22.11.2010

Das böse Genie

Joseph Goebbels schuf die Marke Hitler und ebnete den Nationalsozialisten den Weg zur Macht. Er unterwarf seine eigenen Weltsichten, seine Ehe und seine Kinder dem Schicksal seines „Führers“. Aber wie groß war der Einfluss des Propagandaministers im „Dritten Reich“? Eine neue Biografie erklärt das Verhältnis der beiden: Goebbels habe alles getan, um „Hitler zu gefallen“.
Am Tag 1267 des Zweiten Weltkriegs muss Joseph Goebbels an die Front, an seine Front. Stalingrad ist gefallen, das Afrikakorps nahezu aufgerieben, die Bevölkerung in den deutschen Städten leidet unter dem Bombenhagel der Alliierten. Und Experten der Wehrmacht haben errechnet, dass für den "Endsieg" mindestens zwei Millionen Soldaten fehlen.
Es ist Zeit für eine große Rede, die Generalmobilmachung einer Nation. Doch Adolf Hitler duckt sich weg, er scheut inzwischen den direkten Kontakt zu seinem Volk. Deshalb schickt er Joseph Goebbels vor, seinen besten Mann, was Kopf und Klappe angeht, den Schöpfer des Führermythos, den Erfinder der Marke Hitler. Ein Verkäufer der Politik, ohne den es die Nationalsozialisten ganz schwer gehabt hätten, an die Macht zu gelangen.
An diesem 18. Februar 1943 kommt es zu einer Séance nie gekannter Art. Der Minister für Volksaufklärung und Propaganda hat als Auftrittsort den Berliner Sportpalast gewählt, die Arena seiner schon frühen Hetzerfolge. An die 15 000 Besucher sind da, handverlesen, Parteigenossen, Schauspieler, Fronturlauber mit schweren Verletzungen, Krankenschwestern. Kameras der "Wochenschau" sind aufgebaut, auch der Rundfunk sendet. Es ist später Nachmittag.
Goebbels trägt einen hellen Zweireiher, keine Orden, die mag er nicht. Hinter ihm hängt ein riesiger Schriftzug: "Totaler Krieg - Kürzester Krieg." Totaler Krieg, das ist kein neuer Begriff, aber Goebbels hat ihm eine besondere Bedeutung verliehen. Totaler Krieg heißt nach seiner Definition, dass endlich jeder mit anzupacken habe, dass es vorbei sein müsse mit "parasitären Nichtstuern", mit dem "schamlosen Treiben von plutokratischen Studentinnen". Oder mit "Fressrestaurants". Dass aus allen verfügbaren Zivilisten Kämpfer werden müssen, egal wie.
Er will die Geschlossenheit des Volks hinter Hitler. Eine Geschlossenheit, an die er selbst nicht mehr glaubt. Aber er predigt sie, immer noch und bis zum Schluss.
"Der Ansturm der Steppe ist losgebrochen", ruft Goebbels in den Saal - und meint die russischen Truppen, die längst zum Gegenschlag angetreten sind. Um die Wucht seiner Worte zu unterstreichen, stützt er die Hände in der Hüfte ab: "Eine erkannte Gefahr ist eine gebannte." Er lockt mit Visionen, um dann düster die Folgen einer Niederlage auszumalen: Alle kämen in "Zwangsarbeitsbataillone für die sibirischen Tundren".
Immer wieder unterbricht ihn tosender Beifall. Frauen brechen stöhnend zusammen. Männer brüllen: "Niemals!", "Pfui!" Da fragt Goebbels: "Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?" Und die 15 000 schreien: "Ja!"
Er legt nach, seine Gestik wird ekstatisch. "Seid ihr bereit, mit dem Führer, als Phalanx der Heimat hinter der kämpfenden Wehrmacht stehend, diesen Kampf mit wilder Entschlossenheit und unbeirrt durch alle Schicksalsfügungen fortzusetzen - bis der Sieg in unseren Händen ist?" Tausendfaches Hurra, die Menschen trampeln. Hunderttausende verfolgen das Spektakel an den Radios. "Glänzende Volksrede", jubelt der 20-jährige Artillerieoffizier Iring Fetscher, in der Bundesrepublik später ein bedeutender Politikwissenschaftler: "Ganz großes, gewaltiges Schauspiel."
Bis heute gilt Goebbels' Sportpalastrede vom 18. Februar 1943 als seine wichtigste. Angeblich lobte Hitler sie als "psychologisches und propagandistisches Meisterwerk erster Klasse". Und auch der Agitator selbst war offenbar davon überzeugt, eine "totale geistige Mobilmachung" erreicht zu haben, ja sogar eine "Art von stillem Staatsstreich".
Die Rede gilt, in Dramaturgie und Wortwahl, als die abstoßendste, die je vor einem Massenpublikum gehalten wurde. Und sie dient vielen als Beleg dafür, dass Goebbels der perfekte Demagoge war, ein meisterlicher Hetzer.
So ist er in die Weltgeschichte eingegangen: als "brand-name" für diabolische Propaganda. Kein anderer Name aus der nationalsozialistischen Führungsclique hat bis heute diesen Nachhall - außer Hitler. Manch angelsächsischer Beobachter nennt ihn einen "evil genius", ein böses Genie. Wenn der politische Gegner gebrandmarkt werden soll, heißt es heute nicht selten: wie Goebbels.
Und das kann durchaus gefährlich werden. Der CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl geriet auf dieses Glatteis, als er im Herbst 1986 den damaligen sowjetischen Regierungschef Michail Gorbatschow lobte, er sei ein "moderner kommunistischer Führer", der "was von PR" verstehe - um dann, im Stammtischduktus, nachzuschieben: "Der Goebbels verstand auch was von PR." Gorbatschow hatte gerade, wie er es formulierte, eine "neue Seite" im Verhältnis zur Bundesrepublik aufschlagen wollen, als ihm dieser Vergleich zugetragen wurde. Für Monate herrschte danach wieder Eiszeit.
