern, erklärt Paul, weil wir darauf programmiert sind, den perfekten Partner für die Fortpflanzung zu finden. Aber anders als in der Steinzeit sterben wir nicht mehr mit Mitte vierzig, sondern werden siebzig, achtzig Jahre alt, und so stehen wir, wenn die Kinder aus dem Haus sind, ratlos vor dem Vater dieser Kinder und fragen uns, was wir die nächsten dreißig Jahre mit dem anfangen sollen. "Wir haben kein genetisches Programm für die Partnerwahl in der zweiten Lebenshälfte", sagt Sabine Paul. Das muss ja nicht unbedingt eine schlechte Nachricht sein. Man kann noch mal nachdenken, ob es wirklich der Kerl mit der miesen Laune sein soll, und bleibt nicht der Spielball des eigenen Fortpflanzungstriebs.
Schwierig ist das für jene, die eine goldene Hochzeit erleben möchten. Die brauchen so eine Art Superpartner. Manche finden den auch. Nur hat die Romantik in Verbindung mit dem Biedersinn der fünfziger Jahre uns das Ideal der Liebe fürs Leben beschert. Und davon träumen wir nun. Aber auch wenn es schön wäre: Die Liebe fürs Leben bleibt eine Ausnahme. Noch ein Satz zum Unterstreichen.
Diese Tatsache wird die Gesellschaft in Zukunft noch stärker verändern, uns noch mehr Patchwork-Familien und höhere Scheidungsraten bescheren. Anders als die Generation der Großmütter bekommen Frauen nicht mehr lebenslänglich für eine unglückliche Ehe. Zum Glück. Wir treffen viele Menschen; unsere moralischen Vorstellungen haben sich gelockert; viele Frauen sind finanziell unabhängig; sie suchen sich einen Mann, einen nächsten und oft auch einen übernächsten Mann. Serielle Monogamie heißt das auch.
Was stört Frauen an Männern? "Männer achten viel zu sehr aufs Aussehen von Frauen. Dass sie sich nicht aufs Kinderthema einlassen, weil sie auch mit Ende vierzig noch Kinder zeugen können. Haare in der Nase, Haare in den Ohren. Wie heißt das so schön: "Verhaltensstarre bei verbaler Aufgeschlossenheit". Dass sie es nicht zugeben können, wenn sie einen Fehler gemacht haben. Sie verbringen zu viel Zeit mit Arbeit. Wenn sie zu allem ja und amen sagen. Lügen und Feigesein."
Die Soziologin Jutta Allmendinger gilt als Expertin für die Wünsche jüngerer Frauen in Deutschland. "Frauen denken ihr Leben oft von hinten", sagt Allmendinger, "sie fragen sich: 'Wie will ich mit sechzig dastehen?' Und daraus leiten sie ihre Vorstellungen ab." Für die Studie "Frauen auf dem Sprung" haben Allmendinger und ihre Mitarbeiter vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung im Jahr 2007 Frauen und Männer zwischen 17 und 19 und zwischen 27 und 31 ausführlich zu ihren Lebensvorstellungen befragt. Im Frühjahr vergangenen Jahres wurde die Studie unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise aktualisiert.
Allmendinger trägt ein Kostüm, auf Figur geschnitten, nicht das, was man unter zeitlos versteht. In einer Ecke ihres Büros stapeln sich Yogamatten. Drei Minuten höfliches Geplänkel, dann kommt sie zum Thema.
Partnerschaft und Familiengründung lassen sich für Frauen in Deutschland noch immer schwer mit einer Berufstätigkeit vereinbaren, diese Erkenntnis überragt alle anderen. Nur ist es den Frauen mittlerweile so wichtig, nach ihrer qualifizierten Ausbildung einen interessanten Arbeitsplatz zu finden, dass nur 25 Prozent der Frauen zugunsten der Partnerschaft auf einen beruflichen Aufstieg verzichten würden.
Viele haben ihre Mütter vor Augen, die nach 20 Jahren als Hausfrau, Schularbeitenhilfe und Köchin von ihren Männern verlassen wurden. Im Alter stehen sie ohne Partner da, oft ohne sinnvolle Beschäftigung und genügend Geld. Das neue Scheidungsgesetz verschärft diese Situation.
