15.11.2010

ARBEITSMARKTLockruf Ost

Fachkräftemangel ist kein düsteres Zukunftsszenario mehr. Vor allem in Ostdeutschland ringen Firmen schon heute um Personal. Die Not macht erfinderisch - und großzügig.
Am meisten freut sich Olaf Kühn über seinen Arbeitsplatz, wenn er morgens auf der Perlenkette unterwegs ist. So nennen sie hier die A 73, die sich früh und abends mit Autos füllt, scheinwerferfunkelnd und eng gefädelt - wie eine Perlenkette eben.
Tausende Job-Pendler nutzen die Strecke, die vom thüringischen Arnstadt ins bayerische Coburg und weiter nach Nürnberg führt. "An den kilometerlangen Staus fahre ich jedes Mal vorbei", grinst Kühn. Er fährt quasi gegen den bisherigen Trend an - von West nach Ost: Jeden Morgen gegen sechs Uhr macht sich Kühn auf den Weg von Bayern nach Thüringen.
In Eisfeld, südlich von Suhl, arbeitet Kühn beim Carl-Zeiss-Nachfolgebetrieb Analytik Jena als CNC-Programmierer. Der 48-Jährige lebt bei Coburg in Oberfranken und war bis 2008 auch dort beschäftigt. Doch Analytik-Jena-Betriebsleiter Reinhard Jacob warb ihn ab. "Ein Jahr hab ich gebohrt, dass er kommt", sagt Jacob. "Hier gab es einfach nicht genügend gute Leute."
Kühn verdient genauso viel wie in Bayern, obwohl die Löhne im Osten im Allgemeinen noch immer deutlich unter Westniveau liegen. Fachkräfte wie er sind gefragt wie selten zuvor. Angesichts des neuentfachten Wirtschafts-Booms werden sie um- und abgeworben. Die Firmen müssen sich etwas einfallen lassen.
Besonders kreativ müssen dabei Unternehmen in Ostdeutschland sein, das in diesem Fall mal dem Rest der Republik voraus ist: Zwischen Rügen und Plauen lässt sich bereits jetzt jener Mangel an Fachkräften studieren, den die westlichen Bundesländer erst in rund zehn Jahren in seiner ganzen Dramatik erleben werden.
Im dritten Quartal des Jahres stieg die Zahl der offenen Stellen gesamtdeutsch gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum um 19 Prozent auf 986 000, der Trend wird sich 2011 verstärken. Dass zur gleichen Zeit rund drei Millionen Menschen arbeitslos gemeldet waren, löst das Problem nicht.
"Mismatch" nennen es die Arbeitsmarktforscher, wenn ein Arbeitsloser keine der angebotenen Stellen bekommt. Entweder hat er die falsche Qualifikation oder gar keine, ist zu alt oder zu wenig mobil oder aus anderen Gründen nicht geeignet. Weiterbildung und teure Qualifizierungsmaßnahmen helfen da allenfalls mittelfristig.
Unter Wissenschaftlern herrscht dennoch bislang keine Einigkeit bei der Frage nach dem Fachkräftemangel. So erklärt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer neuen Studie das Thema gar zur "Fata Morgana". Für ein generell knappes Arbeitskräfteangebot ließen sich "keine Belege finden". Beispielsweise seien die Löhne für Fachkräfte kaum gestiegen, zudem sei die Zahl der Arbeitslosen mit Qualifizierung größer als die Zahl der offenden Stellen.
Auch angesichts der steigenden Zahl von Studierenden in naturwissenschaftlich-technischen Berufen sei nicht mit einem Mangel zu rechnen. Allerdings räumt auch die DIW-Studie ein, dass in besonders wachstumsstarken Gebieten, aber auch in großen Teilen Ostdeutschlands Engpässe beim Arbeitskräfteangebot entstehen könnten.
