29.11.2010

MEDIZINSchönheit oder Tod

Sein Hauptberuf: Liebling der Busenwunder und Gelifteten. Enrique Steiger, prominenter Schönheitschirurg aus der Schweiz. Seine Mission: in Zeltlazaretten die Verstümmelten der Kriege zusammenflicken, in Ruanda oder Afghanistan. Von Dialika Krahe
Der Bauch des Diplomaten liegt aufgeklappt wie eine Handtasche vor ihm auf dem OP-Tisch, ein rotes Innenfutter aus Muskeln, Fett und Blut. Draußen vor dem Fenster schimmert grau und blau der Morgenhimmel im Zürichsee, Enrique Steiger beugt sich über die Wunde und schneidet ein überschüssiges Stück Fleisch vom Rand, "ein schöner Mann eigentlich", sagt er, "nur ein kleines Bäuchlein hatte der".
Steiger ist ein großgewachsener Mann, 52 Jahre alt, charmant, braungebrannt, Colgate-Lächeln, ein Hollywood-Gesicht; manchmal spritzt er sich selbst ein bisschen Botox in die Stirn. Im indirekten Licht seines Operationssaals sieht er aus, als käme er gerade aus dem Urlaub aus seinem Haus in Südfrankreich, nur die leichten Schatten unter seinen Augen verraten, dass er erschöpft sein muss: Seit drei Tagen ist er zurück aus dem Krieg, aus seinem anderen Leben.
Der Mann, der vor ihm auf dem OP-Tisch liegt, hübsch, gebräunt, narkotisiert, ist Südamerikaner. Er hat einen Ozean überquert, um sich von Steiger für 16 000 Franken den Bauch schönschneiden zu lassen. Die Praxis am Utoquai, weißvertäfelt, frische Schnittblumen, gilt als Top-Adresse in den Kreisen der Unvollkommenen. Die Praxisgehilfinnen, symmetrisch, blond, mit roséfarbenem Lippenstift, schweben hier wie Feen über das Fischgrätparkett und bieten mit Zuckerstimmen Kaffee an und Tee. Auf den Tischen im Wartezimmer liegen dicke Fotobände, aber wahrscheinlich muss hier eh nie jemand warten. Politiker, Schauspieler, Manager lassen sich von Steiger operieren, "die oberen fünf Prozent der Gesellschaft", wie er sagt.
Sie fliegen im Privatjet ein aus Hollywood und Abu Dhabi; sie entsteigen Limousinen und schleichen durch die Hintertür. Das sind die besten Kunden des Schönheitschirurgen Enrique Steiger; die Kunden des Menschenfreundes Enrique Steiger kommen oft halbtot in der Schubkarre zur Klinik.
"Noch mal die Schere, bitte", sagt er, während er die Bauchdecke des Mannes mit zwei Fingern nach oben zieht. Dort, wo mal der Nabel steckte, ist ein Loch. "Die Menschen hängen sehr an ihrem Nabel", sagt Steiger, schneidend, lächelnd, "das ist komisch, zu nichts zu gebrauchen, das Ding."
Seit seiner Rückkehr aus dem Krieg hat er wenig geschlafen, hat drei Frauen glücklich gemacht, von Körbchen A zu B und von B zu C, eine war aus London angereist, eine aus Paris, jetzt schlummern sie im unteren Stockwerk der Praxis auf gestärkten Kissen, mit frischem Silikon in der 18 000-Franken-Brust. Er hat auch eine Nasenplastik gemacht, erzählt er, ein paar Augenlider gestrafft, ein paar Fältchen weggespritzt. Er sagt: "Im September beginnt bei uns die Hochsaison", der Sommer ist vorbei, Zeit, sich schöner zu machen, für die nächste Poolsaison, die Ballsaison, die roten Teppiche, Lippen praller, Hintern straffer. Am liebsten mache er Facelifts, sagt Steiger, "und Brüste", sagt er, "Brust-OPs gefallen mir".
Ein paar Tage zuvor steht Enrique Steiger in einem provisorischen Krankenzelt und studiert weiße Tafeln, auf denen mit abwaschbarem Filzer Patientendaten eingetragen sind: Gun Shot Wound, Bomb Blast, Mine Explosion.