Goebbels war aber auch, im Gegensatz etwa zu einem okkultisch-mystisch angehauchten Mann wie SS-Chef Heinrich Himmler, ein Mann der Moderne. Konsequent setzte er auf die Wirkung der freilich bald nach der "Machtergreifung" gleichgeschalteten Medien - und machte so aus einer Polit-Sekte die am besten organisierte Partei.
Bücher und Aufsätze über Joseph Goebbels sind Legion, jetzt aber erst, 65 Jahre nach dem Untergang des "Dritten Reichs", hat der am Royal Holloway College der Universität London lehrende deutsche Zeitgeschichtler Peter Longerich eine Goebbels-Biografie vorgelegt, die an Detailreichtum kaum noch Wünsche offenlässt(*). Sie nimmt die gesamte Quellenlage akribisch unter die Lupe, vor allem die erst seit vier Jahren komplett vorliegende Ausgabe der Goebbels-Tagebücher, deren wissenschaftlicher Wert als hoch angesehen wird - weil sie in weiten Teilen kaum als propagandistisches Machwerk abgetan werden können.
Longerich, der schon über Himmler schrieb (SPIEGEL 45/2008) und als einer der führenden Holocaust-Forscher gilt, konzediert Goebbels, er sei der "wichtigste interne Chronist des Nationalsozialismus". Zwar habe er "an den eigentlichen Entscheidungsprozessen" häufig keinen Anteil, aber doch die "Chance" gehabt, das "Zustandekommen dieser Entscheidungen aus nächster Nähe zu beobachten". Dieser "unverstellte Blick auf den Diktator", auf Hitler, sei "einzigartig".
Wie jeder, der ein Produkt bewirbt, habe auch Goebbels maßlos übertrieben, zumal es ihm, so analysiert Peter Longerich, an politischen Konzepten "in erstaunlichem Ausmaß" mangelte. Der Propagandachef spielte stets eine Rolle, während Hitler immer Hitler spielte. Goebbels sah sich besonders einem Auftrag verpflichtet, nämlich allen ein einig Vaterland zu präsentieren, einig hinter dem "Führer".
Auch wenn das Volk, wie sich später herausstellen sollte, so einig hinter Hitler gar nicht stand: Der Minister für die Massen suggerierte es, und deshalb habe er in dieser Rolle, resümiert Longerich, "eine ideale Besetzung" abgegeben.
Goebbels war, und das ist das Entscheidende, über sein Amt hinaus nicht nur ein Trompeter des Krieges, der angelegt war als riesiger Eroberungskrieg. Goebbels gehörte zu jenen, die aus Überzeugung dem Rassenwahn den Weg ebneten. Und damit der Ermordung von sechs Millionen Juden.
Osteomyelitis ist der medizinische Begriff für eine Entzündung des Knochenmarks, die einen Knochen in Teilen zerstören kann. Der Knochen kann sich auch verbiegen, wenn eine Störung der Nervenversorgung vorliegt wie etwa bei der Kinderlähmung. Sie führt zum Klumpfuß, Pes equinovarus. Die Ursache ist nicht bekannt, nur das Ergebnis: Joseph Goebbels, den seine Mutter in ihrer niederrheinischen Freundlichkeit stets "Jüppchen" rief, litt an einer Krankheit, die den rechten Fuß deformiert hatte.
"Fuß fürs Leben gelähmt", schrieb er später in sein Tagebuch, um sogleich eines der Traumata seines Lebens zu definieren: "Jugend von da ab ziemlich freudlos. Eins der richtunggebenden Ereignisse meiner Kindheit. Konnte mich nicht mehr bei den Spielen der anderen beteiligen. Wurde einsam und eigenbrötlerisch … Meine Kameraden liebten mich nicht …"
Goebbels wächst in Rheydt auf, einer Kleinstadt am Niederrhein. Als Schüler ist er anfangs ziemlich faul und teilnahmslos, entwickelt mit den Jahren aber großen Ehrgeiz, seine Lieblingsfächer sind Religion, Latein, Geschichte. Er ist strenger Katholik, schwärmt von großen Staatsmännern und Kriegsherrn, die lateinischen Studien schärfen seinen Sinn für Rhetorik und Logik.
Als Jahrgangsbester darf Goebbels im März 1917, dem vorletzten Jahr des Ersten Weltkriegs, die Abitur-Rede halten, eine patriotische, wie es üblich war in dieser Zeit. "Das Volk der Dichter und Denker" müsse "jetzt beweisen", sagt er, "dass es mehr ist als dieses. Dass es die Berechtigung in sich trägt, die politische und geistige Führerin der Welt zu sein".
Der Abiturient fühlt sich - wie Millionen andere - orientierungslos, als das Kaiserreich 1918 zusammenbricht. Es ist die bittere Zeit wirtschaftlicher Not, für viele ein Kampf ums nackte Überleben; man sehnt sich nach einem "Erlöser", einem kraftvollen politischen Führer, der lenkt und ordnet.
Einer wie Mussolini in Italien. Oder später Adolf Hitler in Deutschland.
Goebbels will, nach seiner durchschnittlich bewerteten Promotion ("rite superato", ein gutes "ausreichend") über den fast unbekannten deutschen Romantiker Wilhelm von Schütz, Journalist werden, am liebsten gar ein großer Schriftsteller. Er hat seinen ersten Roman verfasst, "Michael Voormann", ein stark autobiografisches Stück. Er stellt sich vor, ein Theodor Wolff zu sein. Wolff, Chefredakteur des liberalen "Berliner Tageblatts" und der wohl beste Schreiber im Lande, hat die Macht des Wortes, und Goebbels weiß, dass der Weg zur Macht über das Wort führt. Etliche Artikel schickt er ihm, versehen mit schwülstigen Begleittexten. Alle kommen zurück.
Dass der von ihm verehrte Wolff Jude ist, scheint Goebbels nicht zu interessieren. Gleiches gilt offenbar für den jüdischen Doktorvater, den er sich ausgesucht hat. Was ihn hingegen irritiert, ist die eher nebensächliche Bemerkung seiner Freundin, ihre Mutter sei Jüdin. In seinen Worten klingt dies so: "Sie gesteht mir ihre Abstammung. Seitdem der erste Zauber zerstört."
