22.11.2010

DOKUMENTATIONDer kommende Aufstand

Eine linke Theorieschrift erfährt derzeit eine ungewöhnlich große Aufmerksamkeit: Das Buch „Der kommende Aufstand“ wurde von anonymen Autoren aus Frankreich verfasst, die sich „Unsichtbares Komitee“ nennen. Dort ist das Buch mehr als 25 000-mal verkauft worden, es zirkuliert in mehreren Sprachen im Internet, die deutsche Print-Ausgabe erschien im August in der Edition Nautilus und war nach wenigen Wochen vergriffen. Ein US-Fernsehkommentator nannte es „möglicherweise das Böseste“, was er je gelesen habe. Bekannt wurde die Schrift im November 2008, als französische Behörden mehrere Bewohner einer Kommune in dem Dorf Tarnac festnahmen, die beschuldigt wurden, einen Anschlag auf eine Eisenbahnstrecke begangen zu haben, um einen Castor-Transport zu verhindern. Einer von ihnen, der 36-jährigen Julien Coupat, war in Verdacht geraten, Mitautor dieses „Handbuchs des Terrorismus“ zu sein. Tatsächlich ruft „Der kommende Aufstand“ zu Sabotage, Subversion und auch zu Gewalt auf. In einem glühenden Untergangsszenario wird der postmoderne Kapitalismus beschrieben, in dem der Mensch nurmehr als ein ortloses, beziehungsarmes und maximal entfremdetes Wesen vorkommt. Anders als die Schriften des ultralinken Establishments verzichtet der Text auf theorieschwere Technokratenprosa. Manches klingt, als hätte es der Entfremdungsdichter Michel Houellebecq geschrieben. In ihren Anleitungen zum Aufstand empfehlen die Autoren die Gründung von Kommunen, die aus der Unsichtbarkeit heraus agieren und den Staat durch eine umfassende Unterwanderung zu Fall bringen sollen, ohne allerdings die frontale Konfrontation zu suchen. Die brennenden Vorstädte in Frankreich, die Straßengewalt in Griechenland seien Symptome des Zusammenbruchs der Demokratien. Dieser Text fällt in eine Zeit, in der auch hierzulande fast jede Nacht Autos brennen, in der Bürger gegen Regierungsentscheidungen demonstrieren. „Der kommende Aufstand“ gilt als eine Art Manifest des militanten Aussteigertums und als Abkehr von bisherigen Proteststrategien. Es ist auch der radikalste und problematischste Ausdruck eines neuen gesellschaftlichen Unbehagens. DER SPIEGEL druckt Auszüge.
I. WAS PASSIERT IST
Unter welchem Blickwinkel man sie auch betrachtet, die Gegenwart ist ausweglos. Denen, die unbedingt hoffen wollen, raubt sie jeden Halt. Diejenigen, die vorgeben, Lösungen zu besitzen, werden auf der Stelle widerlegt. Es besteht Einverständnis, dass alles nur noch schlimmer werden kann.
Der Kreis der politischen Vertretung schließt sich. Von links bis rechts ist es dasselbe Nichts, das Champion-Posen einnimmt oder Unschuldsmienen aufsetzt, von links bis rechts sind es die gleichen Gondelköpfe, die ihre Reden gemäß den neuesten Funden der Werbeabteilung austauschen. Diejenigen, die noch wählen, machen den Eindruck, nur noch die Urnen sprengen zu wollen, indem sie aus reinem Protest wählen. Der Deckel des sozialen Kessels wird gesichert verschlossen, während der Druck im Inneren unaufhörlich steigt.
Für die gegenwärtige Situation wird es keine soziale Lösung geben. Zunächst weil das vage Konglomerat von Milieus, Institutionen und individuellen Blasen, das man ironisch "Gesellschaft" nennt, keine Konsistenz hat, außerdem, weil es keine
Sprache mehr für die gemeinsame Erfahrung gibt. Und man teilt keine Reichtümer, wenn man keine Sprache teilt. Es hat ein halbes Jahrhundert Kämpfe um die Aufklärung gebraucht, um die Möglichkeit der Französischen Revolution zu schaffen, und ein Jahrhundert Kämpfe, um die Arbeit, um den furchterregenden "Wohlfahrtsstaat" hervorzubringen. Die Kämpfe schaffen die Sprache, in der man die neue Ordnung spricht.