Er schaut in die Runde, sieben afghanische und pakistanische Männer, ein kleiner Junge, schwerverletzt, schauen mit stumpfen Augen aus ihren Metallbetten zurück. "Alles meine Patienten", sagt Steiger, "das Team war so freundlich, das so für mich einzurichten." Der Geruch von Verwundung hängt zwischen den Plastikwänden.
Das Kriegskrankenhaus, in dem Steiger arbeitet, liegt in der pakistanischen Stadt Peschawar, keine 50 Kilometer von der afghanischen Grenze entfernt. Erst vor zwei Tagen beschossen sich hier Aufständische und Angehörige der Armee, innerhalb einer Woche gab es mehrere Anschläge auf Schulen, in den Nächten sind in der Ferne Schüsse zu hören, täglich schleppen sich Verwundete aus Afghanistan an, und mittendrin steht Doktor Steiger von der Goldküste am Zürichsee.
"Mein Herz hüpft", sagt er, "ein tolles Hospital." Normalerweise operiere er im Feld, "richtig primitiv", Ruanda, Bosnien, Liberia. "Aber hier, das ist schon ein Luxuskrankenhaus für mich."
Er bittet um eine Taschenlampe, leuchtet damit dem ersten Patienten auf seiner Visite ins Gesicht. Der Mann ist schmächtig, die Haut fahlgelb, er hatte einen durchschossenen Mund, sitzt dort in seinem hellblauen Patientenhemd und erzählt, dass er als Lastwagenfahrer im Swat-Tal unterwegs war, als er in einen Schusswechsel zwischen Taliban und Sicherheitskräften geriet. Der Speichel lief ihm ungebremst aus dem Loch, das anstelle eines Mundes in seinem Gesicht geblieben ist. Er konnte nicht mehr richtig essen.
Dann kam Dr. Steiger aus Zürich und hat ihm einen neuen Mund geschenkt. "Das wird wunderschön schließen", sagt Steiger, einige Tage noch, dann könne er die Fäden ziehen.
Seit drei Tagen ist Steiger jetzt für das IKRK, das Internationale Komitee des Roten Kreuzes, im Weapon Wounded Hospital als Kriegschirurg, als Rekonstruktionsspezialist, als Lebensretter. Er ist einer von ein paar Dutzend Chirurgen, die für das IKRK, für die Uno oder andere humanitäre Organisationen in den Kriegs- und Krisengebieten der Welt im Einsatz sind. Gerade erst hat Steiger eine Mission im Süden Afghanistans beendet. Dann ist er nach Genf geflogen, zum Briefing für die neue Mission, hat anschließend einen Tag mit seiner Frau im Luxushotel verbracht und danach: Abu Dhabi-Islamabad-Peschawar.
Für die nächsten drei Wochen wird diese Stadt sein Zuhause sein, er wird amputieren, Köpfe schließen, Bombensplitter entfernen. Erst danach geht es zurück in seine Busenklinik in der Schweiz.
Steiger steht jetzt in einem der zwei OP-Räume, eine Liege, ein paar Alu-Regale mit Material darin. Vor ihm liegt der Kopf eines Menschen, vermutlich der eines Taliban. Ein Bombensplitter hat dem jungen Mann ein Loch in den Hinterkopf gerissen, das Steiger nun mit seinen Kollegen wieder verschließen will.
Er trägt eine Lupenbrille auf der Nase, an den Bügeln ist in schimmrigen Buchstaben sein Name eingraviert. Er hat das Stück in einem Holzkasten transportiert wie eine Zigarre, die er aus dem Komfortleben herüberretten konnte: In diesem Krankenhaus gibt es kein Beatmungsgerät, keinen Defibrillator, während der Narkose setzen sich die Patienten manchmal auf und rufen mit offenem Bauch "Allahu akbar". Das sei Kriegschirurgie pur, sagt Steiger. "Wenn wir keine Saugdrainagen haben, dann müssen wir sie aus Infusionsschläuchen basteln." Im Sudan habe er auch schon mal rostfreien Draht auf dem Markt gekauft, ihn desinfiziert und einem Patienten eingebaut, sagt er. Dann beginnt er, das Loch im Kopf zu reinigen.