Bisher hat ihn die "Judenfrage" nicht sonderlich berührt, er betont sogar, "diesen übertriebenen Antisemitismus nicht besonders leiden" zu mögen. Er könne "ja nicht gerade sagen, dass die Juden meine besonderen Freunde wären, aber ich meine, durch Schimpfen und Polemisieren oder gar durch Pogrome schafft man sie nicht aus der Welt" - und wenn "man es auf diese Weise könnte, dann wäre es menschenunwürdig".
Parteipolitisch ist Goebbels flexibel, bei den Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 gibt er der katholisch-nationalkonservativen Bayerischen Volkspartei seine Stimme. Eigentlich sei die "Politik zum Lachen und zum Weinen". Sie mache ihn "unfruchtbar", alles "ekelt mich an". Politik "treiben heißt dem Geist … Fesseln anlegen, heißt richtig schweigen und richtig reden, heißt lügen für eine größere Sache". Sein Fazit: "Bei Gott, ein scheußliches Geschäft."
Reden, lügen. Schweigen, verschweigen. Es scheint, als ob Goebbels sich selbst antizipiert.
Auf der Suche nach einem weltanschaulich gefestigten Standpunkt hält er 1924 fest: "Der Kommunismus … Ich bin deutscher Kommunist." Das sollte nicht allzu wörtlich genommen werden, tatsächlich sieht er sich als "Deutscher Sozialist", allerdings einer, der sich scharf abgrenzt von marxistischen Theorien.
Ihm geht es um die Überwindung des Klassenkampfs, nicht um die Herrschaft einer Klasse, ein neuer Mensch sollte entstehen in einer neuen Welt. "90 Prozent" der Menschen seien "Canaillen, 10 Prozent halbwegs gut. Darum müssen diese 10 Prozent über die 90 Prozent herrschen, soll der Staat bestehen können. Das Geheimnis der Diktatur."
Diktatur, für ihn ein Zauberwort.
Goebbels findet Gefallen an nationalistischem Gedankengut, das für das bürgerliche Milieu typisch ist zu Weimarer Zeiten. Belgische und französische Soldaten stehen als Besatzer auf reichsdeutschem Territorium. Bedingungslos habe er sich "mit der bedrohten Nation" identifiziert, schreibt Longerich über Goebbels, freilich "ein Prozess, der nicht rationaler politischer Einsicht folgte".
Eine Synthese der Begriffe "national" und "sozial" scheint ihm leichtzufallen. "Soziales Gefühl … ist das Gefühl der schicksalhaften, rassischen Gebundenheit innerhalb des staatlichen Gefüges", und "national empfinden" heiße, "allem Tun und Handeln, Denken und Fühlen das Verantwortungsbewusstsein dem Staate als Volksgemeinschaft gegenüber zugrunde zu legen".
Und er beginnt sich jetzt für Hitler zu interessieren: "Ethische Fundierung. Los vom erstarrten Materialismus … Befreiend ist bei Hitler das Einsetzen einer ganzen aufrechten und wahrhaften Persönlichkeit. Das findet man in unserer Welt der Parteiinteressen so selten."
Goebbels hatte Hitlers "Mein Kampf" gelesen, er hatte den Prozess wegen des Münchner Putschs 1923 verfolgt - und bewunderte den "Willen" dieses Mannes, endlich seien "wieder einmal Herzenstöne" zu hören. Er feierte ihn als "Steuermann in der Not", "Führer zur Freiheit".
Persönlich lernt Goebbels Hitler erst am 12. Juli 1925 kennen, da ist er bereits Geschäftsführer des Gaues Rheinland-Nord in Wuppertal und Redakteur der "Nationalsozialistischen Briefe". Goebbels schwelgt: "Alles hat dieser Mann, um König zu sein. Der geborene Volkstribun. Der kommende Diktator."
Fortan gibt er sich Hitler hin, Goebbels verleugnet eigene politische Ideen, bis er schließlich ganz von seinen sozialrevolutionären Positionen lässt. "Nicht Nationalismus oder Sozialismus bestimmte von nun an seine Weltanschauung", urteilt der Publizist Jörg von Bilavsky, "sondern allein, wie Hitler darüber dachte." Nie wagt er es, öffentlich oder auch in geschlossenen Versammlungen den Parteichef zu kritisieren - das erlaubte er sich nur in seinen Tagebüchern.
Ende Oktober 1926 kommandiert ihn Hitler als Gauleiter ab nach Berlin. In der Reichshauptstadt dominieren die Sozialdemokraten und die Kommunisten, die NSDAP ist eine miserabel organisierte und in sich zerstrittene Splitterpartei mit nicht einmal tausend Mann. Bei den letzten Kommunalwahlen hatten sie in Spandau, dem einzigen Bezirk, in dem sie antraten, 137 Stimmen geholt, 0,3 Prozent.
Hitler erteilt Goebbels Sondervollmachten. Er sei "ihm allein verantwortlich … für die organisatorische, propagandistische und politische Leitung des Gaues", auch die Rollkommandos werden ihm unterstellt: SA, die "Sturmabteilung", und SS, die "Schutzstaffel".
Für den Kleinbürgersohn, der bislang nur behäbige Universitätsstädte kennengelernt hatte, ist das Leben in dem Vier-millionenmoloch etwas völlig Neues. Berlin gilt als das New York Europas, die schnellste Stadt der Welt, die "Stadt der Intelligenz" (Goebbels), ein "Pfuhl des Lasters und des blanken Reichtums".
Goebbels gewinnt schnell das Vertrauen vieler örtlicher Parteigenossen. Am 11. Februar 1927 organisiert er eine Kundgebung in den "Pharussälen", dem Versammlungsort der Kommunisten in Wedding, einer roten Hochburg Berlins. Sein Konzept: "Offene Kampfansage".
SA-Leute prügeln sich mit KPDlern, es gibt Verletzte. Die Partei kann erhebliche Neuzugänge verbuchen. Goebbels hat seine ersten Schlagzeilen in der Großstadtpresse, und die sind ihm viel wert, orientierte er sich doch "ganz am Vorbild der Geschäftsreklame" (Longerich), deren Methodik sich nirgendwo so gut studieren lässt wie in Berlin, das überschwemmt ist von Warenzeichen, Neonreklamen, Litfaßsäulen.
