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Von Dohmen, Frank und Hawranek, Dietmar

Staatsanwälte, Hedgefonds, Anlegerschützer und US-Richter nehmen den Zuffenhausener Sportwagenbauer ins Visier. Die Schwaben sollen den Wert der VW-Aktie manipuliert haben. Es drohen Milliardenforderungen, die auch VW in Bedrängnis bringen könnten.

Manchmal gibt sich Wendelin Wiedeking betont locker. Zum Beispiel wenn sich der ehemalige Porsche-Boss an seine alte Wirkungsstätte nach Stuttgart-Zuffenhausen fahren lässt - allerdings nicht wie einst vom eigenen Fahrer im Porsche-Cayenne, sondern von einem Angestellten der Stuttgarter Verkehrsbetriebe: Er fährt an diesem Tag mit der S-Bahn, Linie 6.

Wiedeking ist im Restaurant Christophorus im Porsche-Museum verabredet, wo es angeblich die besten Steaks der Stadt gibt. Auch so ein Superlativ, für den der Top-Manager verantwortlich sein soll, wie für so viele rund um die schwäbische Sportwagenschmiede: Milliardengewinne und -verluste, den sagenhaften Aufstieg und den nicht minder spektakulären Absturz der Firma.

Als Porsche-Chef hatte Wiedeking in New York Steaks mit einer Qualität gegessen, die er aus Deutschland nicht kannte. Das Geheimnis soll in speziellen Öfen liegen, die über 700 Grad heiß werden und die Poren des Fleischs in Sekunden schließen. Also ließ er für das Porsche-Restaurant Öfen aus den USA importieren. Und warum sollte er sich jetzt, da er vom Hof gejagt wurde, die Steaks nicht mehr schmecken lassen?

In Deutschland ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen ihn und den einstigen Finanzvorstand Holger Härter. In den USA klagen Hedgefonds. Die beiden Ex-Manager sollen bei ihrem Versuch, mit dem kleinen Sportwagenbauer den Automobilgiganten VW zu übernehmen, Börsenkurse manipuliert haben. Diese beiden allein?

Bei dem Thema verliert Wiedeking dann doch schnell jede Lässigkeit. Reden soll er nicht darüber. Das sagen ihm seine Anwälte. Also schweigt er und muss hinnehmen, dass Finanzmanager Härter und er in der Öffentlichkeit wie zwei finstere Gestalten dastehen, die im Alleingang Europas größten Autokonzern kapern wollten und dabei Porsche, VW und die gesamte Börse in Turbulenzen stürzten.

Doch je länger die Ermittlungen dauern, um so klarer wird: Nicht nur den einstigen Top-Managern Wiedeking und Härter droht ein juristisches Nachspiel. Es geht um die wirtschaftliche Sicherheit des Unternehmens Porsche, das möglicherweise milliardenschwere Schadensersatzzahlungen leisten muss. Es geht sogar um die Zukunft des Wolfsburger VW-Konzerns.

Wenn Porsche eventuelle Schadensersatzzahlungen nicht aufbringen kann, müssten die Stuttgarter Teile ihrer VW-Aktien verkaufen. Sie halten zurzeit noch 50,7 Prozent der VW-Stammaktien, die an der Börse mit 16 Milliarden Euro bewertet werden. Diese VW-Anteile könnten dann in die Hände von Finanz-"Heuschrecken" oder chinesischen Konkurrenten gelangen.

Deshalb hoffen sogar VW-Chef Martin Winterkorn und sein Betriebsrat Bernd Osterloh, die einst zu Wiedekings härtesten Gegnern zählten, dass sich die Ermittlungen gegen den Ex-Porsche-Boss totlaufen. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Im Gegenteil.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat Indizien dafür gefunden, dass Porsche möglicherweise gegen das Wertpapierhandelsgesetz verstoßen und den Kurs der VW-Aktie manipuliert hat. Nach Ansicht von Verfahrensbeteiligten wird Oberstaatsanwalt Hans Richter Anklage gegen Wiedeking und Härter erstatten.