Der Mann, der zu dem Kopf gehört - narkotisiert, keine 60 Kilogramm schwer - ist kaum zu sehen unter seinem mächtigen schwarzen Bart und den grünen Abdecktüchern. Wahrscheinlich "ein Kämpfer", sagt Steiger. Wer weiß, wie oft er den Abzug einer Waffe gedrückt hat, den Zünder einer Bombe betätigt? Steiger schüttelt den Kopf. "Nein", sagt er, wischt die Gedanken weg wie das Blut, das er nun mit einem Lappen aus der Wunde schiebt. Patient ist Patient, sagt er.
Steiger operiert in einer der gefährlichsten Städte Pakistans. Peschawar grenzt an die Stammesgebiete, die teils von al-Qaida, teils von den Taliban kontrolliert sind. Zu Beginn dieses Jahres hat die pakistanische Armee hier eine Bodenoffensive gegen die radikal-islamischen Kräfte begonnen, und immer wieder fliegen auch US-Drohnen Angriffe auf mutmaßliche Terroristenverstecke. Osama Bin Laden sei in der Region abgetaucht, so hieß es. Und Woche für Woche explodieren Sprengsätze in den Gassen der Millionenstadt Peschawar. Steiger setzt seine Arbeit fort, "da habe ich Schlimmeres erlebt", sagt er.
Vor 21 Jahren entdeckte Enrique Steiger, der aufstrebende Schönheitschirurg, dass es neben schönen Frauen und Männern noch andere Dinge zu formen, zu ändern gibt auf der Welt. Er arbeitete bei Ivo Pitanguy in Rio de Janeiro, seinem Lehrer, einem der erfahrensten Schönheitschirurgen der Welt. "Du wirst erfolgreich sein", sagte der zu Steiger, "aber du musst der Welt etwas zurückgeben."
Steiger war Anfang dreißig und bewarb sich für seine erste Uno-Mission in Namibia. Es war das Jahr 1989. Namibia war in der Übergangsphase zur Unabhängigkeit, begleitet von schweren Kämpfen zwischen der Befreiungsbewegung Swapo und südafrikanischen Streitkräften. Steiger hatte den Auftrag, eine unabhängige Uno-Klinik aufzubauen, sechs Monate war er dort, nicht selten wurde seine Krankenstation von Schlägertrupps, einmal sogar mit Panzern bedroht, und die Ärzte und Schwestern versuchten ihre Patienten mit aller Kraft zu beschützen. "Erfolgreich", sagt Steiger, und dieses Gefühl beflügelte ihn.
Nach sechs Monaten, noch im selben Jahr, zog er weiter nach Angola, dann nach Marokko und schließlich, 1994, schickte ihn das IKRK nach Burundi und Ruanda, wo in nur drei Monaten 800 000 Tutsi und moderate Hutu niedergemetzelt wurden. "Ich hatte keine Vorstellung, was mich dort erwartet", sagt Steiger. Er habe gedacht, er würde ankommen und die Welt retten, sagt er, und "schon im Anflug auf Ruanda haben die uns beschossen. Aber einen Fluchtreflex, so etwas habe ich nicht", sagt er.
Er schuftete zusammen mit einem Team von Ärzten und Schwestern, Tag für Tag, manchmal 24 Stunden durch, aß wenig, arbeitete, arbeitete, arbeitete. Machetenverletzungen, Schussverletzungen, Brandverletzungen. "Und dann sind sie in mein Hospital eingebrochen und haben meine Patienten erschossen", sagt er, "und ich habe ihnen noch die Genfer Konventionen runtergebetet." Er schüttelt den Kopf: "Ruanda war mein Wake-up-Call", sagt er dann, diese Hilflosigkeit, dieses Ausgeliefertsein. Alle, selbst die Uno, waren schon abgezogen, und die ganze Welt schaute einfach zu.