Goebbels' Credo: Parteipropaganda keinesfalls argumentativ anlegen. Zur Erklärung nimmt er gar eine Anleihe bei Jesus. "Christus hat für seine Bergpredigt keine Beweise angetreten, er hat lediglich Behauptungen aufgestellt. Selbstverständlichkeiten beweist man nicht."
Geschichte werde auf der Straße gemacht, postuliert Goebbels, und so lässt er seine Horden mit Fackeln durch sozialistische Arbeiterviertel marschieren. Dass es bei solchen Provokationen zu Toten kommt, zählt zum Kalkül.
Im Gegensatz zu Hitler hat sich Goebbels in jeder Phase, auch bei stärkster Verausgabung, stets unter Kontrolle. "Mimik und Gestik", notiert Longerich, "waren, sorgfältig einstudiert, fast perfekt auf den Vortrag abgestellt, sie wirkten in ihrer Lebendigkeit und Dramatik auf zeitgenössische Beobachter geradezu südländisch." Als Redner sei der spindeldürre, kleine Mann ein "Naturtalent" gewesen.
Sein leicht rheinischer Dialekt unterstützt den getragenen, weihevollen Ton, "Herztönigkeit" nannte der jüdische Intellektuelle Victor Klemperer diese Satzmelodie. Die Dehnung bestimmter Vokale geben Worten wie "Führer" etwas Metaphysisches. Andere kann Goebbels verachtend ausstoßen - zum Beispiel "Judentum".
Bernhard Weiß ist Jude und als Vizepräsident der Berliner Polizei Goebbels' ärgster Widersacher. Im Ersten Weltkrieg hatte Weiß dem Kaiserreich als Frontoffizier und Rittmeister gedient, wurde ausgezeichnet wegen Tapferkeit. Jetzt steht er im Ruf eines hervorragenden Juristen, er ist selbstbewusst, durchsetzungsstark, ein nobler Republikaner.
Sein Kampf gilt der Hitler-Kamarilla. Goebbels hatte bei seinem Straßenkampf so überzogen, dass die Berlin-Brandenburger NSDAP im Mai 1927 ein polizeiliches Betätigungsverbot kassierte. Von dem Bann lassen sich die Nazis allerdings nicht beeindrucken: Sie machen weiter in Tarnvereinen wie dem Kegelclub "Alle Neune" oder dem Schwimmverein "Hohe Welle". Goebbels jubelt: "Aufgelöst! Ein Beweis, dass wir auf dem rechten Wege sind. Gut so!"
Da er öffentlich nicht auftreten darf, schreibt er Leitartikel in der Wochenzeitung "Der Angriff", die er seit Juli 1927 herausgibt - ein grell gemachtes Großstadtblatt, das zum perfidesten Sprachrohr neben dem "Völkischen Beobachter" werden soll. Goebbels' antisemitischer Furor trifft vor allem Weiß, der scharf über das Parteiverbot wacht. Sein Kalkül: "Wer das Polizeipräsidium in Berlin hat, der hat Preußen, und wer Preußen hat, der hat das Reich."
Goebbels klingt jetzt ganz anders als in den frühen Zwanzigern, Antisemitismus scheint jetzt politisch opportun. Weiß wird zur Chiffre des Judenhasses. "Kommt da so ein Jude aus Galizien mit Namen Wacholder Trompetenschleim", fabuliert er in einem Leitartikel, "und nach einem Jahr hat er seinen Vornamen vertauscht und heißt ,Isidor'. Nach einem weiteren Jahr hat er auch seinen Zunamen vertauscht und heißt ,Weiß'. Nach noch weiter einigen Jahren sitzt dieser Mann im Polizeipräsidium und behauptet, er heiße ,Bernhard' mit Vornamen."
Das Aussehen des Polizeipräsidenten wird als "typisch jüdisch" karikiert. Goebbels schreibt: "Isidor: das ist kein Einzelmensch, keine Person im Sinne des Gesetzbuches. Isidor ist ein Typ, ein Geist, ein Gesicht, besser gesagt, eine Visage."
Dieses Trommelfeuer auf einen Menschen hat neben der persönlichen Verunglimpfung auch handfeste ideologische Gründe: Das Zerrbild des "Isidor Weiß" sollte die angebliche Vormachtstellung "der Juden" im Weimarer "System" anprangern.
Weiß prozessiert unermüdlich, am Ende füllen die Klageschriften 3000 Aktenbände. Er erwirkt etliche Urteile gegen Goebbels, der auch wegen Delikten wie Körperverletzung oder Anstiftung zur Gewalt unter dem Verfolgungsdruck der politischen Polizei sowie der Staatsanwaltschaft steht. Im "Angriff" schreibt der Gauleiter zwar, Bestrafungen seien für ihn "Orden und Ehrenzeichen". Die Lektüre der Tagebücher freilich offenbart, dass die ständigen Gerichtstermine, Verhandlungen und Verurteilungen ihn ziemlich unter Stress setzten.
Diese Last endet erst nach den Reichstagswahlen vom 20. Mai 1928. Sieben Wochen zuvor hatte der Berliner Polizeipräsident das Betätigungsverbot aufgehoben, der Blitzwahlkampf reichte in Berlin nur für magere 1,6 Prozent, republikweit holt die NSDAP 2,6 Prozent. Dennoch betrachtet Goebbels das Ergebnis als "schönen Erfolg" - schließlich sitzt die Partei zum ersten Mal im Reichstag, eine Fünf-prozentklausel gibt es nicht.
Zwölf Braunhemden werden Abgeordnete, einer von ihnen ist Goebbels. Nun bezieht er Diäten, nun besitzt er Immunität. Das ist ihm das Wichtigste. Später wird er darüber spotten, dass es einer der "besten Witze der Demokratie" sei, dass "sie ihren Todfeinden die Mittel selber stellte, durch die sie vernichtet wurde". Er will gar "kein Mitglied des Reichstages" sein, merkt Goebbels an. Dieser "sogenannte Deutsche Reichstag" sei nichts weiter als ein "Verpfändungstribunal im Dienste der Hochfinanz".
