22.11.2010

CDUMutti gegen Goliath

Der Andenpakt galt lange als mächtigstes Männerbündnis der deutschen Politik. Dann kamen den Herren aus dem Westen der Fall der Mauer und Angela Merkel in die Quere. Auf dem CDU-Parteitag in Karlsruhe wurde nun das Ende des Pakts besiegelt. Von Markus Feldenkirchen
Huck ist nicht hingefahren. Er wollte sich die Sache nicht mehr ansehen, er hätte sich zu sehr auf-geregt, und traurig wäre er auch gewesen. Der Generalsekretär des Andenpakts, des mächtigsten Männerbündnisses der CDU, hat sich den Parteitag in Karlsruhe nicht mehr angetan, er ist zu Hause in Braunschweig geblieben, nicht mal den Fernseher hat er angemacht.
Der Protokollchef des Pakts hat Huck am Morgen per Telefon über all die schlechten Nachrichten informiert, die gefeierte Rede Angela Merkels, ihr gutes Wahlergebnis von 90 Prozent, den Abschied seiner Freunde aus der Parteiführung. Das Ende seines Andenpakts.
"Mutti hat sie alle um den Finger gewickelt", sagt Huck. Die Gegnerin hat gesiegt, die CDU gehört jetzt ihr.
"Es ist furchtbar."
Der Generalsekretär sitzt an seinem Küchentisch, schlürft einen Kaffee, schüttelt den Kopf. Es ist der Dienstag vergangener Woche, am Vortag hat sich Merkel als Parteichefin bestätigen lassen, seit zehn Jahren sitzt sie der CDU schon vor, seit fünf Jahren ist sie Kanzlerin. Auch der Rest der Parteispitze ist nun nach ihren Wünschen besetzt. In den Zeitungen steht an diesem Tag, Merkel habe die volle Macht über ihre Partei erobert. Sie sei jetzt ohne ernstzunehmende Gegner. Die Gegner waren Huck und seine Paktbrüder.
"Karlsruhe ist eine Zäsur", rief Merkel am Ende ihrer Rede den Delegierten zu. Tatsächlich ist vorige Woche eine konservative Ära zu Ende gegangen, die Ära des Andenpakts. Der Männerbund ist jetzt in etwa so einflussreich wie ein ordentlicher Kegelclub.
Wie aber konnte es so weit kommen? Wie konnte das verschwiegenste und stabilste Bündnis der deutschen Politik am Ende gegen eine einzelne Frau verlieren? Und das in einem Betrieb, über den es hieß, dass nichts so wichtig sei wie eine gute Seilschaft?
Die Geschichte vom Andenpakt und Angela Merkel ist die deutsch-deutsche Version von "David gegen Goliath". Es ist eine wundersame Geschichte von rund 15 Männern aus dem Westen und einer Frau aus dem Osten, an deren Ende die Außenseiterin gewinnt. Sie erzählt viel über die Grenzen von Loyalität und Freundschaft in der Politik. Karlsruhe war der Abschluss in einem Macht- und Kulturkampf, der einzigartig ist in der Parteiengeschichte der Bundesrepublik.
Hucks Männer waren einst angetreten, um die Nachfolge von Helmut Kohl zu übernehmen. Es galt als ausgemacht, dass einer von ihnen die Partei und später auch Deutschland führen solle. Die Zukunft war beschlossen, bevor sie begann.
Aber dann kamen den katholischen Männern aus der Bonner Republik der Fall der Mauer und Angela Merkel dazwischen. Fast alle Paktbrüder haben nun die Konsequenz aus diesem "historischen Unfall", wie sie Merkel gern nennen, gezogen. Von Peter Müller, dem saarländischen Ministerpräsidenten und einem der letzten Übriggebliebenen, heißt es, er sei furchtbar amtsmüde. Zuletzt sah man ihn während einer Landtagsdebatte Computerschach spielen. Friedrich Merz hat sich schon vor einiger Zeit resigniert aus der CDU-Führung zurückgezogen. Der große Rest trat in Karlsruhe ab.
