22.11.2010

FAMILIEKind im Mann

Das Elterngeld kostet Milliarden, verfehlt aber alle von der Bundesregierung gesteckten Ziele. Experten raten: Weg damit!
Im Papaladen an der Marienburger Straße herrscht großartige Stimmung. Reiner Montag, 40, normalerweise beim Fernsehen beschäftigt, hat soeben eine fast fehlerfreie Runde an der Carrera-Bahn hingelegt. Es pfeift und rasselt, als er seinen silberfarbenen Audi aus der Schikane jagt. Dann mit Vollgas durch die Steilkurve; das nötigt den Umstehenden Respekt ab. Lediglich der dreijährige Vincent, von Montag lässig "Ey, Vinzi, alles okay?" gerufen, hockt unterm Tisch und würdigt Papas fahrerische Leistung keines Blickes.
Berlin, Prenzlauer Berg, "hier kommt das Kind im Mann zur Geltung", sagt Eberhard Schäfer, der Leiter des Papaladens. Es gibt einen Tischkicker, eine Dartscheibe, eine Großleinwand für Fußballübertragungen und Mettbrötchen bis zum Abwinken. Im Prinzip geht es zu wie in einer alternativ-bürgerlichen Kneipe, bloß, dass der Vätertreff mit Steuergeldern des Landes Berlin gefördert wird.
Der Papaladen ist Bestandteil eines, wie sich nun zeigt, besonders skurrilen Experiments der deutschen Sozial- und Familienpolitik. Es geht um die Frage, was der Staat tun muss, damit erstens mehr Kinder geboren werden und zweitens mehr Männer ihre Vaterrolle "aktiv annehmen", wie es vor vier Jahren Ursula von der Leyen formulierte, seinerzeit Familienministerin, heute Arbeitsministerin. Die Große Koalition führte damals das Elterngeld ein. Insbesondere die Gebildeten und Gutverdiener sollten zum Kinderkriegen animiert werden. Es war wohl die erste und bislang auch einzige Hilfsleistung des deutschen Fürsorgestaats, bei der ein Zuschuss mit höherem Einkommen nicht etwa sinkt, sondern steigt. 1800 Euro Elterngeld im Monat sind für Gutverdiener drin; das entspricht dem Fünffachen des Hartz-IV-Regelsatzes.
Mittlerweile hat das Elterngeld den Staat fast 15 Milliarden Euro gekostet, ohne dass sich ein messbarer Erfolg eingestellt hätte. Das Statistische Bundesamt gab vorvergangenen Freitag bekannt, dass die Geburtenziffer, also die Zahl der Geburten pro Frau im gebärfähigen Alter, schon wieder, auf nun 1,36 gesunken ist. Dazu kommen jetzt noch Zahlen aus dem Familienministerium, die belegen: Von einer Aktivierung der Väter durch das Elterngeld kann keine Rede sein.
In der Fachwelt kursiert der Verdacht, dass es sich bei der ganzen Angelegenheit um eine ungeheure Geldverschwendung handelt. "Das Elterngeld wirkt nicht geburtenfördernd", sagt der Verwaltungswissenschaftler Stefan Fuchs, "im Gegenteil." Es setze einen finanziellen Anreiz, vor dem Kinderkriegen erst mal Geld zu verdienen und Karriere zu machen. Der frühere Vorsitzende des Sachverständigenrats und Miterfinder des Elterngelds, Bert Rürup, hält das Konzept für gescheitert. Er habe sich leider geirrt, bekennt der Ex-Regierungsberater reumütig. "Mit Geld werden wir die Gebärfreude nicht steigern können."
Zwar soll im nächsten Jahr eine Reform in Kraft treten. Doch die Änderungen stürzen das System eher noch tiefer in die Legitimationskrise. Da ist zunächst die geplante Streichung für Hartz-IV-Empfänger. Die Begründung der Familienministerin lautet, dass es sich beim Elterngeld um einen Lohnersatz handele. Da sei es doch nur folgerichtig, Langzeitarbeitslose auszuschließen. Irritierenderweise gilt für Hausfrauen und Hausmänner diese Logik aber nicht. Diese sollen auch künftig den Mindestbetrag von 300 Euro Elterngeld im Monat bekommen.