Nichts Ähnliches heute. Europa ist ein geldloser Kontinent, der heimlich bei Lidl einkaufen geht und "low cost" reist, um überhaupt noch zu reisen. Kein einziges der "Probleme", die in der sozialen Sprache formuliert werden, lässt in ihr eine Lösung zu. Die "Frage der Renten", die der "Prekarität", der "Jugend" und ihrer "Gewalt" können nur im Raum stehen bleiben, während man das immer unfassbarere Zur-Tat-Schreiten polizeilich verwaltet. Die Alten, die von ihren Leuten verlassen wurden und nichts zu sagen haben, bekommen für schändliche Löhne den Hintern abgewischt. Diejenigen, die auf kriminellen Wegen weniger Erniedrigung und mehr Gewinn gefunden haben als in der Gebäudereinigung, werden ihre Waffen nicht niederlegen, und das Gefängnis wird ihnen nicht die Liebe zur Gesellschaft einhämmern. Die Lustgier der Rentnerhorden wird nicht untätig düstere Einschnitte in ihre monatlichen Renten ertragen und kann sich nur noch mehr über die Arbeitsverweigerung einer breiten Fraktion der Jugend erregen.
Von einem Punkt extremer Isolation, extremer Ohnmacht brechen wir auf. An einem aufständischen Prozess ist alles noch aufzubauen. Nichts scheint unwahrscheinlicher als ein Aufstand, aber nichts ist notwendiger.
Ein explosiv lautes Auflachen, das ist die passende Antwort auf all die ernsten "Fragen", die die Aktualität aufzuwerfen beliebt. Um mit der abgedroschensten zu beginnen: Es gibt keine "Einwanderungsfrage". Wer wächst noch da auf, wo er geboren ist? Wer wohnt da, wo er aufgewachsen ist? Wer arbeitet da, wo er wohnt? Wer lebt da, wo seine Vorfahren wohnten? Und die Kinder dieser Epoche, wessen Kinder sind sie, die des Fernsehens oder die ihrer Eltern? Die Wahrheit ist, dass wir in Massen von jeder Zugehörigkeit losgerissen wurden, dass wir von nirgendwo mehr sind und dass daraus ein unleugbares Leiden folgt. Unsere Geschichte ist die der Kolonisierungen, der Migrationen, der Kriege, der Exile, der Zerstörung aller Verwurzelungen. Es ist die Geschichte all dessen, was aus uns Fremde in dieser Welt, Gäste in unserer eigenen Familie gemacht hat. Wir wurden unserer Sprache enteignet durch den Unterricht, unserer Lieder durch die Schlagermusik, unserer Körperlichkeit durch die Massenpornografie, unserer Stadt durch die Polizei, unserer Freunde durch die Lohnarbeit.
Das Volk von Fremden, in dessen Mitte wir leben, "Gesellschaft" zu nennen ist eine solche Anmaßung, dass selbst die Soziologen erwägen, ein Konzept aufzugeben, das ein Jahrhundert lang ihr Broterwerb war. Sie bevorzugen jetzt die Metapher des Netzes, um die Art zu beschreiben, wie sich die kybernetischen Einsamkeiten verbinden, wie sich die schwachen Interaktionen verknüpfen, die unter den Namen "Kollege", "Kontakt", "Kumpel", "Beziehung" oder "Abenteuer" bekannt sind.
Es wäre Zeitverschwendung, einzeln aufzuführen, was alles in den bestehenden sozialen Beziehungen im Sterben liegt. Man sagt, dass die Familie wiederkommt, dass die Paarbeziehung wiederkommt. Aber die Familie, die wiederkommt, ist nicht diejenige, die weggegangen war. Ihre Rückkehr ist nur eine Vertiefung der herrschenden Trennung, über die hinwegzutäuschen sie hilft, wodurch sie selber zu einer Täuschung wird. Jeder kann die Mengen an Traurigkeit bezeugen, die die Familienfeste Jahr für Jahr kondensieren, diese mühsamen Erinnerungen, diese Verlegenheit, weil man sieht, wie alle vergeblich simulieren; dieses Gefühl, dass da, auf dem Tisch, ein Kadaver liegt und dass alle so tun, als ob nichts wäre.