Es dauerte knapp 15 Minuten, bis Merkel ihre Gegner am Montag der Reihe nach aus der Parteiführung verabschiedet hatte: Friedbert Pflüger, Günther Oettinger, Ole von Beust, Christian Wulff, Roland Koch, sie alle gehen jetzt anderen Aufgaben nach. Merkel stand auf der Bühne, lächelte vergnügt, machte ein paar heitere Bemerkungen, versuchte den aufbrandenden Applaus für Roland Koch mit einer verlegenen Handbewegung zu dämpfen, dann war ihr Sieg besiegelt.
"Ich hätte nicht gedacht, dass es jemals so kommen wird", sagt Huck an seinem Küchentisch. "Wir haben Mutti unterschätzt." Er ist 62 Jahre alt, ein lustiger Mann mit Louis-de-Funès-Gesicht. Als Klingelton für sein Handy wählt Huck manchmal Entengequake. Gerade aber wirkt er nicht sehr lustig. "Es ist bitter, wenn eine ganze Generation aus Talentierten verschwindet, wenn nach und nach alle weggehauen werden." Seine Stimme klingt wehmütig. "Kommen Sie", sagt er. "Ich zeig Ihnen was."
Er steht auf, geht ins Treppenhaus und steigt die Stufen hinauf in die dritte Etage, bis unters Dach. Überall in seinem Haus stehen und hängen Andenpaktfotos, Besuch in Ungarn, in Madrid, in Südafrika, Besuche in der halben Welt, Bilder aus einer Vergangenheit, als die Zukunft noch Großes versprach, mal lächelt Koch von den Fotos, mal Müller oder Wulff, und mittendrin immer Huck.
Seit drei Jahrzehnten dient er dem Pakt als Generalsekretär. Er führt das Sonderkonto "Andenpakt" bei der Deutschen Bank Braunschweig, organisiert die Treffen in Deutschland und die Reisen ins Ausland. Anders als seine Freunde ist er nie in die große Politik eingestiegen. Nach seiner Zeit im Vorstand der Jungen Union wurde er Wirtschaftsanwalt und Notar. Die Schlachten seiner Freunde hat er trotzdem hautnah mitbekommen, oft sogar gesteuert. "Ich hab in meinem Handy alle Telefonnummern", sagte Huck gern. "Damit kann ich mehr bewegen als im Reichstag."
Bis zum Sommer 2003, als der SPIEGEL seine Existenz enthüllte, ist der Andenpakt unentdeckt geblieben, der Mythos rührte auch von seiner Verschwiegenheit. Für diese Recherche fanden Gespräche mit fast allen Mitgliedern statt. Doch weil sie den Pakt noch immer für etwas Verschworenes halten, wollen sie nicht in der Zeitung lesen, dass sie doch über ihn geredet haben. Huck hat damit weniger Probleme, er redet.
Wie erklärt er sich also, dass die meisten Paktfreunde nun nicht mehr mitspielen mögen? Huck denkt, dann sagt er: "Die Summe aller Erklärungen lautet: Verdruss über die Spitze. Verdruss über Mutti."
Er ist jetzt oben im Arbeitszimmer angekommen. Dort, in einem Leitz-Ordner, versteckt zwischen anderen Papieren, hat Huck jenes Dokument abgeheftet, mit dem alles begann. Es ist ein fester, leicht vergilbter Briefbogen der venezolanischen Fluggesellschaft Viasa, auf beiden Seiten beschrieben. Auf seinem Kopf sind auf Spanisch drei Rubriken vorgedruckt: "Abflugsort", "Über" und "Zielort". Dahinter steht mit Kugelschreiber geschrieben: "Caracas", "Anden" und "Santiago". Und ein Datum: "25. Juli 1979".
Zwei Tage vorher ist der zwölfköpfige Bundesvorstand der Jungen Union unter Führung von Matthias Wissmann morgens um sieben in Caracas eingetroffen. Gleich nach der Ankunft reiht sich Termin an Termin, die Konrad-Adenauer- Stiftung hat die Tage zugepflastert. Während des Nachtflugs VA 930 von Caracas nach Santiago de Chile aber kippt die Stimmung. "Ich versuche seit zwei Tagen, Zahnpasta zu kaufen, komme aber nicht dazu", jammert ein Vorstandsmitglied, ein anderes klagt, dass gar keine Zeit für die Mädchen an der Copacabana vorgesehen sei. Zwischendurch skandieren sie "Heck muss weg!", gemeint ist Bruno Heck, der Vorsitzende der Adenauer-Stiftung. Auch Delegationsleiter Wissmann gerät ins Visier. Zur ausgelassenen Stimmung trägt eine Flasche zollfreien Whiskys der Marke Chivas Regal bei, die schnell geleert ist.
