15.11.2010

AFFÄREN „Bullshit mit Bildchen“

Der Aktienhändler Tobias Bosler soll mit Hilfe etlicher Journalisten und Freunde die Kurse vieler Unternehmen manipuliert haben. Es ist der größte derartige Fall, und er untergräbt zugleich die Glaubwürdigkeit des deutschen Börsengeschäfts. Die Kleinanleger sind die Dummen.
Wenn's ums Geld geht, hört für viele die Freundschaft auf. Für andere allerdings beginnt sie damit erst. Ohne die Lust am Geld wären beispielsweise Tobias Bosler, Markus Straub und Oliver Janich vielleicht nie so dicke Spezln geworden, als sie Mitte der neunziger Jahre noch Wirtschaft studierten und sich an der Universität München regelmäßig im "Akademischen Börsenzirkel" trafen.
Hier ein paar Mark Spielgeld, da ein heißer Tipp - so ging das los mit der Freundschaft.
Als Bosler im Jahr 2007 heiratet, lädt er selbstverständlich auch seine zwei Kumpel ein. Die Mitglieder des Trios sind mittlerweile Ende dreißig, jeder hat Karriere gemacht: Janich veröffentlicht als freier Mitarbeiter von "Focus Money" regelmäßig Aktientipps, Straub ist Vizechef der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) und Bosler selbst, der Bräutigam, führt die TFB Capital, eine Firma, die in Aktien investiert.
Die drei verstehen sich blendend. Zu blendend. Denn am Ende wird sie ihre Geldgier vielleicht sogar in den Knast bringen. Der Vorwurf: Gemeinsam mit anderen soll das Trio über fünf Jahre hinweg die Aktienkurse von 20 Firmen manipuliert haben, um damit kräftig zu verdienen.
Vor sieben Wochen ließ die Staatsanwaltschaft München Wohnungen und Büros der drei Freunde sowie 27 weiterer Verdächtiger durchsuchen. Aber damit beginnt die Arbeit der Fahnder erst, denn es könnten noch weit mehr Fälle auftauchen.
Über 17 Millionen Euro sollen die Amigos mit ihren Deals in die eigenen Taschen gelenkt haben - nach bisheriger, eher konservativer Schätzung. Wenn sich die Vorwürfe bewahrheiten, wäre es der größte derartige Fall von Aktienmanipulation, den die deutsche Wirtschaftsgeschichte je erlebt hat. Die Dummen sind Zigtausende Kleinanleger, die noch immer darauf vertrauen, dass es an der Börse mit rechten Dingen zugeht. Und die glauben, dass vermeintliche Anleger-Gurus nur ihrem Gewissen verpflichtet sind, nicht ihrer eigenen Brieftasche oder ihren Freunden - was in dieser Affäre auf das Gleiche hinausläuft.
Die Kumpel Bosler und Straub sitzen seit der Großrazzia in Untersuchungshaft, ebenso wie Stefan Fiebach, ein Börsenjournalist, der systematisch jene Aktien hochgejubelt haben soll, die Bosler und seine Freunde zuvor erworben hatten.
Doch nicht nur Fiebach und Oliver Janich sind Börsenjournalisten. Bei den meisten der 30 Beschuldigten handelt es sich nach Informationen des SPIEGEL um Journalisten. Rechnet man die Verbreitung ihrer Medien zusammen, erreichten diese Autoren mehr als eine Million Leser.
Dabei war das Modell nach den bisherigen Ermittlungen in den meisten Fällen sehr ähnlich: Bosler sucht sich eine kleine Firma aus, für die sich sonst kaum jemand interessiert. Er kauft Aktien dieser Firma, seine Bekannten steigen mit ein, und anschließend beginnt die Medienarbeit: Von befreundeten Börsenjournalisten wurden die Werte systematisch hochgeschrieben, als "Hot Stock" empfohlen, als heißer Tipp, gern auch als spottbillig und Schnäppchen mit riesigem Potential.
