29.11.2010

PROTEST Traktate der schlechten Laune

Der Kapitalismus ist ein Monster, das Internet macht dumm, die Leistungsgesellschaft führt in die Depression - viele Sachbücher dieses Herbstes erklären unsere Gesellschaft für krank. Es sind die Wutbücher eines aufgebrachten Bürgertums. Von Georg Diez
In diesem Herbst tragen die bürgerlichen Schichten Antikapitalismus. Sie tragen Antimodernismus. Sie tragen Technologiefeindlichkeit, die Angst vor dem Individualismus und eine schöne, warme Wut.
Passt ja auch hervorragend zum Nebel der Jahreszeit, zum Abend vor dem Kamin, zum schweren Rotwein.
Da sitzen sie dann und präsentieren sich gegenseitig ihre Wahrheiten wie vorgezogene Weihnachtsgeschenke.
"Der psychische Ausverkauf der Seelenreservate an die Unerbittlichkeit des Marktes ist weiter fortgeschritten, als wir wahrhaben wollen."
Kopfnicken.
"Das Leistungssubjekt befindet sich mit sich selbst im Krieg."
Stärkeres Kopfnicken.
"Ich bin ich, du bist du, und es geht schlecht. Massenpersonalisierung. Individualisierung aller Bedingungen - des Lebens, der Arbeit, des Unglücks. Diffuse Schizophrenie. Schleichende Depression. Atomisierung in feine paranoide Teilchen. Hysterisierung des Kontakts. Je mehr ich Ich sein will, desto mehr habe ich das Gefühl von Leere. Je mehr ich mich ausdrücke, desto mehr versiege ich. Je mehr ich hinter mir herlaufe, desto müder bin ich."
Allgemeines Aufstöhnen.
Das erste Zitat stammt aus "Die Kunst, kein Egoist zu sein", dem neuen Bestseller von Richard David Precht, Philosoph der Bahnhofsbuchhandlungen.
Das zweite Zitat stammt aus "Müdigkeitsgesellschaft", dem bildungsbürgerlichen Kleinbestseller von Byung-Chul Han, Philosoph der schlechten Laune.
Das dritte Zitat stammt aus "Der kommende Aufstand", und man kann praktisch jeden Satz aus diesem Buch nehmen, das ein französisches Kollektiv geschrieben hat, außer vielleicht den mit den Waffen und den mit Anschlägen auf Züge und den mit den brennenden Vorstädten, und jeder unserer braven deutschen Wutbürger würde ihn unterschreiben.
Das Denken ist das gleiche. Der Ekel ist der gleiche. Die Wut ist die gleiche, und die Wahrheiten sind die gleichen, Wahrheiten, die immer sehr nah am antimodernistischen Allgemeinplatz sind.
Ja, das Internet macht uns dumm. Ja, die Leistungsgesellschaft macht uns krank. Ja, der Einzelne ist der Feind, und die Gemeinschaft ist gut. Ja, der Markt ist an allem schuld.
So zittert der Bürger, der doch sehr gut mit all dem lebt, das da um ihn herum und in ihm zerbricht. Er friert in dieser kalten Welt, die eine Welt des Geldes und der Egoisten ist. Und flüchtet, wohin sich deutsche Bürger immer flüchten, nach innen, wo es ruhig und heil ist.
Einerseits ist er zwar wütend. Andererseits ist er aber müde geworden, der Bürger. Nicht gut müde, sondern böse müde. Von der "Ich-Müdigkeit als Alleinmüdigkeit" spricht Han, eine "weltlose, weltvernichtende Müdigkeit" sei das, sprachlos, blicklos, entzweiend, so nennt Han das, der aus Südkorea stammt und in Karlsruhe Philosophie unterrichtet. Sein Gegner in dem schmalen Traktat, das einige Aufmerksamkeit in den Feuilletons erzeugte und sich ziemlich gut verkauft: die westliche Leistungsgesellschaft.
"Das spätmoderne animal laborans ist mit dem Ego bis knapp zum Zerreißen ausgestattet", schreibt Han und kommt zu dem romantisch selbstverleugnenden Schluss: "Wenn man seine Individualität aufgäbe und im Gattungsprozess ganz aufginge, hätte man zumindest die Gelassenheit eines Tieres."
Wie jetzt bitte genau?
Das ist das immergleiche Einmaleins des Kulturpessimismus, angereichert mit etwas biologistischem Heilsdenken, wie es unserer Zeit entspricht. Bemerkenswert ist dabei, wie bereitwillig sich in diesem und in anderen Büchern dieses Herbstes Autoren und Leser von den Gegebenheiten der westlichen Lebenswelten verabschieden. Bemerkenswert ist auch, wie gering der Unterschied ist zwischen dem, was Bestsellerautoren schreiben, und dem, was eine radikale Splittergruppe in einem Manifest herausschießt.