Huck beschließt, ein Manifest aufzusetzen. Er nimmt das Papier der Fluglinie und schreibt den ersten Satz: "Die Lage ist da." Die Gruppe johlt, Huck schreibt weiter: "In Sorge um die hochkarätig besetzte Delegation und zum Schutze der Gesundheit schließen wir uns hiermit zum Pacto Andino Segundo zusammen." Die zentrale Forderung lautet: "Mehr Ambiente in der Politik." Das Manifest endet mit der Feststellung: "Es lebe die Bevölkerung der Anden und der umliegenden Tiefebene, zu deren Interessenwahrung der Pakt geschlossen wird."
Als Huck fertig ist, unterzeichnen alle Delegationsmitglieder mit einem Phantasietitel, "Oppositione Wissmann", schreibt einer, Friedbert Pflüger malt eine geballte Faust neben seinen Namen, Huck unterschreibt mit "El secretario General", dem Titel, den er bis heute trägt.
"Sie sehen, es handelte sich eigentlich um einen großen Witz", sagt Huck in seinem Arbeitszimmer, den Blick auf das Manifest gerichtet. Jeder, der später zum Pakt hinzustößt, erhält eine Kopie. Verbunden mit der Mitgliedschaft ist das Versprechen, den Paktbruder pfleglich zu behandeln, nie seinen Rücktritt zu fordern, ihm, wenn es geht, zu helfen, vor allem aber: nicht zu schaden.
Dieses Versprechen ist die eigentliche Stärke der Seilschaft in einer Welt, in der die Kritik des Parteifreunds tödlicher sein kann als alle Rücktrittsforderungen der Opposition zusammen. Ohne die Solidarität des Andenpakts hätte Roland Koch seine Parteispendenaffäre wohl nie überlebt. Aus dem Witz war Ernst geworden. Bis heute sind aus dem Andenpakt ein Bundespräsident, sechs Ministerpräsidenten, ebenso viele Landesvorsitzende, etliche Minister und vier stellvertretende Parteichefs hervorgegangen.
Damals verband sie nicht mehr als ihre Jugend und ein Lebensgefühl, das gegen die 68er gerichtet war und auch gegen die Spießigkeit der eigenen Partei. Als "unsere gemeinsame Kampfzeit" beschreibt Peter Müller die Zeit in der Jungen Union. "Einmal sind wir gemeinsam durch Berlin gelaufen und haben skandiert: ,Erich, die Mauer muss weg!'" Hinter der Mauer lebt das FDJ-Mitglied Angela Merkel.
Im Sommer, da sich der Andenpakt aufmacht, die Partei und das Land zu erobern, feiert sie ihren 25. Geburtstag. Sie hat erst kürzlich eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Physikalische Chemie in Ost-Berlin angetreten. Mit Ehemann Ulrich lebt sie in einer Einraumwohnung in der Marienstraße, zu der auch ein Kofferfernseher aus DDR-Produktion gehört - mit schlechtem Westempfang. Kurz nach Gründung des Pacto Andino wird Merkel Kulturbeauftragte der FDJ und damit zuständig für "Agitation und Propaganda". Es spricht wenig dafür, dass sie dem Andenpakt einmal in die Quere kommen wird.
Als Angela Merkel 21 Jahre später, am 10. April 2000, zur Vorsitzenden der CDU gewählt wird, gehen die Paktbrüder von einer Übergangslösung aus, geboren aus der Not der Spendenaffäre. Merkel ist ein Zugeständnis an die Zeit. Es braucht jetzt eine Unschuldige und Unbelastete, frei vom Geruch der Korruption, den Helmut Kohl und seine Freunde aus dem Westen hinterlassen hatten. Eine Frau aus dem Osten soll aushelfen, die Glaubwürdigkeit wiederherzustellen. Bis die ärgerliche Sache mit den Spenden vergessen ist.
Es dauert nicht lange, bis die Herren ihr zeigen, wie die wahren Kräfteverhältnisse in der CDU aussehen. Anfang Dezember 2001 beruft Generalsekretär Huck ein außerordentliches Treffen des Andenpakts in Berlin ein. Es geht um die Frage, wer der nächste Kanzlerkandidat werden soll, Merkel oder der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber. "Wir haben damals beschlossen: Stoiber", sagt Huck.