So was weckt immer auch die Gier der Leser, die den Börsentipps glauben, weil die Euphorie schließlich nicht nur in "Focus Money" verbreitet wurde, sondern auch vom "Aktionär", von "Performaxx", Wallstreet-Online und dem "Small Cap Trader", ebenso wie im "International Stock Picker", im "Traders Journal" und im "Aktieninvestor", in "Swiss Trading" oder wie die Börsenbriefe und Publikationen sonst noch alle heißen, die ihren Lesern das schnelle Geld versprechen.
Eines der Blättchen mag ja irren, aber so viele? Also steigt der Kurs der bejubelten Papiere - für Bosler und seine Freunde der richtige Moment, ihre zuvor günstig erworbenen Papiere teuer zu verkaufen, bis irgendwann klar wird, wie wenig Substanz sich hinter den gefeierten Firmen verbirgt. Oft stürzt der Kurs daraufhin ins Bodenlose. Die Zockerkumpel sind da schon längst weitergezogen.
Sie sind auch die Einzigen, die rechtzeitig satten Gewinn einstreichen konnten: Im Schnitt 34 Prozent auf ihr eingesetztes Kapital, meist innerhalb weniger Tage oder Wochen, glauben die Ermittler.
Wie so ein Deal funktioniert, sieht man am Fall von Rubincon Ventures, einer kleinen Nanotech-Firma aus den USA, in deren Zukunft kaum jemand investierte. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass zumindest Fiebach bis März 2006 Aktien von Rubincon gekauft hat. Der Kurs stand damals bei etwa einem Euro. Dann dreht sich das Empfehlungskarussell.
Der "International Stock Picker" (ISP), ein von Stefan Fiebach herausgegebener Börsenbrief, preist sich selbst als "Aktien-Wegweiser" an: "Wir entdecken unterbewertete Aktien meist sehr viel früher als andere Börsenbriefe." Am 28. März 2006 feiert er Rubincon als die "Nano-Tech Aktie 2006".
Einen Tag später erscheint auch "Focus Money". Dort feiert Boslers Freund Janich die Firma als "Hot Stock". Zwar sei von Rubincon "kaum etwas bekannt", doch vor kurzem hätten Investoren fünf Millionen Dollar in die Firma gesteckt und einen führenden Nanotech-Experten als Berater gewonnen. Janich hält diese Meldungen für "pures Dynamit" und schwärmt: Nach oben sei "der Himmel naturgemäß offen", und "Nano-Firmen werden in der Regel mit mehreren hundert Millionen Euro bewertet".
Drei Wochen später folgt der "Aktieninvestor", ein Börsenbrief, für den Robert Burschik als Chefredakteur verantwortlich ist. Burschik lässt sich auf seiner eigenen Homepage als "bekannt aus n-tv, 3sat-Börse und N24" feiern. Auch er gehört zum Kreis der Bosler-Buddys, auch er war zu dessen Hochzeit und zu Boslers Sommerfest 2007 eingeladen.
Burschiks "Aktieninvestor" sieht die Winzfirma Rubincon schon zu einem "Nanotechnologie-Konzern" aufsteigen. Obwohl die Aktie bereits teurer geworden sei, biete "das aktuelle Kursniveau noch eine interessante Einstiegschance".
Der Journalist Fiebach gab neben dem "International Stock Picker" auch den Börsenbrief "Small Cap Scout" ("SCS") heraus, der die US-Firma am 20. Juni 2006 ebenfalls empfiehlt. Einen Monat später rät auch "Performaxx" zum Kauf.
Könnten die gemeinsamen Empfehlungen auch Zufall sein, weil viele Experten eben zur gleichen Zeit zu einem gleichen Urteil kommen? Möglich wäre das schon. Im Fall der Bosler-Clique deutet aber zu vieles auf gezielte Absprachen hin.
Auf Boslers Laptop etwa fanden Ermittler eine detaillierte Planung der Positivartikel unter Nennung aller Beteiligten. Dabei ging es um eine kleine Ölfirma namens Petrohunter, die von der Clique ebenfalls hochgeschrieben wurde.
In einer E-Mail vom 26. April 2006 schreibt Bosler: "Denkt daran: Das Teil kann locker über 10 USD (US-Dollar -Red.) gehen, wir müssen da alle nur an einem Strang ziehen!!!" Wenige Tage später schreibt er erneut eine E-Mail an die beteiligten Journalisten: "Ziel ist eine kontinuierliche Berichterstattung zu dieser Traumaktie aufzubauen."