Kein Vertreter der bürgerlichen Parteien will vor der ersten Reichstagssitzung ein Interview geben - nur Goebbels.
Journalist: "Goebbels, der Führer der Nationalsozialisten. Herr Doktor Goebbels, ein paar Worte ins Mikrofon, bitte!"
Goebbels nimmt die Chance wahr, sich übers Radio verbreiten zu können: "Ich halte diesen Reichstag für vollkommen überfällig und bin überzeugt, dass er aufgelöst werden muss, weil er nicht mehr dem Willen des Volkes entspricht."
Hitler gratuliert in einem Brief: "Berlin, das ist Ihr Werk." Zu Kundgebungen im Sportpalast kommen mittlerweile über 10 000 Menschen. Der New Yorker Börsencrash im Spätherbst 1929, der auch Deutschland in eine tiefe Wirtschaftskrise mit über drei Millionen Arbeitslosen stürzt (1932 über sechs Millionen), und die finanziellen Forderungen der Sieger des Ersten Weltkriegs verschaffen der NSDAP bald mächtig Aufwind. Deren Antisemitismus nehmen die Wähler dabei in Kauf, sie stimmen nicht wegen, sondern trotz des Judenhasses von Hitler und Goebbels für die Braunen.
Wie der Aufwind zu nutzen sei, darüber jedoch streiten die beiden. Der "Führer" will legal zur Macht kommen, über Wahlen und in Kooperation mit den Bürgerlichen, arithmetisch gibt es keinen anderen Weg. "Legalität" hingegen findet der Einpeitscher "zum Kotzen". Denn: "Eine revolutionäre Idee - und die nationalsozialistische ist eine solche - duldet keine Kompromisse."
Deshalb ist Goebbels auch strikt dagegen, als Hitler sich im Sommer 1929 dem "Reichsausschuss für das deutsche Volksbegehren gegen den Young-Plan und die Kriegsschuldlüge" anschließt, den der Medienmogul Alfred Hugenberg, Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei, gegründet hatte. Goebbels gibt jedoch - wieder einmal - nach, als ihm der Chef den Eindruck vermittelt, künftig gehöre er zu seinen engsten Mitarbeitern: Hitler weiht ihn in seine Strategie ein. Was Goebbels danach aufzeichnet, urteilt sein Biograf Longerich, zähle "zu den sehr seltenen Dokumenten, in denen Hitler sich vor 1933 zu seinen staatsrechtlichen Plänen nach einer avisierten ,Machtergreifung' äußerte".
Dem NSDAP-Chef schwebt eine parlamentarische "Dreigliederung" vor: Ein "Ständeparlament für wirtschaftliche Fragen", ein "Senat, der aus 60-70 Köpfen" bestehen soll, "Sachkenner" mit Erfahrung und ein gewähltes "politisches Parlament", das zwar debattieren solle, aber keine Entscheidungen zu fällen habe. Goebbels zweifelt: "Ist das politische Parlament nötig, darf es allgemein gewählt werden, wird der Senat nicht auf die Dauer blutlich erstarren?"
Am 26. April 1930 hat Goebbels die nächste Stufe auf der Karriereleiter erreicht - Hitler ernennt ihn zum Reichspropagandachef. Fünf Monate später sind wieder Reichstagswahlen angesetzt, und Goebbels organisiert, obschon die Strukturen des Apparats noch nicht perfekt sind, den ersten deutschen Wahlkampf im amerikanischen Stil. Überall hängen Plakate der NSDAP, in jedem Kaff tritt ein Parteiredner auf, allein Berlin erlebt 24 Großversammlungen an nur zwei Tagen.
Die Stimmung im Volk kommt Hitler entgegen. Wirtschaftskrise und soziale Not machen empfänglich für einfache Lösungen. "Kampf gegen die Young-Parteien", heißt die Losung. Kampf also gegen jene, die der Neuregelung der Weltkrieg-I-Reparationen zugestimmt haben.
Die NSDAP trifft den Nerv der Bürger. Über sechs Millionen wählen die Partei (18,3 Prozent), womit sie genau zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten liegt. 107 Abgeordnete ziehen ins Parlament ein, "Begeisterung wie 1914", notiert Goebbels, auf Dauer, legt er sich fest, könne in Deutschland "künftig nur nationalsozialistisch regiert" werden.
Viele NSDAP-Wähler nehmen es offenbar hin, dass die Partei, schon wegen Goebbels, von den Behörden als staatsfeindlich eingestuft wird; dass deren Chefdemagoge nach Aufhebung seiner Immunität mehrmals vor dem Kadi stand, unter anderem hatte er Mitglieder der Reichsregierung als "bezahlte Verräter" bezeichnet.
Goebbels ist Hitlers Mann fürs Grobe - und dennoch ziemlich isoliert in der Partei. Weil er nie versucht, sich einer Gruppierung anzuschließen, weil er nie versucht, Netzwerke zu knüpfen oder Bündnisse zu schließen, etwa mit der mächtig gewordenen SA. Er will stets als treuester Gefolgsmann Hitlers dastehen. Das sei das Ziel seiner politischen Karriere gewesen, urteilt Longerich, "Hitlers Lob zu erringen, Hitler zu gefallen".
Und dies schafft Goebbels auch, als er im Dezember 1931 eine "schöne Frau mit Namen Quandt" heiratet, Magda Quandt, die Ex-Gattin eines schwerreichen Industriellen. Goebbels, ein Charmeur, der von sich sagt, "jedes Weib" reize ihn "bis aufs Blut", hatte sich jedoch nicht allein in die attraktive, weltgewandte Frau verliebt: Auch Hitler war der Faszination der 30-Jährigen erlegen, so interpretiert es Longerich.
Nach Gesprächen unter Männern habe der "Führer" schließlich verzichtet - und die Hochzeit eingefädelt. "Hitler weint vor Freude", hält Goebbels fest. "Er sagt, seien Sie glücklich für Ihr ganzes Leben und bleiben Sie mein guter Freund. Das verspreche ich ihm."