Nach und nach melden sich die Mitglieder des Andenpakts bei der Vorsitzenden, um sie zum Verzicht zu drängen. Bis dahin hatte sie von der Existenz des Pakts nicht mal gehört, die meisten seiner Mitglieder hatte Merkel zu ihren Unterstützern gezählt, selbst Roland Koch.
In einem Gespräch, das beide Seiten später als "Brüll-Telefonat" bezeichnen, spricht Koch der Vorsitzenden die "Berechtigung" zur Kandidatur ab, der nötige Rückhalt fehle ihr sowieso. Merkel fliegt nach Wolfratshausen und bietet Edmund Stoiber die Kanzlerkandidatur an.
In der Rückschau bereuen die meisten Mitglieder des Andenpakts ihren frühen Sieg über ihre Gegnerin und ihr Votum für Stoiber, der im September 2002 gegen Gerhard Schröder verliert. "Es wäre besser gewesen, damals Frau Merkel zu nehmen", hat Friedrich Merz neulich im kleinen Kreis bekannt. "Dann wäre sie für immer erledigt gewesen."
"Ich habe den Andenpakt unterschätzt", sagt Merkel später. Aber sie lernt aus diesem Fehler. Von nun an weiß sie, dass der Kreis die größte Gefahr für ihre Macht bedeutet.
An einem Sonntagabend im Oktober sitzt Huck in einer Tapas-Bar im schönen Viertel Barceloneta, bestellt frittierte Tintenfische und redet über Ambiente. Mit dem Ambiente hatte ja alles begonnen.
Auch Huck tritt inzwischen kürzer, er verbringt viel Zeit in seiner Zweitwohnung in Barcelona. In den 31 Jahren, in denen der Pakt bestand, sind die Paktbrüder jedes Jahr ins Ausland gefahren, die Reisen werden intern "Maßnahme" genannt. In diesem Jahr hat Huck seine Freunde über Pfingsten nach Barcelona gelotst, er wollte ihnen seine zweite Heimat zeigen.
Das Wort "Ambiente" komme aus dem Mediterranen, sagt er, es habe viel mit der Leichtigkeit des Seins zu tun und umfasse "alles, was man schmecken, fühlen, sehen kann".
"Die Kathedrale da drüben …", Huck zeigt auf den Turm, "... die Wäscheleine, das orange Licht der Straßenlaterne: Das ist Ambiente." Er ruft den Kellner und bestellt einen Kaffee. "So ein Cortado übrigens auch."
Huck schmeckt seinen Worten nach, er ist zufrieden mit ihnen. "Wenn man in der DDR groß geworden ist, wo es kein Ambiente gab, dann hat man da natürlich kein Gespür für." Er nimmt einen Schluck Cortado. "Ich kann ja Ambiente nicht studieren, ich kann's nur erleben." Es gehört zum Wesen der Andenpaktler, dass fast alles, was sie schmecken, fühlen und sehen, gleich in Kontrast zu Angela Merkel gesetzt wird, auch wenn sie gar nicht danach gefragt werden.
Es ist nicht nur Überheblichkeit, die sie so denken lässt, es ist auch der Frust, dass jene Frau, die wenig Gespür für Ambiente hat und selten Cortado trinkt, an ihnen vorbeigezogen ist. Dass eine, die Politik nicht in der Jungen Union, sondern in der FDJ lernte, nun schon seit Jahren den Kurs ihrer CDU bestimmen darf. "Merkel hat leider kein Gespür für die Partei", sagt Huck. "Wir hingegen sind mit der Jungen Union als eine Art Muttermilch groß geworden. Wir wissen, was CDU ist und was nicht."
Christian Wulff hat es einmal vorsichtiger formuliert, aber er meinte dasselbe: "An ihrer Stelle würde mir vielleicht manchmal der Gedanke kommen, nicht mehr aufholen zu können, was die anderen an Gemeinschaft und programmatischen Debatten in der Union hatten."
Nach der Wahl 2002 reift in manchem Paktbruder der Gedanke, dass es sich mit Merkels Hilfe vielleicht leichter Karriere machen lasse als im Kreis der Freunde. Als Erster schert Wulff kurz aus, als er Merkel beim Italiener von der Existenz des Pakts erzählt und den Zorn der anderen auf sich zieht. "Das war vermutlich einer meiner größten Fehler", bekennt er später.