"Der kommende Aufstand" steht dabei in einer französischen Traditionslinie, die wahlweise bis Jean-Jacques Rousseau zurückreicht oder bis Jean-Luc Godard. Von Rousseau stammt das Ideal einer Gesellschaft, die besser wird, wenn die Menschen sich selbst überlassen werden, ohne Internet, Fitnessstudio, Smart. Von Godard stammt der Furor, mit dem die Konsumgesellschaft bekämpft wird, mitsamt ihren Büstenhaltern, Cabriolets, Ferienhäusern. Der Regisseur, das Genie, der Maoist Godard, der in dieser Woche, am 3. Dezember, 80 Jahre alt wird, hat Mitte der sechziger Jahre schon mal all das durchgespielt, was die Romantiker vom "kommenden Aufstand" heute fordern.
Godard drehte 1965 "Pierrot le fou" mit Jean-Paul Belmondo, der sich am Ende einen Sprengstoffgürtel um den Kopf legt, Streichhölzer anzündet, dann einen Fehler macht und als letztes Wort vor der Explosion noch "merde" sagt. Der Film feiert die Leere und Langeweile, den Selbsthass und die Selbstzerstörung, er ist ein Angriff auf bürgerliche Behäbigkeit, ein Anschlag, der sich noch steigern ließ: In "Weekend" etwa schickte Godard ein gieriges, geiles Ehepaar durch eine Landidylle, wo links und rechts die Leichen von Unfällen schön drapiert aus ihren Autos baumeln und am Ende in den Wäldern der Kannibalismus über die Konsumgesellschaft triumphiert. Godard spielt ein sehr französisches Spiel nach den Regeln von Rousseau, ob also der Mensch gut ist oder schlecht. Es geht dabei immer um die Frage nach dem möglichen Idyll, nach der Idealisierung des Verbrechers als Aussteiger und Anarchist.
Die französische Polizei vermutet auch die Autoren vom "Kommenden Aufstand" nicht in Paris, sondern in den Wäldern, genauer gesagt in einem Nest mit Namen Tarnac, irgendwo im Massif Central, wo sie gemeinsam einen Tante-Emma-Laden betreiben sollen. Diese Kommunarden haben den radikalen Gestus Godards geerbt, sie polemisieren gegen die Demokratie, gegen das System, gegen Selbstverwirklichung, gegen das Subjekt an sich, denn das ist ja der Anfang von allem Übel.
Der Unterschied zu Deutschland bleibt allerdings, dass Frankreich nie diese lange, tiefe antikapitalistische, antimodernistische, antidemokratische Denktradition entwickelt hat, von Georg Simmel über Carl Schmitt bis zu Botho Strauß, gekennzeichnet von einer ausgeprägten Freiheitsverachtung.
In Frankreich hat selbst Demokratiefeindlichkeit Esprit, Charme, Geist.
In Deutschland klingt das eher so: "Fragwürdig erscheint beispielsweise der Traum von der Autonomie des Individuums - die verbreitete Vorstellung, dass jeder sein Schicksal selbst in die Hand nehmen soll. Das Ideal der liberalen Demokratie, dem Einzelnen größtmögliche Freiheit zu verschaffen, bedarf dringend der Ergänzung", schreibt der Wissenschaftsautor Stefan Klein in seinem Buch "Der Sinn des Gebens".
Klein will zeigen, "warum Selbstlosigkeit in der Evolution siegt und wir mit Egoismus nicht weiterkommen", er klaubt Beispiele aus amerikanischen Studien zusammen und besonders gern aus dem Tierreich und erklärt schon mal Selbstmordattentäter zu Altruisten. Am Ende seiner Sammelei bleibt auch Klein nur das wohlfeile Wunschdenken, dass der Individualismus nicht siegen möge.
Was ist da also passiert, in den letzten Jahren? Wo kommt dieser legere Antikapitalismus her? Als Franz Müntefering im Jahr 2005 Investoren mit Heuschrecken verglich, war das Geheule groß. Heute wirkt es so, als seien die Heuschrecken in ein radioaktives Bad gefallen, das sie mutieren ließ. Jedenfalls sieht die "Süddeutsche Zeitung" in Google, Apple und Facebook keine konkurrierenden kapitalistischen Unternehmen, sondern riesige Monster, die die Seelen der Menschen zerreißen und die Beute aufteilen.
Der Antikapitalismus ist zur Binsenwahrheit geworden. Man muss ihn nicht mehr lange erklären, es ist einfach so.
