15.11.2010

KIRCHELimburger Leidkultur

Einer der jüngsten deutschen Bischöfe kämpft für alte katholische Werte. Im einst liberalen Bistum Limburg fährt er einen autoritären Kurs, der heftigen Widerstand auslöst.
Weihrauchschwaden vernebeln die Sicht, das Goldbrokatgewand funkelt matt, wenn Franz-Peter Tebartz-van Elst im Limburger Dom zur Kanzel schreitet. Durch ihn spreche Gott, sagt der Bischof. Manchmal stellt er ausdrücklich fest: "Das waren nicht meine Worte, das waren Seine."
Tebartz-van Elst, 50, ist einer der jüngsten deutschen Bischöfe und für manche die derzeit größte Hoffnung: als Mann der Antimoderne, einer mit dem Ideal der "marianischen Berufung", der fromme Traditionen wiederbelebt und den weltlichen Zeitgeist bekämpft.
Gern kritisiert das Sprachrohr Gottes den auch von Papst Benedikt XVI. geschmähten "Relativismus" westlicher Gesellschaften, deren "Endzeitstimmung" und die "Hysterie" der Medien. Scharf wies Tebartz-van Elst Bundespräsident Christian Wulff (CDU) zurecht. Keineswegs gehöre "der Islam" zu Deutschland - vielmehr gründe unser Rechtsstaat auf "christlicher Leitkultur", unser Konzept von Ehe und Familie auf "biblischen Überzeugungen".
Solche Töne waren im Klerus länger nicht zu hören. Schon seit einiger Zeit haben dort die Konservativen geschwächelt. Ihr intellektueller Führer, Kardinal Joachim Meisner aus Köln, geht bald in Pension, Haudrauf-Bischof Walter Mixa wurde erst einmal ins Kloster verbannt, der Regensburger Oberhirte Gerhard Ludwig Müller - zeitweise ein Nachwuchsstar - hat sich durch Nazi-Vergleiche ins Abseits manövriert. Zudem lähmt seit bald einem Jahr der Missbrauchsskandal die Geistlichkeit.
In diese personelle und programmatische Leere stoßen nun junge Neokonservative aus der zweiten Reihe vor, die freiwerdenden Prestige-Bistümer wie Köln, Berlin oder Mainz fest im Blick. Allen voran Tebartz-van Elst, ein für bischöfliche Verhältnisse sehr jugendlicher Charismatiker mit glattem Gesicht, von dem sich rechte Katholiken eine Art Guttenberg-Effekt für ihre Kirche erhoffen.
Traditionsprogramme wie seines stoßen im Vatikan auf Wohlgefallen. Doch an der Basis spitzt sich der Konflikt zwischen frommer Klerikerkirche und weltoffenen Gemeinden zu. Viele Gläubige und altgediente Seelsorger verzweifeln am hierarchisch-weihevollen Stil, der nun aus Rom und den Priesterseminaren in etlichen Diözesen einzieht.
In Limburg lässt sich dieser Trend gut beobachten. Das Bistum mit seinen rund 668 000 Katholiken galt bis 2008 als liberal und weltoffen; Franz Kamphaus, der damalige Hirte, überließ den bischöflichen Wohnsitz Asylbewerbern und lebte bescheiden im Priesterseminar. Die Mitra, den würdevollen Bischofshut, trug er ungern: "Es fällt mir schwer, darunter Mensch zu bleiben." Zu Terminen fuhr er mit einem alten Golf durch die Stadt.
Nachfolger Tebartz-van Elst legte sich einen schwarzen BMW mit abgedunkelten Scheiben zu, der mit dem Hinweisschild "Bischof von Limburg" vor kirchlichen Einrichtungen in der Fußgängerzone auf ihn wartet. Drei Nummernschilder, die aus Sicherheitsgründen ständig gewechselt werden, unterstreichen die Bedeutung Seiner Exzellenz.