Der Nächste, der im Tausch für etwas Nähe zur Vorsitzenden über den Pakt plaudert, ist Matthias Wissmann. Am 20. Oktober 2002, einem Sonntag, wird Merkel in einen Raum der Berliner Zentrale des Fernsehsenders Sat.1 geführt. Die Herren sind fast vollzählig erschienen, sie warten bereits um einen Tisch im vierten Stock. Generalsekretär Huck, der die Treffen des Pakts traditionell leitet, weist ihr den Platz neben sich zu. Es ist Merkels erste Begegnung mit dem Andenpakt.
Keiner der Herren hat dieses Treffen gewollt, außer Wissmann, der dringend wieder Minister werden wollte. "Er wollte Merkel zeigen, welche Macht hinter ihm steht, um an ihren Kabinettstisch zu kommen", lästert ein Kollege.
Die Stimmung ist verkrampft, auf beiden Seiten. "Ich glaube nicht, dass sie den Abend so schön fand", sagt Huck. "Sie wirkte etwas verkniffen." Er lacht verschmitzt sein Louis-de-Funès-Lachen.
Merkel glaubt, die Paktbrüder wollten mit ihr die Personalfragen für den bevorstehenden Parteitag besprechen, aber das erledigen die Herren lieber allein. Nach dem Hauptgang wollen sie unter sich sein. Huck bedeutet dem Gast, dass er jetzt gehen könne.
Merkel weiß jetzt, wer genau ihr gegenübersteht, der Pakt hat wieder etwas von seinem Geheimnis verloren. Der nächste Schritt folgt, als der SPIEGEL 2003 dessen Existenz enthüllt. Für die Paktbrüder ist klar, dass Merkel sie verraten hat - in Wahrheit war es einer von ihnen.
Später wagen Wissmann und Friedbert Pflüger einen zweiten Versuch, Merkel einzuladen. "Wenn das kommt, trete ich aus", protestiert Friedrich Merz, als das Anliegen im Kreis besprochen wird, die Mehrheit sieht es genauso. "Pflüger und Wissmann haben ein doppeltes Spiel gespielt", sagt eines der Mitglieder. "Sie haben bei Mutti auf dem Schoß gesessen und alles ausgeplaudert." "Wir wussten, dass ein paar von uns eine gewisse Nähe zu Frau Merkel hatten", sagt Huck, es klingt, als redete er über Verräter, die Feindkontakte haben.
Die letzte, entscheidende Schlacht zwischen Merkel und dem Andenpakt beginnt im Januar 2005. Es geht um die Kanzlerkandidatur im darauffolgenden Jahr und die Frage, ob der Pakt eine Kandidatur der Vorsitzenden ein zweites Mal verhindern kann. Sie starten den letzten Versuch, Merkel doch noch zum Übergangsphänomen zu machen.
Merkel sitzt mit ihren Beraterinnen im Berliner Konrad-Adenauer-Haus und studiert täglich den Pressespiegel. Sie weiß, dass sowohl Wulff als auch Koch Kanzler werden wollen. In den Pressespiegeln steht, dass Wulff sich bereits bei Unionsabgeordneten erkundige, ob sie Merkel für die geeignete Kandidatin halten. Er sondiert auch seinen eigenen Marktwert. "Es geht schon wieder los", sagt eine von Merkels Beraterinnen.
Bernd Huck hat sich vorgenommen, wieder ein Sondertreffen zur Kanzlerkandidatur einzuberufen, so wie damals im Dezember 2001. Es soll die Frage geklärt werden, wen der Pakt gegen Merkel ins Rennen schicken soll, Koch oder Wulff. Die beiden beäugen sich misstrauisch. "Wenn ihr so weitermacht, wird keiner von uns mehr Bundeskanzler", mahnt Merz bei einem der Treffen.
Trotzdem glaubt der Andenpakt an seine Chance. Der Kreis stellt im Frühjahr 2005 ein Drittel des CDU-Präsidiums, dazu viele Landesvorsitzende. "Wir hätten eine echte Chance gehabt, sie noch einmal zu verhindern", sagt Huck. "Es stand wirklich wieder auf der Kippe", sagt eine von Merkels Vertrauten. "Am Ende hat Schröder uns gerettet."