Ein Urteil gegen die beiden Ex-Manager wäre dann die Grundlage für Schadensersatzforderungen gegen Porsche. Um welche Summen es dabei geht, zeigen zwei Güteverfahren, in denen Betroffene zurzeit versuchen, sich außergerichtlich mit Porsche und VW zu einigen.

Im ersten haben die Deka Investment Gesellschaft und zwei Fonds von der Porsche SE 2,1 Milliarden Euro verlangt. Im zweiten fordert die Kanzlei CLLB für ihre Mandanten 2,4 Milliarden von VW.

Es droht zudem ein Verfahren vor dem Bezirksgericht in New York, wo 35 Fonds mindestens zwei Milliarden US-Dollar als Schaden gegenüber Porsche angemeldet haben. Mittlerweile haben sich sieben weitere Fonds der Klage angeschlossen. Der Richter will am 17. Januar entscheiden, ob sie zulässig ist.

Und dann fordert der deutsche Aktienrechtler Mark Binz, der einst schon den Mannesmann-Prozess ins Rollen brachte, im Auftrag der Deka Investment auch noch eine Sonderprüfung bei Porsche. Mit ihrer Hilfe sollen die Aktiengeschäfte von Porsche und die Abfindungszahlungen an Wiedeking und Härter von 71 Millionen Euro untersucht werden.

Noch sind dies alles Forderungen, noch gibt es kein Verfahren und kein Urteil. Doch VW nimmt die Vorgänge so ernst, dass die Wolfsburger die beabsichtigte Verschmelzung mit Porsche verschoben haben. Und Porsche wiederum fürchtet, dass Aktionäre die bevorstehende Hauptversammlung am 30. November zur Bühne für eine Abrechnung machen und eine geplante Kapitalerhöhung, mit der frisches Geld in die Kassen kommen soll, ablehnen.

Anlass zu kritischen Fragen gibt es reichlich. Die Ermittlungen der Staatsanwälte sowie Stellungnahmen beteiligter Anwaltskanzleien zeigen, wie Wiedeking und Härter die kleine Sportwagenfirma in ein gigantisches Casino verwandelten.

Innerhalb von nur einem Jahr konnte mit Optionsgeschäften schon mal ein Gewinn von über 50 Milliarden Euro anfallen und mit anderen Aktiendeals ein Verlust in ähnlicher Größenordnung (siehe Grafik). Das Autogeschäft war zu jenem Zeitpunkt schon völlig in den Hintergrund geraten.

Porsches Master of the Universe war Finanzvorstand Härter. Er ist eine Art Gegenentwurf zum mitunter poltrigen Wiedeking. Härter tritt meist leise auf. "Es ist im Grunde ganz einfach", pflegte er seine Konstruktion zur Übernahme von VW zu erklären. Es gehe um "cash-gesettelte Call-Optionen" und um "cash-gesettelte Put-Optionen". Dann lächelte er.

Die beiden Finanzinstrumente waren im Prinzip Wetten zwischen Banken und Porsche auf die Entwicklung des VW-Kurses. Stark vereinfacht lief es so: Porsche kaufte Call-Optionen. Bei ihnen war ein Basispreis für die VW-Aktie festgelegt. Stieg die Aktie über diesen Preis, mussten die Banken Porsche die Differenz erstatten. Porsche hatte sich damit gegen steigende Kurse der VW-Aktie abgesichert, die eine Übernahme erschwert hätten.

Auf der anderen Seite verkaufte Porsche Put-Optionen an Banken. Auch bei ihnen war ein Basispreis für die VW-Aktien festgelegt. Fiel die VW-Aktie unter diesen Kurs, musste Porsche den Banken die Differenz bezahlen. Die Banken sicherten sich dadurch gegen fallende VW-Kurse ab.