Vorn, am Eingang der Klinik, öffnet sich die Tür, nächster Patient, Muhammad, 12 Jahre. Männer in weißen Gewändern laden den Jungen auf eine blaue Trage. Er ist auf eine Mine getreten, er wimmert, fiebert, viel zu lange hat es gedauert, ihn ins Krankenhaus zu bringen, das Bein ist infiziert: In Peschawar kommt der Krieg meist verspätet an, auf den Ladeflächen von Lkw, auf den Rückbänken von beuligen Taxis. Am nächsten Tag, als Steiger den Jungen im Intensivzelt besucht, wird dieses infizierte Bein schon nicht mehr Teil seines Körpers sein.
Täglich arbeitet Steiger nun 12 bis 14 Stunden im Hospital. Er ist der Spezialist für Wiederherstellungschirurgie; Schultern, Schädeldecken, Hände, die nicht mehr funktionieren. Die Abende verbringt er mit seinem Freund Doktor Carlos, einem Mexikaner, mit dem er schon in Liberia war, und einem Kanadier in einem gesicherten Haus der Delegation. Es ist ein kleines Universum, in dem sich die humanitären Helfer bewegen. Es geht zwischen der Klinik, einem Restaurant namens "Orange House" und Steigers Unterkunft hin und her, mehr nicht. Die Straßen von Peschawar, die Märkte und Gassen, vollgestopft mit Lkw und Autorikschas, sind dem IKRK zu gefährlich. Die Altstadt ist verboten, Nachtleben, alles, was Spaß machen könnte eigentlich.
Steiger sitzt also am Abend in seiner Unterkunft oder im immergleichen Restaurant. Dort hockt er nun an einem niedrigen Tisch bei Grilled Chicken und Wasser und sagt: Er könnte es sich schön gemütlich machen in seinem Schweizer Leben. Er spricht davon, wie er mit seiner Frau auf dem Golfplatz stehen und sein Handicap verbessern könnte, davon, dass er sich jeden Abend auf einer anderen Party herumtreiben könnte.
Nach Feierabend fährt er normalerweise mit dem silberfarbenen Mercedes die Goldküste des Zürichsees zu seiner Villa hinauf. Die liegt am Hang, ein weißer Bau mit schieferschwarzen Fensterrahmen und einer Reihe von kugeligen Buchsbäumen davor. Vor dem Haus leuchtet ein grüner Pool, Bambuspflanzen rauschen im Abendwind, eine thailändische Liegewiese. Er hat fünf Motorräder und einen Porsche in der Garage, mit dem er spielen könnte. Stattdessen sitzt er hier in diesem schlichten Restaurant in Peschawar und verbringt seine Zeit damit, Afghanen zusammenzuflicken. Warum?
"Warum?", das sei immer die erste Frage.
Ein Gutmensch sei er nicht, sagt Steiger. "Gutmenschen kann man hier nicht gebrauchen", sagt er, der humanitäre Sektor sei knallhart, ein Job, in dem man funktionieren müsse. In dem man hochprofessionelle Kräfte brauche, nicht nur Chirurgen, auch Ingenieure, Logistiker.
Nein, er tue das unter anderem, weil ihn die Arbeit hier herausfordere, menschlich, medizinisch. "Hier bekommt man an einem einzigen Tag fünf Verletzungen auf den Tisch, die in einem großen europäischen Universitätsklinikum nicht in einem Jahr zusammenkommen." Zu Hause profitierten seine Patienten ja irgendwie auch davon, sagt er: "Es gibt kaum ein Körperteil, das ich im Feld nicht schon operiert habe."
Und: "Irgendjemand muss es ja tun."
Er isst nur langsam, spricht lieber von dem Suchtpotential, dass diese Art von Arbeit hat. Die täglichen Extreme, die Gefahr. Viele seiner Weggefährten seien zu "War Junkies" geworden, sagt Steiger. Nach Kriegseinsätzen seien sie einfach nicht mehr in der Lage gewesen, in ihr altes Leben zurückzukehren. Das wäre ihm sicher auch passiert, hätte er nicht seine Frau und seine Tochter.