Wir gehören zu einer Generation, die sich nie auf die Rente, auf das Arbeitsrecht und noch weniger auf das Recht auf Arbeit verlassen hat. Die nicht einmal "prekär" ist, wie die fortschrittlichsten Fraktionen des linksradikalen Aktivismus es gern theoretisieren, weil prekär sein bedeutet, sich immer noch im Verhältnis zur Arbeitssphäre zu definieren, in diesem Falle: zu ihrem Zerfall. Wir erkennen die Notwendigkeit an, Geld zu finden, ganz gleich mit welchen Mitteln, weil es gegenwärtig unmöglich ist, darauf zu verzichten, was wir aber nicht anerkennen, ist die Notwendigkeit zu arbeiten. Im Übrigen arbeiten wir nicht mehr: Wir jobben. Das Unternehmen ist kein Ort, in dem wir existieren, es ist ein Ort, den wir durchqueren. Wir sind nicht zynisch, wir haben nur Vorbehalte, uns missbrauchen zu lassen.
Die Vermehrung der Verkehrs- und Kommunikationsmittel reißt uns ununterbrochen aus dem Hier und Jetzt heraus - durch die Versuchung, immer anderswo zu sein. Einen TGV, einen Regionalexpress, ein Telefon zu nehmen, um schon da zu sein: Diese Mobilität bedeutet nur Herausreißen, Isolation, Exil. Die Metropole ist eine der verletzbarsten menschlichen Formationen, die es je gegeben hat. Flexibel, subtil, aber verletzbar. Eine brutale Schließung der Grenzen aufgrund einer wütenden Seuche, irgendeine Lücke in einer lebenswichtigen Versorgung oder eine organisierte Blockade der Hauptverkehrswege, schon stürzt das ganze Bühnenbild ein. Diese Welt würde nicht so schnell rasen, wenn sie nicht ununterbrochen von ihrem nahenden Einsturz verfolgt würde.
Ihre Netzstruktur, ihre gesamte technologische Infrastruktur aus Knoten und Verbindungen, ihre dezentralisierte Architektur möchten die Metropole vor ihren unvermeidlichen Funktionsstörungen schützen. Das Internet muss einem Atomangriff standhalten. Die permanente Kontrolle der Informations-, Menschen- und Warenflüsse soll die metropolitane Mobilität sichern und garantieren, dass die Herkunft zurückverfolgt werden kann und niemals eine Palette im Warenlager fehlt, dass man niemals einen geklauten Geldschein im Handel oder einen Terroristen im Flugzeug findet. Mit Hilfe eines RFID-Mikrochips, eines biometrischen Reisepasses, einer DNA-Datei.
Aber die Metropole produziert auch die Mittel zu ihrer eigenen Zerstörung. Ein amerikanischer Sicherheitsexperte erklärt die Niederlage im Irak durch die Fähigkeit der Guerilla, sich die neuen Kommunikationswege zunutze zu machen. Mit ihrer Invasion haben die Vereinigten Staaten nicht so sehr die Demokratie importiert als vielmehr die kybernetischen Netze. Sie haben eine der Waffen für ihre Niederlage mitgebracht. Die Vervielfachung der Handys und der Internetzugänge hat der Guerilla ganz neue Mittel geliefert, sich zu organisieren und sich selber so schwer angreifbar zu machen.
II. WAS ZU TUN IST
Sich zu Kommunen zusammenschließen. Die Kommune ist das, was passiert, wenn Wesen sich finden, sich verstehen und beschließen, zusammen ihres Weges zu ziehen. Sie ist die Freude der Begegnung, die ihr eigentlich vorgeschriebenes Ersticken überlebt. Eine Kommune bildet sich jedes Mal, wenn einige - aus der individuellen Zwangsjacke Befreite - plötzlich anfangen, sich nur noch auf sich selbst zu verlassen und ihre Kraft an der Wirklichkeit zu messen. Jeder wilde Streik ist eine Kommune, jedes auf klaren Grundlagen kollektiv besetzte Haus eine Kommune, die Aktionskomitees von '68 waren Kommunen, so wie es die Dörfer der entlaufenen Sklaven in den Vereinigten Staaten waren. Jede Kommune will für sich selbst die eigene Basis sein. Sie will die Frage der Bedürfnisse auflösen. Sie will - gleichzeitig mit jeder ökonomischen Abhängigkeit - mit jeder politischen Unterwerfung brechen.