Eine besonders verräterische E-Mail schreibt nach den Ermittlungen der Journalist Fiebach am 23. November 2006 an Bosler. Darin beklagt er sich, noch immer kein Geld für die "Projekte Rubincon und Solarenertech" erhalten zu haben. "Wir haben im SCS 14 Abhandlungen über Rubincon ab Mitte März gemacht. (…) Damit gilt für mich die Arbeitsleistung als erbracht. Wenn hier Deine Geschäftspartner meinen, nicht gut bedient worden zu sein, dann empfinde ich das als Frechheit. (…) Dein Geschäftsprinzip ist es ja gerade, alles schön anonym zu halten." Und weiter jammert er: "Es sind Millionen von Aktien von Rubincon über die letzten Monate verkauft worden. Es sind Promo-Touren gemacht worden, die ich bezahlt habe. Ich habe mich hingesetzt und alles geschrieben (…). Es haben alle ihr Geld bekommen und alle haben prächtig verdient an diesem Deal. Deine Geschäftspartner, die ihre Aktien verkauft haben, alle die von mir bezahlt worden sind (…). Mir fehlen ca. 50 000 - 80 000 Euro aus diesen beiden Geschäften in meinem Geldbeutel (…). Dass es mir nicht an Loyalität fehlt, siehst du an vielen Dingen. Jede Woche gehen die Sachen raus! Du bist der Spiritus Rector! Nicht eine Aussendung verlässt ohne Deine Einwilligung das Account. Ich habe, seit wir zusammenarbeiten, über 1,5 Mio CHF (Schweizer Franken -Red.) an Gelder zur Weiterleitung erhalten! Nie gab es irgendwelche Beanstandungen! Alle haben ihr Geld erhalten! Das läuft alles lautlos ab!"
Fiebachs Ärger scheint aber bald verraucht zu sein, die Kooperation zwischen Bosler, der die Aktien aussucht, und Fiebach, der die Werbung organisiert, läuft weiter wie geschmiert. Nach Erkenntnissen der Ermittler nutzte Bosler dabei rund ein halbes Dutzend anonyme Mail-Namen wie "barnabus05", "digitaleco", "michael-mayer-007" oder Pseudonyme wie "Conni Huber" und "Peter Müller". Und der Zirkel wird immer mutiger.
Einen ihrer größten Deals startet die Clique im Jahr 2006 bei Nascacell. Auch diese Biotec-Firma kennt zunächst fast niemand. Nach den Ermittlungen deckt sich diesmal neben den üblichen Akteuren eine ganze Medien-Phalanx mit Nascacell-Aktien ein: Der frühere "Performaxx"-Chef Christian Jüptner, Wallstreet-Online-Vorstand André Kolbinger und der Chef des Börsenbriefes "Small Cap Trader". Mit im Spiel waren auch Markus Straub und Christoph Öfele, ausgerechnet zwei Funktionäre der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), die sich eigentlich als Anwälte der Kleinaktionäre verstehen sollten.
Den Start gab erneut Fiebachs "International Stock Picker", einen Tag bevor Nascacell an die Börse kam: "Das Kursziel sehen wir bei 20 Euro." Einen Tag später nahm TV-Experte Burschik Nascacell in ein Musterdepot seines Börsenbriefs "Swiss Trading" auf, und "Performaxx" sah einen "fairen Aktienkurs" bei 14,54 Euro. Für "Focus Money"-Mann Janich war Nascacell ebenfalls ein ganz heißer Tipp: "Für Anleger ist dies die einmalige Chance, zu Schnäppchenpreisen an die Aktie zu kommen."
Wer sich an Janichs Tipp hielt, konnte mal wieder richtig viel Geld verlieren. Seit seiner Empfehlung ging die Aktie in den Sinkflug über, aber das musste Bosler und seine Freunde nicht kümmern. Sie hatten nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft zu diesem Zeitpunkt ihre Wertpapiere bereits wieder verkauft.