Es ist nicht leicht, mit Steiger über Gefühle zu reden, darüber, ob es ihn wütend macht, wenn seine afghanische Patientin vor seinen Augen verblutet, weil er von ihrem Ehemann kein Einverständnis zur Behandlung kriegt. Darüber, ob er nach einem Einsatz einfach in sein anderes Leben aus Brustimplantaten und Gesellschaftsabenden zurückkehren kann. "Ich verstehe nicht, warum die Leute das alles immer so psychologisieren müssen", sagt er. Große Emotionen könne er sich gar nicht leisten in seinem Beruf.
Er überlegt einen Moment. Obwohl - doch, ein, zwei Sachen gebe es, die blieben trotzdem stecken in der Erinnerung.
Das kleine Mädchen in Ruanda zum Beispiel, das sich plötzlich unter dem Leichenhaufen, der einmal seine Familie war, herauskämpfte, als einzige Überlebende, beide Arme waren verbrannt. Steiger nahm es mit in die Klinik und behandelte es, und "es hat die ganze Zeit keine Miene verzogen".
Seine Tochter Manou war damals im gleichen Alter, erzählt Steiger, und plötzlich wollte er das Kind mitnehmen, unbedingt, raus aus der Hölle, einfach mit ihr ins Flugzeug steigen. "Aber zum Glück hatte ich damals beim IKRK einen Chef, der mich fragte: Warum ausgerechnet dieses Kind? Hast du das mit deiner Frau besprochen?"
Das erste Mal, dass ihm die Grenze zwischen dem einen und dem anderen Leben verwischte. "Ich habe in Ruanda ein Stück von meiner Lebensfreude verloren", sagt Steiger, "die Unbeschwertheit ist nicht mehr da."
Es fiel auch in diese Zeit, in das Grauen des Genozids von Ruanda, dass ihm die Idee für seine Mission kam, für die er seither kämpft, "irgendwie bin ich das meinen Toten schuldig".
Die Schweiz, so seine Idee, soll eine humanitäre Schutztruppe stellen, eine autonome und schnell einsatzfähige Notfalleinheit, die selbst in der schlimmsten Krise, in Naturkatastrophen und bewaffneten Konflikten in der Lage ist zu funktionieren - dank einer eigenen, bewaffneten Schutzeinheit. 500 Männer und Frauen, die innerhalb von 72 Stunden ein Flüchtlingslager für 100 000 Menschen aufbauen können. Helfer, die ihr Leben und ihre Patienten beschützen können und nicht mehr zusehen müssen, wie sie von marodierenden Kräften niedergemetzelt werden.
Ein Feldlazarett, stellt er sich vor, "wunderschön", solch eines, wie es die Deutschen in Afghanistan haben, sterile Räume, wie ein kleines Kreiskrankenhaus und in wenigen Stunden einsatzfähig. "Wenn ein Konflikt ausbricht, wenn alle abhauen, dann könnten wir da sein. Infrastruktur schaffen, Sicherheit, Lufttransport, Bodenkapazitäten, medizinische Versorgung", dann könne man vielleicht schon mal das Schlimmste verhindern. "Wir Helfer sind ja schon überall", sagt er, aber er kenne das aus eigener Erfahrung: "Wenn irgendwo Rebellen einfallen, dann komme ich nicht ins Hospital, und was nützt ein teurer Chirurg, der im Luftschutzbunker sitzt und wartet, bis die Bevölkerung ausradiert ist?"
Für das "Swisscross", so nennt er die Kriseneinheit, spricht er seit Jahren mit Politikern, mit potentiellen Geldgebern und den Führungskräften der großen humanitären Organisationen. Eine US-amerikanische Universität arbeitet an einer Studie zu seinem Projekt, er habe bereits prominente Befürworter, sagt er, der frühere Bundespräsident Roman Herzog sei beispielsweise einer davon.
Aber er hat auch Kritiker, beim IKRK etwa, für das Bewaffnung ein Tabu ist und Unparteilichkeit im Konflikt die beste Absicherung.