Die Kürzung bei den Hartz-IV-Empfängern hat für die Regierung immerhin den Vorteil, dass im Bundeshaushalt jährlich rund 450 Millionen Euro eingespart werden könnten. Von der ebenfalls geplanten Elterngeldstreichung für Spitzenverdienerpaare mit mehr als 500 000 Euro Jahreseinkommen lässt sich nicht einmal das behaupten.
Die bayerische Staatskanzlei wies kürzlich die schwarz-gelben Finanzpolitiker darauf hin, dass die symbolische Maßnahme unterm Strich sogar mehr kosten dürfte, als sie dem Staat einbringt. Allein in Bayern würden 13 bis 15 neue Sachbearbeiterstellen erforderlich.
Für Ministerin Kristina Schröder wird das ehemalige Vorzeigeprojekt politisch zur Belastung. Auch ihre Amtsvorgängerin sieht schlecht aus. Jubelmeldungen über steigende Kinderzahlen, die von der Leyen im vergangenen Bundestagswahlkampf hinausposaunte, waren falsch.
Auch der gesellschaftliche Wandel geht nicht so schnell voran, wie es die Regierung angekündigt hat. Der deutsche Mann zögert, die ihm zugedachte Rolle als "neuer Vater" (Schröder) im gewünschten Maß anzunehmen.
Vier von fünf Papas stellen gar keinen Antrag auf Elterngeld. Vom Rest konzentrieren sich die allermeisten auf die zwei Partnermonate, die man nehmen muss, um die staatliche Förderphase maximal auszudehnen. Ihre beiden Monate legen die Väter gern an das Ende des möglichen Förderzeitraums, also dann, wenn ihr dann etwa einjähriges Kind aus dem Gröbsten heraus ist und idealerweise bereits eine Tagesstätte besucht.
37 662 Männer nahmen im vergangenen Jahr mehr als zwei Monate lang Elterngeld in Anspruch, eine Quote von sechs Prozent. Es dürfte sich um den Typ Musterpapa handeln, den es auch früher gab. Vor Einführung des Elterngeldes lag die Quote der Väter, die Erziehungsurlaub nahmen, bei unter fünf Prozent.
Der Mitnahmeeffekt beim Elterngeld lässt sich in der Gegend rund um den Papaladen im Prenzlauer Berg sehr gut beobachten. Der ehemalige Ostbezirk gehört zu den kinderreichsten Vierteln der Hauptstadt. Gefühlt ist hier jede Zweite mit dem Kinderwagen unterwegs.
Die Bewohner strahlen eine sorglose Heiterkeit aus, die man bei jungen Eltern früher nie vermutet hätte. Das Elterngeld ermöglicht einen gewissen Luxus. Exotische Fernreisen mit Kindertragerucksack sind groß in Mode. Die jüngsten Besucher des Papaladens haben schon viel von der weiten Welt gesehen.
Der kleine Lorenzo, sieben Monate, war für zwei Wochen in Kolumbien. Nun steht die nächste Reise an; es geht in die USA. Suriyani, zweieinhalb, hat fünf Monate in Indonesien verbracht. Theo, 16 Monate, erlebte sorglose Wochen mit Papa und Mama in einer Ferienwohnung, wenn auch nur in Brandenburg. Allgemein empfohlen wird ein Buch der Journalistin Inka Schmeling. Es heißt "Abenteuer Elternzeit: Ein Ratgeber über das Reisen mit Baby und Kleinkind".
Doch auch im Viertel wächst die Kritik am Elterngeld, zumeist von Frauen. Ihnen fällt auf, dass zum Beispiel im Elterncafé "Paul und Paula" die Kleinkind schaukelnden Väter nach ein paar Wochen wieder weg sind, während die Mütter nach Ablauf ihrer Elternzeit noch immer zum Kaffee vorbeikommen, weil sie nicht in den Beruf zurückfinden.
Das Wort vom "Karrierekiller Elterngeld" macht hier die Runde, auch weil das Angebot an Betreuungsplätzen für den Nachwuchs knapper wird. Tatsächlich nehmen nur 14 Prozent der Frauen mit einem Kind wieder eine volle Stelle an, mit zwei Kindern sogar nur noch 6 Prozent. Bei den Männern kehren 90 Prozent in Vollzeit an den Arbeitsplatz zurück.
Jessica Neerpasch, die das Elterncafé betreibt, glaubt auch zu wissen, warum das so ist. "Die meisten Väter", sagt sie, "haben vor der Elternzeit doch vollkommen unterschätzt, was sie mit einem Kind alles machen müssen."
Von Kim Bode und Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 47/2010
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