Bosler hatte für die positive Berichterstattung zwar ein paar Kosten, jedenfalls findet sich in seinem BlackBerry unter dem 11. Mai 2006 die Notiz: "handgeld fuer analysten". Doch unterm Strich war der Gewinn aus diesem Deal großartig: Allein er, Straub und Öfele sollen bei Nascacell jeweils rund eine Million Euro verdient haben.
Wer als normaler Leser die Börsentipps zum Anlass nahm, ebenfalls einzusteigen, erlebte dagegen ein Fiasko: Der Kurs startete bei acht Euro am ersten Handelstag, Ende des Jahres war das Papier weniger als einen Euro Wert, Anfang 2010 pendelte die Aktie um vier Cent. Im letzten Monat wurde der Wert schließlich von der Börse genommen, das Unternehmen aufgelöst.
Im Fall Nascacell arbeitete die Staatsanwaltschaft eng mit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zusammen, denn die kann bis 1996 zurückverfolgen, wer wann wie viele Aktien gekauft oder verkauft hat. Wer etwas zu verbergen hat, handelt zwar oft über Depots im Ausland. Doch selbst die Schweiz zeigt sich in der Regel nach einer Weile kooperationsbereit.
Im Januar 2007 leitete die Münchner Staatsanwaltschaft eine Strafanzeige gegen Fiesbach an die BaFin weiter. Die Untersuchungen förderten schnell mehr als ein halbes Dutzend weiterer Verdächtiger zutage. Mit Hilfe der BaFin-Erkenntnisse konnte die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen ausweiten auf ähnlich dubiose Geschäfte rund um Firmen wie Petrohunter, Splendid Medien, Barnabus, Medec, Tiptel, Hucke, 3S Swiss Solar, New Value, Convisual, Solar Millennium, Rubincon, Cinemedia, Berentzen, Solar Enertech, Thielert, Metrodome, Dolphin, Conergy, Lifejack und Wirecard.
Deshalb wissen die Ermittler heute ziemlich genau, wer wie viel mit dem Kauf der Aktie verdient hat. Zurzeit wird der Handel weiterer Aktien geprüft. "Die Zahl der verdächtigen Transaktionen ist enorm", sagt einer der Ermittler. Die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Anzeigen erfolgen, ist sehr hoch.
Doch warum veröffentlichen Börsenjournalisten "Tipps", bei denen ihre Leser Geld verlieren? Einmal verzeihen die Leser das vielleicht. Aber zweimal? Dreimal? Zehnmal? Selbst den Börsen-Autor Fiebach beschlichen bisweilen düstere Ahnungen, was aus seiner Glaubwürdigkeit werden könnte. Ende November 2006 mailte er an Bosler: "Unsere Leser sind gar nicht in der Lage, Geld zu verdienen; deshalb werden sie sich auch von uns abwenden (...). Von 10 Empfehlungen haben sich 9 nach hinten entwickelt: Von Hucke (letzte Woche pleite gegangen) über Nascacell (-90 Prozent innerhalb von 2 Monaten) über Barnabus (-50 Prozent) über… über… etc. Diese Liste lässt sich unendlich fortsetzen, es war alles der schnelle Deal! Von Nachhaltigkeit keine Spur. Alle ,synthetischen Deals' sind ausnahmslos in die Grütze gegangen. Wir sind damit der perfekte Kontraindikator (…). Es läuft immer gleich ab: die Aktien steigen, wenn überhaupt, leicht an, jeder entsorgt seinen Müll und dann geht die Aktie auf Tauchfahrt (…) wenn unsere Leser investiert sind, gibt es keine Investoren mehr, die nachkommen. Klar - wer will auch solche Aktien!"
Bis Ende 2007 hatten Bosler & Co. vor allem auf steigende Kurse kleiner, unbedeutender Aktien gesetzt. Dann änderten sie ihr Geschäftsmodell und versuchten verstärkt, auch von fallenden Kursen zu profitieren, zum Beispiel beim Hamburger Solarunternehmen Conergy.
Anfang Oktober 2007 bekam Bosler von einem Mitarbeiter der Conergy-Finanzabteilung einen Hinweis, dass die Firma eine Gewinnwarnung plane. Bosler soll diesen Hinweis an Freunde weitergegeben und auf fallende Kurse spekuliert haben. Insgesamt strich die Clique im Fall Conergy nach den bisherigen Ermittlungen 1,1 Millionen Euro ein.