Ihre Töchter sind die Umbruchgeneration, geprägt von den ansteigenden Scheidungsraten in ihrer Kindheit und darauf angewiesen, Ideen zu entwickeln, wie man sonst noch leben kann, wenn das Ein-Verdiener-Kleinfamilien-Modell nicht funktioniert. Auch deshalb herrscht viel Verwirrung darüber, welcher Mann der Richtige sein könnte. Denn obwohl den Frauen ihre berufliche Karriere wichtig ist (fast 90 Prozent streben nach einem "möglichst selbstbestimmten" Leben), steht eine feste Partnerschaft noch immer ganz oben auf der Liste der Wünsche.
Frauen wollen die große Liebe, Familie und Erfolg im Beruf. Das ergibt ziemlich oft ein Bermudadreieck. Denn dafür brauchen sie dringend die Unterstützung ihrer Partner. Doch die meisten Männer machen da nicht mit. Auch das belegen die Zahlen von Jutta Allmendinger. Während die Frauen vor allem Männer suchen, die sich Zeit für ihre Partnerin nehmen, ist es den Männern am wichtigsten, dass ihre Frau gut aussieht. Das sind ehrliche Antworten. Und sie zeigen, wie breit der Graben ist zwischen den Zukunftswünschen von Frauen und Männern.
Noch Anfang der sechziger Jahre träumte die Mehrzahl einheitlich vom Haus im Grünen, von zwei Kindern, vom Papi, der das Geld nach Hause bringt, und Mami, die daheim alles richtet. Es hat sich viel verändert in sehr kurzer Zeit. Die Feinabstimmung zwischen den Geschlechtern steht erst noch bevor.
Und wie reagieren die Frauen? Sehr pragmatisch. Im Zweifel entscheiden sich manche erst mal für Karriere und Kinder, notfalls ohne Mann, denn für ein Baby und für einen Berufseinstieg ist man irgendwann einfach zu alt. Den Mann kann man theoretisch immer noch treffen. Theoretisch. Denn den Männern ist ja das Aussehen so wichtig, und Alter und Aussehen bilden auch nicht unbedingt ein Traumpaar.
"Das alles macht die Partnerwahl ungeheuer schwierig", sagt Allmendinger. Das macht einen dann kurz mal sprachlos. So schrecklich recht hat sie. Aber, so regt sich ein leiser Widerspruch, es gibt doch Paare. Glückliche sogar. Manche von ihnen haben Kinder. Einige sogar Sex. Und auch Festanstellungen.
Am Ende ist es vielleicht ganz einfach: Man muss sich nur verlieben. Trotz des Terrors der Möglichkeiten, ganz ohne Rücksicht auf Matchingpoints, Speeddating und die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie. Einfach nur so?
Das Erstaunliche ist ja, dass sich an den Gefühlen und Wünschen vieler Frauen seit Generationen nichts geändert hat. Die Welt um sie herum ist eine andere geworden, die Biografien von Frauen und Männern haben sich angeglichen, und Frauen sind anspruchsvoller geworden. Ihre Beziehungen und Ehen sollen aber nach wie vor romantisch oder zumin-dest äußerlich so sortiert sein wie in präfeministischen Zeiten. Da passt etwas nicht mehr zusammen.
Die Emanzipation hat den Frauen eine große Unabhängigkeit beschert. Und das Alleinsein. Kaum eine Frau empfindet das als Errungenschaft, im Gegenteil, viele schämen sich dafür. Das geht einher mit einer gesellschaftlichen Wahrnehmung, die in den fünfziger Jahren steckengeblieben ist: Alleinstehende Männer werden um ihre Ungebundenheit beneidet; alleinstehende Frauen haben keinen abgekriegt, sind bemitleidenswerte Geschöpfe, garantiert wahnsinnig kompliziert. Wäre ganz schön, wenn sich daran etwas ändern könnte.
Vielleicht ist es ein noch fehlender Schritt zur Emanzipation, das Alleinsein zu akzeptieren, zumindest in bestimmten Lebensphasen. Beziehungen haben sich verändert, das wesentliche Merkmal: Sie werden kürzer. Und wenn es doch irgendwann pling macht und das Herz klopft? Dann sollte man auch einen Mann mit 50 Matchingpoints in Erwägung ziehen und riskieren, dass die Liebe nur eine begrenzte Zeit dauern wird, vielleicht nur für acht Jahre oder sechs. Nicht mehr für immer und ewig. Es war dann aber hoffentlich eine gute Zeit.
Wie sollte ein Mann sein? "Kinderlieb. Wie George Clooney. Männlich. Nicht zu männlich. Er sollte sich für irgendetwas außer Fußball interessieren. Gut im Bett. Wäre schön, wenn er zuhören könnte und auch mal nachfragen würde. Er sollte einen besten Freund haben. Lustig. Er selbst."
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 45/2010
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