Dass der Fachkräftemangel schon heute keine Fiktion ist, belegt dagegen eine interne Befragung der Bundesagentur für Arbeit bei ihren 176 Arbeitsagenturen. Zwei Drittel berichten von erheblichen Engpässen in vielen Bereichen. Im Juli kamen auf eine offene Stelle rechnerisch 7,5 Arbeitslose. Von einem Engpass spricht man, wenn diese Relation unter 3 sinkt. Das Papier listet 16 Berufsgruppen auf, von Installateuren über Ingenieure bis zu Ärzten, bei denen die Probleme besonders krass ausfielen.
Im Mikrokosmos Südthüringen lässt sich besonders eindrucksvoll beobachten, was für Teile des Ostens symptomatisch ist. Insbesondere entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze und in den Leuchtturmregionen um Dresden, Jena oder Potsdam. Allein im Agenturbezirk Suhl stieg die Zahl der offenen Stellen im Oktober um 48,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat an. Die Arbeitslosigkeit liegt mit 6,7 Prozent im Durchschnitt des Westens. Mittlerweile gibt es knapp 16 000 Pendler, die täglich von West nach Ost zur Arbeit fahren.
Vom demografischen Wandel ist der Osten früher und stärker betroffen als der Westen - aus mehreren Gründen. Weil die Ostdeutschen nach der Wende in eine Art Zeugungsstreik traten, hat sich die Geburtenrate dort zeitweise fast halbiert. In der Folge steigen bereits seit 2006 deutlich weniger junge Menschen in das Berufsleben ein.
Zudem wandern noch immer vor allem junge Leute in den Westen ab. Seit 1990 verloren die Länder im Osten rund 1,5 Millionen Arbeitskräfte. Hält diese Entwicklung an, wird sich die Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 64 Jahren im Osten bis 2050 auf 4,5 Millionen halbieren. Gleichzeitig gehen große Kohorten älterer Jahrgänge in den Ruhestand.
In Südthüringen kam es bereits in diesem Jahr zu einem historischen Wechsel. Jahrzehntelang war dort die Zahl der Schulabgänger höher als die Zahl der Ausbildungsplätze. Jetzt ist es erstmals umgekehrt.
Während im Westen im Handwerk noch 4,4 Prozent mehr Lehrlingsverträge als im vergangenen Jahr geschlossen wurden, sind es im Osten bereits 1,7 Prozent weniger - trotz Ausbildungspakt. Es gibt schlicht nicht mehr genügend junge Leute. Die Betriebe fahnden deshalb nicht nur nach Facharbeitern, sondern auch schon nach Auszubildenden im Westen.
"Ich hatte kein Problem damit, in den Osten zu gehen", sagt Linda Duwe. "Ich wollte ohnehin von zu Hause ausziehen, da war es mir egal, wohin." Die 20-Jährige aus Einbeck bei Göttingen wollte unbedingt Druckerin werden, Fachrichtung Digitaldruck. Rund 30 Bewerbungen hat sie rausgeschickt, am Ende wählte sie das beste Angebot - und das kam aus dem thüringischen Ilmenau.
Bei der Firma EDU-Con, einem kleinen Weiterbildungsfachverlag, lernt Duwe seit drei Monaten ihren Wunschberuf. "Wir sind froh, dass Linda gekommen ist", sagt Geschäftsführerin Kristin Schlötel. "Wir hätten sonst echt Mühe gehabt, diesen Ausbildungsplatz zu besetzen." Im Vergleich zum letzten Ausbildungsdurchlauf vor drei Jahren hat sich die Zahl der Bewerbungen bei EDU-Con etwa halbiert.
Die Entwicklung belegt, dass der Fachkräftemangel kein konjunkturelles Problem mehr ist, sondern ein strukturelles. Gutausgebildete Menschen werden zum wichtigsten und zugleich knappsten Kapital einer modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. Das gilt nicht nur für Deutschland, doch in kaum einem anderen Land weltweit ist die Perspektive vergleichsweise dramatisch.
Bereits ab 2012 wird die Zahl der 20- bis 64-Jährigen deutlich abnehmen. Ökonomen nennen diese Gruppe das Erwerbspersonenpotential. Es sind all jene, die dem Arbeitsmarkt einer Volkswirtschaft theoretisch zur Verfügung stehen. Im Jahr 2030 werden es 6,3 Millionen Menschen weniger als heute sein.