Sogenannte Leerverkäufe sind in der Finanzwelt ein übliches Mittel. Im Prinzip funktionieren sie so: Man leiht sich etwa von einer Bank 1000 Stück Aktien, die man aber erst zu einem späteren Zeitpunkt zum dann gültigen Kurs zurückgeben muss. Verkaufen kann man die 1000 Aktien aber sofort. Wenn der Kurs bei 100 Euro steht, erzielt man auf diese Weise 100 000 Euro. Wenn dann die Aktie in zwei Monaten, also zum Ende der Leihfrist, nur noch 80 Euro Wert ist, muss man nur noch 80 000 Euro bezahlen, um der Bank ihre Aktien zurückzugeben - macht also einen Gewinn von 20 000 Euro. Börsenhändler können auf diese Weise mit fallenden Kursen große Geschäfte machen, ganz legal.
Ihr Meisterstück lieferte die Truppe im Jahr 2008 ab: Anfang Mai erschien auf der Internetseite Wallstreet-Online der anonyme Leserbrief eines gewissen "Memyselfandi007". Unter der Rubrik "Top-Wachstumswert oder nur heiße Luft" attackiert der Autor die Bilanz von Wirecard, einem Zahlungsdienstleister mit damals 460 Mitarbeitern und 134 Millionen Euro Umsatz. Der Artikel schmäht das Wirecard-Rechenwerk als "Bullshit mit bunten Bildchen" und wirft dem Vorstand "Ausplünderung" des Unternehmens vor.
Die Polizei hat "Memyselfandi007" inzwischen ausfindig gemacht, mit dem Netz um Bosler hat er offenbar nichts zu tun. Doch sein Beitrag animierte die Freunde, ihren größten Coup zu starten.
Offenbar von Mitte Mai 2008 an wettete Bosler im großen Stil auf fallende Kurse bei Wirecard. Mit von der Partie gewesen sein sollen auch die SdK-Funktionäre Straub und Öfele, der im selben Gebäude wie die SdK seine Firmen CHO und WAI GmbH betreibt. Wenig später weihten die Rädelsführer Banker und Investoren ein und starteten eine PR-Offensive gegen die Firma.
Straub schaffte es, SdK-Vorstandschef Klaus Schneider einzuspannen. Mitte Mai 2008 soll er Schneider erstmals per SMS darauf hingewiesen haben, dass die Wirecard-Bilanz vermutlich falsch sei. Schneider ließ sich überzeugen - und stellte der Führung des Unternehmens auf der Hauptversammlung am 24. Juni 2008 rund drei Dutzend kritische Fragen.
Nach eigenen Angaben wusste der SdK-Chef nicht, dass sein Vize da bereits auf fallende Kurse spekulierte. Doch die Ermittler verdächtigen auch ihn.
Schneider schickte am 17. Juni, wenige Tage vor der offiziellen Hauptversammlung, eine E-Mail an Straub, in der er ihn nach den Möglichkeiten fragte, mit denen man von fallenden Wirecard-Kursen profitieren könne. Ein SdK-Sprecher weist den Verdacht zurück, Schneider könne sich selbst bereichert haben. Der SdK-Chef habe sich mit Hilfe von Straub im Vorfeld der Hauptversammlung lediglich einen Überblick verschaffen wollen, ob am Markt schon verstärkt auf fallende Wirecard-Kurse gesetzt werde.
Wirecard selbst war so erbost über die Angriffe, dass die Firma schließlich Strafanzeige gegen Bosler, Straub, Schneider und andere wegen des Verdachts auf "Insiderhandel und Marktmanipulation" erstattete. Wirecard hatte sich offenkundig Informationen über die Aktiendeals der Beteiligten verschafft - auf welche Weise, will sie nicht verraten. Gut eine Woche später rückt jedenfalls die Staatsanwaltschaft an. Das hinderte die Truppe um Bosler allerdings nicht, Wirecard im Frühjahr 2010 erneut zu attackieren. Insgesamt soll das Freundesnetz bei Wirecard 7,2 Millionen Euro Gewinn gemacht haben.