Zügig machte er sich daran, seine Diözese auf Kurs zu bringen. Protagonisten der Kamphaus-Kirche verloren ihre Posten oder suchten freiwillig das Weite. Schützenhilfe gab es von seinem väterlichen Ratgeber Meisner aus Köln, der seinen Zögling in das Amt eingeführt hat und regelmäßig telefonisch berät. Von ihm bekam Tebartz-van Elst auch bewährtes Leitungspersonal für seine Pressestelle und das Diözesangericht vermittelt. Von einem "guten mitbrüderlichen Verhältnis" schwärmt denn auch die Pressefrau mit Blick auf ihren alten und ihren neuen Chef. Wenn es gut für ihn läuft, könnte Tebartz-van Elst schon bald Meisners Erzbistum erben.
Ob die Proteste im Bistum Limburg dabei im Vatikan als Empfehlung dienen oder schaden, ist vorerst offen. Sicher ist: Der Streit zwischen Bischof, Priestern und Gläubigen ist hier so heftig wie in kaum einer anderen deutschen Diözese. Seine "christliche Leitkultur" wird an der Basis eher als Leidkultur empfunden.
"SOS - Dies ist ein Aufschrei von Seelsorgern im Bistum", heißt es in einem Brandbrief, der dort unter den 245 katholischen Priestern kursiert: Die "Luft zum Atmen wird uns sehr dünn". Die Geistlichen sind demnach verstört vom "Hochglanzkitsch" ihres Bischofs, seinen "selbstverliebten Ritualen", "leeren Worthülsen" und seinem "klerikalen Dünkel". Sie warnen vor einer Gemeinschaft der "Nachbeter und Kopfnicker".
Manche fürchten sogar, dass sich in ihrer Kirche ein religiöser Fundamentalismus breitmacht. Zum Beispiel Hubertus Janssen, ein 72-jähriger Limburger Pfarrer, der es wagt, öffentlich den Kurs seines neuen Bischofs zu kritisieren: "Verfolgt wird der autoritäre Stil einer auf Rom fixierten Klerikerkirche. Von der den Menschen und dem Leben zugewandten Kirche des II. Vatikanischen Konzils ist kaum noch etwas zu spüren." Geistliche wie er, die Anfang der Sechziger Priester wurden, müssten sich nun gefallen lassen, in ihrer Kirche verächtlich als "Konzilspriester" beschimpft zu werden.
Der Limburger Bischof stehe "für ei-ne Rolle rückwärts in die Mitte des vorletzten Jahrhunderts", bedauert Albert Dexelmann, 63, ebenfalls Pfarrer im Bistum.
Seine religiösen Wurzeln hat Tebartz-van Elst am Niederrhein, im marienfrommen Wallfahrtsort Kevelaer. Dort ist er als Sohn eines Großbauern aufgewachsen. Die katholische Kirche faszinierte ihn zur Freude seiner frommen Mutter früh, als junger Ministrant zelebrierte er begeistert das Hochamt, damals begann auch jene Madonnen-Verehrung, die er bis heute predigt: "Mit Maria dreht sich mancher Sturm im Leben", sagt er, "ihre Nähe tut dem Priester gut!"
Schnell machte er Karriere, schon im Priesterseminar fiel er durch eine "liturgiefixierte" Frömmigkeit auf, in Münster weihte ihn 2004 der damalige, dem Opus Dei nahestehende Ortsbischof zum Weihbischof, vier Jahre später folgte schon der Ruf nach Limburg.
"Mir ist an einem Dialog sehr gelegen", sagt Tebartz-van Elst über sein Amtsverständnis, doch ein Interview mit dem SPIEGEL verweigert er, Fragen mag er nur schriftlich beantworten. Seinen Kurs beschreibt er darin als den eines überzeugten Konservativen. "Die Kirche darf nicht in der Welt aufgehen und sich ihr gleichmachen, weil ihre Botschaft über die Welt hinausgeht", so Tebartz-van Elst, "eine vorschnelle Anpassung an scheinbare Mehrheiten und Meinungen" dürfe es nicht geben.