Die "Dreieckskonstellation" (Longerich) macht Goebbels noch sicherer - und noch durchsetzungsstärker. Er drängt Hitler, im März 1932 bei der Wahl zum Reichspräsidenten anzutreten gegen Generalfeldmarschall a. D. Paul von Hindenburg, einen wahren Volkshelden. Im ersten Wahlgang verliert Hitler, Hindenburg verfehlt die absolute Mehrheit jedoch knapp. Goebbels kennt nur noch eine Devise: "Tempo! Tempo!"
Er schickt Hitler im Flugzeug auf Wahlkampftour, an jedem Tag spricht der in drei, vier Großstädten vor Zehntausenden Menschen, "Deutschlandflug" heißt diese einzigartige PR-Aktion. 50 000 Schallplatten mit Hitler-Reden und Parteigesängen werden gepresst und per Post an gutsituierte Familien versandt. Überall laufen Filme, ein gigantischer Werbefeldzug.
Zwar setzt sich Hindenburg im zweiten Wahlgang durch, aber der Herausforderer macht weiter Boden gut. Der Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft verfestigt sich, auch wenn die NSDAP bei der Wahl im November erhebliche Verluste hinnehmen muss. Weil die Kommunisten hinzugewinnen, ist die Angst des Volks vor einem Bürgerkrieg Hitlers "mächtigster Verbündeter", so analysiert der Historiker Heinrich August Winkler. Reichspräsident Hindenburg holt Hitler ins Regierungsboot und trägt ihm als Chef der stärksten Partei die Reichskanzlerschaft an. Kabinettskollegen glauben, der "böhmische Gefreite" (Hindenburg) werde, weil gezähmt, eine Nebenrolle spielen.
Ein Irrtum mit fatalen Folgen, am 30. Januar 1933 ist Hitler an der Macht. Und mit ihm Goebbels. "Wir sitzen in der Wilhelmstraße", jubelt er, "wie ein Märchen." Abends spielen Musikkapellen, Zehntausende marschieren mit Fackeln durch Berlin, ihr Zug gleicht einem Feuerband, das auf Gesichter und Häuserwände unruhige Schatten wirft - als wären es Menetekel.
Eigentlich will der Reichspräsident den anrüchigen Gauleiter aus Berlin "höchstens zum Ministerialrat" berufen, auch im Kabinett aus Konservativen und NSDAP regt sich Widerstand gegen Goebbels. Hitler lässt ihn zappeln, das ist sein Spiel mit ihm, um ihn noch gefügiger zu machen. Bitter beklagt er sich über den "eisigen Boykott … Ich schaue in den Mond. Das ist so demütigend".
Diese "persönliche Abhängigkeit von Hitler" sei "zentraler Fixpunkt seines politischen Handelns" gewesen, betont Longerich. Andererseits ist Hitler auch abhängig von ihm; denn Goebbels hatte die Idee, ihn als Person ganz ins Zentrum der Parteipropaganda zu stellen.
Und es ist auch seine Idee, nach der "Machtergreifung", im geschlossenen System einer kontrollierten Öffentlichkeit, den Führermythos zu kreieren - nämlich die "Vorstellung einer weitgehenden Verschmelzung von Volk und Volksführer" (Longerich). Um ihn so zum höchsten Soldaten zu promovieren, zum höchsten Richter, zum Oberhaupt des Staats, fast auch zum Herrscher über die Köpfe von Abermillionen Menschen.
Goebbels tritt am 14. März 1933 ein Amt an, das es bislang nicht gab, er wird Chef des Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Mit 35 ist er der jüngste Minister in ganz Europa. Ihm wäre es lieber gewesen, für "Kultur und Volksaufklärung" zuständig zu sein, Hitler jedoch besteht darauf: "Propaganda".
In der neuen Funktion wandelt sich Goebbels' Aufgabe. Bisher musste der politische Feind bekämpft, diffamiert und demoralisiert werden. Als Minister muss er nun alle Deutschen auf die NS-Ideologie einschwören - was nur gelingen kann, wenn er die Herrschaft über die öffent-
liche Meinung gewinnt, über die Presse, über Funk, Film, Theater, gar Malerei. Die Volksgenossen sollten so lange "bearbeitet" werden, gibt er vor, "bis sie uns verfallen" seien.
Mit der "Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat" war schon im Februar eine weitgehende Zensur eingeführt worden, Goebbels' "Schriftleitergesetz" verlangt, jeder Redakteur müsse arischer Abstammung und mindestens 21 Jahre alt sein. Andernfalls drohten Berufsverbot, Verhaftung, KZ.
Auch die Kunst rangiert unter Propaganda. Sie solle "heroisch" sein, "stählern-romantisch", "national mit großem Pathos". Blut und Boden in Wort und Schrift also, in Öl und Stein.
Ein neuer Zeitgeist entsteht, und den verkünden Akademiker und auch solche, die es werden wollen. Am 10. Mai brennen in deutschen Städten auf großen Scheiterhaufen die Bücher missliebiger Geistesgrößen, allein in Berlin sind es 20 000. Goebbels lobt, endlich werde der "Ungeist der Vergangenheit" ausgelöscht.
Bald schon ist er Herrscher über die gesamte Kultur- und Medienindustrie in Nazi-Deutschland, 2000 Menschen arbeiten für ihn - und dennoch spielt er oftmals nicht die Rolle, die er sich selbst zuschreibt. Der "Führer" beteiligt ihn kaum an wichtigen Entscheidungen, mitunter wird er nur "ganz kurzfristig von Hitler informiert", schreibt Longerich. Goebbels ist kein Ratgeber, wenn es um politische Inhalte geht.
Schickt ihn der Chef ins Ausland - etwa nach Italien oder zu Verhandlungen mit dem Völkerbund in Genf -, soll er dort gut Wetter machen für die Diktatur. Die eigentliche außenpolitische Planung erfolgt hinter seinem Rücken. Und die Außenpolitik gehört zu Hitlers wichtigsten Feldern.