Keiner aus der Clique soll indes von den Manipulationen so profitiert haben wie Bosler, den sie mal "Spiritus Rector" und mal einfach "Kapitän" nannten. Nach einer Schätzung der Ermittler kassierte er mit den bisher untersuchten 22 Fällen von Aktiendeals 13,6 Millionen Euro.
Bosler pflegte vermutlich auch den aufwendigsten Lebensstil des Zockerzirkels und leistete sich eine 20-Meter-Yacht, die zwischen Mallorca und Ibiza kreuzte. Er lebte in Kitzbühel in Österreich, wo er in den vergangenen Jahren regelmäßig seine "Kapitalmarkt-Konferenz" veranstaltete, standesgemäß im feinen Grand Spa Resort A-Rosa.
Dieses Jahr kam sogar Deutschlands bekanntester Börsenmakler Dirk Müller vorbei, allerdings nur als Gast, wie er betont, und ohne Honorar. Müller, bekannt als "Mr. Dax", gibt inzwischen selbst einen Börsenbrief namens "Cashkurs Trends" heraus. Als Redakteur findet sich im Impressum Daniel K., der nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft ebenfalls zum Netz gehört. Auch er war zu Boslers Hochzeit eingeladen, auch er soll in fünf Fällen im "Traders Journal" und "Betafaktor" für die Aktien getrommelt haben.
K. bestreitet eine Beteiligung, niemals habe er für seine Aktientipps Geld von Bosler erhalten. Auch Dirk Müller beteuert, mit der Truppe nichts am Hut zu haben. Er ärgere sich inzwischen selbst, die Einladung nach Kitzbühel angenommen zu haben, und sagt, es störe ihn seit Jahren, wie Börsenjournalisten bestimmte Aktien hochschrieben, ohne dass klar sei, weshalb sie das täten. Wenn stimmt, was der Bosler-Clique vorgeworfen wird, sei das eine "Schweinerei", die die "Investitionskultur kaputtmacht".
Mr. Dax kann sich da richtig echauffieren: "Die normalen Leute werden nicht mehr an die Börse gehen, sie werden keine Aktien mehr kaufen und sich am Ende mit den paar Prozent zufriedengeben, die es aufs Sparbuch gibt. Das ist doch das Schlimmste, was passieren kann."
Und was sagen die anderen? Die Anwälte von Bosler und Fiebach beantworten mit Hinweis auf das laufende Ermittlungsverfahren keine Fragen. Öfele und Burschik wollen derzeit keine Angaben machen. André Kolbinger will sich nicht zu Details äußern, geht aber davon aus, dass "kein Fehlverhalten von Organen und Mitarbeitern der Wallstreet-Online AG vorliegt". "Der Aktionär" teilt mit, der beschuldigte Mitarbeiter habe eidesstattlich versichert, "dass er mit der Angelegenheit nichts zu tun habe".
Oliver Janich antwortet per E-Mail, er habe "niemals Aktien in ,Focus Money' empfohlen, von denen ich wusste, dass Herr Bosler sie besitzt". Zur Frage, ob er für seine Empfehlungen Geld erhalten habe, schreibt er: "Der Vorwurf ist absurd (...). Ich empfehle Aktien nicht, weil ich von irgendjemand Hinweise bekomme, sondern recherchiere selbst." Der Anwalt von Markus Straub reagierte nicht auf die Fragen des SPIEGEL.
Janich pflegt heute als Vorsitzender der "Partei der Vernunft" ganz andere Verschwörungstheorien. Völlig frei von Selbstironie hat er vor wenigen Wochen ein Buch vorgelegt mit dem Titel: "Das Kapitalismus-Komplott. Die geheimen Zirkel der Macht und ihre Methoden".
Sein eigenes Spezl-Netz hätte wunderbar hineingepasst. Doch in diesem Buch sucht man es vergebens.
Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet .
Von Deckstein, Dinah, Grill, Markus, Pauly, Christoph

DER SPIEGEL 46/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 46/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFFÄREN:
„Bullshit mit Bildchen“