Aus Porsche-Sicht war damit scheinbar kein Risiko verbunden. Die Gefahr, dass der VW-Kurs stark fällt und Porsche Geld an seine Wettpartner, die Banken, überweisen muss, schien vernachlässigbar. Porsche kaufte seit dem Einstieg bei VW im September 2005 ständig weiter Aktien. Der VW-Kurs würde weiter anschwellen, so die Erwartung. Und tatsächlich: Er stieg.

Porsche wollte erst 20, dann über 30 und schließlich mehr als 50 Prozent der VW-Stammaktien erwerben. Längst verdiente der kleine Autobauer mehr durch Börsenspekulationen als durch den Verkauf seiner Sportwagen.

Den bislang geheim gehaltenen Umfang der Geschäfte offenbart eine Stellungnahme der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer. Die Anwälte wurden von Porsche mit der Abwehr diverser Kläger beauftragt. Sie haben in einem Schriftsatz für das Landgericht Stuttgart Porsches Börsengeschäfte aufgelistet.

Begonnen hat das Milliardenspiel im Jahr 2005 mit überschaubaren Summen. Porsche setzte rund 510 Millionen Euro für Optionen ein. Doch in den folgenden Jahren wurde der Einsatz erhöht.

Der Aufsichtsrat mit Wolfgang Porsche an der Spitze kannte die Börsengeschäfte offenbar. Im Schriftsatz der Juristen heißt es: "Der Vorstand hatte den Aufsichtsrat über die Struktur, Wirkungsweise, Risiken und Umfang der Kurssicherungsstrategie sowie über die Sicherung der Finanzierung der Aktienkäufe, der VW-Aktienderivatgeschäfte und die Liquiditätssituation insgesamt informiert."

Aber niemand stoppte Wiedeking und Härter. Warum auch? Es lief ja scheinbar bestens.

Allerdings erreichten die Aktiengeschäfte schließlich eine Größenordnung, bei der nach Ansicht des Anlegeranwalts Binz sogar die Existenz von Porsche gefährdet war - und der Aufsichtsrat hätte einschreiten müssen.

Porsches Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer schreibt, die Aktiengeschäfte hätten "insgesamt einen positiven Ergebnisbeitrag geleistet" und "die damit verbundenen Risiken waren vertretbar".

Tatsache ist: Im Geschäftsjahr 2008/09 gab die Firma für Aktienoptionen insgesamt die wahnwitzige Summe von 56,1 Milliarden Euro aus. Das ist mehr, als der Autohersteller in den davorliegenden zehn Jahren insgesamt durch den Verkauf seiner Sportwagen überhaupt einnahm. Doch nun konnten auch die Erträge aus Optionsgeschäften, 53,7 Milliarden Euro, die gigantischen Aufwendungen nicht ausgleichen. Vor Steuern blieb ein Verlust von 2,4 Milliarden Euro.

Der große Plan hätte dennoch aufgehen können. Es musste nur alles so weiterlaufen wie bisher, die Banken mussten Porsches Deal weiter finanzieren, die VW-Aktie durfte nicht abstürzen. Vor allem aber: In dem Plan war keine Finanzkrise vorgesehen, die das globale Börsengeschäft verhagelt.

Mit dem 15. September 2008, dem Tag der Lehman-Pleite, änderten sich die Spielregeln. In den folgenden Wochen fielen die Aktien fast aller Unternehmen, auch die des VW-Konzerns. Vom 17. bis 24. Oktober rauschte sie von 360 auf 209 Euro herunter.

Der Fall, der eigentlich nie eintreten durfte, war jetzt da. Die scheinbar sichere Wette wurde plötzlich zum tödlichen Risiko.

Porsche hatte 60,7 Millionen Put-Optionen an Banken verkauft. Wäre der VW-Kurs auch nur um 20 Euro unter die jeweiligen Basiswerte gefallen, hätte Porsche 1,2 Milliarden Euro an die Banken überweisen müssen. Bei 50 Euro wären es schon 3 Milliarden gewesen.