Im Alltag stellte er von Beginn an klar, wohin er sein Bistum ausrichten will: auf Rom und auf sein autoritär zelebriertes Bischofsamt. Im Kreuzgang seines Amtssitzes ließ er diverse Gewänder und die roten Schuhe des Papstes wie kleine Heiligtümer ausstellen. Unter seinen Vorgängern verpönte Ehrentitel werden nun wieder feierlich an Gewährsleute vergeben. So wurde der Personalchef zum Prälaten, der zweite Mann in der Bistumshierarchie zum "Apostolischen Protonotar". Sein Chauffeur machte als "Bischöflicher Beauftragter" für die Verwahrung von Reliquien, "persönlicher Sekretär" sowie "Bischöflicher Zeremoniar" gleich mehrfach Karriere - dafür muss er bei Hochämtern nun dem Chef die Mitra auf- und absetzen.
Solche Zeichen sorgen für Irritation im Kirchenvolk. Demonstranten von "Wir sind Kirche", denen Vorgänger Kamphaus auf dem Domplatz einst freundlich zuwinkte, missfallen dem Neuen. Eine Debattenkultur wie früher habe keine Zukunft, erklärte er. Sein Generalvikar schwor die Mitarbeiter im Bischöflichen Ordinariat auf "Diskretion als Verschwiegenheit untereinander und, mehr noch, gegenüber dritten Personen" ein.
In Limburg wird derweil deutlich, wie Tebartz-van Elst "die Zukunft des gelebten Glaubens" konkret versteht. Statt 341 Pfarreien soll es künftig nur noch wenige Großgemeinden geben. Finanznot gab offenbar nicht den Ausschlag, der Geheimhaushalt des Bischöflichen Stuhls ist laut Insidern kerngesund. Die Veränderungen haben einen ideologischen Hintergrund. Tebartz-van Elst hat die Vision von wenigen, aber dafür vollen Gotteshäusern, in denen das Hochamt wieder zum frommen Erlebnis wird - oder zum "Event" wie bei den überfüllten "Megachurches" der USA. An die Stelle der bisherigen Gemeinde-Identität soll ein zentrales, Rom-orientiertes Kirchengefühl treten.
Viele Priester sind entsetzt. "Dabei kommt eine andere Kirche heraus: Aus Seelsorgern werden Kultpriester", warnt Pfarrer Dexelmann. Die Geistlichen könnten den Menschen so kaum noch persönlich nahe sein. "Soll der Kontakt zu den Leuten dann auf ein Winke-Winke in der Soutane nach dem Hochamt schrumpfen?"
Das radikale Streichprogramm kommt an der Basis auch deshalb so schlecht an, weil der Bischof in seinem persönlichen Umfeld Bescheidenheit vermissen lässt. Für mehrere Millionen Euro wird für Tebartz-van Elst derzeit ein prunkvoller Sitz errichtet, repräsentativ auf dem Domberg gelegen und ausgestattet mit Empfangs- und Serviceräumen sowie einer eigenen Privatkapelle. Dabei liegen der Dom und mehrere Kapellen nur ein paar Schritte entfernt. 2,5 Millionen Euro sollen aus dem öffentlichen Bistumshaushalt kommen, der Rest, vermutlich 8 bis 10 Millionen Euro, aus der Kasse des Bischöflichen Stuhls, in der dreistellige Millionenbeträge schlummern sollen.
Vorgänger Kamphaus hat sich derweil bescheiden aufs Altenteil zurückgezogen. Er arbeitet jetzt als Seelsorger in einem Behindertenheim am Rhein.
(*) Bei einer Oldtimer-Segnung vor dem Limburger Dom.
Von Anna Catherin Loll und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 46/2010
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