Am 22. Mai verliert die SPD überraschend Nordrhein-Westfalen, Gerhard Schröder kündigt vorzeitige Neuwahlen an, kurz darauf ist Merkel Kanzlerkandidatin der Union. Wie bei ihrem Griff nach dem Parteivorsitz im Jahr 2000 hat Merkel den historischen Moment erkannt und blitzschnell genutzt. "Als sie schließlich nominiert war, war alles vertan", sagt Huck. "Da war die Messe gesungen." Der 30. Mai, jener Tag, an dem Angela Merkel zur Kanzlerkandidatin erkoren wurde, ist der inoffizielle Trauertag des Andenpakts.
Vor ein paar Wochen hat Roland Koch ins Schloss Biebrich nach Wiesbaden geladen, um seinen Abschied als Ministerpräsident zu feiern. Unter der Decke goldene Kronleuchter, an denen Kristalllüster baumeln, hinter den Fenstern natürlich der Rhein. In den großen Momenten der Bonner Republik floss im Hintergrund immer der Rhein durchs Bild.
Koch trägt Anzug, Weste, gesunde schwarze Schuhe und schüttelt Hände. Edmund Stoiber ist da, Helmut Kohl, viele Hessen, viele Paktbrüder. Es herrscht großes Geschnatter, wildes Geherze und Gedrücke. Merkel trippelt vom einen auf das andere Bein, ihre Augen suchen nach einem Halt. Aber niemand wendet sich ihr zu, niemand unterhält sich mit ihr, sie steht mitten im Gewusel und ist doch ganz allein.
Dies ist der Moment, da Udo Jürgens ein Erbarmen hat. Er kümmert sich um Merkel, schäkert sogar mit ihr. Ohne Udo Jürgens wäre es mal wieder ein einsamer Abend für Angela Merkel in der Welt des Andenpakts geworden. Die Brüder verstehen es noch heute, Merkel zu zeigen, dass sie im Grunde nicht dazugehört.
Dann soll sie reden, sie stolpert fast auf dem Weg zum Mikrofon. "Ich möchte heute danke sagen und bin deshalb ganz herzlich, ähhhh, ne, ganz, äh … sehr gern hierhergekommen."
Im Publikum stehen die Paktbrüder, die Arme vor der Brust verschränkt, und werfen sich verächtliche Blicke zu. War das gerade nicht verräterisch? Hat Merkel nicht in Wahrheit sagen wollen, sie sei "ganz gern" hergekommen?
Merkel kämpft sich weiter, aber sie wirkt künstlich, es klingt, als komme ihr Lob für Koch vom Blatt, nicht von Herzen. "Du hast dich mit viel Angaschmang eingesetzt", sagt sie, es ist die uckermärkische Variante von Engagement. Wieder Blicke unter den Paktbrüdern, diesmal herablassend. "Wie kann man nur so auftreten?", zischt einer von ihnen.
Mit dem Scheitern des Andenpakts ist auch jener Typus an seine Grenzen gestoßen, der die deutsche Politik über Jahrzehnte geprägt hat: der Seilschaftenpolitiker. Die Seilschaft war immer auch der Versuch, das Leistungsprinzip außer Kraft zu setzen, die Sachkompetenz oder die eigene Ausstrahlung. Die Strategie, Kompetenz durch Kontakt zu ersetzen, wirkt in einer rein dem Leistungsprinzip gehorchenden Gesellschaft auf einmal ziemlich gestrig. Gerade der "Männerbund" wurde vom Zeitgeist mit den Jahren in eine verdächtige Ecke verwiesen, er wird jetzt eher belächelt als bewundert.
An seine Stelle ist ein neues Phänomen getreten, das insbesondere die Medien befördert haben: der galante Auftritt, Kontaktfreude, die geschliffene Ausdrucksweise, man könnte auch sagen: das Guttenberg-Phänomen. Im Zeitalter der Mediendemokratie, in dem Kanzlerkandidaten eher über Meinungsumfragen gekürt werden, haben Politiker wie Roland Koch oder Peter Müller das Nachsehen. Kein Pakt kann mehr kompensieren, was Medien und Bürger heute einfordern.