Für die Beschäftigten sind die Folgen zunächst angenehm: Das Lohnniveau wird insgesamt steigen, die Lohnkluft zwischen Ost und West wird sich schließen. Dies erwartet nicht nur das Ifo-Institut Dresden. Gerade "bei Neueinstellungen werden die Löhne explodieren", sagt der Betriebssoziologe Burkart Lutz. Insgesamt werde es eine "erhebliche Erhöhung der Durchschnittslöhne" geben. Doch zugleich birgt der Fachkräftemangel gerade für die ostdeutschen Betriebe "ein erhebliches Krisenpotential", sagt Lutz. Im schlimmsten Fall drohe "eine weitere Deindustrialisierungswelle".
Yvette Töpfer musste sich da im Kleinen schon einiges einfallen lassen. Die resolute Frau ist Geschäftsführerin der Firma Glasbearbeitung + Beschichtung Neuhaus, die unter anderem Leuchtmittel für die Automobilindustrie mit temperaturunempfindlichen Farben überzieht. Zuletzt stagnierte der Betrieb. Weil Töpfer keinen richtigen Forschungs- und Entwicklungsleiter hatte, blieben Innovationen aus. Zwei Jahre suchte sie in der Region. Erst, als sie einen Headhunter beauftragte, wurde sie fündig - im Westen. Am Ende stach sie sogar Konzernriesen wie BASF aus, wo ihr neuer Mitarbeiter auch hätte anfangen können. Markus an der Heiden zog mit seiner Familie von Darmstadt nach Neuhaus, wo dem promovierten Chemiker nicht nur mehr Gage geboten wird, als er im Westen hätte verdienen können, ihm wurden während seiner Probezeit die Wohnungskosten finanziert und die Heimfahrten. Als seine Frau nachkam, organisierte die Firma den Kindergartenplatz und übernimmt nun auch dafür die Kosten.
So viel Fürsorge ist bislang selten. Wenn es nicht gelingt, den Bevölkerungsschwund durch eine höhere Erwerbsquote bei Frauen und Älteren sowie die Zuwanderung von ausländischen Profis zu schließen, droht der gesamten Bundesrepublik eine Abwärtsspirale. Dabei kann man nicht sagen, das Thema sei nicht in der Politik angekommen
Nahezu alle Ministerien der Bundesregierung sind aktuell in acht Arbeitsgruppen involviert, die sich in irgendeiner Weise mit dem Fachkräftemangel beschäftigen. Der Sachverständigenrat hat in seinem Herbstgutachten gerade wieder auf die Wichtigkeit der Fachkräftefrage hingewiesen. Auch fehlt es nicht an Vorschlägen in der aktuellen Debatte - allenfalls an konkreten Beschlüssen.
Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) will Kriterien für Zuwanderungswillige, am liebsten nach einem Punktesystem. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) setzt auf eine höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen und Älteren sowie darauf, Migranten besser zu qualifizieren.
Es ist eine Diskussion, die noch immer so tut, als ginge es allenfalls darum, sich zwischen verschiedenen Alternativen entscheiden zu können. Dabei muss die Politik alle Instrumente nutzen, um dem drohenden Mangel an ausgebildeten Arbeitskräften künftig erfolgreich zu begegnen.
Deutschland steht in einem internationalen Wettbewerb um die Ressource Fachkraft. Unter den internationalen Managern liegt die Bundesrepublik weltweit zurzeit unter den Talentschmieden auf Rang vier, hinter den weit bevölkerungsstärkeren Staaten China, USA und Indien.
Da muss um jeden gebuhlt werden wie um den Coburger Programmierer Kühn, der seinen Wohnsitz bald endgültig nach Ostdeutschland verlegen will. Allerdings nicht nach Eisfeld, wo er jetzt arbeitet, sondern in die Nähe von Potsdam. Bei Analytik Jena wird er kündigen - aus Brandenburg hat er ein noch besseres Angebot bekommen.
Von Markus Dettmer, Alexander Neubacher und Janko Tietz

DER SPIEGEL 46/2010
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