Der Versailler Vertrag schränkt nämlich die Handlungsfreiheit des Reichskanzlers ein auf dem Weg zu Aufrüstung, zur Expansion, zum Krieg. Sichtbare Zeichen des Strebens nach Souveränität und Macht sind die Wiedereinführung der Wehrpflicht im März 1935, auch die Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands ein Jahr später. Goebbels erklärt, dies gehöre zu einer ausgewogenen europäischen Friedensordnung, ausländische Kritiker bürstet er ab: "höchst gefährliche kriegerische Psychose".
Goebbels folgt und gehorcht Hitler bis zur Selbstaufgabe. Als sich der sexuell äußerst umtriebige mehrfache Vater ("Bock von Babelsberg") in die schöne Ufa-Schauspielerin Lída Baarová verliebt, da ordnet Hitler nicht nur an, die Spezialisten des technischen Geheimdienstes "Forschungsamt" sollen Baarovás Telefon überwachen: Er zwingt Goebbels, die Beziehung zu beenden. Der Minister handelt wie ihm befohlen. Staatsräson.
Historiker messen dieser amourösen Episode für das Verhältnis der beiden Männer eine folgenreiche Bedeutung bei. Goebbels glaubt, sich rehabilitieren zu müssen - und er tut es mit Verve.
Seit langem schon ist er einer der antisemitischen Scharfmacher in der NSDAP. Kaum im Amt, hatte er verfügt, das Pausenzeichen des Reichsrundfunks solle die Melodie von "Üb' immer Treu' und Redlichkeit" sein; einem Volkslied aus dem 18. Jahrhundert, das die vermeintliche Habgier der Juden besingt. Er war einer der Ersten, die zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen, immer wieder regt er dazu Gesetze und Verordnungen an. Und er inszeniert Krawalle, um sich "innerhalb des Regimes als Vertreter eines radikalen Kurses in der künftigen ,Judenpolitik' zu profilieren", sagt Longerich.
Goebbels will Berlin "judenfrei" machen, der rechte Mob wirft Schaufenster ein oder beschmiert sie, Synagogen werden beschädigt. "Ich putsche richtig auf", beschreibt Goebbels einen Auftritt vor Polizisten. "Gegen jede Sentimentalität. Nicht Gesetz ist die Parole, sondern Schikane. Die Juden müssen raus …"
Eine reichsweit angelegte Razzia gegen Kriminelle erweiterte er in eine Verfolgungsjagd auf Juden, über tausend werden in Berlin festgenommen, meist wegen kleiner Ordnungsvergehen. Die Botschaft ist klar: Juden müssen durch die Staatsmacht ausgeschaltet werden, weil sie kriminell und asozial sind. Goebbels erklärt die Ausschreitungen zu einem Manifest des "Volkszorns" - kein Wort davon, dass es sich um seine Parteigänger handelt.
Das ist die Ausgangslage, als am 7. November 1938 Herschel Grünspan in Paris den Diplomaten Ernst vom Rath niederschießt, aus Rache, weil seine Eltern aus Deutschland abgeschoben worden sind. Zwei Tage später stirbt vom Rath. Grünspan ist Jude.
Schon kurze Zeit nach Bekanntwerden des Attentats auf den deutschen Diplomaten kommt es zu Übergriffen und Ausschreitungen, die Nazi-Presse hetzt. Goebbels informiert Hitler, und der ordnet an: "Demonstrationen weiterlaufen lassen. Polizei zurückziehen. Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu spüren bekommen." Über 1400 Synagogen und Betstuben brennen in der Nacht zum 10. November, mindestens 400 Menschen werden ermordet, etliche bestialisch misshandelt in dieser "Reichskristallnacht", wie sie oft verharmlosend genannt wird.
Goebbels definiert die Pogromwelle als radikale Entschlossenheit der "Volksgemeinschaft". Eine Volksgemeinschaft, die es so gar nicht gibt. Eine Volksgemeinschaft, die im Spätherbst 1938 nicht annähernd so kriegsbegeistert ist, wie sie es nach Meinung der Führung sein sollte; die Goebbels deswegen einzubinden sucht in den Kampf gegen die Juden - Kompensation für die ausgebliebene Kriegsstimmung.
Die Deutschen, das zeigen unzählige Berichte, wollen in ihrer Mehrheit weder den Krieg noch das Judentum auslöschen. So weit hat es Goebbels' Gleichschaltung nicht gebracht. Doch sie wagen andererseits auch nicht den offenen Protest, als es losgeht. Natürlich weil sie wissen, dass jeder seine bürgerliche Existenz gefährdet, der aufbegehrt. Aber vor allem, weil ihr Glaube an den "Führer" inzwischen größer ist als die Angst vor dem Krieg.
Auch Goebbels lehnt den Krieg als Mittel der Politik eher ab, jedenfalls ist Krieg für ihn nicht so etwas wie Selbstverwirklichung. Eigentlich, soll er in kleiner Runde gesagt haben, dürfe "einem klugen Mann … Krieg nicht passieren". Der Krieg verschlinge alles. "Auch unser eigenes Ich."
In den Fahrplan zum Krieg, in den Überfall auf Polen am 1. September 1939, ist Goebbels allenfalls grob eingeweiht. Aber beweglich, wie er ist, findet er einen Grund, warum der Krieg nötig sei: Es gelte, dass sich das Germanenreich "für 100 Jahre mit Land eindeckt".
Er ist jetzt Chef der Kriegspropaganda, zuständig für die "geistige Kriegsführung". Im Alleingang verfügt er, dass das Abhören ausländischer Rundfunksender unter Strafe gestellt wird, bei Weitergabe von Nachrichten droht sogar der Tod. Zwar wird die Verordnung modifiziert, aber sie bleibt bis zum Schluss ein probates Mittel, die Öffentlichkeit wirksam abzuschotten gegen andere Informationsquellen. Zugleich will sich Goebbels ein Bild machen von der Stimmung der Menschen, von ihrer Haltung zum Krieg: Lokale Dienststellen seines Ministeriums liefern ihm ständig Berichte, Ortsgruppenleiter der NSDAP müssen Fragebögen ausfüllen - fast ein modernes Umfragemanagement.