Im Andenpakt kursiert seit langem eine Verletztenliste. Sie wurde nicht aufgeschrieben, aber jedes Mitglied kann sie jederzeit aufzählen. Auf ihr stehen die Namen jener, die von Merkel im Stich gelassen, nicht berücksichtigt oder getäuscht wurden. So sehen es jedenfalls die Paktmitglieder.
Friedbert Pflüger sei nie gedankt worden, dass er den Mut hatte, als Spitzenkandidat im schwierigen Berlin anzutreten. Elmar Brok sei loyal bis zum Umfallen gewesen und wäre gern EU-Kommissar geworden oder Botschafter in Washington. Christoph Böhr wäre nach seinen Jahren als Vize-Parteichef gern bei der Adenauer-Stiftung eingestiegen. Günther Oettinger sei nach seiner verunglückten Trauerrede auf den NS-Richter von Merkel im Stich gelassen worden. Franz Josef Jungs Sturz über die Kunduz-Affäre sei in Merkels Kanzleramt systematisch vorbereitet worden. Friedrich Merz sei von Merkel vergrault worden. Und Roland Koch habe erst im Sommer 2009, als die Kandidatenlisten für den Bundestag bereits geschlossen waren, ein Angebot bekommen, nach Berlin zu wechseln.
Mit einer "Eiseskälte" sei Merkel gegen den Andenpakt vorgegangen, sie habe systematisch Rache geübt, lautet die Klage. "Sie hat kein Gespür für Verletzungen", sagt ein Paktmitglied, das lange mit ihr in der Parteiführung saß.
Aber hat es dank Merkel am Ende nicht doch einer nach ganz oben geschafft, Christian Wulff, der Bundespräsident, der erste Mann im Staat?
"Guter Witz", sagt Huck. "In Wahrheit hat Mutti mit Wulff ihren letzten Kontrahenten entsorgt."
Sie werden auch künftig über Merkel klagen, werden sich treffen, verreisen, aber es wird keinen Unterschied mehr machen. 31 Jahre nach seiner Gründung ist der Andenpakt zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt. Er ist wieder ein Freundeskreis überwiegend machtloser Männer, die gern zusammen essen und trinken - in gutem Ambiente versteht sich.
Und Merkels Bilanz? Zwei Tage vor dem Parteitag in Karlsruhe schwebt die Kanzlerin hoch über den Wolken und wirkt wie der glücklichste Mensch Deutschlands. Sie sitzt in lila Strickjacke und flachen schwarzen Wildlederhausschuhen auf ihrem Regierungsfliegersofa und erzählt Geschichten aus der Welt der Mächtigen. Dass sie gestern beim G-20-Dinner in Seoul neben Medwedew gesessen habe, dass sie lange mit Obama geplaudert habe, dass das Essen sehr, sehr gut gewesen sei, "so'n Fleisch ähnlich wie Kobe-Rind, also sehr, sehr weich". Geschichten aus der internationalen Gipfelwelt, in der sie wieder von Männern umringt ist.
Sie hat all die Jahre nicht über den Andenpakt reden wollen, vor allem nicht mit Journalisten. Es fällt gleich auf, dass sie ihre Gegner noch immer beobachtet. Hält man ihr entgegen, dass der Andenpakt fast vollständig aus der CDU-Führung verschwunden sei, fährt sie dazwischen und weist darauf hin, dass der gute Volker Bouffier immer noch dabei sei.
Aber staunt sie nicht manchmal, dass sie die Männer am Ende besiegt hat, obwohl ihre Gegner so klar in der Überzahl waren?
Staunen sei vielleicht etwas übertrieben. Was sie aber noch heute wundere, sei, dass damals, vor zehn Jahren, als die CDU in ihren Spenden versank, keiner der Jungs den Mut gehabt habe, selbst anzutreten. Merkel wird gerade vom Andenpakt gern vorgeworfen, sie könne nichts anderes als moderieren. Sie selbst weist darauf hin, dass sie den Parteivorsitz damals gewiss nicht durch Moderation bekommen habe.
Letztlich sei das Bündnis doch eine Erfolgsgeschichte gewesen. Der Andenpakt habe eingelöst, was er sich vorgenommen habe. Merkel nickt sich selbst zu, als wollte sie die Richtigkeit des Gedankens bekräftigen, aber dann schiebt sie noch etwas hinterher. Nur eines habe dann doch gefehlt. Sie lässt eine kurze Pause und lächelt: die Kanzlerschaft. ◆
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 47/2010
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