Das Restaurant in Peschawar betreten verschleierte Krankenschwestern aus Europa. Sie nicken "Dr. Enrique" zu, er dreht seine Stimme ein wenig leiser, nein, sagt er: Von seinem anderen Beruf in der Schönheitschirurgie erzähle er den Leuten hier nicht. "Ich lebe in der Schweiz ein wirklich abgehobenes Leben. Mit dem Rest der Bevölkerung haben Sie da nichts mehr gemeinsam", sagt er. "Ich fühle mich hier mit diesen tollen Menschen zehnmal wohler als auf langweiligen Cocktailpartys." An einem Ort wie diesem hier, Peschawar, da reduziere sich das Leben auf das Wesentliche, sagt er, "man arbeitet mit dem, was da ist, man improvisiert", das liebe er sehr.
Wer Steiger ein paar Tage durch seine zwei Leben begleitet, der bekommt schnell den Eindruck, dass er hier einen Mann vor sich hat, der immer lächelt und niemals schläft. Eine Helfermaschine, als Enrique Steiger verkleidet, geschaffen, um Gott ins Handwerk zu pfuschen. Wer nicht schön geboren wurde, wird von Steiger schön gemacht. Wer eigentlich sterben würde, wird von Steiger zurück ins Leben gebracht.
Er sagt Sätze wie: "Ich komme mit sehr, sehr wenig Nahrung aus" oder "Ich arbeite fast jeden Tag bis um zwei oder drei in der Nacht". Er wolle nicht im Mittelpunkt stehen, sagt er, und trotzdem tut er es natürlich, egal, wohin er geht.
In Zürich ist er der Promi-Chirurg, der von Boulevardmedien angerufen wird, um die Oberweite von Michelle Hunziker zu kommentieren. In Peschawar ist er der Mann, der, das glauben seine Patienten, Wunder vollbringen kann. Der Mann, der mit seiner OP-Schere ein wenig Ordnung in die Unordnung ihrer Existenz bringen kann.
Während er den einen zusammenflickt, wird der Nächste angeschossen. Während er die Falten in einer Stirn glattspritzt, kündigen sich an den Mundwinkeln die nächsten an. Es ist der Versuch aufzuhalten, was unaufhaltsam ist, das Altern, das Sterben, und obwohl er weiß, dass es ein Kampf ist, den er niemals gewinnen kann, ergibt er für Steiger einen Sinn. Er verteilt Glück an andere Menschen und findet so sein eigenes.
Drei Tage nach Peschawar, nach fünf bis sechs Operationen täglich, steht Steiger wieder am Fenster der Praxis in Zürich, mit Blick auf den See. Er blättert in einem gigantischen Fotobuch von Helmut Newton und philosophiert über die Schönheit. Das Bedürfnis nach Vollkommenheit liege in den menschlichen Genen, sagt er, "ich liebe schöne Frauen".
Hat er nach so einem Einsatz nicht manchmal das Gefühl, er verschwende sein Talent an eitle Menschen, während er weiter Leben retten könnte?
"Wenn eine junge Frau zu mir kommt, bildhübsch und todunglücklich, weil ihre Brüste nach einer Schwangerschaft aussehen wie zwei ausgedrückte Putzlappen", dann sei diese Schönheits-OP doch auch eine Form der Lebensrettung.
Und manchmal frage er sich: "Macht es wirklich mehr Sinn, einem Kindersoldaten in Sierra Leone den Arm wieder anzunähen, wenn man weiß, dass er damit wieder zur Waffe greift, sobald er entlassen ist?"
Die Menschen, die zu ihm kommen, "leben in einer Gesellschaft, in der sie nur von Schönheit umgeben sind und in der Schönheit identitätsstiftend ist", sagt Steiger. Das gehe 20, 30 Jahre lang gut. Aber wer einmal dazugehört habe, der habe viel zu verlieren. Noch sei er ganz zufrieden mit sich, aber wenn seine Augenlider anfingen zu hängen, dann würde er sie straffen lassen. Auch seiner Mutter habe er schon die Falten weggespritzt.
Seine nächste OP ist ein Facelift, Steigers Spezialität. Die Frau ist Anfang fünfzig, arbeitet in der Führungsetage eines großen Unternehmens. Steiger hat Fotos von ihr gemacht, von vorn, von der Seite, und auch ein Teenager-Bild von ihr danebengehängt. Die Wangen hängen, die Mundwinkel sind tief, die Schwerkraft des Alters hat das Gesicht der Frau gedehnt.