Das Eiltempo, in dem Polen unterworfen und im Westen die Niederlande, Belgien und Frankreich besetzt werden, schafft Vertrauen. Immer neue Siegesmeldungen dieser "Blitzkriege" erreichen die Nation, und so scheint es, als seien die Bürger schon viel zuversichtlicher als vor dem Angriff. "Kein objektiver, leidenschaftsloser Beobachter kann leugnen, dass die Propaganda wirksam ist", konstatiert im Februar 1940 der Berliner Bürochef der US-amerikanischen Nachrichtenagentur AP, Louis P. Lochner. "Männer und Frauen, die selbst letzten Oktober und November noch keineswegs sicher waren, was Ursachen und Zwecke des Krieges … anbetraf, benutzen jetzt die identische Sprache."
Goebbels gelangt dennoch nicht in den inneren Zirkel der Kriegsstrategen. Erst im März 1941 eröffnet Hitler seinem Propagandaminister, er werde den Einmarsch in die Sowjetunion wagen, das "Unternehmen Barbarossa", die Entscheidung war bereits ein Vierteljahr zuvor gefallen. Goebbels hält diesen Feldzug, weil er zum Zweifrontenkrieg führt, für ein nur schwer kalkulierbares Risiko. Im Tagebuch heißt es: "Man traut unserer Wehrmacht die tollsten Dinge zu. Ich bremse da unentwegt ab." Nach außen gibt er, wie gewohnt, den starken Mann ab. Journalisten erklärt Goebbels, der Ostkrieg sei binnen "acht Wochen" aus.
Die antisemitische Kampagne, die er "in der Propaganda gegen die Sowjetunion losgetreten hatte" (Longerich), dehnt er auf die daheim gebliebenen Juden aus. Sie sollen als innerer Feind stigmatisiert werden - dies könnte die Empathie der Mitbürger hemmen. Hitler sichert ihm zu, er dürfe "unmittelbar nach der Beendigung des Ostfeldzuges" aus seinem Berliner Gau alle Juden "abschieben". Die ersten Züge ins besetzte Polen rollen bereits im Herbst 1941. "Berlin muss eine judenreine Stadt werden", notiert Goebbels, es sei "ein Skandal, dass in der Hauptstadt des deutschen Reiches sich 78 000 Juden, zum größten Teil Parasiten, herumtreiben können. Sie verderben nicht nur das Straßenbild, sondern auch die Stimmung". Nur ein Ende könne es geben - "dass man sie beseitigt".
Und gegenüber einem Vertrauten blickt er in die Zukunft: "Sollten wir diesen Krieg verlieren, dann werden sich die KZs als eine Eiterbeule erweisen, deren giftiger Ausfluss das Leben in Deutschland noch lange verpesten wird."
Nordafrika, Stalingrad, der "Totale Krieg" - spätestens seit der Landung alliierter Truppen in der Normandie am 6. Juni 1944 ist er verloren. Ungerührt faselt Goebbels vom "Endsieg". Predigt den Erfolg von Wunderwaffen und die Wirksamkeit kleiner Guerillatrupps, die sich "Werwölfe" nennen.
Und mit Vehemenz betreibt er seine Hauptaufgabe - nämlich Hitlers Politik zu verteidigen. Dazu gehört nun, große Euphorie zu vermeiden, stattdessen die Menschen "auf einen längeren Krieg mit erheblichen persönlichen Härten einzustellen", analysiert Longerich. Denn eines durfte aus Sicht des Historikers nicht geschehen: dass die den "Führerstaat konstituierende Demonstration permanenter Zustimmung breiter Bevölkerungskreise" ins Leere laufe; bislang hatte Goebbels dies einigermaßen sichergestellt.
Im Juli 1944 ernennt ihn Hitler zum "Reichsbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz". Ein rastloser Einsatz der gesamten Nation soll von den Sorgen um die Kriegslage ablenken, jene vollständige Mobilisierung habe die "Autorität des Regimes erhöht", so Longerich; schon deshalb, weil Unmutsäußerungen oder Kritik jetzt als "defätistisch" gelten, und Defätismus kann den Tod bedeuten. Goebbels führt die 60-Stunden-Woche ein, lässt Theater und Akademien schließen, verbietet Empfänge, Festspiele, Urlaube.
Alles vergebens.
Als sowjetische Truppen Berlin erreichen, zieht Goebbels mit seiner Frau Magda und den inzwischen sechs Kindern - ihre Vornamen fangen alle mit H an, H wie Hitler - aus seiner Luxuswohnung in den Führerbunker, tief unterhalb der Reichskanzlei. Grauer Beton, schmale Gänge, Eisentüren, kaltes Licht, hier endet das Tausendjährige Reich. Am 30. April 1945 schießt sich Hitler eine Kugel in den Kopf. Testamentarisch verfügt er, sein "treuer, unerschütterlicher Schildknappe", wie er Goebbels gelegentlich nannte, solle sein Nachfolger werden.
Reichskanzler Goebbels versucht, mit den Sowjets einen Waffenstillstand auszuhandeln. Als dies nicht klappt, vergiftet Magda Goebbels ihre Kinder mit Hilfe zweier SS-Ärzte; sie "sollen lieber sterben, als in Schande und Spott zu leben".
Das Ehepaar Goebbels nimmt sich danach das Leben, Ordonnanzen verbrennen die Körper. Sachlich heißt es im Obduktionsprotokoll: "Die Leiche des Mannes war von niedrigem Wuchs, der Fuß des rechten Beins steckte … in einer angekohlten Metallprothese, darauf lagen die Überreste einer verkohlten Parteiuniform der NSDAP."
"Wir werden als die größten Staatsmänner aller Zeiten in die Geschichte eingehen", schrieb Goebbels, als er 1943 immer noch Hoffnung schöpfte. "Oder als ihre größten Verbrecher."
Das war keine Propaganda des hitlerschen Propagandaministers, das war die richtige Prognose.
(*) Peter Longerich: "Joseph Goebbels. Biographie". Siedler Verlag, München; 912 Seiten; 39,99 Euro.
Von Georg Bönisch

DER SPIEGEL 47/2010
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