Sich organisieren, um nie wieder arbeiten zu müssen. Die Zeit der Kommune entzieht sich von vornherein der Arbeit, sie fällt nicht auf den Trick rein, sie zieht ihm andere vor. Für die Kommune muss Geld herangeschafft werden, aber keinesfalls hat sie die Pflicht, sich ihr Leben zu verdienen. Alle Kommunen haben ihre schwarzen Kassen. Es gibt vielerlei Tricks. Außer der Sozialhilfe gibt es Beihilfen, Krankmeldungen, kumulierte Stipendien, erschlichene Prämien für fiktive Geburten, alle möglichen Schiebereien und so viele andere Mittel, die bei jeder Veränderung der Kontrolle entstehen. Wichtig ist, diese notwendige Bereitschaft zum Betrug und dessen Neuerungen miteinander zu teilen. Der Anspruch der Kommune ist, so viel Zeit wie möglich für alle zu befreien. Die vakante Zeit, die tote Zeit, die Zeit der Leere und der Angst vor der Leere, das ist Arbeitszeit. Von nun an gibt es keine Zeit mehr, die zu füllen ist, sondern eine Freisetzung von Energie, die keine "Zeit" mehr begrenzt.
Plündern, kultivieren, fabrizieren. Einerseits kann eine Kommune nicht auf die Ewigkeit des "Wohlfahrtsstaats" setzen, andererseits kann sie nicht darauf zählen, lange vom Ladendiebstahl, vom Sammeln von Brauchbarem in den Mülltonnen der Supermärkte oder nachts in den Lagerhallen der Industriegebiete, vom Subventionsmissbrauch, Versicherungsbetrug und anderen Betrügereien zu leben - kurz: vom Plündern. Sie muss sich also darum kümmern, das Niveau und den Umfang ihrer Selbstorganisation ständig zu erhöhen. Nichts wäre logischer, als dass die Drehbänke, Fräsmaschinen und Fotokopierer, die bei der Schließung einer Fabrik verramscht werden, im Gegenzug dazu dienten, eine Verschwörung gegen die Warengesellschaft zu unterstützen.
Nach und nach alle Hindernisse umwerfen. Was die Methode betrifft, lasst uns von der Sabotage folgendes Prinzip behalten: ein Minimum an Risiko, ein Minimum an Zeit, ein Maximum an Schäden. Die technische Infrastruktur der Metropole ist verletzbar: Ihre Ströme sind nicht nur Personen- und Warentransporte; Informationen und Energie zirkulieren durch Kabel-, Glasfaser- und Kanalisationsnetze, die man angreifen kann. Wie macht man eine TGV-Strecke und ein elektrisches Verbundnetz unbrauchbar? Wie findet man die Schwachpunkte der Computernetze, wie stört man die Radiowellen und bringt Schneegestöber auf den Bildschirm?
Die Sichtbarkeit meiden. Die Anonymität in eine offensive Position umkehren. Sichtbar zu sein bedeutet, ohne Deckung zu sein, das heißt vor allem, verwundbar. Wenn die Linksradikalen aller Länder ihre Sache ständig "sichtbar machen", in der Hoffnung, dass sie übernommen wird, dann machen sie das genaue Gegenteil dessen, was sie machen müssten.
Kein Anführer, keine Forderung, keine Organisation. Gesellschaftlich nichts zu sein ist keine erniedrigende Situation, sondern im Gegenteil die Bedingung für maximale Aktionsfreiheit. Seine Missetaten nicht zu unterzeichnen, nur Phantasie-Kürzel zu benutzen ist eine Art, diese Freiheit zu wahren.