Am Sonntag nach dem drastischen Kursverfall der VW-Aktie, am 26. Oktober 2008, überraschte das Unternehmen mit der Mitteilung, man halte bereits 42,6 Prozent der VW-Stammaktien und verfüge über Optionen auf weitere 31,5 Prozent. Porsche wolle mehr als 75 Prozent bei VW erwerben, schrieb der Vorstand, der dies bis dahin stets bestritten hatte.

Die Aktion verschaffte Porsche für ein paar Tage Luft. Die VW-Aktie schoss zeitweilig auf 1000 Euro hoch, um sich anschließend zwischen 200 und 300 Euro einzupendeln. Porsches Bankenpartner, die Maple Bank, sorgte nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft dafür, dass der Kurs fortan in diesem Korridor blieb. Der Vorwurf: Sie manipulierten sich den Kurs mit Hin- und Her-Geschäften zurecht.

Das war gar nicht so schwer: Porsche und die Banken hatten Zugriff auf knapp 75 Prozent der VW-Stammaktien. Das Land Niedersachsen hält 20,1 Prozent. Frei handelbar waren damit gerade mal knapp 5 Prozent der Anteilsscheine. Schon der Kauf oder Verkauf weniger Aktien konnte den Kurs in die eine oder andere Richtung bewegen.

Am 7. Mai 2009 etwa war der VW-Kurs zu Handelsbeginn deutlich gefallen und erreichte um 9.02 Uhr den Tiefstand von 222,11 Euro. Die Maple Bank kaufte weit über 100 000 VW-Stammaktien. Der Kurs stieg und lag um 10.45 Uhr bereits bei 229 Euro - immerhin drei Prozent höher.

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BaFin) hat in Stellungnahmen für die Staatsanwaltschaft Porsche teilweise entlastet: Es lägen trotz dieser Transaktionen möglicherweise keine Verstöße gegen das Wertpapierhandelsgesetz vor. Eine wesentliche Voraussetzung dafür aber ist: Porsche wollte und konnte zu diesem Zeitpunkt noch 75 Prozent von VW erwerben. Genau daran zweifeln aber die Staatsanwälte.

Sie lassen gerade ein Gutachten darüber erstellen, ob Porsche damals finanziell überhaupt noch in der Lage war, die Dreiviertelmehrheit bei VW zu erwerben. Falls nicht, hätte das Unternehmen die Aktionäre bewusst getäuscht.

Porsche verweist auf eine Expertise des Rechtsprofessors Joachim Vogel, der "keine tragfähigen Anhaltspunkte" dafür fand, dass Porsches Verhalten "kapitalmarktrechtlich oder strafrechtlich zu beanstanden ist". Die Maple Bank betont, sie betreibe ihre Geschäfte "stets im Einklang mit sämtlichen rechtlichen Vorgaben". Die Anwälte von Wiedeking und Härter wollten sich zum Stand des Verfahrens nicht äußern.

Der Kampf ums Recht wird in diesem Fall zu einem Kampf der Gutachter. Und so stehen manche Gewinner der Auseinandersetzung bereits fest: die beteiligten Anwaltskanzleien.

Für Porsche und Wiedeking bleibt es eine Zitterpartie, die dem Ex-Chef zu-dem eine völlig neue Erfahrung verschafft: Er kann nichts entscheiden, sondern muss auf die Beschlüsse anderer warten - der Staatsanwälte in Stuttgart und der Richter in den USA.

Wiedeking kann nicht erkennen, dass er gegen Gesetze verstoßen hat. Aber vielleicht bereut er mittlerweile den einen oder anderen Spruch, den er im Rausch der VW-Übernahme machte.

Auf dem Höhepunkt seines eigenen Aktien-Hypes hatte er frohlockt: "Von uns kann mancher Hedgefonds noch etwas lernen."


DER SPIEGEL 47/2010
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