Als Steiger dann operiert, sieht es ein bisschen aus wie in dem Film "Face off", in dem sich John Travolta das Gesicht von Nicolas Cage anoperieren lässt. Steiger löst die Gesichtshaut der Frau von ihrem Kopf, strafft sie, verschiebt die Muskulatur darunter, und als er die Haut später wieder mit dem Kopf verbindet, wirkt es tatsächlich so, als hätte er in diesen paar Stunden die jüngere Schwester dieser Frau geschaffen. Wieder etwas Glück verteilt.
Steiger schneidet nun an der rechten Gesichtshälfte entlang und spricht von den Vorzügen, die seine Methode habe, von der natürlichen Wirkung, die er erzeugen könne, und es ist, als würde er sich mit jedem Wort, das er spricht, und mit jedem Schnitt weiter von seiner Zeit in Pakistan entfernen, von den amputierten Beinen und Armen, den weggeschossenen Schultern.
Am nächsten Tag wartet wieder eine Brust-OP. ◆
Von Dialika Krahe

DER SPIEGEL 48/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 48/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MEDIZIN:
Schönheit oder Tod

Video 00:48

Bundestageswahl Proteste gegen die AfD in mehreren Städten

  • Video "Bundestageswahl: Proteste gegen die AfD in mehreren Städten" Video 00:48
    Bundestageswahl: Proteste gegen die AfD in mehreren Städten
  • Video "AfD-Wahlparty: Wir werden den Altparteien in den Arsch treten" Video 02:28
    AfD-Wahlparty: "Wir werden den Altparteien in den Arsch treten"
  • Video "Videoanalye zum SPD-Ergebnis: So totenstill war es noch nie" Video 02:53
    Videoanalye zum SPD-Ergebnis: "So totenstill war es noch nie"
  • Video "Videoanalyse zum AfD-Ergebnis: Die müssen ihren Erfolg erst mal fassen" Video 02:38
    Videoanalyse zum AfD-Ergebnis: "Die müssen ihren Erfolg erst mal fassen"
  • Video "Bundestagswahl 2017: Gewinner und Verlierer" Video 04:30
    Bundestagswahl 2017: Gewinner und Verlierer
  • Video "FDP-Wahlparty: Comeback nach vier Jahren" Video 00:37
    FDP-Wahlparty: Comeback nach vier Jahren
  • Video "AfD-Spitzenkandidat Gauland: Wir werden sie jagen!" Video 00:31
    AfD-Spitzenkandidat Gauland: "Wir werden sie jagen!"
  • Video "Wahlparty der Grünen: Dieses Ergebnis hat die Partei gerettet" Video 01:01
    Wahlparty der Grünen: "Dieses Ergebnis hat die Partei gerettet"
  • Video "Bundestagswahlkampf im Netz: Man kann gegen Social Media nicht mehr gewinnen!" Video 03:19
    Bundestagswahlkampf im Netz: "Man kann gegen Social Media nicht mehr gewinnen!"
  • Video "Wahlkampf CDU vs. AfD: Stimmenfang am rechten Rand" Video 03:50
    Wahlkampf CDU vs. AfD: Stimmenfang am rechten Rand
  • Video "Hungriger Elefant: Futtersuche im Hau-Ruck-Verfahren" Video 00:34
    Hungriger Elefant: Futtersuche im Hau-Ruck-Verfahren
  • Video "Bus der Begegnung: Im Doppeldecker gegen Politikverdrossenheit" Video 03:26
    "Bus der Begegnung": Im Doppeldecker gegen Politikverdrossenheit
  • Video "Der Wahlabend: Live bei SPIEGEL ONLINE" Video 00:32
    Der Wahlabend: Live bei SPIEGEL ONLINE
  • Video "Australien: Krokodil greift GoPro an" Video 00:42
    Australien: Krokodil greift GoPro an
  • Video "Bundestagswahl in Zahlen: Rekordwahl 2017" Video 01:50
    Bundestagswahl in Zahlen: Rekordwahl 2017
  • Video "Nordkorea: Kim droht Trump nach Uno-Rede" Video 00:59
    Nordkorea: Kim droht Trump nach Uno-Rede