15.11.2010

Schlaflos in 304

Global Village: Wie in Spaniens Hauptstadt die Nacht abgeschafft wird
Jemandem, der mal nicht durchschlafen will, darf man Zimmer 304 empfehlen, Hotel Regina, in der Calle Alcalá. Zimmer 304 liegt im zweiten Stock, es hat einen schmalen Balkon zur Straße hin, zur Stadt hin, die aufregend, vital, explosiv ist, aber auch wahnsinnig: Madrid.
Das Architekturbild ist wunderschön. Grandios fächern sich die Straßen, reihen sich die Paläste, kastilischer Barock, Neoklassizismus, mit rein proportionierten Fassaden, die Kuppeln weiß leuchtend, und golden und ernst schweben Engels-statuen darüber. Wenn die Straßenlaternen angehen und ihr Licht mit dem Blau der Dämmerung mischen, ist Madrid wahrscheinlich einer der schönsten Orte Europas.
Aber auch einer der lautesten.
Denn irgendwie arbeiten sie hier alle an der Abschaffung der Nacht.
Die Balkontür von 304, das kommt hinzu, muss man offen lassen, zumindest einen Spalt, sonst erstickt man, und so dröhnen die Busse durchs Zimmer, gefühlt jedenfalls, jaulen Sirenen, knattern Motorroller, man liegt im Bett, es wird Mitternacht, es wird eins, es wird zwei, alle halbe Stunde schlägt eine Kirchturmuhr, ping, pang, es wird drei, es dudeln die Straßenmusiker, ein Kläffen, Kreischen, Pfeifen, Kichern, Grunzen, Knutschen, Schreien, seltsam, aber der Schlaf will einfach nicht kommen.
Was tun? Man will ja kein deutscher Spießer sein. Wie sollte man das auch anstellen: sich vom Balkon an die Stadt wenden, ganz Madrid ausschimpfen? He, Leute, ich bin ein Tourist und wollte morgen in die Velázquez-Ausstellung im Prado, also geht alle heim und gebt Ruhe? Es würde ja ohnehin keiner mitkriegen. Also wälzt man sich, hört weg und hört hin, auf die hallenden, zerrissenen Dialoge, auf die Klanggeschichten, die die Straße wie ein Schalltrichter emporträgt. Um halb drei ungefähr stehen ein paar Männer unten auf der Straße, drei, den Stimmen nach zu urteilen, es sind Spanier, angetrunken. Schreien sich an.
Sí!
No!
Sí! No! Sí! No!
In seinem großen Roman über Francisco de Goya erzählt Lion Feuchtwanger vom Kampf der Spanier gegen die Araber - wie Könige und Priester die zerstrittenen Völker zu einem inbrünstigen Glauben an Thron und Altar zusammenschweißten; und ein Fragment dieser Härte blieb bis heute bestehen, soziokulturell: ein Stolz, der keinen Unterschied kennt zwischen Nachgeben und Verlieren.
Und darum gibt es vielleicht kein Einlenken bei den drei Señores dort unten auf der Straße, bis sie davonwanken, von einer anderen Runde von Brüllern abgelöst werden.
Eine internationale Runde diesmal, Engländer, Franzosen, Belgier, Deutsche, vielleicht ein Kongress. Es mag halb vier sein.
Die Deutschen tun sich beim Krakeelen hervor, leider. "Ich hab meine Laborzeiten, und die brauch ich auch", brüllt einer immer wieder, wahrscheinlich ein Wissenschaftler, "wenn jemand Laborzeiten nicht einhält, kriegt er irgendwann eins auf die Fresse." Das Wort "Laborzeiten" wird bei häufigem Gebrauch und einem bestimmten Alkoholpegel übrigens abgeschliffen und wie "Dboorzscheitn" intoniert. Einer der Engländer widerspricht ungenau, ein anderer stimmt ungenau zu und macht sogar noch Vorschläge: "I would kill this asshole", und auf Französisch wird viel merde, merde beigesteuert.
"Wenn jemand Dboorzscheitn nich einhält, kriegt er auf die Fresse!"
"Asshole!"
"Dboorzscheitn!"
"Merde! Merde!"
Die Konfliktlinien, so wirr sie sind, laufen supranational, Engländer paktieren mit Franzosen, ein Belgier stimmt schwerzüngig einem Deutschen zu, insofern gibt es eine gesamteuropäische Identität. Madrid ist heute Nacht das Epizentrum der Gefühle, das Europa des Zorns, der Straße und der Schnäpse; hier gelten die Wahrheiten der Nacht. Es ist ein Europa, von dem man sich keine Vorstellung macht im braven Brüssel, wo alles nach Kompromiss und Vorschrift geht. Die würden sich wundern, wozu ihre zivilisierten Landsleute und Kerneuropäer, Briten, Franzosen, Deutsche, Spanier, fähig sind, zu wie viel Wildheit, Beknacktheit.
Die Turmuhr schlägt abermals, ping, pang, und der Morgen graut, als die nächste Gruppe auf dem Bürgersteig ein Palaver einlegt.
Diesmal sind es Afghanen oder Iraner, sie sprechen Dari oder Farsi. Und sie sind nicht betrunken, dem Propheten sei Dank, der das Gesaufe nicht mochte, und sie schreien und streiten auch nicht, sondern quatschen nur ein bisschen und verabschieden sich dann freundlich voneinander, vielleicht sind sie erschöpft, vielleicht haben sie die Nacht über schwarzgearbeitet, als Tellerwäscher, oder sie haben leere Weinflaschen weggeräumt, und vielleicht wissen sie aus ihrer Heimat, wie schnell Streit sich verselbständigt, wie gefährlich Zorn ist.
Draußen ist es hell geworden. Der Müllwagen kommt, Schwadronen von Straßenkehrern, sie verständigen sich brüllend, aber das war ja klar.
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 46/2010
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