In Waffen sein. Alles tun, um ihren Gebrauch überflüssig zu machen. Gegen die Armee ist der Sieg politisch. Es gibt keinen friedlichen Aufstand. Waffen sind notwendig: Es geht darum, alles zu tun, um ihren Gebrauch überflüssig zu machen. Ein Aufstand ist mehr ein Ergreifen der Waffen, ein "bewaffneter Bereitschaftsdienst", als ein Übergehen zum bewaffneten Kampf. Es ist ganz in unserem Interesse, die Bewaffnung vom Gebrauch der Waffen zu unterscheiden. Waffen sind eine revolutionäre Konstante, obgleich ihre Benutzung in den Augenblicken großen Umschwungs nicht sehr häufig oder nicht sehr entscheidend ist: 10. August 1792, 18. März 1871, Oktober 1917. Wenn die Macht im Rinnstein liegt, genügt es, sie niederzutreten. Strategisch gesehen scheint sich die indirekte, asymmetrische Aktion am meisten zu lohnen, der Zeit am besten angepasst zu sein: Man greift eine Besatzungsarmee nicht frontal an. Die Militarisierung des Bürgerkriegs ist das Scheitern des Aufstandes.
III. WAS PASSIEREN WIRD
Es gibt kaum noch Zweifel, dass es die Jugend ist, die als Erste die Macht wild angreifen wird. Die letzten Jahre sind nichts als eine einzige Folge von diesbezüglichen Warnungen. Diejenigen, die vor dreißig oder vierzig Jahren gegen die Moral ihrer Eltern revoltierten, werden es nicht versäumen, das auf einen neuen Generationskonflikt zu reduzieren, wenn nicht gar auf eine vorhersehbare Auswirkung der Adoleszenz.
Die Tradition möchte, dass alles mit einer "sozialen Bewegung" anfängt. Vor allem in dem Moment, wo die Linke, die nur weiter verwest, scheinheilig versucht, sich wieder eine "street credibility" zu verschaffen. Nur dass sie das Monopol der Straße nicht mehr besitzt.
Die Zeit ist vorbei, in der man die Zusammenbrüche voraussieht oder ihre frohe Möglichkeit beweist. Mögen sie früher oder später kommen, man muss sich auf sie vorbereiten. Bleibt nur noch, einen gewissen Blick, ein gewisses taktisches Fieber zu erregen - zu schüren, wie man ein Feuer schürt -, das sich, wenn der Moment gekommen ist, gleich jetzt, als entscheidend erweist und als ständige Quelle von Entschlossenheit.
Ein Aufstand - wir wissen nicht einmal mehr, womit der anfängt. Sechzig Jahre Befriedung, Stilllegung historischer Umwälzungen, sechzig Jahre demokratische Anästhesie und Verwaltung der Ereignisse haben unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit, unseren Partisanen-Sinn für den laufenden Krieg geschwächt. Genau diese Wahrnehmung müssen wir wieder erlangen, um anzufangen.
Es geht nicht darum, sich zu engagieren - in diesem oder jenem Bürgerkollektiv, in dieser oder jener linksextremen Sackgasse, in der neuesten Vereinshochstapelei. All die Organisationen, die behaupten, die gegenwärtige Ordnung in Frage zu stellen, haben selber Form, Sitten und Sprache von Miniaturstaaten, nur noch marionettenartiger.
Es geht nicht mehr darum zu warten - auf einen Lichtblick, die Revolution, die atomare Apokalypse oder eine soziale Bewegung. Noch zu warten ist Wahnsinn. Die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern das, was da ist. Wir befinden uns schon jetzt in der Untergangsbewegung einer Zivilisation. Das ist der Punkt, an dem man Partei ergreifen muss.
Nicht mehr warten heißt, auf diese oder jene Weise in die aufständische Logik einzutreten. Es bedeutet, in der Stimme unserer Regierenden wieder das leichte Zittern des Entsetzens zu hören, das sie nie verlässt. Denn Regieren ist nie etwas anderes gewesen, als durch tausend geschickte Täuschungen den Moment hinauszuschieben, an dem die Menschenmenge einen hängen wird, und jede Regierungshandlung nur eine Art, nicht die Kontrolle über die Bevölkerung zu verlieren. ◆
© Edition Nautilus, Hamburg 2010.

DER SPIEGEL 47/2010
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