Wenn nun "Der kommende Aufstand" das Handbuch der Castor-Schotterer ist - sind dann die anderen Bücher die der Wutbürger? Sind sie das Geistesmaterial für den Aufstand der Anständigen, der sich Stuttgart 21 nennt? Die Feierabendlektüre der Sarrazin-Bürgerwehr? Sind das die Bücher, die man lesen muss, um den "ideologischen Bürgerkrieg" zu verstehen, von dem die "Frankfurter Allgemeine" munkelt? Um zu erkennen, wie tief die Entfremdung geht, gerade in der sogenannten Mitte der Gesellschaft?
Es gibt bestimmte Linien und Gedanken, die die so verschiedenen Bücher verbinden, das lilafarbene 60-Seiten-Pamphlet von Han und die 500-Seiten-Goldmann-Prosa von Precht, das Buch des Wissenschaftsautors Klein mit dem der Germanistin Ines Geipel, einer früheren Leistungssportlerin, das "Seelenriss" heißt. Sie will erklären, dass Depression durch Leistungsdruck entsteht, eine Achtelwahrheit, die sie mit dem Selbstmord des Torwarts Robert Enke belegen will. Als der sich vergangenes Jahr vor einen Zug warf, da wurde rasch diese Erklärung gefunden: der Druck, die Konkurrenz, der Sport, der Kapitalismus. Nun werfen sich nicht reihenweise Sportler vor Züge. Aber es ist eben immer angenehmer, wenn man eine Erklärung für das Unerklärliche findet, und sei es, dass man die Schuld auf "das System" schiebt.
Die philosophische Überhöhung dazu liefert Byung-Chul Han. "Die Depression ist die Erkrankung einer Gesellschaft, die unter dem Übermaß an Positivität leidet", schreibt er. Mit Positivität meint Han "Projekt, Initiative, Motivation", eine Welt, in der die Menschen "Unternehmer ihrer selbst" sind, was früher vielleicht Freiheit oder Selbstverwirklichung hieß. Die Worte, die für all das stehen, was nach Han krank macht: "Yes, we can".
Diese Gedanken zur Krankheit als Metapher hat Han aus dem Buch "Das erschöpfte Selbst" des Franzosen Alain Ehrenberg, das 2004 in Deutschland mit Raunen aufgenommen wurde. Hier war jemand, der die große Gegenwartsanalyse lieferte. Das System durchschaute. Aus der Krankheit Depression eine Gesellschaftsmetapher machte, die das 20. Jahrhundert so erklärt wie die Neurose das 19. Jahrhundert. "Wenn die Neurose das Drama der Schuld ist", schreibt Ehrenberg, "so ist die Depression die Tragödie der Unzulänglichkeit. Sie ist der vertraute Schatten des führungslosen Menschen, der des Projekts, er selbst zu werden, müde ist und der versucht ist, sich bis zum Zwanghaften Produkten oder Verhaltensweisen zu unterwerfen."
Ehrenberg ist der Stichwortgeber all der antimodernistischen Traktate der letzten Jahre. Er verbindet Kritik an Konsum, Kreativwirtschaft, Internet, Individualismus zu einem Bündel von Klischees, die zu Philosophie werden.
Dass diese Bücher gerade jetzt geschrieben, gekauft und gelesen werden, hat mit ganz realen Veränderungen zu tun, die zu eher irrealen oder zumindest wunschhaften Ausflüchten führen. Die alternde Gesellschaft, die Angst vor dem Abstieg der Mittelschicht, das Schwinden des Westens, das Outsourcing unserer Intelligenz an eine Maschine mit ein paar Tasten, all das findet ja statt. Und es ist ein ganz menschlicher Reflex, dass man das Unangenehme nicht mag.
Problematisch wird es nur, wenn das individuelle Unbehagen zu einer allgemeinen Denkfigur wird. Wenn schlechte Laune die Fundamente der Demokratie untergräbt. Wenn die Angst des Einzelnen zur Maxime für alle wird.
Denn Angst steckt hinter diesen Versuchen, die Wirklichkeit zu reduzieren. Kontemplation, nicht Kommunikation. Innerlichkeit, Ledersessel, Ruhe. Das gute Leben, wie es sich der Bürger vorstellt, wenn er in seinen Kamin starrt. Es wäre doch so schön, wenn es eine einfache, umfassende Erklärung gäbe für die Wirrnisse dieser Welt.
Das suchen die französischen Kommunarden, die vom "Kommenden Aufstand" träumen. Das suchen die deutschen Wutbürger, die vom Anstand reden.
Aber ist die Moderne wirklich schuld, wenn der Rotwein korkt?
Die Bürger tragen zum feschen Loden einen Systemekel, der deshalb so falsch ist, weil sie "das System" nie stürzen würden. Wie auch? Sie sind das System.
Von Diez, Georg

DER SPIEGEL 48/2010
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